16 März 2014

Sebastian Starke | 16. März, 2014    @dersportsfreund






Wenn am heutigen Sonntag das Selection Committee die Teilnehmer des NCAA-Turniers verkündet, startet die buchstäblich verrückteste Zeit im US-Basketball: die March Madness. Millionen von Basketball-Fans und -Experten machen sich daran ihre Brackets auszufüllen und wetten, was der Geldbeutel her gibt. Warren Buffet lobte zu diesem Anlass übrigens gleich mal einen Milliarden-Gewinn aus. Zeit also, ein Resümee der vergangenen Saison zu ziehen und einen Ausblick auf das kommende Turnier zu geben.

Wer sind die Favoriten?

Arizona Wildcats

Die Wildcats aus Tucson (Arizona) sind trotz des Verlusts ihres vielseitigen Power-Fowards Brandon Ashley (Fuß-Verletzung) heißer Favorit auf die Teilnahme am Final Four in Arlington. So stellen die Wildcats mit ihrem unaufgeregten und langsamen Oldschool-Ball auch ohne Ashley eine der besten Defensiven des Landes. Die Guards Nick Johnson und T.J. McConnell sind giftige Perimeter-Verteidiger und lassen hier kaum freie Würfe für die gegnerischen Schützen zu. Eine weitere große Stärke der Arizona Wildcats ist das Rebounding: Sowohl die Big Men als auch die Guards gehen jedem Abpraller nach. Die Mischung aus starkem Guard-Play und athletischem, physischen Frontcourt um Freshman-Star Aaron Gordon machen die Wildcats zu einem gefährlichen Gegner. Echte Schwächen sind einerseits die fehlende Tiefe des Kaders sowie das Fehlen einer Stretch-Four durch die eingangs erwähnte Verletzung Ashleys. Rezept gegen die Wildcats wird daher sein, die Zone dicht zu machen. Aber auch ohne einen ihrer Schlüsselspieler haben die Wildcats die Saison souverän zu Ende gespielt. Ob es zum Griff nach der Krone reichen wird, wird sich im Verlauf des Turniers zeigen müssen.

Louisville Cardinals

Der amtierende Champion spielte mit seinem Star Russ Smith eine fast unerwartet gute Saison. Denn neben den Abgängen wichtiger Schlüsselspieler in die NBA musste im Dezember die Suspendierung von Forward Chane Behanan von einem nicht gerade tiefen Frontcourt kompensiert werden. Das Rebounding war bereits in ihrer Championship-Saison nicht unbedingt eine Stärke der Cards - ohne Gorgui Deng und Benahan sieht die Situation am offensiven wie defensiven Brett noch weniger rosig aus. Andererseits ist das Rebounding fast die einzige Schwäche des Teams aus Louisville/Kentucky. Und so dominierten die Cards die American Athletic Conference wie eine gut geölte Maschine: Zuletzt wurden die an #19 gerankten Connecticut Huskies mit 81:48 zerstört. Wie stark die Cards tatsächlich sind, ist daher eine der spannendsten Fragen des Turniers. Sind sie so gut, wie das Conference-Play glauben machen könnte, stehen die Chancen für eine Titelverteidigung nicht schlecht. Allerdings ist die AAC nicht eben für ihre Tiefe bekannt...

Florida Gators

Die Florida Gators haben Historisches vollbracht: Zum ersten Mal in der Geschichte der SEC hat ein Team eine perfekte Saison hingelegt und blieb ungeschlagen. Zuletzt blieb den Kentucky Wildcats keine Chance gegen die dominante Vorstellung der Gators an beiden Enden des Feldes. Wichtigste Stützen im Team von Billy Donovan sind dabei vier Seniors: Mit ihrer ganzen Erfahrung sorgen Casey Prather (F), Patric Young (C), Scottie Wilbekin (G) und Will Yeguete (F) für eine ausgeglichene Teamleistung am Perimeter und in der Zone. Sophomore-Guard Michael Frazier II ergänzt dieses Quartett als streaky Shooter zu einer schlagkräftigen Starting-Five. Die Tiefe des Teams aus Gainesville/Florida ist jedoch der Schlüssel für ihre starke Saison: Combo-Forward Dorian Finney-Smith ist der wohl beste Sixth Man in der NCAA I und stärkster Rebounder der Gators. Das organisierte Spiel der Gators mit vielen hohen Ball-Screens und Plays für die Big Men lässt Raum für die Schützen und ist nur schwer für die Gegner zu knacken. Auch in der Defense gehören die Florida Gators zu den besseren Teams der NCAA. Schwierigkeiten haben die Gators mit schnellen Teams: In der Transition-Defense sahen sie mitunter sehr trantütig aus und gestatteten ihren Gegnern immer wieder Läufe, die Spiele unnötig eng machten. Gewonnen haben die Gators trotzdem (fast) jedes Spiel und gehen somit berechtigt als wahrscheinlicher #1-Seed und Favorit auf die Championship in das NCAA-Turnier.

Wichita State Shockers

Wichita State war mit seinem Marsch bis ins Final Four in der vergangenen Saison die Überraschung des NCAA-Turniers. Und auch in der aktuellen Spielzeit, in der die Shockers als erstes Team seit über 20 Jahren ungeschlagen in das NCAA-Turnier einziehen werden, trauen die Experten dem Braten noch nicht so richtig. Für viele bietet das Team aus Wichita/Kansas großes Potential für einen early Exit aus dem Big Dance. Grund dafür ist der schwache Wettbewerb in der Missouri Valley Conference, die die Shockers ungefährdet gewinnen konnten. Gegen ein geranktes Team hat das Team von Coach Gregg Marshall in dieser Saison nicht gespielt - die Frage bleibt also, wie stark die Shockers wirklich sind.

Schaut man sich die einzelnen Teile des Shocker-Puzzles an, sieht man mit Fred VanVleet einen Pass-First-Guard mit hohem Basketball-IQ, mit dessen Backcourt-Compagnon Ron Baker einen Scorer mit hoher Intensität und Hustle sowie mit Cleanthony Early einen vielseitigen Power Forward, der sowohl als Stretch-Four als auch am Brett agieren kann. In der Summe ergeben die Teile ein sehr ausgeglichenes Team, das offensiv wie defensiv zu den Top 25 der NCAA gehört und definitiv wieder für einen tiefen Run im Turnier gut sein kann.

Kansas Jayhawks

Die entscheidende Frage für die Bewertung der Chancen der Kansas Jayhawks im Big Dance ist, wann Joel Embiid, Freshman-Star und potentieller erster Pick im Draft, nach seiner Verletzung (Rücken) wieder einsatzbereit ist. Der frisch gekrönte beste Verteidiger der Big 12 ist die zentrale Figur des Teams aus Lawrence/Kansas): Mit 2,6 Blocks pro Spiel ist Embiid wesentlicher Bestandteil der starken Jayhawks-Defense. Außerdem ist er der beste Rebounder des Teams und verwertet hochprozentig die Anspiele seiner Teamkameraden in Korbnähe. Coach Bill Self hofft darauf, Embiid am ersten Wochenende des NCAA-Turniers wieder einsetzen zu können. Ohne ihn verlieren die Jayhawks enorm an Vielseitigkeit in ihrem Spiel. Ein Verlust, den auch Andrew Wiggins - ebenfalls Kandidat, an Draft-Position Eins von einem NBA-Team gezogen zu werden - nicht auffangen kann. Wiggins wurde im Verlauf der Saison zwar immer besser und überzeugte zuletzt mit hohem Scoring-Output, erwies sich jedoch bis dato nicht als der Spieler, der sein Team alleine zum Sieg führen kann. Trotz der starken Unterstützung Wiggins' durch die Guards Naadir Tharpe und Wayne Selden Jr. sowie durch Forward Perry Ellis fehlt mit Embiid dieser eine Spieler, der die Offense des Gegners durch seine defensive Präsenz entscheidend verändert. Zwar sind die Jayhawks auch mit Embiid kein perfektes Team: Zu häufig äußert sich ihre fehlende Erfahrung in mangelhafter offensiver Execution in schwierigen Phasen des Spiels. Mit Embiid ist das Team von Bill Self aber für jedes Team ein gefährlicher Gegner und könnte bis ins Finale des NCAA-Turniers vorstoßen.

Wer sind die Enttäuschungen?

Kentucky Wildcats

Das Team von John Calipari startete mit Vorschusslorbeeren galore in die Saison. Die beste Recruiting-Class aller Zeiten wurde von der großen Mehrheit der Experten als klarer Favorit auf die NCAA-Krone gesehen und dementsprechend auf Platz 1 der Preseason-Rankings gesetzt. Aber bereits im ersten Spiel der Saison gegen die erfahrenen Michigan State Spartans zeigten sich die Cats als das, was sie sind: unerfahrene Jungs mit viel Talent. Im Verlauf der Saison gelang es Calipari nicht, aus den überaus talentierten Einzelspielern im Kader eine homogene Einheit zu machen. Die Harrison-Zwillinge und Athletik-Monster Julius Randle mögen herausragendes Talent besitzen - als Team haben sie sich nicht gefunden. Vor allem Andrew und Aaron Harrison gelang es nicht, das Team so zu führen, wie man es von ihnen erwartet hätte. Immer wieder sah man sie mit hängenden Köpfen in schwierigen Phasen eines Spiels. So fehlt den Wildcats wie schon in der vergangenen Saison ein Kopf wie Marquis Teague 2012, der seine Mitspieler besser macht. Im Grunde gibt es im Roster der Kentucky Wildcats keinen einzigen Spieler, der diese Fähigkeit besitzt. Und so blieben die Wildcats das, was sie waren: eine Ansammlung junger, aber hoch talentierter Einzelspieler.

Michigan State Spartans

"If the Spartans ever get healthy…" ist wohl das Mantra jedes Journalisten und Experten, wenn er über das Team aus East Lansing/Michigan schreibt. Kaum ein Team hatte so mit Verletzungen zu kämpfen wie die zu Beginn der Saison auf Platz 2 gerankte Truppe von Tom Izzo. Bis auf den vielseitigen Denzel Valentine hat jeder Spieler der Stammrotation mindestens ein Spiel aufgrund einer Verletzung oder Krankheit aussetzen müssen. So schafften es die Spartans nie, ihre gemeinsamen Stärken auf's Parkett zu bringen: Erfahrung und Eingespieltheit. Izzos Team verlor nach der vergangenen Saison lediglich Center Derrick Nix, der Rest blieb zusammen. Und dieser Rest besteht mit Garry Harris (G) und Adreian Payne (F) aus einem Duo mit All-American-Potential sowie mit Keith Appling aus einem Aufbauspieler mit vier Jahren College-Erfahrung. Die Erwartungen waren dementsprechend hoch, als die Spartans Ende Februar wieder vollständig und genesen den Saisonabschluss bestreiten konnten. Das, was die Spartans dann allerdings zeigten, enttäuschte auf ganzer Linie. Das Team harmonierte nicht miteinander und erwies sich als sehr anfällig für Turnover durch aggressive Defense. Es wird spannend, wie die Spartans im Turnier auftreten werden. Können sie dem Hype der Preseason noch gerecht werden? Die letzten Spiele weisen nicht darauf hin. Andererseits ist es ein Izzo-Team. Und über die sagt man, sie seien immer dann am stärksten, wenn es ins NCAA-Turnier geht. Auch so ein Mantra..

Wer sind die Überraschungen?

Villanova Wildcats

Die Wildcats aus Villanova/Pennsylvania sind die Überraschungsmannschaft der Saison 2013-2014. Dass das Team von Coach Jay Wright als #3 die Saison abschließen würde, hätte vor der Saison wohl kaum ein Experte so erwartet. Aber die starke Offense der Wildcats mit ihren Schlüsselspielern James Bell (G), JayVaughn Pinkston (F) und Darrun Hilliard II (G) erwies sich für ihre Gegner als harte Nuss, die von kaum einer Defense geknackt werden konnte. Diese Offense resultiert aus einer aggressiven Defense und daraus generierten Turnovern: Im Durchschnitt erzielten die Wildcats über 16 Punkte pro Spiel aus den Ballverlusten ihrer Gegner. Allerdings verloren die Villanova Wildcats zwei mal gegen die Creighton Bluejays mit Star Doug McDermott - nicht gerade ein Team aus der Spitze der NCAA I. In der Nacht auf Freitag verlor Nova dann gegen die nicht gerankten Seton Hall Pirates: Ein Zeichen für einen Early Exit im Turnier? Nova wird zeigen müssen, dass sie auch gegen starke Teams ihr Spiel aufziehen können und keine Eintagsfliege sind. Sonst könnte es im NCAA-Turnier recht früh eine böse Überraschung geben.

Welches Team hat das Potential für einen Cinderella-Run?

Pittsburg Panthers

Das Vorhersagen eines Cinderella-Teams ähnelt einem Blick in die Glaskugel: Neben der Berechnung statistischer Wahrscheinlichkeiten bleibt letzten Endes immer das subjektive Gefühl, welches Team für eine Überraschung gut ist und zum Giant Killer wird. Meine Wahl fällt in diesem Jahr auf die Pittsburg Panthers, die zwar aus einer Power Conference kommen (ACC) aber hinter ihren Erwartungen weit zurück blieben. Dass die Mannen um Coach Jamie Dixon das Talent und Potential für einen Sieg gegen die Großen hätten, haben sie in ihren knappen Niederlagen gegen Cincinatti, Syracuse, Virginia und North Carolina gezeigt.

Welche Teams ziehen ins Final Four ein?

Mit den Arizona Wildcats und den Florida Gators sehe ich zwei der stabilsten und ausgeglichensten Teams als sichere Kandidaten für das Final Four. Beide Teams gehören sowohl offensiv wie defensiv zu den stärksten Teams des Landes und werden sich dementsprechend im Turnier durchsetzen. Auch die Louisville Cardinals haben mit ihrer aggressiven Spielweise, die vielen Teams Probleme bereiten wird, und ihrem Star Russ Smith starke Waffen, die für eine Teilnahme im Final Four sprechen. Außerdem gilt in diesem Fall die Phrase: "Never underestimate the heart of a champion." Als viertes Team sehe ich die Michigan State Spartans in Arlington. Bisher hat jeder Senior unter Tom Izzo an einem Final Four teilgenommen. Daran wird sich auch in diesem Jahr nichts ändern: Die Spartans werden im Turnierverlauf als Team wachsen und ihre Erfahrung voll ausspielen.

Und wer gewinnt das Turnier?

Die Florida Gators werden am Ende das Rennen machen, da sie das tiefste, ausgeglichenste und spielerisch reifste Team im Teilnehmerfeld sind.