13 März 2014

Sebastian Seidel | 13. März, 2014   




Kaum jemand hätte den Suns vor der Saison etwas zugetraut. Für nahezu alle war klar, dass der Weg zurück an die Spitze der Liga für die Suns nur über weitere Spielzeiten im Tankingmodus oder Rebuildmodus führen konnte. Dies war auch dem Management bewusst, und so gab Phoenix kurz vor Saisonbeginn noch seinen Starting Center Marcin Gortat ab. Für den Polen kam ein Top-12 geschützter Erstrundenpick 2014 aus Washington und der langzeitverletzte Center der Wizards, Emeka Okafor. Alle Zeichen standen auf Kapitulation.

Was dann aber passierte hatte so wohl niemand erwartet: Die Suns gewannen Spiele am laufenden Band. Betrachtet man den Kader der Suns, so hatten sich vor der Saison lediglich Goran Dragic, Channing Frye und Eric Bledsoe einen echten Namen in der NBA gemacht. Dragic war bekannt als mittelmäßiger Starter auf der Point Guard Position; Frye galt als solider Stretch Vierer, der aber defensiv seine Probleme hat; und Bledsoe galt als Edelbackup von Chris Paul bei den Los Angeles Clippers, wo er sein Potenzial zwar aufblitzen ließ, aber nie vollständig zeigen konnte.

Das Rückgrat
Den größten Sprung dieser drei Spieler machte in Saisonhälfte eins wohl Eric Bledsoe. Der steigerte seine Punkteausbeute im Vergleich zum Vorjahr um fast 10 auf 18.0 Punkte pro Partie, und auch seine Quoten waren überragend. Mit 48.6% aus dem Feld und 35% von der Dreierlinie zeigte er sehr effizientes Scoring. Seine Assistzahlen von 5.8 Assists pro Spiel klingen auf Anhieb zwar unterdurchschnittlich für einen Point Guard, jedoch muss man beachten dass sich Bledsoe und Dragic den Aufbau geteilt haben und einer von beiden als alleiniger Regisseur wohl noch deutlich mehr Assists hätte auflegen können. Bledsoes Rückkehr nach monatelanger Verletzungspause kommt für Phoenix zum genau richtigen Zeitpunkt.

Auch Goran Dragic zeigte im Alter von 27 Jahren noch einmal einen Sprung in seiner Entwicklung, die ihn sogar in die Allstar-Konversation im starken Westen geschossen hat. Dragic scort etwas mehr als Bledsoe (20.6 PPG), ist dabei aber sogar noch effizienter als sein Nebenmann. Dragics Feldwurfquote beträgt 50.8%, was für einen Guard sehr beeindruckend ist, und auch sein Dreier fällt nach drei zuletzt schwächeren Jahren dieses Jahr mit 41.7% wieder deutlich besser. Frye zeigt derweil eine Saison, wie man sie von ihm gewohnt ist: er scort knapp über 10 Punkte pro Saison bei passablen Quoten und sorgt von Außen für Gefahr. Dass er nach seinem schweren Herzleiden wieder ganz der Alte ist - für Frye und Phoenix ist das ein Glücksfall.

Unverhoffte Mitarbeiter
Noch viel bedeutender für die bisherigen Erfolge der Suns ist aber auch, wie sich vorherige Borderline-NBA-Spieler unter dem neuen Head Coach entwickelt haben. Miles Plumlee zum Beispiel, der als Starting Center defensiv viel zusammen hält. Letztes Jahr in Indiana kam Plumlee die gesamte Saison nicht in die Rotation und spielte durchschnittlich nur 3.4 Minuten pro Partie. In dieser Saison erzielt der Youngster in knapp 26 MPG durchschnittlich 8.5 Punkte, 8.2 Rebounds und 1.3 Blocks und ist ein wichtiger Bestandteil des Suns-Teams geworden. Auch wenn er mit zunehmender Saisondauer nachgelassen hat - Plumlee kam aus dem Nichts und verankerte die Mitte bei den Suns.

Die Zwillinge Marcus Morris und Markieff Morris zeigen ebenfalls eine hervorragende Saison. Beide legen Career Highs bei den Punkten (10.2 Marcus und 13.5 Markieff pro Spiel) und bei der Feldwurfquote auf. Sie bringen viel Energie und noch mehr Spacing von der Bank ins Spiel und gelten mittlerweile als wichtige Bausteine für die Zukunft.

Auch PJ Tucker hat sich im Vergleich zu seiner ersten Profisaison noch einmal deutlich gesteigert. Der ehemalige Bamberger nimmt im Vergleich zur letzten Saison deutlich mehr Dreier (2.2 pro Abend) und trifft diese auch hochprozentig (39%). Tucker ist deutlich weniger der Scorer, dafür aber der Arbeiter und Hustler im Team der Suns, auch wenn er in seinen knapp 30 Minuten Spielzeit immerhin respektable 9.3 Punkte auflegt.

Ebenfalls noch genannt werden muss in jedem Fall Gerald Green. Letztes Jahr enttäuschte er in Indiana als Spieler von der Bank, dafür ist seine Leistung in diesem Jahr umso höher einzustufen. Green ist defensiv für die Suns sehr wichtig. Dank seiner Athletik, Länge und Beweglichkeit ist Green in der Lage, sowohl auf der Zwei als auch auf der Drei angemessen zu verteidigen, wobei er vor Kurzem im Spiel gegen die L.A. Clippers sogar Chris Paul, also den gegnerischen Point Guard, übernahm. Auch offensiv spielt Green sehr ordentlich, erzielt 15.4 Punkte pro Spiel und nimmt dabei 51% seiner Abschlüsse von Downtown und 24% seiner Abschlüsse in der Zone. Aus der ineffizienten Mitteldistanz werden von ihm nur sehr wenige Würfe genommen. Von seinen 6.3 Dreierversuchen pro Spiel verwandelt Gerald Green starke 38%, und auch in der Zone finisht er aufgrund seiner Athletik mit beeindruckender Effizienz (59.4%).

Was genau macht die Suns jetzt so gut?
Jeff Hornacek muss genannt werden, wenn man nach Gründen für den Erfolg sucht. Nahezu alle Spieler der Suns schwärmten während des Trainingslagers von Hornaceks Spielphilosophie und seiner Art, die Mannschaft zu leiten. Außerdem hat der Rookie-Coach es geschafft, der Mannschaft einen hervorragenden Teamgeist einzuimpfen und ihr vollstes Engagement abzuverlangen. Alle Suns spielen mit viel Energie, Hustle und Hingabe. Hornacek hat in einem Interview mal gesagt: „Basketball ist zu 90% mental und zu 10% physisch.“ Wenn die Einstellung stimmt, können physische Nachteile, aber auch Nachteile in der individuellen Klasse, im Teamverbund ausgeglichen werden. Das schaffen die häufig körperlich unterlegenen Suns an den meisten Abenden.

Die Potenz von Downtown ist für die Suns sehr wichtig. Mit Frye und Markieff Morris hat man zwei Spieler auf der Power Forward Position, die auch von draußen abdrücken können. Dieses gute Spacing öffnet Räume, damit Dragic genügend Platz hat, um zum Korb zu ziehen oder auch das Doppeln von Spielern im Post eiskalt bestraft werden kann. Mit 25.1 Dreiern pro Spiel nehmen die Suns ligaweit die drittmeisten Dreier und treffen dabei auch noch überdurchschnittlich viele (37.5%). Die langen, ineffizienten Mitteldistanzwürfe nehmen die meisten Suns (außer Dragic) nur selten. Stattdessen ziehen die Suns öfter zum Korb und gehen  im Schnitt 24.6 Mal pro Spiel an die Freiwurflinie, wo sie recht sicher verwandeln (75.6%).

Die oft kleinen Aufstellungen erlauben den Suns, im Fastbreak leicht zu punkten. Mit 19.0 Punkten pro Spiel führen sie die Liga in dieser Kategorie noch vor den L.A. Clippers an. Äußerst nützlich für diese Strategie ist, dass die Suns trotz ihrer kleinen Aufstellung ein passables Rebounding-Team sind. Ihre Reboundrate liegt genau bei 50%, das heißt die Suns holen im Schnitt genauso viele Rebounds wie ihr jeweiliger Gegner. Die Tatsache, dass Plumlee mit 8.3 Rebounds pro Spiel der beste Rebounder des Teams ist, zeigt wie sehr die Reboundarbeit bei den Suns auf alle Spieler verteilt ist.

Eine weitere Stärke der Suns ist es, den gegnerischen Dreipunktewurf zu verteidigen. Lediglich 33.6% aller gegnerischen Dreier finden den Weg durch die Reuse, dies bedeutet ligaweit Rang 2 hinter den Los Angeles Clippers. Auch sonst spielen die Suns eine passable Defensive, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es außer Channing Frye eigentlich keine echten, großen defensiven Schwachpunkte gibt. Bledsoe gilt in gesunden Zustand sogar als einer der besten Perimeterverteidiger der Liga.

Finish
Insgesamt lässt sich sagen, dass Coach Hornacek es bisher geschafft hat, seine Spieler mit der richtigen Einstellung auf's Feld zu schicken und als echte Einheit funktionieren zu lassen. Das ausgezeichnete Spacing und die Tatsache, dass diese Truppe hauptsächlich sehr effiziente Würfe nimmt und lange Mitteldistanzwürfe nahezu komplett verweigert, passt zum teamdienlichen, smarten Basketball mit Köpfchen, der unter Hornacek gespielt wird.

Dragic hat sich in Abwesenheit von Bledsoe nach Kräften bemüht, um Phoenix auf einem Playoff-Platz zu halten. Aber der Westen schläft nicht. Eine Schwächephase zum ungünstigsten Zeitpunkt (7 von 10 verloren) hat die Suns in der West-Tabelle auf Platz 9 befördert. In den verbleibenden 18 Partien wird es für Phoenix - wieder mit Bledsoe - darum gehen, ein positives Ende unter eine riesige Überraschungssaison zu schreiben. Selbst wenn die Mission Playoffs letztendlich nicht gelingen sollte, so wird es dennoch eine durch und durch erfolgreiche Spielzeit 2013/14 gewesen sein. Die Sonne, sie scheint wieder heller in Phoenix.