24 Februar 2014

Frank Wegener | 24. Februar, 2014    @Sympartysant






Wenn vom besten Aufbauspieler in der besten Basketballliga die Rede ist, kann es sich nur um Mister Christopher Emmanuel Paul handeln. Der kleine Guard spielt sich auch diese Saison wieder in die Herzen der Fans. Seine 13 aufeinanderfolgenden Double Doubles zum Start der neuen Spielzeit bedeuteten einen neuen NBA-Rekord. Seine Spielweise ist nicht nur spektakulär und dominant, sondern vor allem effizient und intelligent. Er führt die zweiteffizienteste Offensive (109.1 Punkte pro 100 Possessions) der Liga an, obwohl er sich häufig bis ins Schlussviertel mit dem Scoren zurückhält. Mindestens genauso beeindruckend ist seine Defensivarbeit, die ihn sechs mal zum Spieler mit den meisten Steals in der NBA machte.

Wenn seine Los Angeles Clippers heute die strauchelnden New Orleans Pelicans empfangen, werden die meisten bereits vergessen haben, dass Paul die ex-Hornets vor nicht allzu langer Zeit zu ihrer besten Saison aller Zeiten geführt hatte.

Coming up
Paul wuchs in Lewisville, North Carolina auf. Das Verhältnis zu seinen Eltern beruhte auf Respekt und Disziplin. So war es zum Beispiel im Hause Paul streng verboten, sich in Slangsprache zu unterhalten oder sich nicht an vereinbarte Abmachungen zu halten. Der größte Wert aber wurde auf eine gehobene Bildung und Fleiß gelegt. Den ersten Kontakt mit der orangenen Pille hatte Chris als 3-Jähriger, als sein Vater Charles ihm einen Mini-Basketballcourt aus rotem Klebeband und Fisher Price Körben bastelte. Sein aufrichtiges Interesse am Basketball wurde schließlich durch die Michael Jordan Ära geweckt. Fortan spielte er unaufhörlich auf Freiplätzen und in der Schule. Eines Abends fragte sein Vater einen Nachbarn, der gerade seine Auffahrt betonierte, ob er nicht einen kleinen Streetballcourt auf dem Hügel am Ende ihrer Straße gießen könne. Der Nachbar willigte ein und Chris Paul hatte von nun an seinen ganz persönlichen Übungsplatz.

Als Junior an der West Forsyth High School legte er beträchtlich an Größe zu und machte in seiner ersten Saison als Starter 25 Punkte und 4,4 Steals im Schnitt. Nachdem er sich landesweit einen Namen gemacht hatte und von unzähligen Colleges umworben wurde, entschied er sich im November 2002 für die University of Wake Forest. Chris sammelte als Schüler viele individuelle Auszeichnungen, unter anderem als North Carolinas Mr. Basketball, North Carolinas High School Player des Jahres und Mitglied des USA Today All-USA Teams.

Auf dem College erzielte er 15 Punkte und 6.3 Assists pro Partie. Er führte Wake Forest zwei mal ins NCAA-Turnier, musste sich dort aber 2004 gegen Saint Josephs im Sweet Sixteen geschlagen geben. Ein Jahr später war dann für die Demon Deacons in der zweiten Runde gegen West Virginia Endstation. Trotzdem festigte Paul seinen Status in der ACC (Atlantic Coast Conference) und wurde zu einem der begehrtesten Picks im Vorfeld des 2005er NBA Drafts. Die New Orleans Hornets sicherten sich seine Rechte mit dem 4. Pick.

Skills
Pauls Spiel ist von seiner Einstellung und seiner mentalen Beschaffenheit geprägt. Vielen Spielern wird es zum Verhängnis, nach zwei, drei guten individuellen Saisons in den Selbstläufermodus zu schalten. Nicht so Paul. Zusätzlich zu seiner vorbildlichen Arbeitseinstellung ist er fast schon übertrieben ehrgeizig, ähnlich eines Kobe Bryant, Kevin Durant oder LeBron James. Der Ehrgeiz füttert den Drang nach Erfolg, und Erfolg heißt in seinem Fall nicht individueller Erfolg, sondern Teamerfolg. Der Dominoeffekt von Arbeitseinstellung, dem Ehrgeiz, dem Drang nach Teamerfolg führte zu seinen makellosen Führungsqualitäten. Es gibt nur ganz wenige Spieler, die ein solch universelles Set an Softskills mitbringen. All seine Fähigkeiten auf dem Platz resultieren aus der Basis dieser Softskills.

Kaum jemand schafft es so präzise vorauszuahnen, welcher Pass wann und wo am besten hin gespielt werden muss. Chris Paul legt aber nicht einfach nur Assists auf, sondern passt so, dass der Empfänger sofort und hochprozentig abschließen kann. Er versucht dabei immer auch die Rotation des Balles mit einzuberechnen. Dadurch haben die Schützen sofort den richtigen Touch am Ball und können sofort abdrücken. Oft gibt er den Ball schon früh weiter um den Angriff über eins, zwei weitere Stationen einzuleiten. Außerdem marschiert er auch häufig in die Zone, wo er durch schnelle Richtungswechsel oder Crossover-Dribblings mindestens zwei Leute auf sich zieht und dann gerne mal mit einem Lobpass auf Blake Griffin oder DeAndre Jordan für krachende Dunks ablegt.

Dank seiner flinken Hände und seiner exzellenten Ballkontrolle ermöglicht er sich auch selbst den eigenen Schuss, obwohl er nur knapp größer als 1,80 Meter ist. Der Jumpshot fällt bei ihm zuverlässig, wenn auch nicht rekordverdächtig. Sein Wurf vom Perimeter gehört zwar nicht zur Creme de la Creme der Liga, aber er ist solide genug, um das Spiel in die Breite zu ziehen. Sowohl in der Defense als auch in der Offense studiert er die Rotationen des Gegners und weiß zuverlässig, wo er zu stehen hat und welches Play welche Ertragsaussichten mit sich bringt. Die Kombination aus Antizipation und Schnelligkeit erlaubt es ihm, den Gegenspielern überdurchschnittlich viele Bälle zu klauen (2,3 SPG). Er versteht es wie kaum ein anderer, aus all diesen Möglichkeiten Profit zu schlagen (ORtg 125,1).

Seine Cleverness bringt ihm allerdings auch manch Antipathie ein. Bei leichtem Kontakt fällt er gerne theatralisch zu Boden und zieht sich damit den Zorn einiger Fans und Spieler zu. Floppen ist eine gern angewandte Methode von ihm, um Turnover beim Gegner zu provozieren. Eine der größten Stärken von Paul, und darüber gibt es keine geteilten Meinungen, ist dafür sein Clutchplay. Obwohl er nur 1,83m misst, schafft er es sich in der Regel einen gut positionierten Wurf nah am Korb zu kreieren und trifft dabei erstaunlich gut (66% FG in Ringnähe). Viele Teams können ein Lied davon singen, mit welcher Sicherheit er den entscheidenden Wurf versenkt.

What a difference
Ohne CP3 wäre der Aufstieg der Clippers zu einem Playoffteam und Contender sicherlich nicht möglich gewesen. Im Jahr vor seinem Erscheinen in der Stadt der Engel dümpelte das andere Team aus L.A. bei 32-50 Siegen herum. Mit Paul gewannen die Clippers plötzlich mehr als 60% ihrer Partien (40-26), holten ein Jahr später ihren ersten Division-Titel der Geschichte und verbesserten ihre W-L Bilanz auf 56-26 Siege (68%). In diesem Jahr läuft es dank Paul und einem erst nach seinem Erscheinen rundum erneuerten Team ähnlich gut. Los Angeles hat erstmals realistische Chancen auf 60 Siege.

Für New Orleans hingegen ging es nach dem Trade, der alles veränderte, schnurstracks in die entgegengesetzte Richtung. Zwischen 2005 und 2011 verloren die damaligen Hornets nie mehr als 55% ihrer Begegnungen. Das Team kam auch mit Chris Paul zwar nie über die zweite Playoffrunde hinaus, aber es gewann 2008 seinen bisher einzigen Divisionstitel und erreichte dabei Franchise-Rekord verdächtige 56 Siege. Nach der Entlassung des langjährigen Head Coaches Byron Scott ging es ab 2009 rapide bergab. Zwar blieb das Team dank Paul weiterhin konkurrenzfähig und erreichte die Playoffs, aber Verletzungen und schlechtes Management zwangen die Hornissen letztendlich in die Knie.

Der Trade mit den Clippers nach dem geplatzten Trade mit den Lakers besiegelte das Schicksal der Franchise, die mit CP3 ihren größten Erfolg feierte und einst nur ein Spiel vom ersten und einzigen Conference Finale der Historie entfernt war. Ohne Paul stürzte der Klub um 25 Siege auf 21-45 ab und verlor auch in der darauffolgenden Saison - der letzten vor der Umbenennung - mehr als zwei Drittel aller Begegnungen. Zwar haben die Pelicans heute mit Anthony Davis einen neu erstrahlenden, aufsteigenden Stern am NBA-Himmel, aber Erfolg auf Teamebene oder gar das Erreichen der Playoffs ist ihnen seit Chris Pauls Abgang nicht vergönnt. Unterschiede zwischen zwei Franchises müssen selten an einem einzigen Spieler festgemacht werden. Wenn der aber zu den fünf besten Spielern der Welt gehört und solch folgenschweren Einfluss auf die Geschicke beider Klubs hatte, gibt es kaum einen Weg daran vorbei.