07 Juni 2013

Jeremias Heppeler | 7. Juni, 2013                                   


Karl gewann mit den Nuggets 62% seiner Partien (423-257). Er wurde am Freitag gefeuert (Photo: Mike Gomez)  

Es ist gerade mal einige Wochen her, da stellten die Denver Nuggets die NBA auf den Kopf wie ein Schneekugel-Schüttler. Das Team aus der Mile High City begeisterte mit furiosen Offensivbasketball, mähte durch die Liga wie ein elektrischer Rasierapparat und hangelte sich Stück für Stück bis fast an die Spitze der so tief besetzten Western-Conference. Ein Team ohne Stars, ein Gegenentwurf zu den Glitzerwelten in Miami und LA oder zu der schieren Starpower der Oklahoma City Thunder. Siegesserien. Transition-Walzen. Die beste Regular Season der Franchise-Geschichte. Geschichte! Zugegeben: diese Rückschau klingt heute, unter dem Einfluss der Meldungen der vergangenen Woche, beinahe verbittert und so nostalgisch wie Bobcats-Fan mit Blick auf alte Hornets-Zeiten – dabei scheint das eingangs geschilderte Momentum, dieser Zeitgeist, noch förmlich greifbar. 

Denver wollte die Welt, den Makrokosmos, erschüttern, doch brachte innerhalb der letzten Wochen den eigenen Mikrokosmos zum implodieren. Aber von vorne.

Wie kaum ein anderes Franchise-Gebäude präsentierten die Denver Nuggets die detailliert ausgefeilte Blaupause des eigenen Systems und die dazugehörigen Masterminds offensiv der Öffentlichkeit. Das Projekt „Denver Nuggets“ nach dem Blockbuster-Trade von Carmelo Anthony trug hierbei die klare Handschrift zweier Männer: Den feinen Schriftzug des jungen General Managers Masai Ujiri und das markante Autogramm der Trainerlegende George Karl. Karl, der Arbeiter, der mit Anthony als Anführer immer wieder gescheitert war, zeigte sich begeistert von der trotzigen Idee, ein funktionierendes, effektives Kollektiv aufzubauen. Ujiri, der Architekt, lieferte konzentriert Baustein für Baustein. 

Das Grundgerüst legte der mittlerweile zigfach durchgekaute Melo-Trade, der 2011 eine Fülle unterschiedlichster Spielertypen direkt oder indirekt in Richtung Rocky Mountains spülte (darunter tragende Säulen wie Danilo Gallinari oder Andre Miller). Daran anknüpfend folgten unpopuläre oder scheinbar unspektakuläre Moves Ujiris, wie der Tausch des soliden Veteranen Nene gegen das vermeintlich dumpfbackige Problemkind JaVale McGee. Oder der Draft des erst an Nummer 22 gezogenen Forwards Kenneth Faried. Oder die Verpflichtung von Corey Brewer, der in Dallas in erster Linie fürs Handtuchschwenken bezahlt worden war. Die Puzzlestücke griffen ineinander, das System funktionierte und plötzlich, praktisch über Nacht, war Denver Contender! Sowohl Ujiri als auch Karl formulierten sichtlich stolz und selbstbewusst ihr Ziel für die Zukunft: Die Meisterschaft. Geschichte schreiben. Geschichte!

Am Ende der Fahnenstange stand dann die angesprochene, sensationelle Regular Season eines jungen, hungrigen Teams. Ujiri wurde zum Executive, Karl zum Coach des Jahres gewählt. Ein geradezu paradiesischer Zustand – sollte man meinen.

Genau sechs Spiele dauerte es, um diese heile Welt in ihre Einzelstücke zu sprengen und Wasser auf die Mühlen aller Kritiker zu schütten, die es ja schon immer gewusst hatten: In den Playoffs entscheiden Superstars (bitte entschuldigt, wenn ich mich an dieser Stelle wiederhole). Der vollgetankte Nuggets-Bandwaggon zerschellte am außerirdischen Sheriff Curry und seinen Pistoleros. Und dann krachten zwei Hiobsbotschaften mitten in die noch laufenden Playoffs hinein: Am 1. Juni wechselte Masai Ujiri ins Frontoffice der Toronto Raptors. Am 6. Juni entließen die Denver Nuggets George Karl, der das Team neun Jahre in Folge in die Playoffs geführt hatte. 

Selbstredend hatte die effektive Arbeit des für einen GM immer noch blutjungen Ujiri ligaweit für Aufsehen und auch Begehren gesorgt. Die Toronto Raptors, die in den vergangenen Jahren unter dem chaotischen Führungsstil Bryan Colangelos dauerstagnierten, sehnten sich wohl besonders nach frischem Blut und nutzten ihre alten Connections zu Ujiri (der zwei Jahre in Kanada als Assistent gejobbt hatte), um dem aus Nigeria stammenden Manager ein richtig dickes Angebot zu unterbreiten. Möglicherweise waren die Nuggets sogar gewillt, ihr "Hirnschmalz" (Ujiri) zu behalten – Besitzersohn Josh Kroenke verkündete sogar selbstsicher eine Vertragsverlängerung – konnten aber am Ende das Angebot eines hochdotierten kanadischen 5-Jahresvertrags nicht matchen. So sind eben die Regeln des Spiels. 

So bitter sich der Abschied Ujiris auch gestaltete, der echte Schocker von Game-Of-Thrones-Red-Wedding-Ausmaß sollte am vergangenen Donnerstag erst noch folgen, als es auf allen Kanälen hieß: 

Breaking News: Coach George Karl will not return for final year of contract in 2013-14.

Nüchtern zündeten die Nuggets die Bombe in den sozialen Medien. Fans- und Experten reagierten gleichermaßen verwirrt bis geschockt, ehe George Karl himself seiner Enttäuschung Luft machte: 


Natürlich kann man George Karl ankreiden, dass er, egal ob mit oder ohne Superstar, die Nuggets nie zu einem tiefen Playoff-Run führen konnte. Und selbstverständlich kann man dem 62-Jährigen vorwerfen, dass es ihm gegen Golden State zu keiner Zeit gelungen war, ein Mittel gegen die Firepower des Gegners zu finden. Klassisch ausgecoacht wurde er meiner Meinung nach nicht – weil sein Gegenüber Mark Jackson auch nur mit Wasser kochte und keine besonders überraschenden Taktiken auffuhr. Viel eher passten Golden States offensive Stärken zu den defensiven Schwächen Denvers wie der vielzitierte Arsch auf Eimer. Karls System war zu starr, zu eindimensional, es fehlte ein klarer Plan B und Danilo Gallinari, um gegen die massive Perimeterpräsenz der Warriors zu bestehen. Ein Plan B, dessen Konzeption, Ausarbeitung und Umsetzung man dem Tandem Ujiri/Karl in dieser Offseason durchaus zugetraut hätte. Ein Plan B, an welchem die Entscheider im Nuggets-Universum (Kroenke) offensichtlich kein Interesse mehr hatten.  

Karl eigentlich schon: Der Coach hatte sich eine frühzeitige Vertragsverlängerung gewünscht. Kroenke, der eine Team-Option auf Karls Vertrag nach der Saison 2013/14 besaß, wollte ihm die Sofort-Verlängerung nicht gewähren und ließ verlauten, dass man die neue Saison nicht mit einem unzufriedenen Trainer angehen wollte. Fadenscheinig! Der Hund, soviel ist zwischen den Zeilen zu lesen, liegt irgendwo anders begraben. Die zugegebenermaßen desillusionierende Serie gegen Golden State war offensichtlich zu drastisch – auch weil man auf der Gegenseite dem kometenhaften Aufstieg eines Superstars (Curry) direkt beiwohnen musste, während das eigene Kollektiv auseinanderbrach. Für mich steht fest, dass man in Denver mit der Entscheidung, Ujiri ziehen zu lassen, in Gedanken bereits mit dem bisherigen System abgeschlossen hatte. Und damit auch mit George Karl.

In den kommenden Wochen werden in der Mile-High-City die Telefondrähte glühen. Für offenstehenden Posten im Frontoffice erscheint eine interne Lösung denkbar: Ujiris Assistent Pete D'Alessandro steht, Gewehr bei Fuß, bereit. Das NBA-Trainerkarussell indes dreht sich momentan mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit, und für die Nuggets scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: 1. Den eingeschlagenen Weg des Kollektivs weitergehen, dabei aber neue Reizpunkte zu setzen. 2. Eine ganze neue Philosophie entwickeln, die massenhaft vorhandenen Trade-Assets auf den Markt zu schmeißen und die Zeit ins Jahr 2011 zurückzudrehen. 

Direkt nach der Verkündigung von Karls Rausschmiss machte ein abgefahrenes Gerücht die Runde: Ein Trainer-Trade von George Karl und Lionel Hollins. Daraus würde sich eine komplett irre Konstellation ergeben. Karl, General der bombastischen Nuggets-Offensive, würde in Memphis das von Hollins eingerichtete Defensiv-Bollwerk managen; Hollins, der Abwehr-Stratege, könnte dem „Run&Gun“-Game der Nuggets eine defensive Identität einimpfen. So einfach ist das freilich nicht (und speziell in Sachen NBA-Personalentscheidungen kommt es eigentlich immer anders, als man denkt) – die Vorstellung zweier Mutanten aus Grizzlies- und Nuggetsbasketball bringt die Synapsen aber definitiv zum rotieren. Soll heißen: Jedem Ende wohnt naturgemäß ein Neuanfang inne. Denvers Mannschaft ist zum jetzigen Zeitpunkt noch die selbe (wobei man vermutlich kein Prophet sein muss, um vorherzusagen, dass sich das im Laufe der Offseason ändern wird) und besitzt ungeheures Potential. The future is still bright! 

Unterm Strich bleibt uns leider (oder glücklicherweise) nur die Beobachterrolle. Die Geschichte des verschenkten GM des Jahres und des gechassten „Coach Of The Year“ führt uns aber definitiv und mit aller Brutalität die Schnellebigkeit des NBA-Geschäftes vor Augen. Um mit Bernd Stromberg zu sprechen: „In der Association zu arbeiten, ist wie unter lauter Haien zu schwimmen. Da brauchste nur einmal Nasenbluten zu kriegen und schon ist Feierabend.

So bleibt uns zum Ende einer (kleinen) Ära nur der pathosgeschwängerte Titanic-Abgesang: Mr. Ujiri, Mr. Karl, es war mir eine Ehre, ihnen beim Spielen zu sehen zu dürfen!