06 Juni 2013

Sebastian Dumitru | 6. Juni, 2013                                         



Es ist angerichtet. Schon in den vergangenen beiden Jahren lief alles unweigerlich auf ein Zusammentreffen der Miami Heat und San Antonio Spurs hinaus - beide Male beendeten die Texaner die Saison als Nummer Eins der Western Conference, schieden aber schon vor dem anvisierten Finale aus. 2013 hat es nun endlich funktioniert: das Duell der Schwergewichte in Bestbesetzung, das uns im Prinzip immer verwehrt blieb (auch während dieser regulären Saison), um den ultimativen Preis in der Basketball Association: die NBA-Championship.


Der Weg ins Finale

Während die San Antonio Spurs im Conference Finale gegen die Memphis Grizzlies keinerlei Mühe hatten und die Bären mit 4-0 aus den Playoffs sweepten, musste Miami gegen die grösseren, böseren Indiana Pacers über die volle Distanz. Erst eine klare Leistungssteigerung aller Heat-Akteure, die nicht LeBron James oder Chris Andersen heißen, im Bereich "Einsatz", garantierte ein Weiterkommen und das Erreichen der NBA Finals. Zuvor hatten sich die Heat der Chicago Bulls (4-1) und Milwaukee Bucks (4-0) recht mühelos entledigt. San Antonio sweepte neben den Grizzlies auch die LA Lakers aus der Postseason, bevor es sich von den völlig besinnungslosen und sicherlich irgendwie gedopten Golden State Warriors zwei Spiele abnehmen ließ. Ein kleines Detail am Rande: bevor San Antonio in der zweiten Saisonhälfte von einer Tony Parker Verletzung und weiteren Wehwehchen der Leistungsträger ausgebremst wurde, spielte das Team aus Texas sogar erfolgreicheren Ball als die Heat. Die steckten zwar schon mittendrin in ihrem historisch guten 27-Siege-in-Folge-Run, lagen nach Siegen aber lange hinter den Spurs, die Anfang März mit 48-14 Ws die NBA anführten.

Die Matchups

Wer (wie ich) vor Matchups immer gerne im Archiv herum wälzt, um etwaige Hinweise und Indizien für bevorstehende Duelle einzusammeln, der blickte vor diesen Finals drein wie ein Retriever im Regen. Die beiden Ansetzungen in der regulären Saison waren eine Farce: Spiel eins brachte uns die sicherlich bald verfilmte "Restgate-Affäre", in der ein ehemaliger Spion (Pop) die Taktik des ärgsten Kontrahenten ausspäht, während er seine besten Agenten (Duncan, Parker, Green, Leonard) zurück hält. Spiel zwei hielt für den geneigten Fan das Reverso von Erik Spoelstra bereit, der bereitwillig seine Big Three (LeBron James, Dwyane Wade, Juwan Howard) schonte und dennoch gewann. Was bleibt, sind also lediglich die kumulativen Statistiken aus der regulären Saison. Und die zeigen schon, warum man sich hier zurecht auf ein Duell in gleicher Flughöhe freuen kann. Miami lieferte die effizienteste Offensive der NBA und hielt auch defensiv ausgezeichnet mit (Platz 7). San Antonio stand dem in nichts nach und platzierte sowohl in Angriff als auch Verteidigung unter den Top-3.

Dieser Trend setzte sich - wenig überraschend - dann auch in den Playoffs fort. Miami führt die Tabelle beim Offensivrating an (108.4 Off. Rtg) und überzeugt auch defensiv (97.6 Def. Rtg, Platz 4) - wenngleich dieser Wert von den bisherigen Gegnern Milwaukee und Chicago etwas "verfälscht" wird: beide zählten zu den zehn schlechtesten Attacken der Liga. Die Spurs belegen sowohl im Angriff (106.5 Off. Rtg, Platz 2) als auch in der Verteidigung (95.4 Def. Rtg) einen der vorderen beiden Plätze. Das deckt sich mit dem oberflächlichen Eindruck, den man beim Zuschauen gewann. Bis auf die beiden Niederlagen gegen extrem heiße Warriors hatte das Team von Gregg Popovich jederzeit alles im Griff. Miami fand immer wieder - oder im Falle der Pacers: rechtzeitig - einen höheren Gang und ließ letztendlich nichts anbrennen.


Auch nach einem Blick unter die Oberfläche ist man nicht viel schlauer. Beide Mannschaften zählten zu den reboundschwächsten Squads der Liga (San Antonio 49.3% Rebound-Rate, Miami 49%). Eine Dominanz am Brett, wie sie Indiana also gegen Miami hinlegte, werden die Spurs trotz Größenvorteilen nicht bewerkstelligen können. Vor allem beim Defensivrebound werden die Heat in diesen Finals eine weitaus besser Figur machen. Die Spurs verzichten nahezu gänzlich auf die Arbeit am offensiven Glas und sprinten lieber zurück, um sich dort zu organisieren.

Beide Mannschaften bestechen vorne durch einen ähnlichen Spielstil: viel Ballmovement, teamdienliches Passspiel, wenige Turnovers, viel Penetration und unzählige Dreier, abgefeuert von einer ganzen Armada an Scharfschützen am Perimeter oder in den Ecken (es gibt keine zwei Teams, die den Eckdreier taktisch besser zu nutzen wissen, als diese beiden). Die Heat trafen während der Saison 39.6 Prozent ihrer Dreier (Platz 2) und schickten gleich sieben Spieler auf's Parkett, die mindestens 35% ihrer Versuche von Downtown klatschten (Battier 43%, Allen 42%, Miller 42%, Chalmers 41%, LeBron 41%, Lewis 39% und Cole 36%). Die Spurs standen dem in nichts nach. Zwar trafen sie "nur" 37.6 Prozent (Platz 4), konnten aber gleichzeitig unfassbare neun Akteure mit gehobener Quote einsetzen (Bonner 44%, Green 43%, Mills 40%, Diaw 39%, de Colo 38%, Leonard 37%, Neal 35%, Ginobili 35% und Parker 35%). Macht euch also auf Dreier-Salven und schamlose Scoring-Gelage gefasst, hüben wie drüben.

Die Superstars werden ebenfalls bereit sein. LeBron James zeigt auch in diesen Playoffs, weshalb er der beste Spieler der Welt ist. Der vierfache MVP schultert den Heat-Rucksack, der nach Wades Verletzung (nur 13.6 PPG in den Playoffs, mehr als 10 Punkte unter seinem Karriere-PO-Schnitt) und dem Abtauchen Boshs (nur 12.3 PPG, sein niedrigster Wert seit seiner Rookie-Saison) ungleich schwerer geworden ist, scheinbar ohne Mühen und macht weiterhin die Dinge, die man von ihm mittlerweile gewohnt ist. Scoren (26.2 PPG), Rebounden (7.3 RPG), Assistieren (6.4 APG), hochprozentig treffen (61% True Shooting) und Gamewinner versenken - und das alles bei immens hoher Usage-Rate (29.1%) und mit jetzt schon 3.9 vollen Win Shares. Im Prinzip also alles und dann noch was dazu. San Antonio hat ebenfalls einen Megastar, und ich rede nicht von Tim Duncan: Tony Parker, der vor seiner Knöchelverletzung die beste Saison seiner Karriere spielte und in der MVP-Konversation war, ist längst wieder in Topform und steht LBJ eigentlich kaum nach (23 PPG, 7.2 APG, 54% True Shooting, 30.8% Usage, 2.1 Win Shares).

Für beide Mannschaften wird es also darauf ankommen, wie sie die primären (James/Parker) und sekundären (Wade/Bosh/Dreier vs. Duncan/Dreier) Optionen eindämmen können. San Antonio wird es defensiv über weite Strecken mit dem mittlerweile hoffentlich nicht mehr unbekannten Kawhi Leonard versuchen. Der ist lang und kräftig genug, um mit LeBron zumindest ansatzweise mithalten zu können - ähnlich wie in der Vorserie Paul George. Natürlich lässt sich der Frachtzug mit der Nummer 6 nicht bremsen. Wenn Leonard es aber schafft, James vor sich zu halten, zu Jumpern zu zwingen oder ins Double-Team zu drängen, haben die Spurs fast schon gewonnen. Viel Glück dabei, San Antonio!

Auf der Gegenseite wird die aggressive Heat-Defensive versuchen, den Ballführenden (meist Parker oder Ginobili) zu zweit unter Druck zu setzen und zu Turnovern zu treiben. Das nährt das bevorzugte Transition-Spiel der überathletischen Heat. Parker weiß aber nur zu gut, wie er diese Double-Teams "splitten" muss und ist der vielleicht Beste dieser Zunft. Man darf sich auf eine ganze Bandbreite von schnellen Pässen und eingebauten Konter-Action-Spielzügen des wohl kreativsten Offensivcoaches (Popovich) freuen, der die unbändige Power der Heat-Verteidigung mit Spielwitz und Präzision zu knacken versuchen wird.  

X-Faktoren

Zu viele, um hier alle aufzuzählen. Shane Battier (nur 4.3 PPG bisher in diesen Playoffs und sogar nur 2.3 PPG gegen die Pacers. Spoelstra setzte ihn gegen Ende der Serie gar nicht mehr ein) wird seine Produktivität steigern und seine Wurfgenauigkeit wieder finden müssen, um den Heat das bevorzugte Spielsystem zu ermöglichen. Er ist der eigentliche Schlüsselspieler, denn nur wenn er als nomineller Vierer funktioniert, funktioniert auch das taktische Smallball-Korsett. Manu Ginobili (nur 11.5 Punkte in den Playoffs bei 32% FG) hat seine besten Tage sicherlich hinter sich und lässt nur noch selten die Extraklasse aufblitzen, die ihn einst auszeichnete. Als Spielgestalter, unorthodoxes Pferd auf dem Brett und Sicherheitsnetz für Parker, wenn der gedoppelt wird, kommt ihm gegen die Heat-Defensive dennoch eine immens wichtige Rolle zu. Hat der 35-Jährige eine letzte, geniale Serie in petto?

Warum Miami gewinnt

Die Probleme gegen Indiana (Frontcourt-Dominanz/Rebounding/Härte) sind jetzt im Rückspiegel. Eine völlig rekalibrierte, fokussierte Meistermannschaft wird gegen die kleineren (als die Pacers) Spurs wieder ihren geliebten Smallball praktizieren können. Der versetzte bekanntlich die Liga in Angst und Schrecken und wird auch gegen San Antonio Früchte ernten können. Bosh kann seine rabenschwarzen Playoffs endlich ad acta legen und gegen die Spurs endlich wieder befreit aufspielen. Der All-Star erzielt gegen San Antonio in den vergangenen zwei Jahren 23.5 Punkte und 9.7 Rebounds im Schnitt und wird von Spoelstra sicherlich in den richtigen Spots eingesetzt werden - also im Post und am Ellbogen, nicht nur als Stretch-Vierer. Bosh ist kein Scorer im eigentlich Sinn, aber um den Druck von James und Wade zu nehmen, ist er in dieser Serie immens wichtig. Insgesamt lässt sich für Miami, das auf einen revitalisierten Wade hoffen kann (es wäre sein dritter Titelgewinn - Motivation genug!), alles auf folgende einfache Formel herunter brechen: der beste Spieler der Welt in absoluter Top-Verfassung (und mit Sinn nach Rache für die Finalniederlage gegen diese Spurs in 2007) plus Heimvorteil (im Schnitt bezwingen die Heat ihre Playoff-Gegner in der AAA mit 11 Punkten Unterschied) ist gleich Titel Nummer zwei.


Warum San Antonio gewinnt

Die Spurs verfügen aber über genau die Aspekte in ihrem immens vielseitigen Spiel, die einem Team wie Miami gefährlich werden können: die Defensive ist gut und intelligent genug, um angemessen auf die zahlreichen Gefahren der Heat zu reagieren. Mit Leonard hat man einen der drei besten Perimeter-Defender der Liga, mit Danny Green einen weiteren, der sich um Wade kümmern kann. Duncan ist Hibbert im Post um Lichtjahre voraus und spielt trotz seines fortgeschrittenen Alters unglaublich effiziente Playoffs (17.8 PPG, 10 RPG, 2.7 APG, 2.7 BPG, 50% FG in 30 Min./Spiel). Er kann dieses Team nach wie vor offensiv wie defensiv verankern und anführen. Die Pacers hätten die Heat geschlagen, wenn sie sich im Angriff nicht solch ausgedehnte Dürrephasen geleistet hätten oder zumindest einer im Team konstant für Gefahr von außen/von der Bank sorgen könnte. Die Spurs haben von beidem im Überfluss. Tiago Splitter ist ein gerne übersehenes, wichtiges Element im Spiel der Texaner, nicht nur wegen seiner perfekten Synergie mit Duncan, sondern auch in der Defensive. Die größten Vorteile hat San Antonio jedoch in seinem pfeilschnellen, unaufhaltsamen Point Guard, der Genauigkeit unzähliger Plays, die jede Defensive schwindlig spielen, der permanenten Gefahr von außen und einer Tatsache, die viele zu vergessen scheinen: dieser Kern stand so bereits drei Mal im NBA-Finale (Duncan sogar vier Mal) und ist dort bisher unbesiegt. An Popovich als gewieftestem Taktiker der Liga wird sich auch der solide Erik Spoelstra die Zähne ausbeißen.

Prognose

Die Heat haben die besseren, athletischeren Einzelspieler und würden auch in meinem Buch in Bestbesetzung als Favorit gelten. Dies ist aber nicht mehr das Heat-Team, das 27 Spiele in Folge gewonnen hat. Die dicken Fragezeichen bei Wade und Bosh lassen meine Prognosennadel in diesem verdammt engen Duell letztendlich in Richtung San Antonio ausschlagen. Ein Auswärtserfolg in einer der ersten beiden Partien wäre fast schon die ganze Miete (nicht vergessen, es wird 2-3-2 gespielt). Selbst, wenn man sich im Alamo aber einen Sieg abnehmen lassen sollte und James unbedingt Revanche für '07 will: Duncan und Popovich sind in Finalserien noch ungeschlagen (16-6 insgesamt). Im Zweifel, das haben mich die letzten 14 Jahre seit San Antonios erstem Titelgewinn gelehrt, sollte man so spät im Game immer auf die Spurs setzen.

San Antonio in 7