26 Juni 2013

Niklas Dahl | 26. Juni, 2013                                                    


Die Starter japsen, die Bankspieler geiern sich einen ab. Portland braucht Hilfe (Photo: Rachel Wente-Chaney)  

Ich liebe Science-Fiction. Dabei unterscheide ich nicht zwischen Filmen, Büchern oder Videospielen. Sobald ich ein in der Zukunft angesiedeltes Setting, möglichst mit Raumschiffen und sonstigen Hightech-Spielereien garniert, vor mir liegen habe, steigt mein Toleranzlevel für eben jenes Produkt ins Unermessliche. Etwaige schauspielerisch fragwürdige Leistungen (I look at you, Jaden Smith) werden da gerne verziehen, ebenso wie nicht zu Ende gedachte Charaktere oder Schwächen im Gameplay. Es sind die fantastischen Szenarien, die dennoch einen gewissen Realismus nie vermissen lassen, die mich jedes Mal in ihren Bann ziehen.

Nun sind wir aber nicht beim Lesezirkel mit Elke Heidenreich, sondern beim Sport rund um den orangenen Ball. Dennoch bewegen wir uns nicht allzu weit vom Sci-Fi weg und überlegen zusammen: Wie sieht eine Isaac Asimov-esque Blazers Offseason aus? Eine Offseason, die zwar fantastisch klingt, aber eben den Funken Realismus beinhaltet. Ein Versuch, diese Frage zu beantworten.

Salary Cap

Von den derzeit 16 im Kader der Blazers befindlichen Spielern besitzen ganze acht einen Kontrakt über die Saison 2012/13 hinaus. Namentlich sind das folgende:

LaMarcus Aldridge $14,628,000
Nicolas Batum $11,295,250
Wesley Matthews $6,875,480
Damian Lillard $3,202,920
Joel Freeland $2,897,976
Meyers Leonard $2,222,160
Victor Claver $1,330,000
Will Barton $788,872

Summe gesamt : $43,240,658

Auf die Summe müssen zusätzlich $1,930,600 für den Nummer 10 Pick, sowie $1,470,540 (3-mal "roster charge" in Höhe von je $490,180) gerechnet werden. Sollte die Liga die Cap Grenze, wie vermutet, auf $58.5 Mio. anheben, hieße das für die Blazers $11,858,202 an verfügbarem Salary Cap. Oder anders: Knapp $12 Mio., um potente Free Agents in den Rose Garden zu lotsen.

Um aber maximalen Spielraum hinsichtlich der Free Agency zu haben, täte General Manager Neil Olshey gut daran, sämtliche Rechte an übrigen Spielern, wie J.J. Hickson, Eric Maynor oder Elliott Williams, schnellstmöglich abzutreten. In ersteren Fällen werden die Preis-/Leistungsverhältnisse so absurd sein, dass eine Zukunft in Portland unwahrscheinlich erscheint, in letzterem Fall macht ein weiteres Engagement bei den angepeilten Free Agents (mehr dazu unten) kaum noch Sinn.

Der Draft

Da in der Unrestricted Free Agency kaum ein Center zu haben sein wird, der die Blazers weiterbringt (und bezahlbar ist), wird Neil Olsheys Plan sein, etwaige Trades zu evaluieren. Und hier steht in der Sonne Arizonas eine Franchise, die an einem solchen Interesse haben dürfte: Die Phoenix Suns. Ein solcher Trade würde wie folgt aussehen:

Phoenix erhält: Nummer 10 Pick 2013, Joel Freeland
Portland erhält: Marcin Gortat

Gortat ist der Seat Leon unter den Centern: In nichts wirklich überragend, doch wer ihn hat, weiß um seine Qualitäten. Gortat macht nichts wirklich herausragend gut, aber seine Fertigkeiten bringen Portland das, was sie so dringend benötigen: Einen Center, der Rebounds greift und LaMarcus Aldridge in der Defense unterstützt. Für die $12 Mio. an Salary Cap (mit der wir einfachheitshalber weiterrechnen) bedeutet das folgendes: Gortats eingehendes Salär von knapp 7,7 Mio. $, sowie das abgehende Salär von Freeland bzw. der Cap Hold des Nummer 10 Picks, sorgen für eine Differenz von knapp minus-3 Mio $. Blieben also knapp $9 Mio. für die anstehende Free Agency übrig.

Was die drei Second Round Picks, die Portland hält, betrifft, bleibt die Hoffnung, dass zumindest einer von ihnen High Risk/High Value Prospect Ricky Ledo nach Portland bringen wird. Charakterliche Unzulänglichkeiten gepaart mit Top-10 Talent (einige Scouts bezeichnen Ledo, was die reinen Fertigkeiten angeht, sogar als besten SG des diesjährigen Drafts) dürften zwar einige hochzuckende Augenbrauen hervorrufen -- aber die Liga hat schon andere Knalltüten zu vernünftigen NBA Spielern ausgebildet (siehe: Garnett, Kevin).

Free Agency

In die Free Agency würden die Blazers in meinem Asimov‘schen Szenario mit folgendem Kader gehen:

Point Guard: Damian Lillard, Ricky Ledo
Shooting Guard: Wesley Matthews, Will Barton
Small Forward: Nicolas Batum, Victor Claver
Power Forward: LaMarcus Aldridge
Center: Marcin Gortat, Meyers Leonard


War die letzte Saison ein Gradmesser für das, was der Kern (Lillard, Matthews, Batum, Aldridge) zu leisten imstande sind (Portlands Starting Five produzierte zwischenzeitlich die besten Zahlen der Association), dann verspricht die Zukunft, sollte die Bank endlich mit qualitativen Spielern besetzt werden, vieles. Mit Blick auf den obigen Rumpf lassen sich für die Free Agency folgende Schwachpunkte ausmachen, die es auszumerzen gilt:

(i) erfahrener Point Guard hinter Damian Lillard
(ii) ein Flügel, damit Wesley Matthews‘ und Nicolas Batums Spielzeiten reduziert werden
(iii) ein PF-Backup für LaMarcus Aldridge

(i) Fragt man mich, mit wem man Damian Lillard am ehesten vergleichen kann, dann fällt bei mir immer ein Name: Chauncey Billups. Zwei Dreipunktewurf-affine Typen mit weiteren Parallelen, die es eigentlich wert wären, einmal gesondert behandelt zu werden. Und wie es der Zufall will, ist jener Chauncey Billups diesen Sommer Free Agent. Wie ideal wäre es, wenn Billups für Lillard für ein bis zwei Jahre den Mentor geben würde, um dessen Spiel auf die nächste Stufe zu heben? Natürlich kann, darf und muss angezweifelt werden, ob Billups etwaige Offerten aus Südflorida ausschlagen würde, um in den unattraktiven Nordwesten zu wechseln. Doch könnten die Personalien Neil Olshey (Olshey holte Billups nach Los Angeles), sowie einige Dollar mehr, genügen, um das Zerren zugunsten der Blazers zu entscheiden.

Billups' letztjähriges Salär: $4,000,000

(ii) "If a player knows him, they will want to play for him." – Tony Allen

Geht es darum, den Markt für einen geeigneten Flügel zu sondieren, dann fällt zwangsläufig der Name Tony Allen. Und sollte es Neil Olshey tatsächlich gelingen, Tony Allen davon zu überzeugen, Memphis für Portland einzutauschen, dürfte die Offseason bereits als voller Erfolg gewertet werden. Die Gründe sind für jeden, der sich einmal über eine gesamte Partie nur auf Allen konzentriert hat, offensichtlich: Tony Allen ist seit geraumer Zeit einer der besten Flügelverteidiger der Association und als solcher imstande, Spieler wie Kevin Durant in ihren Spielräumen merkbar einzuengen. Tony Allen mag vielleicht nicht der offensiv potenteste Spieler sein, den die NBA gesehen hat; doch ein solcher müsste er im System der Blazers, wo er maximal vierte Option im Angriff wäre, auch nicht sein.

Allens letztjähriges Salär: $3,300,000

(iii) Frage: Welcher Spieler hat in den letzten Spielzeiten je ein PER-Rating von mindestens 21.0 erzielt, ist dabei aber nie auf über 20+ Minuten pro Spiel gekommen und kostet pro Jahr knapp eine Million Dollar? Die Antwort lautet: Brandan Wright. Der ist ebenfalls in einigen Tagen ohne Club, und wer die letzten Gerüchte aus Dallas mitbekommen hat, der sollte verinnerlicht haben, dass man nicht unbedingt daran interessiert ist, sich den Salary Cap zuzuschaufeln. Dass Brandan Wright also in der kommenden Saison das Mavs-Leibchen trägt, dürfte zumindest angezweifelt werden. In Portland käme er zwar weiterhin von der Bank, wäre aber in der Lage, LaMarcus wichtige Minuten abzunehmen (letzte Saison: Knapp 38 MPG).

Wrights letztjähriges Salär: $992,680

Würde es Neil Olshey in Bobby Fischer Manier gelingen, diese drei Personalien Zug um Zug an die Blazers zu binden, würde das für den Kader folgende Änderungen bedeuten:

Point Guard: Damian Lillard, Chauncey Billups, Ricky Ledo
Shooting Guard: Tony Allen, Wesley Matthews, Will Barton
Small Forward: Nicolas Batum, Victor Claver
Power Forward: LaMarcus Aldridge, Brandan Wright
Center: Marcin Gortat, Meyers Leonard

War das frühe Ausscheiden der Denver Nuggets aus den Playoffs Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die sagen, ohne echten Star gewinnt man nicht in den Playoffs, dann hat doch zumindest die Regular Season eines deutlich gemacht: Die großen Teams, Oklahoma City, San Antonio, sind mit gewissen Line-Ups zu schlagen. Aber es braucht mindestens einen Verteidiger, der sich des Starspielers auf der gegnerischen Seite annimmt, damit sich die anderen Gegenspieler gefahrloser decken lassen. Mit obigem Kader wären die Portland Trail Blazers dazu imstande. Ich gehe sogar einen Schritt weiter und behaupte, dieser Kader wäre dazu in der Lage, unter die Top-4 des Westens und in die zweite Playoff-Runde einzuziehen. Damian Lillard, Nicolas Batum und LaMarcus Aldridge besitzen das Potenzial, multiple Defensiven aus den Angeln zu heben. Tony Allen wäre in der Lage, Kevin Durant die Freude am Spiel zu nehmen. Marcin Gortat wäre der benötigte Center, der die Bretter zumindest in jenem Maße kontrollieren kann, damit die Blazers nicht noch einmal unter den fünf schlechtesten Defensiven in der Liga zu finden sind. Auch die zweite Garde mit Billups, Matthews, Claver, Wright und Leonard besäße genug Klasse, um nicht vom Gegner überrannt zu werden. Im Gegenteil, jene Garde wäre (gesund) sogar in der Lage, den Startern so viele Minuten abzunehmen, dass jene ausgeruht in die Postseason gehen könnten.

Und: Man gibt nicht seine mittel- und langfristigen Ziele auf, um kurzfristig Erfolg zu haben. Ledo, Barton und Leonard wären vielversprechende junge Spieler, mit denen Olshey weiterhin planen könnte. Außerdem besitzt bspw. Marcin Gortat einen Restkontrakt mit einer Laufzeit von nur einem Jahr. Sollte das Experiment also fehlschlagen, wäre man auch in Zukunft weiter handlungsfähig. Zuguterletzt: Gesetz dem Fall, alle genannten Spieler unterschrieben zu ähnlichen Konditionen, wäre Portland weiterhin innerhalb des erlaubten Rahmens. Die Luxusteuer würde Paul Allens unendlich tiefen Geldbeutel nicht berühren.

Natürlich, und das ist ein dickes natürlich, ist obiges Szenario, wie gute Sci-Fi Geschichten, die sich nicht der Dystopie hingeben, sehr fantastisch. Sollte es eintreffen, und das wird es gefühlsmäßig nicht, hätten die Blazers und insbesondere GM Neil Olshey ein A+ als Schulnote verdient. Mindestens. Der Gedanke ist schön, doch die Realität mag jenen Gedanken nicht bestätigen. Und doch ist es nicht vollkommen unwahrscheinlich. Tony Allens Kommentar ist so wirklich gefallen und dass ein Gortat realistisch ist, besagt so ziemlich jede amerikanische Basketball Newsseite.

Franchise-Anker oder immens wertvoller Tradechip? All-Star Aldridge ist beides (Photo: Ben Seese)

Wie sehen die Alternativen aus?

Doch Olshey hat weitere Möglichkeiten, aus den Blazers ein konkurrenzfähiges Team zu machen. Weitere Free Agents, die Interesse generieren, wären z.B. Spurs Center Tiago Splitter bzw. sein T’Wolves Pendant Nikola Pekovic. Sieht Olshey hier ernstere Chancen, einen der beiden zu verpflichten (ich sehe sie nicht), dann kann er auf der Eins bzw. auf der Zwei auch via Draft nachbessern. Zum Beispiel mit Combo-Guard und Lillard-Klon CJ McCollum. Sieht Olshey jedoch einen Rookie-Center, von dem er glaubt, dass er, anders als derzeit Meyers Leonard, von Beginn an LaMarcus Aldridge unterstützen kann, macht das Platz für andere, größere, Kaliber in der Free Agency. Tony Allen wäre schon sehr attraktiv, aber was wäre mit Andre Iguodala?

Und auch wenn in Portland niemand daran glaubt bzw. etwaige Ideen hören möchte, Bill Simmons und andere Größen werden nicht müde, die Möglichkeit des Aufbrechens des Kaders der Blazers in Betracht zu ziehen. LaMarcus ist legitimer Top-3 Power Forward der Liga und hat als solcher mächtigen Tradewert. Sollte Cleveland ein Paket aus u.a. dem Nr. 1 Pick, Tristan Thompson und Pick Nr. 19 schnüren, muss Olshey im Angesicht der schon jetzt alles überragenden Ankunft Andrew Wiggins‘ 2014 zumindest darüber nachdenken. Und wenn es eine Fanbase in der NBA gibt, die bedingungslos den Rebuild ob solcher Aussichten unterstützen würde, dann ist es die in Portland, Oregon.

Stand jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, sind es noch 48h bis zum diesjährigen NBA Draft. Anders als letztes Jahr ist es noch nicht abzusehen, welches Szenario von Olshey und Paul Allen verfolgt werden wird. Möglichkeiten gibt es einige, Aufschlüsse wird es dennoch erst dann geben, wenn die Uhr tickt und die Blazers an der Reihe sind, ihren Move zu enthüllen. Bis dahin nehme ich mir einfach einen weiteren Sci-Fi Roman vor und träume von fantastischen Welten. Und Raumschiffen. Überwiegend Raumschiffen.