06 Juni 2013

Sebastian Dumitru 3. Juni, 2013                                      



Jason Frederick Kidd, einer der besten Point Guards und größten Winner aller Zeiten, hat am heutigen Montag sein Karriereende verkündet. Nur wenige Wochen, nachdem er den New York Knicks (bei denen er vergangenen Sommer einen 3-Jahres-Deal für 9.3 Mio $ unterschrieb) zugesagt hatte, für eine weitere Spielzeit zurück zu kehren, machte Kidd einen Rückzieher und informierte James Dolan & co. von seinem Sinneswandel. Mehrere Tage Auszeit im Kreise seiner Familie hatten den 40-Jährigen in seiner Entscheidung bestärkt. Er verriet gegenüber ESPNNewYork: "Der Körper macht noch mit, ohne Probleme. Es ist der Kopf, der irgendwann müde wird. Und wenn der nicht mehr 100%ig mitmacht, dann ist es Zeit, sie an den Nagel zu hängen."

Und so fällt also der letzte Vorhang für einen der besten und komplettesten Guards, die Hartholz und Asphalt jemals gesehen haben: 19 Jahre, zehn Mal All-Star, sechs Mal All-NBA, neun Mal All-Defense, zwei olympische Goldmedaillen, ein NBA-Titel, zweitbester Balldieb und Assistgeber mit den drittmeisten Triple Doubles und erfolgreichen Dreiern (!) aller Zeiten. Und dennoch können keine Statistiken dieser Welt - und Kidd hat sie zu seinen besten Tagen wie eine Videospiel-Figur akkumuliert - dem Basketballspieler Jason Kidd gerecht werden.

Denn allen voran war Kidd ein Gewinnertyp. Einer dieser zerebralen Alleskönner, der auf nahezu magische Art seit seiner High School Zeit in Oakland über die California Golden Bears bis zu seinen vier professionellen Stops in der NBA jedes seiner Teams um Längen besser machte. Die Dallas Mavericks, die Kidd 1994 an zweiter Stelle drafteten, gewannen in seiner Rookie-Saison 23 Partien mehr als im Jahr zuvor (36-46). Die Phoenix Suns, die Kidd 1996 (zusammen mit Tony Dumas und Loren Meyer) im Tausch für Michael Finley, A.C. Green und Sam Cassell verpflichteten, verbesserten sich auf Anhieb um 16 Siege und erreichten fünf Mal in Folge die Playoffs.

In New Jersey schlug Kidd dann 2001 ein wie eine Bombe. Die Nets waren eine NBA-Lachnummer, ehe sie der vielseitigste Spieler der Liga quasi über Nacht in einen ernst zu nehmenden Titelaspiranten verwandelte. Es gibt Geschichten von einem Preseason-Bankett, bei dem Kidd verkündete, dass die Tage als Loser vorbei seien, und dass man Großes erreichen könne - was bei seinen verdutzten Teamkollegen für Schmunzeln und den ein oder anderen Lacher sorgte. Wer wollte es ihnen verdenken? Sie hatten zuvor gerade magere 26 Siege errungen und drei Mal in Folge die Playoffs verpasst. Mit Kidd änderte sich alles. Der damals unumstritten beste Point Guard der Liga (14.7 Punkte, 7.3 Rebounds, 10 Assists, 2.1 Steals im Schnitt) führte die Nets nicht nur zu 26 Siegen mehr als im Vorjahr und dem besten W/L Wert der Franchise-Geschichte, sondern schnurstracks durch die Eastern Conference Playoffs bis ins NBA-Finale.

Seine dominantesten und produktivsten Jahre hatte J-Kidd in New Jersey (Photo: Dennis Hofmann) 

Ein Jahr später wiederholte New Jersey seinen Lauf bis ins Endspiel. Zwar verlor es beide Finals (gegen die Lakers und später die Spurs), gewann aber unter Kidds Ägide 66% seiner regulären Partien (303-148) und erreichte sechs Mal in Folge die Playoffs (fünf Mal mindestens das Conference Halbfinale). Bei der Wahl zum Most Valuable Player 2002 belegte Kidd Platz zwei hinter Tim Duncan. Apropos Duncan: im Sommer 2003 wäre Kidd um ein Haar bei den Spurs gelandet. San Antonio liebäugelte ernsthaft damit, den damaligen UFA Kidd zu verpflichten, weil Youngster Tony Parker den Ansprüchen von Gregg Popovich nicht genügte. Wir wissen alle, wie jene Geschichte endete.

Kidd blieb noch ein paar Jahre in Jersey, ehe ihn ein Multi-Spieler-Deal (inklusive sehr viel Ramschware und sogar ein vom Rücktritt zurück getretener Keith van Horn, damit es Salary-Cap-technisch passte) 2008 zum zweiten Mal nach Dallas spülte. Seine Erfahrung, sein Basketball-IQ und sein unbändiger Siegeswille machten sich auch hier mehr als bezahlt, als die erfolgreichste Saison der Mavericks-Geschichte im viel umjubelten Titelgewinn 2011 kulminierte.

Den letzten Akt gab Kidd dann vergangene Saison bei den Knicks, die ihn schon 2009 stark umworben hatten (allen voran, um ihre Position im LeBron-Poker 2010 zu stärken). Wie auf Knopfdruck verhalf der Veteran auch den 'Bockers zu einem beispiellosen Turnaround, ihrer stärksten Saison seit den 90ern und dem ersten Atlantic Division Titel in 21 Jahren. Das Ballmovement und die Synergie der einzelnen Mannschaftsteile kam nicht von ungefähr - beides waren stets Haupterzeugnisse jedes Kidd-Teams seit 1994. Nicht nur Rob Jerzy bedauert drüben beim Knicksjournal schon jetzt den Abgang des vielleicht zweitwichtigsten Knicks-Akteurs in der abgelaufenen Saison.

Was bleibt am Ende? Da sind zum einen natürlich die Rekorde, die irrsinnigen Triple Doubles (60 mehr als LeBron James) und der Fakt, dass Kidd, den viele zu Beginn seiner Karriere "Ason Kidd" riefen, weil er keinen 'J' besaß (ja, es war schrecklich mit anzuschauen), am Ende die drittmeisten Dreier aller Zeiten verwandelt hat. Dass er seine Karriere so beendete, wie sie begann (ohne einen erfolgreichen Treffer von außen in den gesamten Playoffs 2013) passt zu der verlässlichen Konstanz, mit der Kidd 1449 Spiele lang (regulär plus Playoffs) zu Werke ging. Er veränderte nicht nur vier Franchises nachhaltig, sondern auch die Art und Weise, wie Point Guards heutzutage ihr Spiel begreifen. Er verknüpfte die alte Generation um John Stockton und Magic Johnson mit der heutigen, in der Spieler wie Chris Paul, Tony Parker und Russell Westbrook den Ton angeben. Und bewies letztendlich, dass man trotz körperlicher Vorzüge (1,95 Meter groß, fast 100 Kilo schwer, riesige Hände und immense Schnelligkeit) erst durch die sogenannten "Intangibles" zu einer Legende wird. Kidds Übersicht, Spielverständnis, Ausdauer und unnachahmliche Art, all seine Mannschaftskollegen besser zu machen und zu einem erfolgreichen Puzzle zu verknüpfen, hievten ihn letztendlich über All-NBA-Status zum 'first ballot' Hall of Famer empor. Und zu einem der größten Guards aller Zeiten.