16 März 2014

Jan Wiesinger | 16. März, 2014    @WiesiG





Wir hätten es wissen müssen. Dass da etwas auf uns zukommen würde. Etwas Großes, etwas Unerwartetes. Und wir sitzen da und vor uns steht es: Die NBA erwägt die Einführung einer Vierpunktelinie! Eine Revolution des Spiels, das wir so alle lieben, steht bevor. In der Hall of Fame der Regeländerungen eingereiht neben Shotclock, Foulobergrenze, Illegal Defense und Hand-Checking. Neu-Commissioner Adam Silver setzt sich sein frühes erstes Denkmal der Post-Stern-Ära. Noch bewegen wir uns auf der Ebene des puren Gedankenspiels. Wie realistisch aber ist die Einführung eines „Vierers“ wirklich, welche Auswirkungen hätte er auf das Spiel und warum entbrennt eine solche Debatte genau jetzt?

Die Argumentation der Befürworter ist einfach und erschreckend schlüssig: Die modernen Regeländerungen hätten zusammen mit den verbesserten Trainingsmethoden die klassischen Dimensionen des Spiels längst verschwimmen lassen, das moderne NBA-Spiel sei viel zu stark auf den Dreipunktewurf ausgelegt und am Ende seiner Möglichkeiten angekommen. Und tatsächlich ist die Tendenz zum vermehrten Abschluss aus der Distanz eindeutig erkennbar. Die NBA-Teams nahmen in der regular season 2012/13 im Schnitt 20 Dreipunkt-Versuche pro Spiel, was einen Höchstwert in der 34-jährigen Geschichte der Linie darstellt. Die Diskrepanz bei der Häufigkeit des Wurfs zwischen den einzelnen Teams ist jedoch ebenfalls deutlich erkennbar: So waren es bei den Houston Rockets 29,2 Versuche pro Spiel, bei den Memphis Grizzlies lediglich 13,7. Heisst im Klartext: 35,4% aller Abschlüsse der Texaner gingen somit über den Dreier, bei den Defensiv-Künstlern aus Tennessee lag die Rate trotz der deutlich langsameren Pace nur bei 16,8%. Während Harden & Co also mehr als jeden dritten Wurf von Downtown nahmen, war es bei den Grizzlies nur jeder sechste. Von einer Dreier-Pandemie zu sprechen, welche längst jedes Team der Liga heimsuche, wäre also falsch.

Auch Downtown war mal Neuland
Das schlagkräftigste Argument für den Vierer sind die Vorzüge des Dreiers selbst. Banal: Floor Spacing und daraus resultierend spannendere Spielausgänge, endlose Overtime-Schlachten und wilde Wimpernschlag-Buzzerbeater. Wer vehement den Vierer fordert, will wohl noch mehr davon.

Die Dreipunktelinie begann ihren Siegeszug erst zu Beginn der NBA-Saison 1979/80 (übrigens die Rookie-Saison von Bird und Magic) und kann als Relikt der 1976 in der NBA aufgenommenen ABA angesehen werden. Die NBA hingegen existiert bereits seit dem Jahr 1946, während der Hälfte ihrer Existenz kam sie also gänzlich ohne den Dreier aus. Im Angesicht der über 120-jährigen Geschichte des Basketballs selbst wirkt es dagegen schon fast blasphemisch, den Dreipunktewurf als traditionell zu bezeichnen.

Der Abstand der Linie zum Korb beträgt seit der Einführung 23,75 Fuß (7,24m), wobei die abgeflachten Ecken zur Grundlinie hin nur 22 Fuß (6,71m) vom Korb entfernt sind und somit im Spiel den besonderen Stellenwert des vermeintlich einfachsten Dreipunkt-Versuchs einnehmen. Während der Jahre 1994 bis '97 verkürzte die NBA den Abstand des „Arcs“ für drei Saisons auf eine halbkreisförmige Linie mit dem Abstand von 22 Fuß, was zu einem zwischenzeitlichen Anstieg von Dreier-Quote und -Versuchen führte.

Schiessen will gelernt sein
Dass die heutigen Fabelquoten der Currys und Korvers dieser Welt auch das Resultat von Trainingsarbeit und vor allem des Bewusstseins, dass ein hochprozentiger Dreier essentiell für den modernen NBA-Basketball ist, zeigt das Beispiel Michael Jordan: MJ himself nahm im Schnitt nur 1,7 Dreier pro Spiel und traf diesen mit 32,7%. In den ersten vier Jahren seiner professionellen Karriere traf er gar nie mehr als 20%.

Ursache für diese aus heutiger Perspektive unterdurchschnittlichen Werte war wohl die Tatsache, dass MJ während seiner College-Karriere bei den North Carolina Tar Heels ohne eine „echte“ Dreier-Linie auskommen musste. Stattdessen gab es in der Conference der Heels einen zwischenzeitlich kaum 6 Meter entfernten Dreipunktewurf, der aber nach einer Saison wieder verschwand. Ein anderer Spieler, der im Zusammenhang mit dem Dreipunktewurfs immer wieder genannt wird, ist Antoine Walker. Auf die Frage eines Journalisten, warum er denn so viele Dreier nähme, antwortete Walker einst stumpf: „Because there are no fours.“

NBA-Mathematik für Vorschüler
Trotz dieser messerscharfen Analyse des Spiels war „Employee #8“ Zeit seiner aktiven NBA-Laufbahn weder für seine finanziellen Geschicke abseits des Courts noch für seinen gefährlichen Dreier bekannt. Tatsächlich nahm Walker während seiner 12-jährigen Karriere im Schnitt 4,8 Dreier pro Spiel und traf diese mit durchschnittlich 32,5%. Ein schlichtweg ineffizienter Wurf, wie sich anhand einiger Beispiele zeigen lässt. Antoines Dreier war im Schnitt nur 0,975 Punkte wert (Dreier-% x 3). Stellt man dagegen die durchschnittliche Dreier-% von 35,9% aus der Saison 2012/13, erhält man immerhin einen Wert von 1,08 Punkten pro Versuch.

Der lukrativste Wurf in der NBA ist mit deutlichem Abstand der Freiwurf, der in der letzten Saison im Schnitt mit 75,3% getroffen wurde und somit im Doppelpack über 1,5 Punkte wert war. Dwyane Wade gewann 2006 so immerhin die NBA-Finals. Um einen möglichen Vierer als lohnenswerten Abschluss gegenüber dem Dreier zu etablieren, müsste Ersterer mit mindestens 27% getroffen werden, was anhand heutiger athletischer Voraussetzungen durchaus realisierbar erscheint.

Darf's ein bisschen mehr sein?
Der Abstand der neuen Linie, so sie denn tatsächlich eingeführt wird, soll sich verschieden Quellen zufolge auf 28-30 Fuß belaufen. Das derzeitige Entfernungsverhältnis mit dem kürzeren Eckdreier könnte also keinesfalls auf eine Vierpunktelinie adaptiert werden, da der Court dafür schlichtweg zu schmal wäre. Will man die Abstände also beibehalten, ist eine Verbreiterung des Spielfelds zwingend notwendig. Der ohnehin schon hohe Laufaufwand der Spieler würde weiter vergrößert, was im eng strukturierten NBA-Zeitplan eine nicht zu unterschätzende Mehrbelastung darstellen würde. Eine Vierpunktelinie ist somit wohl nur zwischen Halfcourt und dem „Top of the key“ denkbar.

Einen gänzlich anderen Denkansatz verfolgen die Harlem Globetrotters, bei denen bereits seit 2010 ein Vierpunktewurf zum Einsatz kommt. Bei Spielen der Showtruppe aus New York City sind zwei kreisförmige „sweet spots“ auf beiden Seiten des Spielfeldes jeweils 35 Fuß ( immerhin stolze 10,67 Meter) vom Korb entfernt einmarkiert. Besonderheit hierbei ist vor allem die zeitliche Beschränkung des Wurfs auf die letzten drei Minuten in jedem Viertel, was zumindest einem permanenten Run-and-Gun, wie ihn heute zum Beispiel die Houston Rockets zelebrieren, präventiv entgegenwirkt. Die weiteren Auswirkungen einer Vierpunktelinie auf das Spiel sind derzeit nur schwer abschätzbar.



Es geht nur ums Timing
Nein, wir werden nicht erleben, wie die werten Herren Firefly, Slick und Bull im nächsten Draft in der ersten Runde gezogen werden. Und auch das Burj-Khalifa-hohe Pick-and-Pop kurz hinter der eigenen Freiwurflinie wird so schnell keinen Einzug in die Playbooks der Liga finden. Die Debatte um eine Vierpunkteline mag die Lager der Traditionalisten und Reformer des Spiels entzweien wie kaum ein anderes Thema. Tatsächlich geht es hier vielleicht um etwas ganz anderes: Es geht um Aufmerksamkeit. In der ereignisarmen Zeit nach Allstar-Game und Trade-Deadline, in der man sich über die neueste Masken-Mode bei Nasenbeinbrüchen oder Off-court-Eskapaden einzelner Spieler den Kopf zerbricht, sind sowohl Medien als auch Liga froh über jede Art von Aufmerksamkeit.

Zwar sind drei Viertel der Saison gespielt, der letzte Endspurt um die Playoff-Plätze liegt jedoch noch in weiter Ferne. Bevor das medienwirksam inszenierte NCAA-Tournament dem NBA-Tagesgeschehen in den nächsten Wochen deutlich die Show stehlen wird, darf man sich ein letztes Mal im medialen Fokus sonnen. Medien lancieren Spekulationen, die Verantwortlichen lassen sich nicht zu einem Dementi hinreissen und produzieren stattdessen viel- und zugleich nichtssagende Phrasen, welche die Medien professionell überinterpretieren und ausschlachten. Aufmerksamkeit für beide. Die wohl klassischste aller Win-Win- Situationen.

Nicht am Limit
Fortschritt ist gut und die Liga darf sich gegenüber Neuerungen nicht verschließen. Jeder Coach, jeder Spieler und jeder Fan muss sich permanent mit dem auseinandersetzen, was er da tut, was er liebt und was er hasst. Nur so können Potenziale erkannt und Probleme ausgemacht werden. So hat die Debatte um den Vierer für uns alle doch in der Auseinandersetzung mit dem Spiel etwas bewirkt. Wir wollen dieses Spiel, ob mit oder ohne den Vierpunkte-Wurf.

Und so wird auch im nächsten Jahr wieder etwas da sein. Etwas Großes und Unerwartetes. Und wir werden wieder da sitzen, darüber diskutieren und debattieren und uns denken: Basketball, Baby!