24 März 2014

Pascal Gietler | 24. März, 2014   






Die Brooklyn Nets sind die Nummer eins in New York City. Was viele schon vor der Saison für selbstverständlich hielten (mit Ausnahme vielleicht von Spike Lee), ist nach holprigem Saisonstart mittlerweile klar wie die berühmte Kloßbrühe. Dabei sah es lange so aus, als würden die Knicks und die Nets für die Denver Nuggets, respektive die Boston Celtics „tanken“ und das „Battle of New York“ lief Gefahr sich zu einer sportlich völlig belanglosen Veranstaltung zu entwickeln. Die Brooklyn Nets fingen sich jedoch im Kalenderjahr 2014 und ließen die Rückschläge vom Saisonbeginn hinter sich. Wenn eine Mannschaft, die zum Jahreswechsel gerade mal zehn Siege vorweisen konnte, innerhalb eines Monats Spitzenteams wie die Memphis Grizzlies, die Chicago Bulls oder die Miami Heat (diese bereits zum dritten Mal in der laufenden Spielzeit) geschlagen hat, muss irgendetwas passiert sein. Die Frage ist nur: „Was?“.

Then and Now
Mit einem Salär von rund 102 Mio. $ (exklusive Luxussteuer) waren die Erwartungen von Experten und Fans vor der Saison natürlich hoch. Mit einer Starting Five aus Deron Williams, Joe Johnson, Paul Pierce, Kevin Garnett und Brook Lopez hätte man eine Startformation, die komplett aus (ehemaligen) All-Stars besteht, und zusätzlich noch eine Bank, die auf den meisten Positionen mit Leuten wie Andrei Kirilenko, Alan Anderson, Andray Blatche, Mirza Teletovic, Shaun Livingston und Rookie Mason Plumlee nominell sehr tief besetzt ist. So galten die Brooklyn Nets bei manchen Experten sogar als „Geheimfavorit“ auf die Meisterschaft – die schäbige Realität ist uns jedoch allen bekannt. Kaum ein Team war in der laufenden Saison mehr von Verletzungen geplagt als die Mannschaft aus dem Borough, und so mussten die Brooklyn Nets gleich zwei Mal in dieser Spielzeit ihre Identität finden; ein Mal zu Saisonbeginn, als man Garnett und Pierce in das Team integrieren musste, und zum zweiten Mal nach der Verletzung von Lopez, die sowohl defensiv als auch offensiv die Kreativität von Coach Jason Kidd in Anspruch nahm.

Die neue Identität war schnell erkennbar. Coach Kidd konnte nach diversen Experimenten zu Saisonbeginn im Januar endlich seine neue Starting Five mit Williams, Livingston, Johnson, Pierce und Garnett finden und die Devise war klar: Kidd wollte, dass die Mannschaft als Team auftritt und auch als solches agiert. Die Nets spielen den Ball nicht mehr mit Vorliebe in die Mitte, sondern bewegen den Ball exzellent am Perimeter, suchen vermehrt den Dreier (+ 5 Dreierversuche pro Spiel) und passen den Ball gerne auch eine Station zu viel, nur um jedem Spieler im Team die nötigen Touches und Looks zu verschaffen. Die eigentlich relevante und erfolgsbringende Veränderung geschah jedoch am defensiven Ende des Courts.

„Active Hands“
Kidd entschied sich nach der Verletzung von Lopez, auf Smallball umzustellen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit weist Brooklyn eine enorme statistische Verbesserung in der Defensive auf. Das Defensivrating verbesserte sich von einem schwachen Wert (106,7 DefRtg) mit Lopez auf einen vorzeigbaren Wert (101,3 DefRtg) mit der neuen Smallball-Aufstellung im Jahr 2014. Die Starting Five aus Williams, Livingston, Johnson, Pierce und Garnett ist mit einem Defensivrating von 88,1 außerdem eine der besten Defensiv-Lineups, die die Liga zu bieten hat.

Das Erfolgsgeheimnis der Nets ist eigentlich schnell erklärt. Mit Lopez ließ man noch vermehrt Drives in die Zone zu, da man mit dem All-Star Center einen sehr guten und völlig unterbewerteten Ringbeschützer hatte. Ohne Lopez lässt man viel weniger Drives zu und versucht, den Gegner durch enge Manndeckung zu Fehlern zu zwingen.
Die Nets führen die Liga seit dem 1. Januar 2014 in der Kategorie „Steals“ an und holen sich im Schnitt rund zehn Steals pro Spiel. Ähnlich beeindruckend ist die Tatsache, dass die Gegner der Nets mittlerweile durchschnittlich alle fünf Angriffe einen Turnover produzieren. Durch diese Vielzahl von Turnovers kommt es im Gegenzug immer öfters zu einfachen Punkten für Brooklyn: die Nets führen die Liga seit dem 1. Januar 2014 mit 21,1 Punkten nach Turnovern an.

Natürlich ist die Defensive der Brooklyn Nets nicht von heute auf morgen über jeden Zweifel erhaben. Gute Big Men finden häufig einen Weg, gegen Garnett aufzuposten oder die Rookie-Fehler von Mason Plumlee auszunutzen. Die Defensivarbeit von Andray Blatche verdient den Titel „Arbeit“ nicht, und so ist man ohne Brook Lopez viel anfälliger für Punkte im Lowpost. Außerdem haben die Nets Probleme bei den Rebounds, was aber eher ein generelles Problem einer Smallball-Aufstellung ist.

Die Defensive der Nets hat sich seit der taktischen Umstellung dennoch enorm verbessert und dürfte jedem Team in den Playoffs Probleme bereiten - besonders den Teams, die in der Offensive nicht besonders effizient agieren, denn gegen die Nets muss man mit seinen Chancen sehr opportun umgehen und die Reboundschwäche irgendwie zu seinen Gunsten auslegen. Ansonsten ist Brooklyn nur schwer zu schlagen.

X-Faktor
Von allen Verstärkungen, die man im Sommer an die Atlantic Avenue locken konnte, hat man bestimmt viel erwartet, aber höchstwahrscheinlich nicht, dass Shaun Livingston mal der defensive „X-Faktor“ im Team werden könnte. Livingston, der eigentlich als Williams-Back-Up fungieren sollte, startet mittlerweile neben Brooklyns Star-Point Guard und bereitet seinen Kontrahenten Abend für Abend Kopfschmerzen. Mit einer Körpergröße von 2,01m und einer Spannweite von 2,11m schafft es Livingston, die Passwege für den Gegner extrem zu verengen.

Seine Spielintelligenz, die Fähigkeit Angriffe zu lesen und seine Antizipation beim gegnerischen Wurf machen aus ihm einen idealen Verteidiger für dieses Smallball-System. Nicht selten ist er es, der den Fast Break nach gegnerischem Turnover läuft und dank seiner Athletik entweder selbst vollendet oder Rookie Plumlee mit einem Lob bedient. Livingston, der Brooklyn nur verhältnismäßig lächerliche 1.3 Mio. $ kostet, ist mittlerweile einer der unterbezahltesten NBA-Profis (Rookie-Verträge mal außen vor gelassen) und für das Defensivsystem der Nets Gold wert.

Zum Abschluss dieser Lobpreisungen mal hier noch ein paar nackte Zahlen: Auf den ersten Blick sind Livingstons 1,2 Steals pro Abend nicht atemberaubend; die Tatsache, dass Livingstons Gegenspieler lediglich 36,5 % ihrer Wurfversuche verwandeln, dagegen schon. Noch erstaunlicher wird dieser Wert, wenn man sich mal ein Spiel wie das letzte Spiel der Nets gegen die Miami Heat anschaut, als Livingston der persönliche Chefbewacher eines gewissen LeBron James war.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Livingston mit seinen „Clutch“-Plays in der Defensive die Spiele gegen die Toronto Raptors und die Miami Heat mehr oder weniger im Alleingang entschieden hat. Zu Beginn der Saison haben die Nets noch ähnlich knappe Spiele wiederholt verloren. Livingtons Pick & Roll-Verteidigung ist im gleichen Maße ausgereift wie seine Verteidigung von Spot-Up Würfen, bei denen er von seiner guten Antizipation und seiner unfassbaren Länge profitiert.

Mit Vollgas in Richtung Playoffs
Die Leistungssteigerung kam für Brooklyn genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Truppe ist mittlerweile voll des Selbstvertrauens und braucht sich wirklich vor keinem Gegner im Osten zu verstecken. Eine langsamere Pace in den Playoffs dürfte dem Team sowohl defensiv als auch offensiv in die Karten spielen und mit der wiedergefundenen Heimstärke (17 Siege bei zwei Niederlagen im Jahr 2014) dürften die Brooklyn Nets viele Gegner im Osten vor Probleme stellen.

Mittlerweile hat man in Brooklyn auch gelernt, mit Verletzungen umzugehen und Ausfälle, wie zum Beispiel aktuell von Kevin Garnett (hat im Moment mit Rückenproblemen zu kämpfen und verpasste die letzten zehn Partien), werden sowohl taktisch als auch personell bestmöglich kompensiert. Für den ganz großen Wurf wird es wohl nicht reichen, aber die Nets entwickeln sich zu einem Gegner, gegen den die an eins und zwei gesetzten Teams Indiana Pacers und Miami Heat lieber nicht spielen würden.