16 März 2014

Hauke Büssing | 16. März, 2014    @ballwerkorange





Von der Lachnummer zum Liga-Primus? L.A. hat einen neuen König. Der Clippers-Curse scheint in den vergangen Jahren geliftet worden zu sein, und das Team von Donald Sterling ist inzwischen längst nicht mehr nur das beste in Los Angeles. Die Showtime-Truppe um Chris Paul, Blake Griffin und DeAndre Jordan spielt schnell, spektakulär und zum ersten Mal in ihrer 34-jährigen Vereinshistorie mit fokussiertem Blick auf die Meisterschaft. Klingt ein bisschen nach den Lakers in den Achtzigern, oder? Verrückt. Dabei sollte eigentlich alles ganz anders kommen. Und, wie letztlich immer bei den Clippers, viel schlechter laufen.

Denn selbst, als das geschundene Team im fernen Jahr 2009 endlich einmal Glück hat und den ersten Pick aus der Lotterie zieht, legen sich nur wenige Wochen später bereits wieder dunkle Wolken über das Staples Center. Rookie Griffin bricht sich noch in der Vorbereitung die Kniescheibe und fällt das gesamte Jahr aus. Jeder NBA-Fan denkt sofort an Greg Oden, ein ebenso großes Talent, das sich von Beginn seiner Karriere an mit Verletzungssorgen herumschlagen muss. Griffin – genau so ein Reinfall wie der Center der Blazers? Zu den Clippers passen würde es ja.

Der Schaden entpuppt sich jedoch als nicht-strukturell und heilt wie erhofft ab. Griffin präsentiert sich in den kommenden Jahren zudem als elektrisierender Spieler, ein Fan-Magnet, der Athletik auf einen neuen Standard erhebt und die Dunks seiner Kollegen wie Lay-Ups einer U14-Mädchenmannschaft aussehen lässt. Der Vierer ist genau die charismatische Urgewalt, die einem solch hoffnungslosen Team wie den Clippers jahrzehntelang gefehlt hat. Doch ist er auch ein guter Basketballer?

Spätestens nach drei Jahren in der besten Basketballliga der Welt bezweifeln das die meisten. Denn Griffins Entwicklung scheint zu stagnieren. An der Freiwurflinie produziert er mehr Backsteine als Marek und Partner. Beim Sprungwurf sieht er so aus, als bewerbe er sich für die Rolle des grobmotorischen Axtmörders in den benachbarten Paramount Studios. Und defensiv bleibt er so effektiv wie eine Slalomstange in Sotschi. Wie kann ein Profi, der so hoch springt wie ein Panther, nur so schlecht Schüsse blocken wie eine Hauskatze? Einstellung? Timing? Kopfsache?

Im Jahr 2011 folgt zudem der nächste Nackenschlag für Sterlings Team. Der lila-gelbe Lokalrivale verpflichtet mir nichts, dir nichts den besten Aufbauspieler der Liga und sichert sich so exzellent für die Zukunft ab. Durch ein cleveres Tauschgeschäft mit New Orleans und Houston holen die Lakers Chris Paul an die Pazifikküste – und stellen mit Paul und Kobe Bryant auf einmal den mit Abstand besten Backcourt der Liga. Die Clippers bleiben für immer der kleine Bruder. Und dem kleinen Bruder gibt man gerne einmal etwas auf die Nase.

Letztlich kommt natürlich aber alles ganz anders. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der NBA meint es das Schicksal – oder in diesem Falle ein äußerst kontroverser und letztlich nicht zu rechtfertigender Veto-Beschluss von Commissioner David Stern – gut mit den Clippers. Der Lakers-Trade wird von der NBA, zu diesem Zeitpunkt unverständlicherweise Besitzer der Hornets, verboten. Und Paul wandert stattdessen in einem abgekartet wirkenden Deal zum anderen Team in Los Angeles. Die Ära 'Lob City' beginnt.

Seitdem fliegt das orange Leder durch die Halle, als spielten die Mannen in Blau und Rot miteinander NBA2K. Alley-Oops aus der eigenen Hälfte erscheinen auf einmal nicht mehr unrealistisch, sondern sind Alltagsgeschäft. Korbleger ist selbst beim Warm-Up ein Fremdwort. Und kein Zuschauer traut sich während eines Clippers-Spiels auch nur eine Sekunde auf die Toilette, während Griffin und Jordan auf dem Parkett sind. Man könnte ja etwas verpassen.

Erfolg hat dieses System dennoch nicht. Zwar ist die wilde Truppe unter Chefcoach Vinny del Negro ein konstanter Playoff-Teilnehmer, zum großen Sprung fehlen jedoch mehr als nur einige Zentimeter. Als Pauls Vertrag ausläuft und klar wird, dass der ehrgeizige Aufbauspieler im status quo nicht verweilen möchte, feuert Sterling seinen Trainer – und holt mit Doc Rivers einen Meisterschafts-Mann in die Stadt der Engel.

Geht die Rechnung auf? Es sieht momentan tatsächlich danach aus. Speziell im neuen Kalenderjahr präsentieren sich die Clippers wie ein Titelaspirant erster Güteklasse, und ihre Stars, insbesondere Griffin und Jordan, sind gewachsen, als hätten sie einen mit Talent gefüllten Basketball angefasst. Jordan, der in den ersten vier Jahren seiner Karriere gerade einmal zwei Körbe außerhalb der Zone erzielen konnte, hat unter Rivers seine Nische gefunden: Verteidigung, Team-Chemie und Drecksarbeit. Mit 66,3 Prozent Trefferquote aus dem Feld und 14 Rebounds pro Spiel – doppelt so viele wie in der vergangenen Saison – führt der 2,11 Meter große Center die gesamte Liga an. Erst zwei andere Profis in der Geschichte der NBA haben dieses Doppel-Feature je vollbracht. Ihre Namen: Wilt Chamberlain und Dwight Howard. Keine schlechte Gesellschaft.

Griffin hat in der aktuellen Spielzeit sogar einen noch imposanteren Schritt genommen und sieht momentan aus wie der beste Power Forward im Basketball. Ja, besser als LaMarcus Aldridge. Ja, besser als Kevin Love. Noch immer wirken Griffins Bewegungen unorthodox, sein Wurf abgehackt und seine Defense bestenfalls durchschnittlich. Doch spätestens seit dem verletzungsbedingten Ausfall von Paul hat das bullige Kraftpaket das Team übernommen und ganz fest auf seinen muskelbepackten Rücken geschnallt. Im Kalenderjahr 2014 liefert der 24-Jährige sagenhafte 27,1 Punkte, 8,8 Rebounds und 4,2 Assists im Schnitt. Er schießt über 55 Prozent aus dem Feld und trifft inzwischen sogar sieben von zehn Versuchen von der Freiwurflinie.

Doch nicht nur Griffins individuelle Zahlen sprechen Bände. Auch die Mannschaft selbst hat ihren Fluss gefunden. Nur Miami und Phoenix punkten besser im Fast Break und aus Ballgewinnen. In der effektiven Trefferquote liegen die Clippers bereits seit Beginn der Saison in den Top-Fünf. Und in den vergangenen drei Monaten schlägt keine Mannschaft in der NBA ihre Gegner mit einer größeren Differenz. Seit der Jahreswende zeigt kaum ein Team in der gesamten Liga erfolgreicheren Basketball als die Los Angeles Clippers. Vielleicht die Spurs. Vielleicht die Rockets. Aber weder die Pacers, die Heat oder die Thunder reichen in jetziger Verfassung an L.A.s Könige heran.

Womöglich wurde der Clippers-Curse doch nicht geliftet. Vielleicht hat er sich lediglich gedreht. Denn inzwischen ist es ein Fluch, gegen Chris Paul und Co. antreten zu müssen. Es gleicht einer Verdammung, von DeAndre Jordan abgeräumt zu werden. Und von dem Albtraum, auf dem nächsten Poster von Griffin zu landen, wachen selbst Roy Hibbert und Anthony Davis schweißgebadet auf.

Für Rivers‘ zielbewusste Truppe gilt jetzt nur noch eins: Die Feuerprobe zu bestehen. Und die lautet in diesem Jahr Western Conference Finals. Oder sogar noch einen Schritt weiter. Noch einmal: Wir reden hier immer noch von den Clippers. Verrückt, oder?


Hauke Büssing schreibt auch für die FIVE und ist Gründer und Chefredakteur von Ballwerk Orange. Auf ballwerkorange.de findet ihr viele lesenswerte Artikel über Sport, Popkultur und die NBA.
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