12 März 2014

Anno Haak | 12. März, 2014    @kemperboyd





Und so sang er, der LeBronthony-Hater-Chor. 60 Punkte? Ja, aber es waren die Bobcats. In der Tat, die waren es. Das Team, das zwar aus der Hochburg des College-Basketballs kommt, aber eine Draft-Geschichte hat, die fragwürdiger ist als Raymond Feltons Ernährungsplan. Aus Charlotte, der Stadt, in der endgültig klar wurde, dass Michael Jordan nicht nur nichts je so gut können wird wie Basketball spielen, sondern dass er mit dem Management einer modernen NBA-Franchise schlicht überfordert ist. Ein Team, das offensiv talentbefreit und defensiv unwillig ist. Das durch die Zone Autobahnen planiert wie Deutschland in seinen dunklen Zeiten. 7 und 59 nach dem Lockout. Sieben Siege! Aus sechsundsechzig Spielen! Die Kätzchen. Kurz: das mieseste Team der modernen NBA. Reicht, oder? Oder?

Nein, reicht nicht. Es sei denn man will beweisen, dass man über keinerlei Basketballsachverstand verfügt, oder dass man Marty McFly ist und aus 2012 hinein in die Gegenwart twittert. Man kann von den LeBron-Carmelo-History-Nächten halten, was man will. Darum soll es hier nicht gehen. Aber wer im März 2014 auf der Lachhaftigkeit der Rotluchse herumreitet, um 60-Punkte-Spiele zu entwerten, sollte sich einen neuen Gaul suchen. Und vorher gucken, was da in Charlotte gewachsen ist.

Um Himmels Willen!
Kopf auf den Tisch, Hände drüber und zusammenschlagen war angesagt, als die Cats am amerikanischen Nationalfeiertag 2013 vermeintlich die nächste monströse Dummheit begingen. 40,5 Millionen Dollar für nur 36 Monate garantierten sie Al Jefferson, einem Borderline-Allstar, der in seinem Leben gefühlt noch keine Playoffserie gewonnen hat. Wie um des Firmamentes Voluntas soll das die Horncats voranbringen?

Für wen die preziösen Dollars gespart werden sollten, konnte allerdings kaum ein Kritiker erklären. Es kann ja niemand ernsthaft meinen, Carmelo Anthony würde den Knicks 2014 mit „Charlotte oder nix“-Duktus die S&T-Pistole auf die schwache Brust setzen. Superstars verlaufen sich nicht in kleine Märkte. Schon gar nicht als free agents und schon zweimal gar nicht zu den Clippers der Neuzeit nach North Carolina.



Geld ist aber zum Ausgeben da. In der neuen, smarten NBA muss man zwar sorgsamer darauf achten, für was oder besser für wen man zum big Spender wird. Aber Jefferson war ein guter Fit. Charlotte brauchte einen soliden Big Man. Jefferson war auf dem Markt. 1 und 1 macht zwei. 40 Millionen für drei Jahre sind zugegeben nicht gerade Center-Discount. Andererseits ist das Bild von Big Al im Duden neben „unterschätzt“ zu sehen. Die Rotluchs-Spötter hätten sich besser fragen sollen, welcher NBA-Big neben Jefferson in den letzten zehn Jahren mehrere 20/10-Saisons gespielt hat. Der Club ist exklusiver als RedBull Leipzig und zählt Shaquille O’Neal und Dwight Howard zu seinen Mitgliedern. Aber es sind die Bobcats…

Big Al liefert, was bestellt wurde. Am liebsten Rücken zum Korb, Fußarbeit für Basketball-Puristen, mit der späte (fast 50 % seiner Schüsse nach Shotclock-Sekunde 16) hochprozentige Würfe in Ringnähe produziert werden. So erzielt er so viele Punkte wie seit seinem Karrierejahr 2008/2009 nicht mehr und greift über zehn Rebounds pro Nacht, ebenfalls Bestwert in den letzten fünf Jahren. Damit passt er wie angegossen in das methodische Halbfeld-Korsett, das der neue Coach Steve Clifford den Bald-wieder-Hornets verpasst hat (Nr. 20 bei der Pace). Kurz und gut: Jefferson war vielleicht der All-Star-Snub 2014 im Osten. Aber er ist halt ein Bobcat…

Kopf hoch
…will man den ewigen Nörglern zurufen. Al Jefferson ist zum Franchise Player des ersten Bobcats-Teams seit vier Jahren geworden, das sich ernsthafte Playoff-Hoffnungen machen darf. Man kann 40 Millionen in der NBA schlechter anlegen.

Um den Big herum hat Michael Jordan ein Team gebastelt, das mehr Baustellen als die A1 aufweist, aber zumindest Hoffnung macht. Hoffnung, dass das Licht am Ende des Tunnels kein entgegenkommender Zug ist. Mit Kemba Walker steht zwar nach wie vor kein Floor General auf dem Feld, aber ein Point Guard, der zu verstehen beginnt, wie man in der NBA effektiv die Balance zwischen eigenem Scoring und Einsatz der Teamkollegen findet. So gibt es Career Highs bei den PPS und den APS zu bestaunen.

Daneben steht mit Michael Kidd-Gilchrist ein Flügel, dessen Verteidigung noch ein ganzes Stück vom „elitär“-Label entfernt ist. Aber die zwei 60er des „direkten“ Gegenspielers sollten nicht den Blick auf die überdurchschnittliche Defense am Perimeter verdecken. Am fremden Ende des Feldes ist zwar alles Athletik und ohne Athletik ist alles nichts (unterirdische Sprungwurf-eFG% von .324). Aber er macht zumindest mehr Spaß als Chris Douglas-Roberts, ganz zu schweigen von Nuller-Jahre-Kadavern wie Corey Maggette.

Mit Gerald Henderson turnt keine tödliche Bedrohung von Downtown im Backcourt herum, aber für sechs Millionen p. a. gibt es keinen Kobe Bryant. Und es ist immer noch hoffnungsvoller, einem 26-jährigen mit Upside einen Vertrag auf MLE-Niveau zu vergüten als Ben Gordons Altersvorsorge zu übernehmen. Von der Bank kann man zudem mittlerweile mit Gary Neal, Luke Ridnour oder Josh McRoberts grundsolide Veteranen zur Substitution bringen.

Bleiben die Al-Jefferson-Ausbildungsprojekte Cody Zeller und Bismack Biyombo. Dass auch nur einer von beiden jemals ein NBA-Mitglied mit erwähnenswerter offensiver Produktion wird, darf man bezweifeln. Aber: you can’t teach hight und beide haben Zeit, sich zu entwickeln. Und Upside ist durchaus vorhanden. Biyombo legt etwa 2013/2014 bei deutlich gesunkener Spielzeit in Jeffersons Schatten zumindest ein beachtliches individuelles ORtg von 115 auf.

Das alles macht aus Charlotte keinen Contender. Wenn sie überhaupt Playoff-Luft atmen dürfen, hätten sie das auch dem historisch schlechten Osten zu verdanken. Denn die .500-Marke ist auch in diesem Jahr weiter weg als Indianapolis von Charlotte. Aber die Zeiten, in denen „Charlotte hat wieder ein NBA-Team“ als Pointe durchging, sind zu Ende. Fürs Erste.

Zukunft
Im Schatten der jungen, hungrigen Spielern um Jefferson wurden die Altlasten (Ben Gordon, Tyrus Thomas und co.) weitgehend abgetragen. Charlotte wird im Sommer mit fast 20 Millionen Capspace ein Team sein, das praktisch jeden Vertrag aufnehmen und zumindest um Mittelklasse-Free-Agents mitbieten kann. Ein zweiter offensiv halbwegs begabter Big Man dürfte auf der Wunschliste weit oben stehen. Hat jemand „Zach Randolph“ (allerdings PO für 14/15) gesagt?

Dazu wird am Draft-Tag während der ersten Runde drei Mal der Name der Bobcats aufgerufen werden. Was die Frage aufwirft, ob es angesichts des kommenden Jahrgangs überhaupt erstrebenswert wäre, sich in Runde eins von Miami oder den Pacers vermöbeln zu lassen. Andererseits: soll man einer Franchise, die hohe Picks für Sean May und Adam Morrison…nun ja genutzt hat, wirklich ein Top-10-Auswahlrecht wünschen? Wie die Schotten jedem Triumph noch die Niederlage entreißen, würden die Bobcats womöglich auch 2014 ins Lotterie-Klo greifen.

Ein (wenn auch kurzer) Playoff-Run dürfte wertvoller sein. Ein paar Postseason-Spiele würden Walker und Co als Erfahrungswert nicht schaden. Er würde den Ruf aufpolieren und die Franchise attraktiver machen für Free Agents. Und er würde die zarte Euphorie-Pflanze bewässern, die um die einst mieseste Franchise der Liga seit der feststehenden Rückkehr zum geliebten alten Hornets-Logo gedeiht. Kurz: er würde Charlotte zurück auf die NBA-Landkarte bringen. Auf dass irgendwann jemand wahrnimmt, dass Coach Clifford aus den Bobcats die siebtbeste Defensive der Liga (DRtg 104,1, Stand 09.03.2014) geformt hat und Carmelo Anthony und LeBron James ihre Karriere-Performances nicht vom Krabbeltisch geklaut haben. Auf dass in Zukunft niemand mehr sagen möge: ja, aber es sind die Bobcats…