09 März 2014

Hauke Büssing | 9. März, 2014    @ballwerkorange




Kaum ein NBA-Anhänger hat je gesagt: „LeBron James? Guter Spieler. Netter Typ. Interessiert mich nicht weiter.“ Nein, eine solche Gleichgültigkeit musste der heute 29-jährige MVP aus Akron, Ohio, nie erfahren. Viel eher überschneidet sich die Einstellung der meisten Fans beim Thema LeBron mit einem Blumentopf-Song: Liebe & Hass. Dazwischen gibt es nichts. Basketballinteressierte vergöttern James – oder sie verteufeln ihn.

Zu meiner Schande muss ich geschehen, lange Zeit zu den letzteren gehört zu haben. Als eingefleischter Celtics-Fan war es seit der Saison 2007/08 eine Selbstverständlichkeit, eine imaginäre Zielscheibe auf die immer größer werdende Stirn des selbsternannten Königs zu zeichnen. Zunächst im Trikot der Cavs, dann mit den Heat, stellte James stets Bostons größte Konkurrenz im schwachen Osten dar. Pierce, Garnett und Rondo entwickelten sich zu seinen Erzrivalen und repräsentierten jahrelang ein Hindernis, das er schlichtweg nicht überwinden konnte. Und das sahen wir Grünen natürlich nur allzu gern.

Heute hat sich diese Einstellung jedoch grundlegend geändert. Nicht nur die Celtics sind momentan lediglich eine Randnotiz in James‘ Gedankengang auf dem Weg zum dritten Titel, auch nahezu alle negativen Gedanken, die ich über den Point Forward einst hegte, sind verflogen. Oder viel treffender: James selbst hat sie eigenhändig ausradiert.

Früher störte mich sein Spiel: Ein begnadeter Überathlet mit dem Körper von Karl Malone und der Agilität von Allen Iverson, der lieber Sprungwürfe nahm als sich seiner physischen Vorteile zu bemächtigen - dieser Widerspruch ärgerte mich. Ich rümpfte die Nase angesichts seines fragwürdigen Mind-Sets: Es schien James oft wichtiger, die Zuschauer zu erstaunen, als die Partie zu gewinnen. Im Warm-Up schleuderte er Unterhandwürfe von der Mittellinie in Richtung Korbanlage anstatt sich auf den Gegner einzustellen. Auf dem Parkett tendierte er dazu, Rekorde über Resultate zu stellen. Und obwohl er bereits am Anfang seiner Karriere ein exzellenter Passgeber war, wirkte James‘ Ego in Mike Browns Eins-gegen-Fünf-Offensive in Cleveland dennoch aufgeblähter als Eddy Curry nach einem Chili-Wettessen.

Heute: Eine andere Welt. Obwohl James abseits des haselnussbraunen Parketts noch immer ein Charakter ist (und das meine ich nicht positiv), hat sich sein Fundament grundlegend geändert. Vier MVP-Titel in fünf Jahren, zwei Meisterschaften in Folge und eine schlichtweg abyssale individuelle Leistungssteigerung sprechen Bände. In der vergangenen Saison zeigte James der NBA-Gemeinde neue Dimensionen auf. Seine Effizienz, seine Universalität und seine Fehlerlosigkeit eröffneten bislang unbekanntes Terrain für Spitzenbasketballer. Das 2,03 Meter große Kraftpaket revolutionierte die Sichtweise, durch die wir den Sport wahrnehmen: Positionslos, offensiv wie defensiv dominant und bei Zeiten nicht anders zu beschreiben als übermenschlich. Nun, ein Jahr später, zieht er den nächsten Gang an. Kaum zu glauben, aber wahr: In der aktuellen Spielzeit ist James sogar noch eine Nummer besser.

Denn während seine Schwächen schrumpfen, wachsen seine Stärken fortlaufend an. Er spielt auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere – und hat dennoch in seiner gesamten Laufbahn noch nie so wenige Schüsse genommen wie momentan. Geht das überhaupt? Lediglich 17,4 Würfe gönnt sich James im Schnitt, und er trifft – Hosen festhalten – 58,2 Prozent von ihnen. Lediglich ein einziger Spieler in der Geschichte der NBA war so effektiv, obwohl er so häufig abschließen musste. Sein Name: Shaquille O’Neal.

Der Vergleich mit Shaq zeigt James‘ Fortschritt, was das Physische angeht. Die Hälfte all seiner Versuche findet in direkter Nähe des Brettes statt, und absolut unfassbare 76,4 Prozent dieser Versuche landen im Netz. Und auch aus der Distanz ist er mit 38,6 Prozent in den vergangenen drei Jahren nicht mehr zu unterschätzen. Seine acht Dreier gegen Charlotte beim 61-Punkte-Spiel zeigen, dass es inzwischen äußerst peinlich werden kann, James den offenen Wurf zu geben.

Wie, also, soll man den besten Spieler der Welt verteidigen? Von der rechten Seite des Feldes ist er mit nur 33,8 Prozent aus dem Feld ein vergleichsweise schwacher Schütze. Sein Zug zum Korb ist mit rechts jedoch bärenstark. 255 Korbleger, Hakenwürfe, Floater und Dunks nahm James in dieser Saison auf der rechten Seite, und 213 fanden ihr Ziel: 83,5 Prozent! Würde er noch mehr treffen, wäre Bugs Bunny sein Teamkollege.

Von der linken Seite darf man ihn jedoch nicht einmal schießen lassen. Kein Wunder, ist James abgesehen von seiner Wurfhand doch eigentlich Linkshänder. Er schreibt mit links, isst mit links und macht alles andere mit links. 64 Prozent seiner Schüsse aus jeder Position, die nicht auf der rechten Seite des Parketts liegt, rauschen durch die Reuse. Und auch am Korb ist er dort mit knapp 75 Prozent nicht aufzuhalten.

Die Antwort ist also simpel. Wie verteidigt man James? Gar nicht. Man lässt ihn offensiv für seine Schüsse arbeiten und sorgt dafür, dass er sich defensiv nicht ausruhen darf – wie gegen die Bobcats. Der Rest ist hoffen und beten.

Im vergangenen Jahr rann James mit der MVP-Trophäe davon. Und das mit Recht. Niemand anderes kam in Betracht, nicht einmal Kevin Durant. In dieser Saison spielt James sogar noch besseren Basketball – wird jedoch im Rennen um den Titel des wertvollsten Spielers vermutlich bloß Zweiter. Sein Counterpart aus Oklahoma gilt momentan als Spitzenkandidat für die Auszeichnung, musste er angesichts des Ausfalls von Russell Westbrook doch für einen Großteil des Jahres die doppelte Last schultern. Paradox: Seit über zwanzig Jahren gibt es niemanden, der an das momentane Niveau von James heranreicht. MVP wird er mit dieser Leistung wahrscheinlich trotzdem nicht.

Gut so, werden die Hasserfüllten sagen. Denn ihre Antipathie stützt sich nicht auf das, was auf dem Court geschieht. Diejenigen, die James nicht mögen, tun das wegen seines Verhaltens vor und nach dem Spiel. Die arroganten Äußerungen, das teils kindische Gehabe und nicht zuletzt die berühmt-berüchtigte Decision haben tiefe Narben im Ansehen des größten Athleten unseres Planeten hinterlassen. Denn rein sportlich gibt es momentan keinen Grund, James nicht abgöttisch zu lieben – selbst wenn man die Person LeBron nicht unbedingt mag. Das habe selbst ich inzwischen begriffen.


Hauke Büssing schreibt auch für die FIVE und ist Gründer und Chefredakteur von Ballwerk Orange. Auf ballwerkorange.de findet ihr viele lesenswerte Artikel über Sport, Popkultur und die NBA.
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