29 März 2014

Anno Haak | 29. März, 2014    @kemperboyd





Macht es Sinn, aus einer stolzen Franchise eine Lachnummer zu machen? Die 76ers zur Punchline für jeden noch so ahnungslosen Teilzeit-Basketballversteher verkommen zu lassen? Pokerte Hinkie zu hoch? Wenn alles gut geht, nicht! Vier Jahre nach "The Decision" ist South Beach in Penn State. Ein Cheesesteak aus Safranfäden, feuchte Träume made in Philly. Ein Best-Case-Szenario.

9. Juli 2014. Rauchschwaden. Wells Fargo im Innennebel. Der Hallensprecher brüllt. „Show some love, Philly!“ Dann kommen sie durch den Dunst. Klunker an den Ohrläppchen, Trikot an. Allen Iverson-Gedächtnis-Baggy-Shorts. „The Answer“ selbst sitzt mit dem ewig gleich traurigen Gesicht als Stargast in Reihe eins und lauscht. „Number 7: Carmelo Anthonyyyyyyyyyyyyyyyyy!“ Sein Grinsen ist breiter als sein Headband. Die Beine stehen noch breiter. Beide Zeigefinger sind auf den Sixers-Schriftzug gerichtet. Seit Hilmar Kopper hat keiner mehr so breit gegrinst, der gerade 60 Mio. $ verloren hat. Melo blickt nach rechts. Der Nächste bitte.

„Number 4: Chrrrrris Boshhhhhhhh!“ Der Ex-half-man post ein bisschen für die Handkamera, die man ihm direkt vor das freudestrahlende Antlitz hält. Irgendwo in Bergisch-Gladbach denken sogenannte Frolleinwunder: „FACEPALM!“. „Miami, pffft!“, denkt Bosh. Die rechte Hand geht in die Höhe. Die Linke greift nach dem Traditionslogo auf den Shorts. 20.000 Seelen jubeln dem einst verachteten „Dinosaurier“ zu.

Dann dröhnt „New Day“ aus den Boxen. Improvisierter Spielertunnel auf der Bühne. Rauch. Alicia Keys jault „Nuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu Day“. Sesam öffne Dich. Auftritt: Canada’s Finest ever. Hallensprecher: „Number 22…“ Der Rest geht unter im hysterischen Jubel des leidgeprüften Publikums. Es gibt High Fives für Anthony und Bosh. Als der Nebel sich verzieht, sieht man das schüchterne Gesicht von Andrew Wiggins. Die Boxen dröhnen „On to the next one…“. Die Türen öffnen sich erneut. Die 33 wird aufgerufen. Kinder halten sich die Ohren zu. Betäubender Lärm. Das „S“ von „Smart“ wird so lang gezogen, dass es sich nach Lispeln anhört. Texas Tech Super Fan? This is the real deal! Marcus Smart, Ladies und Gentlemen.

Zum guten Countdown-Schluss kommt die Nummer 1 auf die Bühne. Hiob war ein vom Glück Begünstigter gegen ihn. 36 Niederlagen am Stück in den Knochen, aber den Gedanken im Kopf: „God is great!“, während er hört, wie der Hallensprecher aus seinem Namen einen Dezibelskalen sprengenden Dreizeiler macht. Michael Carter-Williams lacht. Iversons Augen sind feucht. Julius Erving ist ergriffen. Im Himmel ist Jahrmarkt und Wilt sprengt die 100 Punkte am Schießstand. Philadelphia, How you like me now?

Sam Hinkie sitzt derweil in seinem Büro. Er hat zu arbeiten. Zwei Riesenverträge sind aus der Rechtsabteilung gekommen. „NBA-approved“-Stempel drauf. Außerdem muss das Buch geschrieben werden. „T(h)anks for everything!.“ Ist aber nur ein Arbeitstitel. „Rollercoaster ride“ wäre auch nicht schlecht. Abfahrt vom Fast-Contender zum NBA-Bodensatz und zurück, im Rekordtempo. Für andere GMs ist das eine Lebenswerkbeschreibung, für Sam „da man“ nur ein Arbeitsjahr. Jetzt steht es da, das beste Roster der Welt. Das Bullseye ist mitten auf dem Rücken platziert. Von der Lachnummer zur greatest show on earth in 377 Tagen.

2 weeks notice
14 Tage vorher hatte die Empfangsdame bei CAA nicht schlecht gestaunt. „This is Sam Hinkie speaking!“ Hui! Ein Termin wird verabredet. Am 1. Juli 2014 reist Hinkie in den Big Apple. In seinem Notebook Zahlenkolonnen. Wie aus Wiggins und Smart ein Abonnement-All-Star-One-Two-Punch wird. Und was Melo dazu beitragen kann. Warum nicht Philadelphia? Der Vortrag gelingt. Die Präsenation zeigt verwackelte Bilder von Wilt, Dr. J, Moses Malone und 'The Answer', die sich in schwarz-weiße Hintergrundbeleuchtung für MCW, Smart und Wiggins verwandeln. Der Masterplan. Vier junge Wilde, zwei Superstars. “Sounds good!“

Dann legt Sam Zahlen auf den Tisch. Money is a thing. 70 Millionen für vier Jahre. Die Stecknadel hört man nicht fallen, weil Anthony zu laut seufzt. Melodrama 2.0. „We’ll get back to you!“, sagt Melos Agent. Hinkie schluckt. Ein Händedruck. Dallas wartet. Ab in den Flieger. Sechs Stunden, nachdem er Anthony erklärt hat, dass dessen Frau die Familie ernähren muss, wenn er nach Philly wechselt, sitzt Hinkie am Esstisch von Chris Bosh. Man kennt sich. Houston, Morey, die Sommeraufenthalte des CB4 in Big D. Bosh wirft seinen Beamer an. Wilt, Dr. J, die Antwort… Dann die Zahlen. 60 Millionen für vier Jahre. Die Stecknadel...

Der Rückflug dauert eine gefühlte Ewigkeit. Zweifel kriechen die Beine hoch bis in den Kopf. Bosh und Melo? Nach dem Nummer-1-Pick, Pelikanen zu blöd zum Verlieren und Smart an Nummer Sechs? Wäre soviel Glück überhaupt legal in Pennsylvania? Hinkie muss sich zwingen. Hinkie sagt es laut vor sich hin. „Was haben die Sixers schon zu verlieren?“ Der Sitznachbar guckt verächtlich. Wenn der wüsste... Fünf elend lange Tage des Ausharrens später summt Springsteen auf dem Franchise-Handy. „Streets of Philadelphia“ kommt aus den Boxen, „CAA“ steht auf dem Touchscreen.

Der Agent kommt gleich zur Sache. „We’re in if you get Bosh to take the paycut!“ Nur einen Anruf in Dallas später ist Philadelphia die Krone der Basketballschöpfung. Aus einem verwegenen Plan sind die Harlem Globetrotters der Neuzeit geworden. MCW, Smart, Wiggins, Melo, Bosh auf die Fünf. Oder doch Nerlens Noel auf Center? Oder Thaddeus Young auf die Vier und Bosh von der Bank? Oder Young auf die Drei und Wiggins auf die Zwei? Smart als Anführer der zweiten Einheit? Hate now! Und der Hass kommt auf Bestellung.

Dafuq?
Phil Jackson guckt vermutlich trauriger als Allen Iverson, wenn der von seinem besten Freund erzählt. Kann man aber nicht überprüfen, weil es nur eine Rundmail gibt. „Die Knicks werden großartig sein ohne Carmelo Anthony!“ Keine Kinderschrift, keine Verräteranspielungen. Nirgends. Aber auch Jackson weiß: die Knicks stinken. Immer noch 70 Millionen auf der Payroll und kein Playoffland in Sicht. New York ist „Cleveland“. Nur teurer.

Die Medien hyperventilieren. Die Zweifler sind nicht weit. „Smart ist ein Point Guard, kein Zweier!“ Bosh soll auf die Fünf, oder wie? Skip Bayless salbadert vom softesten Duo der NBA-Geschichte. Chris Broussard ist sauer. Er hatte am 6. Juli exklusiv den Verbleib von Anthony in New York und am 07. Juli über-exklusiv Melos Wechsel nach Chicago verkündet. Schließlich schläft Melo Jr. in Jordan-Bettwäsche. „I just don’t get it! How is that going to work out? Anthony and Bosh? And what the hell do they need Noel for now?” Coach Nick erklärt, warum Horns so nicht funktionieren kann und Smart nie ein guter Pick & Roll Läufer wird. LeBron murmelt bei Rachel Nichols was von "business move."

Das Lächeln der Sterne/Zurück am Neunten
Der Rauch hat sich verzogen. Der Nebel ist gelichtet. Die Trikots werden vor die Anzüge gehalten. Die Zähne blinken auf dem Pressepodium mit den Ohrringen um die Wette. Alle reden von "Opfern." Und meinen nicht die Gegner. Carter-Williams meint sein erstes Jahr. Smart und Wiggins den Rookie des Jahres. Bosh und Anthony die Benjamins.

Hinkie grinst. Im Geist beplant er bereits den November 2015. Banner-Zeremonie, Ring-Verteilung, Umarmungen. Er wird gut schlafen. Wird liegen wie ein ausrangierter Panzer auf dem Schrottplatz, der auf seinen Abtransport wartet. Philly shines again. Ein Best-Case-Szenario-Tag. Die Sterne am Himmel leuchten. Es ist dunkel geworden über „Wells Fargo“...