29 Juni 2013

Sebastian Dumitru 28. Juni, 2013                                      



27. Juni, spät. Der lange NBA-Draft ist in vollem Gange. Ein durch und durch surreales Happening mit schockierenden Entwicklungen in der Top-10, ein paar richtungsweisenden Trades, Imperator Stern in MVP-Form und langen Typen, deren Haare zu voluminös für die neue Team-Cap sind. Noch während das multimedial gepimpte Business-Geschachere reicher, weißer Männer, die ihre "Rechte" an talentierten Jugendlichen wie Chips auf dem Pokertisch hin und her schieben - denn nichts anderes ist die Draft-Veranstaltung eigentlich - in diesem Jahr zu einem der unterhaltsamsten und denkwürdigsten aller Zeiten avanciert, stiehlt ausgerechnet eine Transaktion außerhalb dieses Rahmens 95% des verfügbaren Rampenlichts: Ainge sprengt in Boston die Überreste seines Championship-Kaders in die Luft und schickt KG und 'The Truth' aus der Stadt. Garnetts Verzicht auf seine vertragliche No-Trade Klausel bringt den Deal mit Brooklyn schnell in trockene Tücher.

Ka-Voom! Und vom 17. Championship-Kader der Boston Celtics ist nur noch Schall und Rauch übrig. Kevin Garnett, Paul Pierce und Jason Terry tragen ab kommenden Herbst die monochromen Trikots der Nets, während Ainge in Boston seinen unumstößlichen und vielleicht zwei, drei Jahre zu lange aufgeschobenen Rebuild-Plan endlich in die Tat umsetzen wird/muss. Die neue Celtics-Epoche beginnt mit Gerald Wallace, Kris Humphries, MarShon Brooks, Keith Bogans, Kris Joseph und drei Millionen Erstrundenpicks. Interessant.


Der Abgang von Doc Rivers in Richtung Los Angeles signalisierte endgültig das Ende dieser grünen Mini-Ära, die auf Anhieb im 17. Titelgewinn der Franchise-Historie kulminierte und seither langsam, aber stet den sprichwörtlichen Bach hinunter ging. Als klar wurde, dass der Doc nicht nach Beantown zurück kehren wird und die Liga gleichzeitig einen Wechsel von Garnett zu den Clippers mit aller Macht zu verhindern wüsste, musste sich selbst der trotzige Ainge eingestehen, dass die Zeit für diese qualvolle Trennung gekommen war. Der Schmerz war zu erwarten. Es ist nie leicht, einen künftigen Hall of Famer und die Institution eines Klubs nach so vielen Jahren und einem Titel Lebewohl zu sagen. Noch weniger, wenn gerade er eine Franchise nach zwei Jahrzehnten Müßigkeit nicht nur zur Respektabilität zurück, sondern bis hinauf auf den NBA-Olymp führte. Jetzt stellt euch dieses Gefühl multipliziert mit zwei vor. Boston-Fans sollten sich, wenn der erste Schock verdaut ist, gut festhalten. Das Hässlichste kommt erst noch.

Keiner der von Danny Ainge ergatterten Akteure wird in den sportlichen Langzeitplanungen der Cs auch nur die geringste Rolle spielen. Humphries ist ein guter Rebounder und besitzt einen 2014 auslaufenden Vertrag (siehe Grafik unten) - was ihn insofern relevant macht, als dass ihn entweder ein Contender via Folgetrade absorbieren könnte oder sein wegfallendes Salär im nächsten Sommer wichtigen Cap Space freischaufelt. Bogans, dessen Deal über die kommende Saison hinaus nicht garantiert ist, war reines Tradefutter. Brooks (5.4 PPG) hat in zwei NBA-Jahren null Fortschritte gemacht (seine PER36 Werte sind haargenau die selben geblieben), seitdem ihn Boston 2011 an 25. Stelle zog und gleich weiter zu den Nets schickte, aber er ist erst 24 Jahre alt und könnte viel unproduktive (dazu gleich mehr) Spielzeit erhalten, die ihm besser tun wird als der W/L Bilanz seines Teams. Der Kanadier Joseph wurde vergangenes Jahr von den Celtics in der zweiten Runde gedraftet, ehe man ihn im Januar vor die Tür setzte und er für die restliche Saison in Brooklyn anheuerte. Möglich, dass Ainge den Small Forward angesichts der sich in Boston komplett veränderten Parameter erneut evaluieren will.

Der 'Artist formerly known as Crash' ist so tief gefallen, wie es nur möglich war seit seiner All-Star Saison 2010. Aus dem explosiven Flügelflitzer, der Partien als spektakulärer Slasher und Defensivderwisch dominierte, ist nur noch eine ineffiziente Hülle mit Geheimrats-Cornrows übrig geblieben, die gerade die schlechteste Saison ihrer Karriere absolvierte. Nicht nur seine 7.7 Punkte und 4.6 Rebounds im Schnitt bei 39% aus dem Feld und 64% von der Linie werden den Celtics mächtig weh tun. Sein Vertrag läuft noch drei Jahre und ist mit verbliebenen 30.3 Millionen Dollar mittlerweile einer der miesesten der gesamten Liga. Wer also denkt, die Celtics würden durch diesen Deal Geld einsparen, ist schief gewickelt. Ainge nimmt knapp 150% mehr garantiertes Gehalt auf, als er rausschickt (KGs Deal in '14/15 war nur zur Hälfte garantiert, Pierce hätte vor dem 1. Juli für 5 Mio. heraus gekauft werden können) - für schlechtere Spieler, wohlgemerkt.

Aber genau das ist Ainges Plan. Boston zahlt de facto drauf, für zwei wichtige Gratifikationen, die sich erst in einigen Jahren auszahlen werden: Brooklyn schickt neben der Kackwurst im Karton nämlich auch noch drei ungeschützte Erstrundenpicks mit - jeweils einen in 2014, 2016 und 2018. Zusammen mit dem 2015er Pick, der für Doc Rivers von den Clippers kam, plus ihren eigenen, verfügen die Celtics urplötzlich über neun (!) garantierte Erstrundenpicks in den nächsten fünf Drafts. Nochmal: neun garantierte First Round Picks in den nächsten fünf Drafts! Und hier kommt die zweite, angesprochene Zulage ins Spiel: Ainge baut darauf, dass dieses Team in 2013/14 und den Jahren darauf zum Himmel stinken wird. Nur das ermöglicht Boston realistische Chancen, schlecht genug zu sein, um hohe Draft-Picks und transzendente Talente abzustauben. Der kommende Draft-Jahrgang 2014 gilt als einer der besten aller Zeiten. Nicht nur wegen Wunderkind Andrew Wiggins, sondern auch wegen potentiellen Franchise-Ankern wie Jabari Parker, Julius Randle, Marcus Smart oder Aaron Gordon. Die Vorgabe ist also klar: so schnell so schlecht wie nur irgend möglich werden und Spiele absichtlich verlieren. Die ohnehin schon schwache Offensive (Platz 20) wird ohne Topscorer Pierce zu den schlechtesten der Liga zählen, die Defensive ohne Elite-Verteidiger Garnett völlig in sich zusammen fallen. Nach sechs Jahren hartem, bedingungslosem, erfolgreichen Basketball wird sich Beantown also auf ein Tanking-Festival vom Feinsten und deprimierenden Ball einstellen müssen.

"Rondo ist ein potentielles Centerpiece, und wir versuchen derzeit nicht aktiv, ihn zu traden" (Danny Ainge) 

Dieser letzte Punkt wird auch gigantischen Einfluss auf die Personalie Rajon Rondo nehmen. "Rondo ist ein potentielles Centerpiece, und wird versuchen derzeit nicht aktiv, ihn zu traden", sagte Ainge erst kürzlich über seinen Point Guard, der nach wie vor an seinem Kreuzbandriss laboriert und erst Anfang 2014 wieder einsatzfähig sein wird. Unabdingbarer Rückhalt hört sich anders an. Rondos Deal, der noch bis 2015 läuft, zählt zu den besten Preis/Leistungsverhältnissen der Liga, aber wenn er in Bostons Langzeitvisionen keine Rolle spielt - mehrere Celtics-Insider sprechen von Bradley, Green und Sullinger als weitaus wichtigeren Säulen für's Team der Zukunft - dann wird auch der enigmatische Point Guard früher oder später auf dem Hackblock landen. Selbst, wenn Boston ihn aber behalten will, sollte man den All-Star in der kommenden Saison nicht unbedingt auf dem Parkett zurück erwarten: jedes Spiel zuviel auf Rondos Gamelog kostet die Celtics wichtige Ping Pong Bälle in der nächsten Draft-Lotterie. Die "Derrick Rose Spezial-Behandlung" liegt also im Bereich des Möglichen. Ich wollte nicht derjenige sein, der Rondo ein solches Spielverbot für 2013/14 überbringt.

Hall of Famer weg, Championship-Coach weg, Playoffs weg, dafür Salary-Leichen wie Wallace, Kader-Treibgut wie Brooks und drei künftige Picks ergattert, von denen vermutlich zwei am Ende der ersten Runde landen werden... war das jetzt der richtige Deal für Boston? Hätte Ainge nicht mehr bekommen können für dieses bewährte Meisterschaftspaket? Hätte er, aber nur, wenn er Deals schon viel früher eingefädelt und die Reißleine schon vor Jahren gezogen hätte. Angesichts der Tatsachen, dass kein Team (ausser den Nets) seine Zukunft für alternde Hall of Famer verpfänden will und die Zeit dank Pierces Buyout-Deadline unerbittlich zu Bostons Ungunsten tickte, war das zu diesem späten Zeitpunkt der wohl beste (und einzige) Deal da draussen. Dass man obendrein Terrys unbeliebten Kontrakt mit entladen konnte, war für Ainge und die Celtics sicherlich ein weiteres Plus (wenngleich diese Tatsache durch das Aufnehmen von Wallaces Deal komplett negiert wurde. Wenigstens kann man - und das wird mir im Zusammenhang mit diesem Trade viel zu selten erwähnt - 'Crash' mittels sogenannter 'stretch provision' sofort entlassen und die restlichen 30 Millionen über sieben Jahre ausbezahlen, was dann wenigstens ein bisschen Cap-Entlastung bringt).

Die Zusammenfassung des Celtics-Trades in 25 Worten oder weniger: hoffnungsvoller Zock mit Blick auf eine erfolgreiche Zukunft, auch wenn die Gegenwart (und die Fans) massiv - und ich betone "massiv" - darunter leiden werden.

Boston bürdet sich für drei Erstrundenpicks sogar mehr Langzeitgehalt auf, als es raus schickt (Photo: NBACHEF)

Für Brooklyn und den gut betuchten Besitzer Mikhail Prokhorov steht dieser Tauschhandel auf der diametral gegenüber liegenden Seite des Spaliers: 'Win Now, Suck Later', so die Devise bei den Nets, die ihre Zukunft genau an dem Tag mit beiden Füßen in die Tonne kickten, als Prokhorov den Verlierer-Laden übernahm. Fünf Jahre hat sich der russische Oligarch damals gegeben, um entweder einen Titel zu ergattern - oder stattdessen zur Strafe zu heiraten. Und wenn Prokhorov seither eines bewiesen hat, dann, dass er alle nur erdenklichen Fäden ziehen und seine Bankkonten weiter öffnen wird als Brooklyns Defensive in der vergangenen Saison, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Brooklyn war trotz teurer neuer Spielsachen wie Gerald Wallace oder Joe Johnson auch in der abgelaufenen Saison kein Contender. Der Basketball war nach Jahrzehnten der Nutzlosigkeit in New Jersey sicherlich um Längen besser und das Produkt dank des Umzugs nach BK ins nagelneue Barclays Center eines der frischesten der Liga. Aber 49 Siege, ein vierter Platz und drei Playoff-Siege verpufften schnell, nachdem man sich in Runde eins gegen verletzungsgebeutelte Chicago Bulls aus der Postseason bugsieren ließ. Schlimmer noch: angesichts von horrenden Personalkosten ist den Nets jeglicher Spielraum in der Free Agency verbaut. Ausser minimalen Moves mittels der Mini-Midlevel und Minimal-Verträgen wird da auf Jahre hinaus nichts gehen. Die einzige Chance also für GM Billy King: Trades!

Dass man vier seiner ineffizientesten sechs Rotations-Spieler auf einen Schlag gegen zwei künftige Hall of Famer eintauschen konnte, ist ein Homerun. Alle Spieler, die man für Garnett, Pierce und Terry abgeben musste, sind Müll. Ineffiziente Starter wie Wallace und eindimensionale Bankspieler wie Humphries oder Brooks abzustoßen wäre an sich schon eine Verbesserung gewesen. Addition durch Subtraktion, sozusagen. Mit Pierce und Garnett konnte man aber zusätzlich zwei Hall of Famer akquirieren, die Brooklyns Starting Lineup massiv aufwerten und gleichzeitig gigantische Löcher im Spiel der Nets stopfen.

Die neue Nets-Lineup bietet alles, was das Playoff-Herz begehrt - wenn sie gesund bleibt (Photo: Shop)

Der bereits angesprochene Wallace und Reggie Evans (4.5 PPG) zogen die Produktivität der gesamten Aufstellung mächtig nach unten. Nicht nur, dass jegliches Spacing in Brooklyns Spiel non-existent war - die Nets spielten vorne häufig drei-gegen-fünf. Chicago ließ Wallace und Evans in den Playoffs größtenteils völlig ungedeckt, weil keiner von beiden Korbgefahr ausstrahlte. Die permanenten Double-Teams gegen Lopez, Johnson und vor allem gegen Williams' Drives zogen den offensiv eigentlich starken Nets letztendlich den Zahn. Das war das Verblüffende an der alten Lineup: trotz zweier Non-Faktoren auf der Platte und einem allabendlichen Handicap stellte Brooklyn den 9.-besten Angriff der Liga. Man muss kein Experte sein, um von der neuen Mannschaft signifikante Verbesserungen in der Offensive zu antizipieren - und damit eine der effizientesten Attacken der NBA.

Pierce (18.6 PPG, 6.4 RPG, 4.8 APG) war Bostons bester Punktesammler und trotz für einen 35-Jährigen viel zu vielen gegnerischen Doppeldeckungen der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen Celtics-Attacke (103.1 ORtg mit Pierce auf der Platte) und dem miesesten Angriff der Liga (97.2 ORtg ohne Pierce). Auch im fortgeschrittenen Alter bleibt PP34 einer der facettenreichsten Offensivspieler der Welt - ein großer, physischer Flügel, der den Ball handlen, Mitspieler finden, aus der Mitteldistanz (vor allem am Ellbogen) abdrücken und Unmengen von Fouls schinden kann (Karriere 7.2 FTA). Dank Pierce haben die Nets jetzt drei überdurchschnittlich große Ballhandler in ihrer Startformation, die für sich und andere kreieren können. Wieso das wichtig ist? Weil es Optionen eröffnet, die die meisten Mannschaften in der NBA nicht haben und Defensiven in permanentem Schach halten.

Garnett (14.8 PPG, 7.8 RPG) bringt drei Dinge mit: die Kombination aus knochenbrechenden Picks und einem nahezu tödlichen Jumper aus der Mitteldistanz, was ihn zur perfekten Pick & Roll Option macht; ein Ein-Mann-Defensivsystem, das nicht nur die Celtics fast im Alleingang zu dem machte, was sie am hinteren Ende jahrelang waren - vergangene Saison belegte Bostons Defense Platz 1 mit Garnett auf der Platte (96.2 DRtg) und Platz 21 mit ihm auf der Bank (104.6 DRtg) - sondern all seine Mitspieler hinten verbessert und zur Verantwortung zieht; und vor allem: Herz. Viel Herz. Man kann von KG und seinen Mätzchen halten, was man will, aber niemand spielt härter oder mit mehr Einsatz als das 'Big Ticket'. Die Zeiten, in denen die Nets als emotionsloser, softer Haufen bezeichnet werden, sind ab sofort also Plusquamperfekt. Garnett wird das Interieur stabilisieren, gegen gegnerische Pick & Rolls und Postups - zwei Schwachstellen der Nets - absichern, Lopez hart fordern, mit ihm im High-Low-Game brillieren sowie einen langen Jumper nach dem anderen treffen, wenn ihn Williams, Johnson oder Pierce an der Birne oder auf dem Ellbogen in Szene setzen.

Soviel (verblasste) Star-Power hat natürlich ihren Preis. Die neue Starting Lineup allein wird in der kommenden Saison mehr als 80 Millionen Dollar verdienen. Der gesamte Kader dürfte also locker die 100-Millionen-Grenze sprengen, in welchem Fall weitere 50-80 Millionen Dollar an Luxussteuern anfallen dürften. Geld für Backups wird unter dem Cap also nicht mehr bleiben, aber mit Reboundspezialist Evans, Sixth Man Terry, Mirza Teletovic, RFA Andray Blatche, Bogdan Bogdanovic (der Serbe wurde 2011 gedraftet und wechselt jetzt eventuell über den Teich) sowie dem ein oder anderen Veteranen, der nur allzu gerne in Brooklyn fürs Minimum oder die Mini-MLE auf Playoff-Jagd gehen wird (Jason Collins und Kyle Korver sind bereits im Gespräch), kann man einen mehr als brauchbaren Ersatzkader zusammen schustern. Der wird ohnehin nur helfen müssen, eine der ältesten Staransammlungen der Liga von November bis April zu entlasten und für die Playoffs zu konservieren.

Es stimmt schon: ein ohnehin nicht mehr junger Kader ist durch diesen Trade noch älter und noch langsamer geworden. Aber: die Pace der Nets war ohnehin schon eine der lahmsten der Liga (91.2, Platz 28). Die Additionen von Pierce und Garnett machen aus Brooklyn endgültig eine reine Halfcourt-Mannschaft. Aber eben auch die wahrscheinlich gefährlichste und abgezockteste Starting Five der Liga. Drei Ballhandler, die kreieren können. Fünf Typen, die aufposten können. Fünf Typen, die aus fünf oder mehr Metern traumhaft sicher einnetzen können. Halbfeld-Basketball und genaue Execution gewinnen bekanntlich Playoff-Serien, und ich kann wetten, dass sich die Gegner an diesem Nets-Angriff die Zähne ausbeißen werden.

Natürlich bleiben Risiken. Je älter die Protagonisten einer Mannschaft (Durchschnittsalter Starting Five: 31.6), desto höher steigt auch das Verletzungsrisiko. Das haben die Lakers und Knicks eindrucksvoll demonstriert. Alle Starter werden stark verringerte Ballanteile in Kauf nehmen müssen, und Teamchemie gibt's bekanntlich auch nicht in Fünf-Minuten-Terrine Packungen im Target. Der Head Coach, Jason Kidd, ist ein Rookie und muss seine Seitenlinien-Tauglichkeit vor Spielern unter Beweis stellen, die kaum jünger sind als er. Und: die Nets waren hinten ein Sieb (Platz 19). Selbst, wenn Defensivspezialist und ex-Celtics Assistent Lawrence Frank also all sein Know-How in die Waagschale werfen und die Mannschaft dank dem brillanten KG und dem guten Pierce hinten sicherer stehen wird, könnte es eine Weile dauern, bis man dort respektable Leistungen zeigt.

MP hat mehr Dollar als du und gibt weniger als einen Cent auf deine Meinung zu den Nets (Photo: Valya Egorshin)

Alles in allem sind das aber Wagnisse, die man in Brooklyn nur allzu gerne einzugehen gewillt ist. Die Zukunft war so oder so bereits zerschossen. Die früheste Cap-Flexibilität winkt 2017. Ironischerweise hilft dieser Deal den Finanzen langfristig sogar, aber grüne Scheine werden unter dem 14-fachen Milliardär Prokhorov niemals eine Rolle spielen. 100 Millionen Payrolls, 100 weitere Millionen Luxury Tax - das sind für den Lebemann nur Peanuts. Alle Evaluationsmuster, die wir normalerweise an den Tag legen würden - wie teuer sind die Neuzugänge, wie hart ist der Cap-Hit, wie beeinflusst dieser Deal die unmittelbare Zukunft - fliegen bei Prokhorov also hochkant aus dem Fenster. Der Mann scheisst Geld, gibt es gerne aus, und hat Spaß dabei. Wer sind wir denn, um seinen Weg zu kritisieren? En contraire: sollten wir nicht sogar belobigen, wenn ein Teambesitzer in der NBA gewillt ist, jegliches finanzielle Risiko auf seine Kappe zu nehmen? Und man "kann nicht" in seinem Wort- und Taten-Repertoire vergeblich suchen muss? Wo die meisten Teambesitzer kleckern, immer wieder ans Übermorgen denken und doch nichts auf die Reihe bekommen, klotzt Prokhorov. Weil er es kann. Weil er seinem Personal vertraut. Und weil er an seine Vision glaubt. Das muss man respektieren.

Sind die Nets nach diesem Trade plötzlich Meisterschaftsfavoriten? Nein. Ich würde sie nach aktuellem Stand der Dinge weiterhin hinter Miami, Indiana und vermutlich auch Chicago mit dem wieder genesenen Derrick Rose einordnen. Irgendwo im 3er/4er Bereich der Eastern Conference also, genau dort, wo sie auch die abgelaufene Saison beendeten. Aber diese Nets müssen keinen Titel abräumen, um die Investments ihres russischen Besitzers und die Transaktionen der letzten 16 Monate zu legitimieren. Die Marke ist stärker denn je. Das Produkt ebenfalls. Damals liefen Typen wie Shelden Williams, Johan Petro, DeShawn Stevenson oder Sundiata Gaines zu Nationalhymne und Player Introductions ein, während New Jersey die viermieseste Bilanz der Liga erspielte. In der neuen Saison stehen fünf Typen in der Starting Five, die zusammen 35 All-Star Games auf dem Buckel und realistische Chancen haben, die Atlantic Division zu gewinnen und obendrein die Knicks in New York zu deklassieren. Wenn mehrere Dinge zusammen kommen, winkt sogar das Conference Finale. Was auch immer dann nach 2016 passiert, wenn man keine Draft-Picks, keine Spieler und keine Zukunft mehr hat, interessiert Prokhorov ohnehin nicht die Bohne. Für ihn zählt nur heute. Und heute sind die Brooklyn Nets definitiv besser als gestern.


nbachef meint: Vorteil Brooklyn