10 März 2014

Akaeru | 10. März, 2014   





Es war einmal ein Kaufmann, der hatte sich sein ansehnliches Vermögen durch Schwindelei und Betrug angeeignet. Der Kaufmann verstand es wie kein Zweiter, bedürftigen Menschen Teile seines Golds zu verleihen, wohlwissend, dass jene seine überzogenen Zinsen niemals würden aufbringen können und somit ihr kompletter Besitz in den seinen fallen würde. Eines Sommertages fuhr der Kaufmann mit seinem Wägelchen in die Gegend um den Knixfelsen, jener eigenartigen Felsformation, die der Gegend ihren Namen gegeben hatte. Hier hatte der Kaufmann vor einiger Zeit drei Schwestern Geld für die Beschaffung von Saatgut geliehen. Den Gerüchten nach konnten die drei Schwestern wie niemand anderes Getreide aus der Erde ziehen. Der Kaufmann hatte sich die Zeit seines Besuchs gründlich überlegt: So spät im Sommer, dass das Getreide überwiegend gesprossen war, jedoch auch so früh, dass die Schwestern noch nicht mit der Ernte und dem Verkauf begonnen hatten. Der Kaufmann überreichte den Schwestern den richterlichen Beschluss, dass mit sofortiger Wirkung sämtliche Besitztümer der drei Schwestern in den Besitz des Kaufmanns übergehen sollten. 

Die drei Schwestern flehten den Kaufmann an und appellierten an sein Herz, doch sie vermochten es nicht zu erwärmen. Und so mussten sie mit leeren Koffern den Hof ihres Urgroßvaters verlassen. Der Kaufmann jedoch ließ in den nächsten Tagen einen Müller kommen, der das Korn begutachten sollte. Der Müller war von Qualität und Beschaffenheit des Korns so beeindruckt, dass er dem Kaufmann die doppelte Menge an Gold anbot, die die drei Schwestern dem Kaufmann inklusive Zinsen schuldig gewesen waren. Doch der Kaufmann war gerissen und bestellte in den nächsten Tagen drei weitere Müller zu sich zum Ackerland hinter dem Knixfelsen. Ein jeder von ihnen war begeistert vom Korn der drei Schwestern und überbot die anderen in deren Angeboten. Schlussendlich nahm der Kaufmann mit dieser einen Ernte Korn mehr Gold ein, als er in seinem ganzen Leben gesehen hatte. Das machte den Kaufmann raffgierig und so beschloss er, seinen Kaufmannswagen zu verkaufen und sich im Hause der drei Schwestern niederzulassen, um auch im kommenden Sommer wieder Korn anzupflanzen. 

Der nächste Sommer kam, und der Kaufmann begab sich auf die Felder, um den Samen zu säen. Doch schon am nächsten Morgen sah er, dass kein Samen im Boden geblieben war. Ein Sturm war über seine Felder hinweggezogen und hatte dabei jedes Saatgutkorn aus der Erde gehoben. Drum zog der Kaufmann aus, um neues Saatgut zu erwerben und begab sich wieder auf die Felder. Doch auch die folgende Nacht vermochte ihm kein Glück zu bringen: Ein Regensturm hatte sämtliche Samen davon gespült. Der Kaufmann wusste keinen Rat mehr - schließlich war er nur Kaufmann, kein Landwirt - und stellte daher einige der besten Landwirte des Ostens ein, die das Feld bestellen sollten. Doch egal was sie auch versuchten, kein Samen blieb länger als wenige Stunden in der Erde. Die Goldvorräte des Kaufmanns schwanden immer mehr, und schon im Winter waren sämtliche Goldvorräte aus dem Verkauf des Korns der drei Schwestern aufgebraucht. Nur seine eigenen Goldreserven und Wertgegenstände waren dem Kaufmann geblieben. Doch auch jene schwanden immer schneller, denn der Winter war hart und lang, und die Holzkohlepreise stiegen ins Unermessliche. 

Als der Kaufmann eines Tages mit einem Sack voll Holzkohle aus der Stadt kam, da entdeckte er am Straßenrand drei Kaninchen, die ob der Kälte bitterlich zitterten. Da fasste der Kaufmann einen Plan: Er würde die Kaninchen mit zu sich nach Hause nehmen, sie füttern, pflegen, um sie dann auf dem Markt verkaufen zu können. Die Kaninchen erholten sich zügig, wuchsen schnell und der Kaufmann beschloss, zwei von ihnen am nächsten Morgen mit in die Stadt zu nehmen. Des Nachts wurde der Kaufmann wach, geweckt von lautem Getöse in seinem Zimmer. Der Kaufmann zündete sich eine Kerze an und erschrak: Am Bettende beobachteten ihn drei kleine Feen, dort wo abends noch die drei Kaninchen gelegen hatten. Da begann die linke Fee zu ihm zu sprechen: „Guter Kaufmann, erschrecke nicht. Ich bin die gute Fee Yzre. Dies sind meine Schwestern Jtre und Bor. Du warst gut zu uns, nahmst uns mit in dein Zuhause, gabst uns von den Speisen. Drum möchten wir uns erkenntlich zeigen: Eine jede von uns wird dir einen Wunsch deiner Wahl erfüllen. Um uns zu rufen, drehe dich dreimal im Kreis um die eigene Achse und belle dabei wie ein Hund, schlage dreimal deine Hacken zusammen und rufe dann den Namen der Fee, die deinen Wunsch erfüllen soll.“

Am nächsten Morgen schlief der Kaufmann ungewöhnlich lange. Ein Alptraum hatte ihm die Kraft geraubt, so seine eigene Erklärung. „Feen, so was gibt es nur im Märchen“, sprach der Kaufmann zu sich selbst. Nun müsse er jedoch schnell zum Markt, um die Kaninchen zu verkaufen. Doch fand er sie nirgends. Weder im Zimmer, noch in der Küche. Weder in der Scheune, noch in der Kohlegrube. Konnte es sein, dass die letzte Nacht doch kein bloßer Alptraum gewesen war? Nein, an solchen Schabernack glaubte er nicht.

Der nächste Sommer kam, und wieder versuchte der Kaufmann, ein Korn wie das der drei Schwestern aus dem Boden zu ziehen. Doch wie schon im vorherigen Jahr war ihm das Glück nicht hold. Und so verbrauchte er auch die letzten Reserven seines eigenen Goldes. Armut überfiel ihn, und in seiner Verzweiflung dachte er zurück an den Traum mit den drei Schwestern. Und so begab er sich aufs Feld, drehte er sich dreimal um die eigene Achse, bellte dabei wie ein Hund, schlug die Hacken dreimal zusammen und rief dann laut den Namen der Fee Yzre, die augenblicklich erschien. „Gute Fee“, sagte der Kaufmann, „zwei Jahre nun will kein Korn mehr auf den Feldern wachsen. Ich bitte dich, bitte lass wieder…“. Der Kaufmann hielt inne. Wieso überhaupt sollte er ein reiner Kornbauer sein? Er erinnerte sich an ein Restaurant im Süden des Landes, das die außergewöhnlichsten Gerichte, die der Kaufmann gesehen hatte, servierte und sie sich entsprechend kosten ließ. Gerichte, die der Osten nie zuvor gesehen hatte. 

Die Geldgier kam wieder im Kaufmann vor. „Gute Fee, ich wünsche mir, dass auf dem Feld hinter mir die größten amarettierten Straußeneier des Landes wachsen.“ „So sei es, dein erster Wunsch soll dir erfüllt werden“, sagte die Fee Yzre und schon sprossen auf den Feldern die dem Kaufmann bestens bekannten Straußeneier. Sogleich ging er ans Werk und erntete sämtliche Eier ab. Am nächsten Morgen bestellte der Kaufmann die Dorfgemeinschaft zu seiner Scheune, in welcher er die Eier über Nacht gelagert hatte. Die Dorfbewohner waren überrascht und interessiert, ganz so wie es der Kaufmann erwartet hatte. Kein Ei sollte am Ende des Tages noch im Besitz des Kaufmanns bleiben. Die Goldkammer war wieder gefüllt und der Kaufmann beschloss, den Abend ausgelassen bei Braten und Wein ausklingen zu lassen.

Doch am nächsten Morgen waren wieder sämtliche Dorfbewohner zum Haus des Kaufmanns gewandert. Wollten sie etwa noch mehr? Der Kaufmann überschlug im Geiste bereits die Einnahmen und welche der beiden anderen Feen er als nächste rufen würde. Umso überraschter war er, als er in aufgebrachte Gesichter blicken musste. Schnell sollte er den Grund des Aufruhrs erfahren: So schön die Straußeneier auch ausgesehen hatten, war ein jedes innerlich doch schrecklich verfault. Und so musste der Kaufmann unter Androhung des Galgens sämtlichen Dorfbewohnern ihr Geld zurück erstatten.

In seiner Verzweiflung begab er sich sofort wieder auf das Feld, drehte sich dreimal bellend um die eigene Achse, schlug dreimal seine Hacken zusammen und rief dann den Namen der Fee Jtre. Diesmal hatte der Kaufmann jedoch schon seine Begierde im Kopf: Antollianische Wassermelonen, jene orange-blau-gereiften Tropenfrüchte aus den Höhlen des Goldberges. „Gute Fee, ich wünsche mir, dass auf dem Feld hinter mir die wässrigsten antollianischen Wassermelonen des ganzes Land wachsen.“ „So sei es, dein zweiter Wunsch soll dir erfüllt werden“, sagte die Fee Jtre und schon sprossen auf den Feldern die dem Kaufmann bestens bekannten Wassermelonen. Sogleich ging er ans Werk und erntete sämtliche Melonen ab. 

Nach dem Desaster mit den Straußeneiern wusste der Kaufmann jedoch, dass er bei den Dorfbewohnern keinerlei Abnehmer finden würde. So wandte sich der Kaufmann diesmal direkt an die phillesischen Restaurants, die südlich vom Knixfelsen lagen. Die hatten schon von den verfaulten Straußeneiern gehört, ließen sich aber nach minutenlangem Zureden doch überzeugen, den ganzen Bestand an Wassermelonen abzunehmen. Erfreut über den neuen Reichtum nahm der Kaufmann auf dem nächtlichen Nach-Hause-Weg unachtsam die falsche Abzweigung und geriet so direkt in die Arme einer Bande von Schickbullen, jenen furchteinflößenden Schlägertrupps aus der westlichen Region um den Knixfelsen. Diese nahmen dem Kaufmann augenblicklich sein Gold ab, verschonten zum Bedauern des Kaufmanns aber sein Leben. Geschlagen, pleite und verletzt schleppte er sich wieder zurück zum Bauernhof, trank dort die letzten Reste des Weins und fiel noch in der Küche in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte der Kaufmann mit einem Plan auf: Sein letzter Wunsch sollte wohl überlegt sein, dem eher simplen Leben der Dorfbewohner entsprechen und doch den einstigen Reichtum des Kaufmanns wiederherstellen. Er erinnerte sich an einen Frühlingstag in Mikanien. Dort hatten er und eine flüchtige Bekanntschaft in einer Bauernstube einen herrlichen Holzkartoffelauflauf gegessen, eine Spezialität der mikanesischen Küche. Und wenn etwas Anklang in der Region um den Knixfelsen fand, dann sollten es doch Kartoffeln sein. Er wartete bis zum Mittag, ging dann aufs Feld, drehte sich dreimal bellend um die eigene Achse, schlug automatisch seine Hacken dreimal zusammen und rief dann den Namen der Fee Bor. „Gute Fee, ich wünsche mir, dass auf dem Feld hinter mir die güldensten mikanesischen Holzkartoffeln des ganzes Land wachsen.“ „So sei es, dein dritter Wunsch soll dir erfüllt werden“, sagte die Fee Bor und schon sprossen auf den Feldern perfekt geformte Holzkartoffelknollen, die der Kaufmann umgehend pflückte und ins Dorf brachte. Doch sein Ruf hatte sich mittlerweile herumgesprochen, des Kaufmanns Pech war eine bekannte Redensart geworden. Niemand erwarb auch nur eine einzige Kartoffel. Auch in den umliegenden Dörfern hatte der Kaufmann kein Glück.

Am letzten Sommerabend saß der Kaufmann nun schluchzend auf seinem Berg von Holzkartoffeln. Da erschienen wieder die drei Feen Yzre, Jtre und Bor vor dem Kaufmann. „Was hast du, gütiger Kaufmann?“, fragte die Fee Jtre. „Was ich habe?“, antwortete der Kaufmann. „Meine Straußeneier waren verfault. Das Gold vom Verkauf der Melonen wurde mir geraubt. Und nun vertraut ein niemand mehr meinem Wort, keine einzelne Holzkartoffel konnte ich verkaufen. Das Ackerland hinter mir ist durch die wechselnden Speisen überbeansprucht worden und komplett nutzlos. Meine Zukunft ist dahin. Gebruder Pech wird auf ewig an mir haften bleiben.“ „Ach, gütiger Kaufmann, es war kein Pech, welches dich heimgesucht hat“, sagte die Fee Bor. „Nein, es war der Zorn der drei Schwestern, welche du vor vielen Jahren um ihr Hab und Gut betrogen hast. So, wie du selbst nun betrogen wurdest.“, sagte die Fee Yzre. Da verwandelten sich die drei Feen vor dem Auge des Kaufmanns in die drei Schwestern. Entsetzt starrte er sie an, wütend und fassungslos blickte er ihnen hinterher, wie sie gackernd und keifend die Gegend um den Knixfelsen verließen.

Der Kaufmann hatte alles verloren. Seine Hab und Gut war verloren. Seine Zukunft verspielt. Niedergeschlagen kniete er auf dem Feld. Da senkte sich plötzlich ein Schatten über ihn. Ein Mann mit einem Hut, dessen Krempe einen Meter messen mochte, stand über ihn. Ein Hut, wie ihn nur die Zenmeister des Westens trugen. „Entschuldigen sie“, sagte der Zenmeister, „dürfte ich sie eventuell um eine Kartoffel bitten…?“

(Ende).