06 März 2014

Rainer Ludwig | 6. März, 2014    @Sly_S04






28. Februar 1988: die Phoenix Suns schicken ihren All-Star-Forward Larry Nance, Mike Winters und einen zukünftigen Draft-Pick nach Cleveland und akquirieren dafür im Tausch den Rookie-Guard Kevin Johnson, Mark West, Tyrone Corbin plus ebenfalls einen Draft-Pick. Die halbe Liga belächelt Phoenix für diesen Trade. Jeder fragt sich, weshalb man mit Nance den besten Spieler im Team und das einzige halbwegs wertvolle Anlagegut opfert, um mit Kevin Johnson einen Spieler zu erhalten, dessen Potenzial noch völlig unklar ist, der in Cleveland und dieser Liga noch nichts bewiesen hat und der als Back-Up bisher eher unauffällig agierte.

Phoenix befindet sich gerade im Neuaufbau, nach einem der größten Drogenskandale der NBA-Geschichte. Walter Davis wird ein Jahr zuvor des Drogenkonsum überführt und nennt dem Gericht zur Strafmilderung weitere Namen im Team, die ebenfalls regelmäßig Drogen konsumieren. Insgesamt sind es mehr als fünf Spieler, darunter auch Starting Center James Edwards. Die Suns entlassen einen Spieler nach dem anderen und müssen von ganz unten wieder anfangen. Spätestens nach diesem Trade ist man endgültig zur Lachnummer der Liga geworden. Kaum einer hat Phoenix für die nächsten Jahre auf der Rechnung. Aber da ist ja noch dieser Kevin Johnson, der plötzlich aufdreht und mit überragenden Zahlen (15.1 Punkte, 5.6 Rebounds und 10.6 Assists) zum Rookie des Monats April gewählt wird.

Im folgenden Draft ziehen die Suns Shooting Guard Dan Majerle, der sich neben Johnson zu einem wichtigen Schlüsselspieler entwickelt. In der folgenden Saison explodiert Johnson förmlich und trägt die Suns zu 55 Siegen, 27 mehr als im Vorjahr. Er entwickelt sich zum nach Magic Johnson besten Point Guard in der Western Conference. Mit seiner unglaublichen Explosivität und der Fähigkeit, überall hin zu gelangen, erinnert er damals an den heutigen Russell Westbrook. Insgesamt legt der dribbelstarke Aufbauspieler Abend für Abend 20.4 Punkte auf und verteilt durchschnittlich 12.2 Assists pro Partie. Die einzigen Spieler in der NBA-Historie, die mindestens 20 Punkte und 12 Vorlagen in einer Saison auflegten, waren vor ihm Magic Johnson und Isiah Thomas. Insgesamt wird KJ in den folgenden drei Jahren jeweils immer mindestens 20 Punkte und 10 Assists auflegen. Die einzigen Spieler, denen dies in drei aufeinanderfolgenden Saisons gelungen war? Oscar Robertson und Isiah.

Leider wird Kevin Johnson für seine Leistungen in diesen drei Saisons mit keiner Nominierung ins All-NBA-First Team belohnt, sondern muss sich mit einem Platz im All-Second-Team begnügen, da er zur gleichen Zeit seine Bestform erreicht, als der beste Point Guard weltweit den besten Basketball seiner Karriere spielt (Magic) und der wohl beste Basketballer aller Zeiten statistisch und wohl auch spielerisch seine besten Saisons hinzaubert (Michael Jordan). Für einen Platz im Backcourt ist da leider kein Platz mehr frei.

Nachdem die Suns den Lakers ein Jahr zuvor noch den Vortritt in den Playoffs lassen mussten, kommt es 1990 erneut zum großen Aufeinandertreffen der wohl besten Point Guards jener Zeit, diesmal im Western Conference Halbfinale. Von Beginn an ist klar, dass Magic seinen pfeilschnellen Gegner nicht verteidigen kann, da man sonst Gefahr läuft, abgeschossen zu werden. Die Lakers setzen mit Michael Cooper und Byron Scott ihre beiden besten Verteidiger auf Kevin Johnson an. Als es 2-1 in der Serie für Phoenix steht, dreht Magic auf und erzielt 86 Punkte und 17 Assists in den letzten beiden Begegnungen.

Auf der anderen Seite des Feldes brennt der Suns-Guard jedoch auf Revanche und will unbedingt allen Beteiligten zeigen, wer der Bessere ist. Am Ende spiegeln die durchschnittlichen 33,5 Punkte und 12,0 Assists aus den letzten beiden Partien nur einen Bruchteil seiner Klasse wieder. Die Suns gewinnen beide Partien und die Serie schließlich mit 4-1, weil Kevin Magic im vierten Viertel beider Begegnungen dominiert und der klar beste Spieler auf dem Feld ist. 14 Punkte und 3 Assists legt KJ auf, während er Magic bei 7 Punkten hält und zudem noch 3 Ballverluste erzwingt. In den letzten 4 Minuten bleibt Magic bei 0 Punkten, während Johnson mit 8 Zählern einen 95-90 Rückstand im Alleingang noch in einen Sieg umwandelt.

Die LA-Times schreibt nach der Partie: "Kevin Johnson is just totally outplaying Magic." Die Kommentatoren preisen Kevin Johnson mehrmals während dieser Serie und dem All-Star-Game im darauf folgenden Jahr als besten Point Guard der Liga an. Jeder müsste jetzt also ungefähr eine Vorstellung davon haben, wie gut Kevin Johnson in seiner Blütezeit gewesen ist und mit welchen Spielern er rein statistisch verglichen wurde.

Leider sollte es von diesem Punkt an für Johnson persönlich nur noch bergab gehen. Mehrere Knieverletzungen setzen einem der besten Suns-Spieler aller Zeiten merklich zu. In der Folge kann er keine Saison mehr verletzungsfrei absolvieren. Zwar erreichen die Phoenix Suns 1993 zum ersten Mal seit 1976 wieder die NBA-Finals, Johnson ist allerdings längst nicht mehr der Alpha-Dog seines Teams. Mittlerweile hat Charles Barkley diese Rolle übernommen. Die Finals gegen Chicago verliert man vor allem aus dem schlichten Grund, dass Johnson zu spät aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und insbesondere in den ersten drei Begegnungen der Aufgabe nicht gewachsen ist, Michael Jordan mit zu verteidigen und gleichzeitig das Spiel der Suns zu dirigieren.

55 Punkte erzielt Jordan in Spiel 3 gegen Johnson als direkten Gegenspieler und über 40 Punkte im Schnitt in der Final-Serie insgesamt. In den ersten drei Begegnungen trennen die beiden Gegenspieler mindestens drei Klassen Unterschied und Johnson ist kaum noch wieder zu erkennen. Was viele bei aller berechtigter Kritik immer wieder vergessen, ist der Fakt, dass die Suns ohne Johnson schon in der ersten Runde gegen die Lakers hochkant aus den Playoffs geflogen wären.

Barkley hat dort enorme Probleme gegen die Länge des Lakers-Frontcourts und seine Teamkollegen liefern verletzungsgebeutelt ebenfalls keine gute Serie ab. Los Angeles geht überraschend mit 2-0 in Führung und schnuppert bereits an der Sensation. Im alles entscheidenden Spiel 5 erwischt Barkley einen fürchterlichen Start und man kann förmlich spüren, wie nervös der Power Forward ist. Mehrmals starrt er ins Leere und selbst die Kommentatoren bemerken, dass Barkleys Körpersprache ziemlich schlecht ist und nicht unbedingt eines Franchise-Spielers würdig. Immer wieder rappelt Johnson in diesem Spiel seinen Partner auf, redet ihm zu, motiviert ihn unentwegt. Er verschafft ihm einen leichten Punkt nach dem anderen, um Barkley endlich ins Spiel zu bringen. Gestärkt von den Erfolgserlebnissen blüht Barkley zum Schluss der Partie endlich auf und dreht unter der Mithilfe von Johnson die Partie doch noch zugunsten der Suns.

Man sieht an diesem Beispiel mal wieder wie nichtssagend Stats manchmal sein können. Denn jeder, der sich nur die Stats anschaut und die Partien nicht gesehen hat, wird mit Sicherheit monieren, dass Barkley doch einwandfrei gespielt habe. Beachtet man jedoch den Kontext, sieht man, dass der Sir ohne die mentale und spielerische Mithilfe von Johnson wohl als Depp der Nation dagestanden hätte. Wäre Phoenix 1993 gegen jene Lakers ausgeschieden, die eigentlich nichts in den Playoffs zu suchen hatten, hätte die Presse Barkley zerstört. So aber kamen die Suns und Barkley erst ins Rollen, zogen ins Finale ein und krönten das erfolgreichste Jahr der Franchise-Historie beinahe mit einem NBA-Titel. Jeder erinnert sich heute an die fantastische Final-Serie und die MVP-Saison von Chuck. Ohne Kevin Johnson, den zeitweise besten Point Guard der Welt, würden wir uns heute ganz andere Geschichten erzählen.