30 Juni 2013

Roman Schmidt | 30. Juni, 2013                                                   



Ach, was war das für eine Saison… nein, im Ernst, was war das für eine Saison? Wenn man Bulls-Anhänger nach 2012/13 fragt, werden sie mit den Schultern zucken, den Augen rollen oder sagen, sie wären eigentlich ohnehin Eishockeyfans. Dem Elefanten im Raum soll von Anfang an kein Platz gelassen werden: Klar, ich könnte jetzt lange resümieren, wie sehr die Abwesenheit von Derrick Rose den Bulls wehgetan hat. Zum Beispiel fiel man im Offensiv-Rating der Liga von Platz 5 auf 23. Genau genommen hatte man das letzte Mal ein ORtg von 103,5 unter Vinny Del Negro. Vinny. Del. Negro. Lasst das zunächst sacken. Mit 93,2 Punkten pro Spiel ist man in dem Bereich gar auf Platz 29 gefallen. Oder ich könnte erwähnen, dass die Fans erheblich an Vertrauen in ihren Franchiseplayer verloren haben. Doch letztes Jahr war nicht alles schlecht und es wurde bereits zu viel Unmut gestreut. Darum soll hier über die vergangene Spielzeit zunächst nur Gutes stehen.

Saison 12/13

Nate Robinson ist passiert. Was braucht es, um sich in die Herzen der Bulls Fans zu spielen? 110% Einsatz und gute Spiele/Sticheleien gegen die Miami Heat („… not 28, not 29, not 30…“). Wenn man die vielen Verletzungspausen für Kirk Hinrich bedenkt, war Nate ein absoluter Glücksgriff für die Bulls. Hinzu kommt, dass er oft wie der einzige im Kader aussah, von dem auch nur ein Hauch Scoring-Gefahr ausging. Unvergessen bleiben vor allem seine 23 Punkte im vierten Viertel von Game 4 gegen die Nets (1. Runde Playoffs), als Michael Jordan von ihm Besitz ergriff (der Bulle, nicht die Wildkatze) und er die Bulls in drei Minuten einen 14 Punkte-Rückstand egalisieren ließ. Man kann sich die Highlights auf Youtube ansehen und ein Großteil seiner Würfe scheinen immer noch unmöglich.

Der absolute Gewinner des vergangenen Jahres ist allerdings Jimmy Butler. Letztes Jahr durfte er knapp neun Minuten pro Spiel auf dem Parkett stehen und es sah anfangs nicht so aus, als würden sich seine Minuten weit über 14 per game einpendeln. Nachdem sich allerdings Rip Hamilton, Marco Belinelli und auch Luol Deng verletzt hatten (war irgend ein Bull nicht verletzt?), kam die Zeit von 'Jimmy Buckets'. In 20 Starts verzeichnete er Luoldengesque 43.3 Minuten pro Spiel, legte 14.5 Punkte, 7 Rebounds, 1.8 Steals auf und schraubte seine Dreier-Quote ohne viel Lärm von 18% auf nicht zu verachtende 38%. Dazu hat er in der Playoff-Serie gegen Miami drei Spiele komplett durchgespielt und abwechselnd an Wade und Lebron geklebt, als verteidige er solche Spieler bereits seit der High-School. Butler hatte in seiner Rookie-Season kein Trainingscamp (Lockout), was seine Entwicklung und das Vertrauen von Thibodeau gehemmt hat. Das wusste er und hat sich dementsprechend 2012 den ganzen Sommer in der Trainingshalle eingeschlossen. Der letzte Bulls-Spieler, der das getan hat, wurde im Jahr darauf MVP. 'Jimmy G. Buckets' - das „G.“ steht für „gets“.

Die Big Men Joakim Noah und Carlos Boozer haben beide gute persönliche Saisons hinter sich. Der Franzose hat in allen Statistiken (bis auf FG%) Karrierebestwerte erreicht und wurde (Fanbrille auf) um den Defensive Player of the Year Award betrogen. Boozer kann das zwar nicht von sich behaupten, die Tendenz zeigt aber zumindest nach oben. Er fabrizierte beinahe ein Double-Double pro Spiel und vor allem seine Zahlen in den Playoffs waren ebenfalls ein mittelgroßer Schritt nach vorne.

Wenn wir schon mal bei den Playoffs sind, muss eine kurze Erwähnung der ersten Runde gegen die Brooklyn Nets her. Von der Wunderheilung des Jo Noah, Ausnahme-Performances von 'Nate the Great bis hin zu einem Bulls-Game für die Ewigkeit in Gestalt eines 3-OT-Thriller in Chicago war alles mit dabei. Spiel sieben war der emotionale Höhepunkt für Chicago-Jünger und eine kleine Wiedergutmachung für eine verkorkste Saison. Shit, jetzt habe ich es doch noch schlecht geredet. Bevor es so weitergeht, frage ich lieber: Wat nu'?

Off-Season Agenda

Nach dem mehr oder minder freiwilligen Übergangsjahr ist es Zeit, wieder ganz oben anzugreifen und vor allem die Central Division wieder an sich zu reißen. Der erste und wichtigste Schritt in diese Richtung ist logisch und unvermeidbar: Derrick Rose. Er muss die Off-Season dazu nutzen, jegliche Zweifel an sein Knie in die Vergangenheit zu verbannen. Er spricht zwar oft davon, ein besserer Spieler werden zu wollen, doch es wäre zunächst wichtig, dass er wieder der Spieler wird, der er vor der Verletzung war. Seine Bedeutung für die Chicagoer Offensive zeigt der erste Absatz nur schematisch auf. Seit seiner MVP-Season 2010/11 ist die Team-FG% von 46,2% auf 45,2% im Jahr 2011/12 (Rose fehlte 23 Spiele aufgrund einiger kleiner Verletzungen) und schließlich in der abgelaufenen Spielzeit gar auf 43,7% (Platz 25) gefallen. Ohne den endlos penetrierenden Point Guard mussten die Bulls im Halfcourt hart um ihre Punkte kämpfen. So haben Noah und Boozer plötzlich Career-Lows aus dem Feld geworfen (48% zu 51% Career-Avg respektive 47% zu 53%) und Deng war nahe dran (42% zu 46%). Mit Rose ist endlich wieder ein Spieler vorhanden, der die gegnerische Defense zum Breakdown zwingen kann, was im Idealfall früher oder später zu einem freien Shooter führt. 

Könnte Luol Deng bald abgestoßen werden? Sein Vertrag läuft nächsten Sommer aus (Photo: Chris Lux)  

Wo wir schon bei den Shootern wären: 35,3% seiner Dreier traf Chicago, gut genug für Platz 20 im Ligavergleich. Ligaweit nahm nur Memphis weniger Dreipunktewürfe pro Spiel. In einer Liga, in der die Wichtigkeit des Dreiers progressiv zunimmt, kann man so auf Dauer kein erfolgreiches Basketballteam sein. In der Saison zuvor war Chicago mit 37,5% von draußen auf Platz 3 (!). Diesen Umstand möchte ich allerdings nicht nur Derrick Rose in die Schuhe schieben. Er liegt auch daran, dass Chicago Kyle Korver für einen 2nd Round Pick und eine Trade Exception - streichen wir das - für absolut nichts nach Atlanta schickte. Okay, der Sache nicht gerade dienlich war auch, dass Deng, Hinrich, Belinelli und Daequan Cook sich im Verbund entschlossen hatten, ihre Dreier-Quote auf keinen Fall in die Nähe des Vorjahres kommen zu lassen. Im Draft zogen die Bulls vor zwei Tagen mit Tony Snell (39% 3-FG) und Erik Murphy (45,3%) junge Spieler, die den Ball from Downtown in den Korb bekommen. Das war ein guter Anfang, doch es muss auch Tom Thibodeau mitspielen. Seine Rookies Butler und Marquis Teague kamen in ihrer ersten Saison beide auf gerade einmal acht Minuten pro Spiel. Ändert sich das nicht, werden die beiden Neuen trotz ihres Potenzials als Schützen nur wenig Einfluss haben. Vor allem mit Snell (lang, guter On-Ball Defender am College) hat das Front Office versucht einen Rookie zu picken, der gleichzeitig Catch-and-Shooter ist und so nah wie möglich an Thibodeau’s Mindestvoraussetzung in der Defensive herankommt. Wenn er noch dazu Minuten von Dengs und Butlers Schultern nehmen und diese so entlasten kann, umso besser.

Einen weiteren Shooter aus dem FA-Pool zu verpflichten wird in der Praxis sehr schwierig werden, da die ganze Mini-MLE (ca. 3.2 Mio. $ über 3 Jahre) am besten in einen Big Man anzulegen ist. Wir haben sehr viel Positives von Noah gesehen im letzten Jahr, und dennoch muss man sich eines klar machen: er kann die Minuten, die er letztes Jahr gespielt hat, nicht noch einmal gehen. Vor dem All-Star-Break zeigten seine Minuten pro Spiel eine beunruhigende Tendenz in Richtung 40 MPG, und dies war auch der Zeitpunkt, an dem sich seine Plantar-Fasciitis bemerkbar machte, die ihn beinahe für die Postseason außer Gefecht gesetzt hätte. Es muss also ein Back-Up Center nach Chicago, der Thibs und dem Team 14 bis 18 Minuten defensive Präsenz und Rebounding liefern und unter Umständen einige Spiele starten kann. Samuel Dalembert oder auch Andray Blatche, der sich unter Thibodeau sehr gut machen könnte, kommen hier in Betracht.

Knackpunkt: Letzteres wird höchstwahrscheinlich nicht passieren. Wenn eines bei den Bulls gewiss ist, dann, dass sie sparsam sind - und mit sparsam meine ich geizig - und mit geizig meine ich cheap as f'***... lassen wir das. Die 3 Mio. $ der Mini-MLE würden die Bulls im Endeffekt knapp 10 Mio. $ inklusive Luxury Tax kosten. Worauf man sich also einstellen muss, ist eine Reihe von ein-Jahres-Veteranenverträgen, um den Rest des Kaders aufzufüllen. Womit wieder harte Zeiten für Spieler wie Deng, Noah und Butler kommen dürften. Falls die Bulls dieses Jahr weder Mini-MLE noch die 5 Mio.-Trade Exception aus dem Kyle Korver Trade benutzen, sollte sich also niemand wundern.

Personal

Die Starting Five der Bulls ist noch über einige Jahre gebunden (bis auf Deng, der nächsten Sommer Free Agent ist). Im Moment stehen dort Derrick Rose, Jimmy Butler, Luol Deng, Carlos Boozer und Joakim Noah. Von der Bank kommen Taj Gibson und Kirk Hinrich, während die Rollen von Marquis Teague, Malcolm Thomas, Tony Snell und Erik Murphy noch ungewiss sind. Verlassen werden die Bulls vermutlich Belinelli, Robinson, Nazr Mohammed, Vladimir Radmanovic und Cook. Und da Rip Hamilton so fragil und teuer ist wie ein Fabergé-Ei, wäre ein Buyout für beide Parteien wahrscheinlich tatsächlich das Beste.

Auf den ersten Blick wird deutlich, dass sich kein richtiger Shooting Guard im Team befindet (Butler ist eher ein Small Forward), was theoretisch einen neuen Vertrag für Belinelli anbietet. Statt der Mini MLE könnten die Bulls ihm einen 2,35 Mio. $ ein-Jahres-Vertrag via Non-Bird-Rights anbieten. Da Marco aber wahrscheinlich Angebote in der Region einer normalen Midlevel (5 Mio. $) ergattern wird, ist dieses Szenario allerdings unwahrscheinlich. Das gleiche Szenario haben wir bei Nate-Rob. Wer weiß, ob die Bulls einem der beiden diesen Vertrag überhaupt anbieten würden? Der einzige, der gehalten wird/gehalten werden kann, ist Nazr Mohammed, der sehr wahrscheinlich wieder für das Veteranen-Minimum unterschreibt.

Für drei der vier Typen auf diesem Bild könnte ihre Zeit im Bulls-Trikot Geschichte sein (Photo: Shinya Suzuki)  

Es wird interessant zu sehen sein, was im Fall der Personalie Deng entschieden wird. Er ist im letzten Jahr seines Vertrages (ca. 14 Mio. $) und es ist nicht ausgeschlossen, dass er Chicago keinen Hometown-Discount garantieren wird, wenn es um eine Extension geht. Sollte der richtige Spieler durch einen Trade erreichbar sein, müsste am wahrscheinlichsten Deng Chicago verlassen. Da neuerdings die Gerüchteküche um LaMarcus Aldridge zu brodeln begann (sorry, Niklas), wäre es sehr schwer für die Bulls beispielsweise einen 3-Team-Deal auszuschlagen, bei dem man Deng + X verliert und LaMarcus Aldridge dazu gewinnt. Da solch große Trades jedoch nicht die Art von Gar Forman sind, ist es am wahrscheinlichsten, dass auch in den nächsten Wochen alles beim Status Quo bleibt. Über die letzten Jahre ist jedes Gerücht über einen großen Bulls-Trade auch ein Gerücht geblieben. Es ist auch nur fair, diesem Team noch einen letzten, möglichst verletzungsfreien Run zu erlauben, bevor man 2014 große Änderungen in Betracht zieht.

Kohle

Zu der Payroll der Chicago Bulls gibt es nicht viel zu sagen, außer vielleicht so viel. Nachdem man die Fans lange Zeit beschwichtigt hatte, man würde die Luxury Tax nicht scheuen, wenn man nur ein Championship Team haben könnte, wieso um alles in der Welt entschieden sich G. Foreman und J. Reinsdorf ausgerechnet dieses Jahr dafür? Man hat es nicht geschafft, zur Trade-Deadline etwas in trockene Tücher zu bringen, und so lag das Gehalt der Chicago Bulls in der abgelaufenen Saison bei 77.988.581 US-Dollar. Man kann Rip Hamilton’s Vertrag für 1 Mio. $ aufkaufen und wäre somit immer noch bei ungefähr 73 Mio. $ (ohne die Rookies). Da der Luxury Tax Threshold nächstes Jahr wohl 71,6 Mio. $ beträgt, gehört man offiziell zum Lux-Tax-Club und hat nur noch die Mini-MLE zur Verfügung. Obwohl ein anderes Wort mit „S“ hier passender ist, nennen wir es einfach nur „suboptimal“.

Zukunft

Angeführt von ihrem Franchise Player und mit Wut im Bauch, wird Chicago wieder versuchen die Spitze der Eastern Conference anzugreifen - immerhin fühlt man sich bereits um zwei Saisons betrogen. Inzwischen haben sich hinter den Heat aufstrebende Pacers formiert, und jetzt gilt es für die Bulls, mit ihnen zumindest gleich zu ziehen. Rose ist der Defibrillator, der die nach Luft japsende Offensive wiederbeleben wird und wir dürfen uns alle auf das erste Jahr von Jimmy Butler als Starter freuen. Die Bulls werden es dieses Jahr noch einmal wissen wollen, bevor es in die ungewisse Offseason 2014 geht. In Chicago kämpft man auch nächstes Jahr mit harten Bandagen und die Gegner werden wie immer dahin gehen müssen, wo es weh tut. Erzählt es euren Freunden: die Bulls kommen zurück.