23 Februar 2014

Daniel Schlechtriem | 23. Februar, 2014   







Deadline-Daryl hat es wieder getan und hält seine Serie aufrecht: Unter seiner Führung ist ein Trade der Houston Rockets zur Deadline sicher wie ein Crunchtime Freiwurf von Reggie Miller – so auch dieses Jahr, wenngleich es nur ein kleiner, wenig weltbewegender und doch für beide Seiten sinnvoller Tausch war. Die Rockets schicken ihren dritten Point Guard Aaron Brooks nach Denver, wo diese Position ziemlich verwaist ist. Im Gegenzug wechselt Jordan Hamilton nach Houston und Coach McHale erhält dadurch seine erwünschte Verstärkung auf dem Flügel.

Dieser Trade entstand primär aus der Handlungsnotwendigkeit in Denver: Mit drei Point Guards in die Saison gestartet, war zuletzt keiner von ihnen mehr einsatzfähig/-bereit: Andre Miller zog konsequente Folgen aus seiner Nichtberücksichtigung am Neujahrstag und weigerte sich fortan eisern, das Jersey der Nuggets noch einmal überzustreifen. Nate Robinson zog sich einen saisonbeendenden Kreuzbandriss zu. Und auch Starter Ty Lawson plagt sich seit Wochen mit einigen Wehwehchen herum, musste zuletzt wegen einer Rippenfraktur passen. Infolgedessen ließ Headcoach Brian Shaw abwechselnd Randy Foye, Evan Fournier oder den jetzigen Rocket Hamilton den Ballvortrag übernehmen: Logische Konsequenz: 17,4 Turnover pro Spiel im Februar und eine Bilanz von 3-6 in diesem Monat.

Lange versuchte das neue Front Office in Denver, den brüskierten Miller für einen positionsgerechten Ersatz zu tauschen, doch weder ein vorgeschlagener Deal etwa um Jarrett Jack von den Cleveland Cavaliers oder um J.J. Barea von den Minnesota Timberwolves stellte alle Parteien zufrieden. Darum fiel der Fokus auf der verzweifelten Suche nach einem brauchbaren Aufbauspieler nach Houston und Brooks. Dieser hätte den Wechsel dank seiner 1-Year Bird Rule No-Trade Klausel unterbinden können. Im Sommer verzichtete er möglicherweise auf Geld oder einen längeren Vertrag, um in seiner sportlichen Heimat bleiben zu können, in der er seine größten Erfolge - persönlich und im Team - feierte.

Die erwähnte Dürre in Denver war letztlich der überzeugende Grund, von besagter Klausel keinen Gebrauch zu machen. Der pfeilschnelle Brooks ist vergangenen Monat 29 Jahre alt geworden. Im Sommer wird er wieder Free Agent sein und könnte vielleicht noch einmal einen (verhältnismäßig) großen Vertrag vorgelegt bekommen – doch dazu muss er auf dem Feld stehen, was ihm in Houston niemand garantieren konnte. In Denver hingegen wird er angesichts der aufgeführten Umstände in Kürze starten.

Brooks kam für die Rockets nur dann zum Einsatz, wenn einer der anderen Spieler aus der Guard Rotation – Harden, Beverley, Lin – fehlte. Wenn gefordert, war er aber zur Stelle: Stand beispielsweise ein DNP hinter Hardens Name, legte Brooks 12,1 Punkte und 51% von Downtown aufs Parkett. Standen aber die genannten drei anderen Guards zur Verfügung, war AB nur Zuschauer. In vier seiner sechs letzten Spielen als Rocket kam er überhaupt nicht zum Einsatz, bei seinem letzten Auftritt in Rot, dem Erdrutschsieg über die Lakers am Mittwoch, erst in der Garbage Time. Beverley ist in Houston als Starter gesetzt, Lin als sechster Mann, außerdem schießt sich in der D-League Isaiah Canaan für die NBA warm: Die Chancen auf einen neuen Vertrag in Houston – und wenn es wieder nur ein Einjahresvertrag gewesen wäre –  standen angesichts dieser Konkurrenzsituation ohnehin wenig gut für Brooks, weswegen er sich letztlich überzeugen ließ, dem Trade zuzustimmen und in Denver neue sportliche Argumente für den Sommer zu sammeln.

Vermutlich ließ er sich außerdem überzeugen, weil er mit seinem Tempo und dem sicheren Wurf optimal in den (wieder aufgenommenen) Hochgeschwindigkeitsspielstil der Nuggets passt. Mit steigender Spielpraxis und Routine kann Brooks immer noch ähnlich heiß laufen wie in der Saison 2009-10, als er dank 19,6 Punkten und 5,3 Assists zum Most Improved Player gewählt wurde. Dies deutete AB bei seinem Debüt am Freitag für die Nuggets an: Zwar setzte es eine herbe 117-89 Ohrfeige von den Bulls, Brooks brachte aber als einer der wenigen Lichtblicke Zählbares  aufs Scoreboard (17 Pts bei 7-11 FG in 28 Minuten).

Brooks kann die Offensive lenken, mit seinen Drives die gegnerische Verteidigung auf Trab halten und dabei Räume schaffen sowie gleichzeitig als Spot-Up Shooter (41% Dreier) fungieren. Die Nuggets erhalten also Hilfe in der Spielordnung und zusätzliche Feuerkraft. Was sie allerdings nicht erhalten, ist die eigentlich dringend benötige defensive Unterstützung. Außer seiner Geschwindigkeit hat Brooks an diesem Ende des Feldes nichts zu bieten.

Auch wenn die Akquisition eines neuen Aufbauspielers zwingend notwendig war, stellt sich die Frage, was die Nuggets mit diesem Zug bezwecken: Ihre Bilanz (25-29) lässt sie zwar nicht hilflos verloren hinter Platz Acht und den Playoffs stehen, dennoch trennen sie drei weitere, insgesamt besser besetzte Teams von diesem Ziel, die ebenfalls mit aller Kraft in die Postseason wollen und die Chancen in der Mile High City mit jedem Spieltag schmälern. Angesichts der zuletzt chaotischen Auftritte ist es undenkbar, dass dieses Team selbst nach der Rückkehr Lawsons noch an Memphis, Dallas oder gar beiden vorbeizieht.

Mit Brooks auf der Eins verhindern die Nuggets wenigstens, zur Lachnummer der Liga zu verkommen, die ohne echten Aufbauspieler und demzufolge einer völlig konfusen Offensivordnung ernsthaft in der Western Conference bestehen möchte. Ein realistischer Blick auf die Verhältnisse im Pepsi Center lässt trotzdem nichts anderes übrig, als diese Saison abzuschenken und sich jetzt schon über den Sommer und darüber hinaus Gedanken zu machen. Gegebenenfalls haben die Nuggets ihre größte Baustelle beseitigt und in Brooks ihren dauerhaften Backup für Ty Lawson gefunden.



Vielleicht aber auch nicht – und dann werden bald schon Zweifel aufkommen, ob gut zwanzig mehr oder weniger bedeutungslose Spiele mit Brooks es wert waren, in Hamilton einen kostengünstigen Youngster abzugeben, der zudem noch ein wenig Upside hat. Denn Hamilton ist erst in seinem dritten Jahr und zeigte Ansätze, die zumindest Hoffnung auf einen soliden Rollenspieler machen. In Houston wird er Minuten hinter Chandler Parsons auf der Drei bekommen, Coach McHale sieht den bisherigen Backup Omri Casspi eher als Strech Power Forward. Veteran Francisco Garcia hatte die ganze Saison über mit Verletzungen zu kämpfen, sodass für den Neuzugang Minuten frei werden.

Hamilton kann von allem ein wenig, deshalb werden seine Primäraufgaben darin liegen, mit seiner Athletik das Tempospiel voranzutreiben, offene Dreier zu versenken (derzeit 35%) und auch ein wenig die Defense zu verbessern. GM Morey preist außerdem Hamiltons Reboundfähigkeiten: Zuletzt war er nicht zufrieden mit den weiten Abprallern, die außerhalb von Dwight Howards Reichweite zu oft beim Gegner landeten.

Hier kann Hamilton helfen, der außerdem auf dem College in Texas war und daher in keine völlig neue und ungewohnte Umgebung kommt. Er wird sich schnell in Houston akklimatisieren, was für die restliche Saison auch zwingend erforderlich ist, denn die Rockets – aktuell auf Platz drei im Westen – befinden sich mitten in der erbitterten Schlacht um Heimrecht in den Playoffs und haben keinen Platz mehr für Experimente. Weil die Nuggets vergangenen Herbst nicht die Option in Hamiltons Rookievertrag zogen, läuft dieser aus, was wiederum positiv für Houston sein kann, denn ihr Neuzugang will in der Free Agency bezahlt werden – dafür muss er in der Restsaison auf sich aufmerksam machen. Sollte er nicht den Erwartungen entsprechen, streichen die Rockets im Sommer eben eine gute Million von ihrer Gehaltsliste. Insgesamt handelt es sich also wieder um einen typischen Morey Deal, in dem er wenig abgibt, dafür aber ohne Risiko viel gewinnen kann.

Neben dem Trade um Hamilton entließen die Rockets Ronnie Brewer, um Platz im Kader für Troy Daniels zu schaffen. Dieser ist – Überraschung, Überraschung! – ein exzellenter Dreierschütze, versenkte in der laufenden D-League Saison in 32 Spielen bei einer Quote von knapp über 40% unfassbare 173 Würfe von Downtown (über 5 pro Spiel) und passt daher optimal nach Houston. Die Rockets haben außerdem noch ihre Room Exception, was bedeutet, dass sie bis zum 1. März einem der von einem anderen Team entlassenen Veteranen einen Vertrag mit circa 1,9 Millionen Dollar Salär anbieten und sich somit weiter für ihren Playoff-Run verstärken können.


nbachef meint: Vorteil Houston