08 Juli 2013

Daniel Schlechtriem | 8. Juli, 2013


Einengende Lakers-Krawatte ab, viel zu enges Rockets-Jersey an: Houston hat Liftoff! (Photo: @Clutchfans)




Dwight Howard ist ein Houston Rocket. Die Argumente waren einfach zu überzeugend – und wer würde es außerdem wagen, Dr. Sheldon Cooper zu widersprechen? Dwights Wechsel nach Houston gleicht nicht weniger als einem Erdbeben (wenngleich ein absehbares), denn welcher Spieler seines Formats hat jemals in der Blüte seiner Karriere die Los Angeles Lakers verlassen? Für die Rockets hat dieser Wechsel eine sehr spezielle Bedeutung, bedenkt man, dass sich die namhaftesten Free Agent Verpflichtungen der letzten zehn bis fünfzehn Jahre irgendwo zwischen Maurice Taylor, Shandon Anderson, Trevor Ariza und zuletzt Omer Asik und Jeremy Lin einpendeln. Mit Howards Zusage öffnet sich eine Tür für zukünftige Verpflichtungen, denn weil ein Spieler wie Dwight diesen Weg wählt, wird sich auch in einigen Jahren noch manch ein Kandidat eher überzeugen lassen, nach Houston zu kommen.  

Wie sich das Spielsystem der Roten nun verändern wird, bleibt abzuwarten. Ein erbarmungsloses Run'n'Gun wie in der abgelaufenen Saison wird es zumindest nicht mehr geben oder wenn, dann nur in abgeschwächter Form. Auch wenn Howards Athletik dies zulassen würde, sieht er sich selbst als Zonenspieler, der entweder Raum für Distanzschützen schafft, oder aber eben jene Athletik und seine Masse für Korbleger, Dunks und Hook Shots nutzt. Ein wenig Pick & Roll zusammen mit den schnellen Guards wird ebenfalls stattfinden.


Die neuen Rockets

Vor einem Jahr waren Kevin Martin und Kyle Lowry die besten Spieler der Rockets. Dieser Umstand unterstreicht, welche Entwicklung diese Franchise in den letzten zwölf Monaten genommen hat – und dass in naher Zukunft mit ihr zu rechnen sein wird. In die Kategorie der Titelanwärter gehört Houston zwar noch nicht, ein Championship Team wächst schließlich nicht über Nacht zusammen. Ein Fundament um die legitimen All-Stars James Harden und eben Howard, die mindestens die nächsten drei Jahre dasselbe Trikot tragen werden, dürfte die Rockets aber fast zwangsläufig zum Erfolg führen, erst recht weil manch ein Veteran – man denke an Miami und Ray Allen oder Shane Battier – nur zu gerne auf Gehalt verzichten wird, um mit diesem Duo nach einem Ring zu jagen. Außerdem bleibt abzuwarten, wie sich die vielen Youngster – Donatas Motiejunas, Terrence Jones, Greg Smith, Patrick Beverley, Isiah Canaan – entwickeln.

Die Füße hochlegen konnte Daryl Morey nach diesem Coup aber noch nicht, nun gilt es Versprechen einzulösen und eine schussgewaltige Mannschaft um Howard zusammenzustellen. Indem er Francisco Garcia zum Bleiben überredete und außerdem den Isreali Omri Casspi verpflichtete, ist der Anfang gemacht. Houstons Depth Chart sieht gegenwärtig wie folgt aus:

C Howard / Asik 
PF Motiejunas / Smith / Jones
SF Parsons / Casspi
SG Harden / Garcia / Anderson
PG Lin / Beverley / Canaan

Auf den Flügelpositionen herrscht weiterhin Bedarf. Garcia ist zwar ein zuverlässiger Spot-Up Shooter und Anker im Locker-Room, aber nicht die Art von Bench Scorer, die die Rockets brauchen, wenn Harden eine Verschnaufpause erhält. Carlos Delfino war nach seiner guten Saison bei den Rockets ein Wunschkandidat, war aber infolge der Dwight-Verpflichtung nicht mehr finanzierbar und zog nach Milwaukee zurück. Denkbar wäre eine Verschiebung von Jeremy Lin in diese Rolle: Lin absolvierte seine besten Spiele, wenn Harden nicht einsatzfähig war. Als sechster Mann à la Ginobili hätte er den Ball häufiger in der Hand und es nicht mehr zwingend mit den besten Verteidigern der Gegenseite zu tun.

Sollte Asik die Rockets nun verlassen (dazu unten mehr), herrscht außerdem Bedarf an einem adäquaten Backup für Dwight. Hier kommt Marcus Camby ins Spiel, der zuletzt nach Toronto getradet wurde, jedoch keinen Zweifel daran ließ, dass er für die Raptors nicht spielen wird, stattdessen bei einem Contender unterschreiben möchte. Sollte Camby nach einem Buy-Out verfügbar werden, ist Houston fraglos eines der möglichen Ziele. Der zweiten Picks des 96'er Drafts spielte 2012 bereits kurzzeitig für die Rockets, seine Vorliebe für das texanische Klima (und vermutlich auch die Steuerersparnisse) sind hinlänglich bekannt, seit längerer Zeit hat er ein Haus in Houston und verbringt den Sommer dort. Ein Fragezeichen steht aber weiterhin hinter dem Gesundheitszustand des 39-jährigen, nur 24 Spiele absolvierte er in der abgelaufenen Saison. Als Alternative wären weitere Veteranen möglich, die zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Markt verfügbar sind. 

Was passiert mit Asik?

Angeblich stehen oder standen Lin und Asik auf dem Trade Block. Bei Lin erscheint das aufgrund seiner kommerziellen Zugkraft eher unwahrscheinlich, zumal er sich im Verlauf der Saison merklich steigerte. Die Hoffnung auf eine dauerhafte 'Linsanity', wenn auch nur wenigstens in der Light-Version, bleibt also bestehen. Ganz anders sieht es da beim türkischen Center aus: infolge Howards Entscheidung pro Houston sieht dieser seine Spielminuten stark gefährdet. Asik und Howard zusammen als Twin Towers wäre für das von Coach McHale so präferierte Spacing wenig erträglich, Houstons Offensive in der Mitte wäre ausrechenbar. Dass Asik nach seiner exzellenten Saison wenig Begeisterung dafür aufbringen kann, wieder ins zweite Glied zu rutschen, ist allzu verständlich. Schließlich verließ er Chicago, um nicht mehr die zweite Geige hinter Joakim Noah zu spielen. Asik hat sich als Starting Center etabliert, sein Selbstverständnis sieht ihn zurecht nicht wieder auf die Bank.

Aktuell heißt es aus dem Front Office der Rockets, man plane mit Asik. Das mag zwar einerseits als Preistreiberei abegetan werden, allerdings sollte auch klar sein, dass GM Morey den Türken nicht unter Wert wegschicken wird. Mögliche Abnehmer wie Atlanta (Josh Smith ist auf dem Weg in den Norden) und Portland (Robin Lopez wurde verpflichtet) sind vorerst aus dem Rennen, andere wie Cleveland oder Dallas haben schlicht nichts interessantes anzubieten. Chicago soll ebenfalls interessiert sein, jedoch wäre Asik in der alten Heimat ebenfalls nur Bankspieler und auch die Bulls haben nichts zu bieten, was die Rockets zu einem solchen Schritt bewegen könnte. Sehr interessiert sind sie angeblich an Ryan Anderson von den Pelicans, doch diese wiegeln ab, wenngleich sie einen Big Man neben Anthony Davis dringend benötigen. 

Die Vernunft lässt eigentlich keinen längeren Verbleib Asiks zu, Morey könnte ihn aber zunächst als Rückversicherung behalten, zusätzlich zu dem Plan, auf ansprechende Angebote zur Deadline zu warten, wenn manch ein anderer GM mehr in den Topf bereit zu werfen ist. Der Druck, etwas tun zu müssen, ist dank Dwight Howards Akquisition gänzlich abgefallen.