11 März 2014

Tiago Pereira | 11. März, 2014    @24Sekunden


Phoenix Suns vs. San Antonio Spurs, Western Conference Semifinals 2010, Game 3: Steve Nash zieht in die Zone der San Antonio Defensive, alle Augen sind auf den Spielmacher der Suns gerichtet. Kaum ist Nash unterhalb des Korbes und von vier Verteidigern umgeben, passt er zu dem an der Dreier Linie freistehenden Goran Dragic. Splash! Dragic verwandelt ohne Mühe den Wurf zum 110:96 für Phoenix, mit nur noch 5.7 Sekunden auf der Uhr. Kopfschüttelnd wenden sich die Blicke der San Antonio Fans an die Anzeigetafel, denn dort stehen 26 Punkte neben der Nummer 2 der Phoenix Suns.

Es sind nicht die All Stars Steve Nash oder Amare Stoudemire, die ihren Spurs die dritte Niederlage der Western Conference Semifinals zugefügt haben, sondern der schmächtige Goran Dragic aus Slowenien. Wahrscheinlich hatte bis zu diesem Abend in San Antonio niemand etwas von jenem Goran Dragic gehört, warum auch? Einem Back Up Point Guard, der kaum 15 Minuten Spielzeit in den Playoffs erhält, wird neben Stars wie Nash und Stat wenig Aufmerksamkeit zuteil. Vor besagtem Abend erzielte Dragic 4 Punkte aus 13 Wurfversuchen (2/13 FG, 0/4 Dreier) in der Serie gegen die Spurs. Dies sind keine Zahlen die den hart gesottenen Texaner schlaflose Nächte bereitet hätten.

Bis zu jenem Abend! Dragic benötigt nicht mehr als 17 Minuten um San Antonio und der Welt zu demonstrieren wer er ist und was er kann. In dieser kurzen Zeit trifft der (damalige) Sophomore alle fünf seiner Dreier-Versuche, nur 3 seiner 13 Feldwurfversuche finden an diesem Abend nicht den Weg durch das Nylon. 23 seiner 26 Punkte erzielt der Slowene im entscheidenden vierten Viertel. Um Spurs Coach Gregg Popovich und seinen Trainerstab etwas in Schutz zu nehmen: Niemand, nicht einmal der damalige Trainer der Suns, Alvin Gentry, hat solch eine heroische Leistung von seinem Spieler erwartet. Grant Hill fand noch deutlichere Worte für die herausragende Leistung seines ehemaligen Teamkollegen: "Das war die beste Leistung in einem vierten Viertel, die ich jemals gesehen habe."

Die Suns machten kurze Zeit später den Sweep gegen die Spurs perfekt. In den Western Conference Finals war jedoch Schluss, als man sich in sechs Spielen dem späteren Meister aus Los Angeles geschlagen geben musste. Für Dragic war es die bis dato letzte Playoff Serie. Vieles hat sich seit jenem Spiel im 'Valley of the Sun' getan - eine Zeit die sowohl für Phoenix als auch für Goran Dragic eine Zeit des Selbst(wieder)findens darstellen sollte.

Was ist passiert?
Trotz seiner Coming out Party in den Playoffs fand sich Dragic auch im Jahr darauf auf der Bank als Back Up von Steve Nash wieder. Das wieder gewonnene Selbstvertrauen des Slowenen verpuffte so schnell, wie es gekommen war, weswegen ihn die Suns nach 48 Spielen an die Houston Rockets weiter reichten. Nach einer halben Saison der Eingewöhnung kam endlich der erhoffte Leistungssprung im Trikot der Raketen. Dragic war nun nicht nur auf dem Papier ein Point Guard, sondern auch auf dem Hardwood. Karrierehöchstwerte bei den Punkten (11,7), Assists (5,3) und Minuten (26,5) dokumentieren das Wachstum als Spieler, aber auch als Anführer. In 28 Partien führte Dragic damals seine Mitspieler von Beginn an in die Schlacht. Die Rockets verfehlten 2012 zwar die Playoffs, aber scheinbar hatten sie in Goran Dragic den Aufbau der Zukunft gefunden. Nachdem der etatmäßige Starter auf der Eins, Kyle Lowry, nach Toronto verschifft worden war, stand Dragic vor seiner ersten vollen Saison als NBA Starting Point Guard. Doch wie immer im Leben kam alles anders als gedacht.

Die Rockets schafften es 2012 nicht nur, das Wunderkind Jeremy Lin aus dem Big Apple loszueisen, sondern verpflichteten auch gleich noch James Harden aus Oklahoma City. Alle in Houston waren sich einig: Harden und Lin sind der Backcourt der Zukunft. Mit dem medialen Rummel um Jeremy Lin konnte Dragic nicht mithalten, weswegen es für den Point Guard erneut Abschied hieß. Der Abschied aus Houston bedeutete die Wiederkehr zur alten Wirkungsstätte in Phoenix, Arizona. Nachdem sich Phoenix' Lieblingskanadier Steve Nash auf die Ringodyssee in Richtung Los Angeles begeben hatte und Amar'es Knie schon seit 2010 ihr Unwesen in New York trieben, fehlte den Suns jegliche Art von Führungsspieler.

Als 'Lonesome Ranger' führte Dragic ein Team voller Rookies und Niemande in die Saison 2012/13. Aber dies war Dragic egal, denn die Suns waren sein Team! Als Starting Point Guard führte er seine Sonnen in eine Saison ohne jegliche Hoffnung und Ziele und machte dabei als einziger eine gute Figur. Erneut übertrumpfte Dragic seine Vorjahreswerte bei den Punkten, Minuten und Assists, aber auch diese Saison konnten seine gesteigerten Leistungen sich nicht in gesteigerten Teamerfolg ummünzen lassen. Die Suns beendeten die Saison 2012/13 mit nur 25 Siegen als Bodenabsatz der gesamten Western Conference. Die Fans und Kritiker aus Arizona hatten auch die kommende Saison mental schon abgehakt, bevor diese überhaupt begann, und das scheinbar zu Recht. Kein Ranking traute den Suns mit ihrem Point Guard und diesem Kader mehr als 25 Siege zu, im Gegenteil: manch einer spekulierte gar, ob Phoenix überhaupt mehr als 10 Siege zusammen stolpern könnte. Doch wie immer im Leben kam alles anders als gedacht!

Die 25-Siege Marke knackte Phoenix in dieser Saison nach nur 13 Wochen (25-13). Aktuell befinden sich die Suns (36-27) immer noch mitten im Kampf um einen der letzten Playoff-Spots in der Western Conference. Niemand hätte der Franchise aus Arizona solch eine Saison zugetraut, die ohne Star und mit Rookie-Headcoach Jeff Hornacek bestritten wird. Wem man dazu noch bedenkt, dass Neu-Sun und Hoffnungsträger Eric Bledsoe verletzungsbedingt nur 24 Spiele absolvieren konnte, fällt diese Erfolgsstory nur schwer zu glauben. Siege kommen in der NBA nicht aus heiterem Himmel, schon gar nicht in der darwinistischen Western Conference. Außerdem zählten die Suns keinen All-NBA Spieler in ihren Reihen, der das Ruder eigenhändig hätte rumreißen können. Wer also ist hauptverantwortlich für den Höhenflug der Suns? Erinnern wir uns an die Worte von Alvin Gentry zurück ("He's my secret weapon. I don't know where he came from"), dann können wir vielleicht erahnen, wer aus dem Nichts kam und diesen Wandel bewirkte. In Phoenix nennen sie ihn den Drachen, 'Dragic the dragon!'

2014 ist laut chinesischem Kalender das Jahr des Holzpferdes, doch in Phoenix Arizona ist es das Jahr des Drag(ic)ons! Der Aufbau der Suns spielt seine mit Abstand beste Saison und ist trotz der fehlenden All-Star Nominierung nicht mehr aus den MVP-Rankings weg zu denken. Verglichen wird Dragic mit einem jungen Manu Ginobili, und dieser Vergleich passt wie die Faust aufs Auge! Wie der Argentinier ist auch Dragic ein Linkshänder mit einem exzellenten Dribbling und erzielt seine Punkte durch akrobatische Körperverrenkungen, bei denen sich Zuschauer nur vom Hinschauen einen Hexenschuss zuziehen. Es sind diese herky-jerky Bewegungen, die Up and Under und der Pumpfake in der Zone, gepaart mit der Fähigkeit, auch aus ungewöhnlichen Positionen den Spalding ins Netz zu befördern, welche Anlass für den Vergleich geben. Für jeden Basketballspieler ist es Musik in den Ohren, mit einem zukünftigen Hall of Famer verglichen zu werden, doch Dragic hat genug davon, jemand anderer als er selbst zu sein. Erst sollte er der Jünger von Steve Nash werden, und nun soll erneut ein anderer Spieler als Blaupause für sein Spiel dienen. Dragic ist sich dessen bewusst, und er will niemand anderes sein als er selbst.



Wer einen Blick auf die Statistiken von Dragic wirft, dem fallen sofort die 20,6 Punkte in dieser Spielzeit auf. Dies ist der fünfte beste Wert unter den Point Guards der Association. Nur die All Stars Stephen Curry, Damian Lillard und Kyrie Irving sowie Sacramentos Spielgestalter Isaiah Thomas befördern öfter den Spalding durch das Netz. Dies ist eine imposante Gesellschaft, in der sich Dragic befindet und umso erstaunlicher ist, dass Dragic der beste Werfer unter den genannten fünf ist. Im Monat Februar verfehlte der Point Guard nahezu keinen Wurf und schraubte seine TS% auf unglaubliche 67%! Nicht einmal der beste Point Guard der NBA, Chris Paul, kommt an die Feldkorb-Effektivität von Dragic heran.



Aber wie schafft es Dragic, selbst dem Meisterschützen Stephen Curry in Punkto True Shooting noch etwas vormachen zu können? Was macht Dragic anders als der Rest der Aufbauspieler und warum zeigt er erst dieses Jahr solch eine Effektivität?

Anhand dieser Statistik von Kirk Goldsberry lässt sich die Evolution von Goran Dragics Wurf erkennen. Über die Jahre hinweg verbesserte Dragic immer einen bestimmten Bereich seiner Würfe. Am Anfang war es der Dreier, dann kam der Wurf in der Zone dazu und zum Schluss folgte der Mitteldistanzwurf. Diese Saison erntet der Guard die Früchte seiner Arbeit und das Ergebnis ist erstaunlich. Nahezu tödlich ist sein Mitteldistanzwurf (16-24 ft.), jeder zweite Wurf aus dieser Distanz findet seinen Weg durch den Korb. Die Tatsache, dass der lange Zweipunktwurf ein verpönter Wurf ist, aufgrund des Schwierigkeitsgrads und der daraus erzielten Punkte, hindert Dragic nicht daran, diesen trotzdem so oft wie möglich zu versuchen. Ob per Stepback Jumper oder klassisch mit Brett: sobald Dragic innerhalb der Dreipunktelinie, ist findet der Spalding sein Weg durch das Nylon. Der Dreier ist ebenfalls kein Problem für Dragic. Bemerkenswert sind die astronomisch hohen Trefferquoten aus der linken Ecke (60,9%) und oberhalb des Keys (47,5%). Was Dragic aber so viel effektiver als den Rest der Point Guard Riege macht, ist sein Wurf in der Zone.

Jeden 6. Wurf nimmt Dragic in der Zone und verwandelt diesen mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 62,3% - ein überragender Wert für einen Spieler der weder über die mutantenartige Athletik eines Russell Westbrook, noch über eine kolossale Körpergröße verfügt. Die fehlende Athletik macht Dragic mit Herz und Einsatz weg. Egal, welcher Hüne zwischen ihm und dem Ring steht, der 'Dragon' attackiert furchtlos. Kein Shotblocker der Liga kann Dragic Angst einflößen, zumeist wirken die Goliathe der NBA perplex ob der Angriffsmentalität des Suns Point Guards.

Einziges größeres Manko im Offensivspiel des Goran Dragic ist sein nicht vorhandener Floater. Der typische Wurf der 2000er-Aufbauspieler befindet sich zwar auch im Repertoire des Slowenen, doch lässt dessen Effektivität in dieser Saison zu wünschen übrig (23,1% FG). Mit einigen extra Stunden in der Trainingshalle über die Sommerzeit belässt sich diese Kritik als lästige Randnotiz in einer sonst fantastischen Saison.

Wie wichtig Dragic für die Suns ist, lässt sich nicht nur an den erzielten Punkten ablesen. Wie für einen Point Guard typisch, bestimmt er das Spiel mit seinen Pässen und seiner Aura als Floor General. Besonders im letzten Punkt hat Dragic einen großen Schritt gemacht im Vergleich zu seinem ersten Engagement in Phoenix. Als Dragic noch mit Steve Nash zusammen spielte, war das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten derartig gering, dass sein ehemaliger Coach Alvin Gentry ihn oft nur zusammen mit Nash auf das Spielfeld ließ. Die Präsenz des zweifachen MVPs erlaubte es Dragic, abseits des Balls zu spielen und sich nicht primär um den Spielaufbau zu kümmern.

Heute sieht alles anders aus. Dragic versteckt sich hinter niemandem, sondern führt seine Mannen an vorderster Front an. Am liebsten nutzt Dragic dabei das Pick & Roll mit Channing Frye. Zusammen bilden die beiden das Top Pick & Roll Duo der Liga. In 392 Pick & Roll Situationen erzielte das Duo der Suns über 500 Punkte. Dies bedeutet, dass die Suns 1,3 Punkte pro Dragic/Frye Pich & Roll erzielen. Beim Pick & Roll der beiden sieht der verteidigende Gegenspieler oft nur den heranstürmenden Dragic als Gefahr an und vergisst dabei den freistehenden Channing Frye. Der Suns Big Man benötigt nur eine Haaresbreite Platz, um den Spalding jenseits der Dreier-Linie fliegen zu lassen, und sobald dieser einmal in der Luft ist kommt er mit hoher Genauigkeit am anderen Ende des Netzes wieder heraus. Stolze 82 erfolgreiche Würfe des Centers wurden von seinem Point Guard aufgelegt. Kein Suns-Spieler verwandelt öfter die Vorlagen des Slowenen. Sollte die Defensive gewarnt sein, dient Frye als Köder, um diese auseinander zu ziehen. Dies ermöglicht es Dragic, tief in die Zone vorzudringen, oder es ermöglicht einem Spieler auf der Weakside, mit einen gezielten Cut den Korb zu attackieren.

Dragics Einfluss auf das Spiel der Suns ist unbestritten. Umso deutlicher ist die Abwesenheit des Guards zu spüren, wenn dieser auf der Bank Platz nimmt. Mit Dragic auf dem Feld erzielen die Suns 110,4 Punkte pro 100 Ballbesitze [ORt], nimmt ihr Point Guard auf der Bank Platz, erzielt die Offensive der Suns nur noch 99,9 Punkte pro 100. Heisst im Klarext: ganze 10 Punkte weniger erzielen die Suns ohne ihren besten Spieler auf dem Feld. Dieser drastische Abfall in der Punkteausbeute zeigt, warum die Suns ihren Point Guard so oft wie möglich in den Angriff involvieren wollen. Jeder vierte Suns-Angriff endet in einem Wurfversuch (FG/FT) oder in einem Turnover des Slowenen (USG 24,8%). Dragic schafft es unter seiner Führung, eine kaum mittelmäßige Offensive in die Top-10 der Liga zu heben.

Es finden sich sicherlich noch deutlichere Statistiken und Werte, um Dragics Leistungen zu dokumentieren, aber wie die Zahlen auch ausgelegt werden - eines bleibt unbestreitbar: Dragic zählt zur Elite der NBA. Nicht umsonst schwebt sein Name in den Dunstkreisen der MVP- und MIP-Rankings. Der Weg zu dieser Anerkennung war lang und zäh, aber auch ohne die individuellen Auszeichnungen sollte der Name Goran Dragic von nun an nicht mehr vergessen werden. Die Reifeprüfung für den Jungstar und seine Sonnen ist damit natürlich noch lange nicht vorbei, schließlich warten noch die Playoffs. Und die muss Phoenix erreichen, wenn diese tolle Saison auch am Ende eine erfolgreiche sein soll. Dort angelangt kann Dragic auf der größten Basketballbühne der Welt erneut sein Können demonstrieren und sich Kopf an Kopf Duelle mit den besten Guards der Liga liefern.