16 Juni 2013

Sebastian Dumitru | 15. Juni, 2013                                    


Bringt Boston seine Champs ein letztes Mal zurück, oder gehen die C's in den Rebuild? (Photo: WBUR NPR News)  

Was sollte eigentlich der Lärm? Die Aufregung war grösser als zu irgend einem Zeitpunkt während dieser NBA Finals, als vorsichtige Annäherungsversuche zwischen den Los Angeles Clippers und den Boston Celtics im Laufe des Samstags schneller Fahrt aufnahmen als eine getunte Suzuki Hayabusa - nur um dann gegen Abend am nächsten Baum zu zerschellen und in Tausend Stücke zu zerbröseln.

Mittelpunkt der Trade-Gespräche, die tatsächlich statt fanden, war ein möglicher Deal, der Kevin Garnett und Doc Rivers zu den Clippers gebracht hätte. Paul Pierce sollte anschliessend folgen, falls man es nicht geschafft hätte, ihn direkt in selbigen Deal zu integrieren. Zur Erinnerung: Garnett war bereits im Februar bei den Clippers im Gespräch. Was viele nicht wissen: Los Angeles versuchte schon damals, auch Pierce von den Celtics los zu eisen. Pierce verbrachte seine Kindheit in Inglewood (dort, wo früher die Showtime-Lakers spielten), Garnett chillt schon lange während der Offseasons in Malibu (dort, wo Charlie Harper wohnt). Beide sind mittlerweile an der Hüfte zusammen gewachsen wie siamesische Zwillingskobolde, seitdem sie das Schicksal 2007 zusammen steckte und sie Bostons Titeldürre nach 22 Jahren ungesäumt beendeten. Rivers ist das dritte Bindeglied und war von Anfang an der heimliche Star bei den Celtics - ein künftiger Hall of Famer, dessen Fähigkeit, bedeutende Beziehungen zu seinen Spielern aufzubauen, längst Legendenstatus erreicht hat. Alle drei haben mehrfach betont, dass ihre unmittelbare Zukunft unweigerlich miteinander verknüpft ist. Geht einer, gehen alle. 'Ubuntu' eben, bis zum bitteren Ende.

Die Celtics haben bekanntlich ein Problem: der aktuelle Kader, in dem nur noch KG, Pierce, Rivers und Rajon Rondo aus der Meistermannschaft von vor fünf Jahren übrig geblieben sind, ist mittlerweile zu alt und zu löchrig, um noch ernsthaft um den Titel mitfighten zu können. General Manager Danny Ainge würde nur allzu gerne den längst überfälligen Rebuild einleiten. So lange aber teure Vets wie KG und PP zusammen mit einem der vier besten Coaches der Liga das Sagen haben, bleibt ein solches Vorhaben utopisch. Der Rekordchamp ist in einer Endlos-Schleife gefangen - ein Second Tier Contender Perpetuum Mobile, sozusagen.

Am liebsten will Ainge - und das ist auch in Boston längst kein Geheimnis mehr - mit der Abrissbirne gegen diesen Kader vorgehen, Rondo/Pierce/Garnett aus der Lineup streichen und wieder ganz von vorne beginnen. Das Idealszenario: junge Talente, auslaufende Verträge, hohe Draft-Picks und Cap-Platz satt. Um dann im wilden Free Agent Sommer 2014 zuzuschlagen und dick nachzuladen. Wie aber soll das gehen, ohne einen 'Lifer' wie Pierce und die treue Fangemeinde vor den Kopf zu stoßen? Wie soll das gehen, ohne einen stolzen Krieger wie KG, der "grün blutet", wie er immer selbst sagt, in seiner Ehre zu kränken? Wie soll das gehen, ohne einen Elite-Coach wie Rivers, dessen Vertrag noch drei Jahre (21 Mio. $) läuft, zu zwingen, einen vollen Rebuild zu leiten, anstatt um Championships mitzuspielen?

Wichtig für LA: Bledsoe (Photo: Keith Allison)
Rivers, der nach dem Erstrundenaus gegen die New York Knicks andeutete, zurück kommen zu wollen und seither stumm blieb, ließ in der Vergangenheit mehrfach verlauten, dass er nicht bereit wäre, in Boston wieder bei Null anzufangen. Kann ich gut verstehen. Garnett, dessen neuer Deal bis 2015 läuft (11.5 Mio. $ nächste Saison, 12 Mio. $ übernächste), ist mittlerweile 37 und machte seine Rückkehr (oder alternativ das Karriereende) von der Personalie Pierce abhängig. Auch das leuchtet ein. Pierces Vertrag ist nicht garantiert. Er kann von den Celtics bis zum 30. Juni für 5 Mio. $ heraus gekauft und damit de facto "entlassen" werden. Passiert das nicht, triggert sein komplettes letztes Vertragsjahr für 15.3 Mio. $, bevor er nächsten Sommer Unrestricted Free Agent wird. Garnett hat eine No-Trade-Klausel, die ihm erlaubt, jeden Deal zu negieren. Rivers hat eine sogenannte 'non-compete' Klausel in seinem Deal. Heisst im Klartext: solange sein Vertrag bei den Celtics noch läuft (bis 2016), darf er für kein anderes Team arbeiten, selbst dann, wenn er sein Amt in Boston niederlegen sollte. Die einzige Möglichkeit, Rivers abzuwerben, wäre also mittels Trade, was in der NBA nicht nur für Spieler, sondern auch für Coaches erlaubt ist. Und hier kommen die Clippers ins Spiel.

L.A. trennte sich nach der erfolgreichsten Saison aller Zeiten von Vinny del Negro, dessen Vertrag auslief und nicht erneuert wurde. Die vakante Trainerposition würden die lange erfolglosen Clippers gerne mit einem Hochkaräter besetzen, um unter anderem Chris Paul, der bekanntlich Free Agent wird, zum Bleiben zu Überreden. Für Paul, der mit 28 Lenzen jetzt im besten Basketballeralter ist, zählt nur das Hier und Jetzt - und damit die Aussicht, hier und jetzt um NBA-Championships mitzuspielen. Dass CP3 seit seiner Ankunft in Tinseltown viele Entscheidungen hinter den Kulissen beeinflusst und ein gewichtiges Wort mitzureden hat in Personal- und Trainerangelegenheiten, konntet ihr an dieser Stelle schon häufiger nachlesen. Paul war es auch, der Chauncey Billups, Willie Green, Lamar Odom, Jamal Crawford und Matt Barnes zu den Clippers lockte. Und im Februar erfolglos auf einen Garnett-Trade mit Boston pochte. Aus einem jungen, mit Talenten gespickten Team ist nach und nach eine Ansammlung von Veteranen geworden - ganz nach Paul Gutdünken. Die wenigen verbliebenen Youngster sind Blake Griffin (24), Eric Bledsoe (23) und DeAndre Jordan (24).

Letztere werden nun ebenfalls auf dem freien Markt angepriesen, in der Hoffnung, adäquaten Veteranen-Gegenwert zu bekommen. Alles mit dem einen, wichtigsten aller Hintergedanken: Chris Paul darf im Sommer nicht abwandern, denn das wäre der atomare Super-GAU für die einstige NBA-Lachnummer-Franchise. Mehrere Szenarien wären in einem möglichen Garnett/Pierce Trade denkbar gewesen (und sind es, streng genommen, nach wie vor). Unabhängig davon, wann und auf welchen Tausch sich beide Teams geeinigt hätten - was laut Salary-Cap-Guru Larry Coon explizite Auswirkungen auf die genaue Architektur des/der Deals hat - das Paket hätte wohl so ausgesehen: KG und Pierce für DeAndre Jordan, Eric Bledsoe, Caron Butler, evtl. Wille Green, Draft-Picks und Cash. Letztere in größeren Mengen, falls die Clippers sich auch noch Rivers' Dienste hätten sichern wollen.

Pandämonium, abstruses Durcheinander und Twitter als Äquivalent der Casino-Szene aus 'Fear and Loathing'... am späten Samstag-Abend hatte die Hayabusa-Story bereits aberwitzige Geschwindigkeit (325 km/h) erreicht. News-Outlets an beiden Küsten überboten sich gegenseitig in der Frequenz ihrer Updates, Fans links und rechts waren kurz vor der Asystolie, und es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis der Deal tatsächlich über die Bühne gehen würde. Dann kam der Crash.


Die Clippers hatten kurz vor Abschluss zurück gezogen. Die endgültige Preisvorstellung von Ainge & co. war zuviel für Gary Sacks, Andy Roeser & Konsorten. Zwei entscheidende Faktoren wogen für die kalifornische Franchise zu schwer: zum einen verlangten die Celtics nicht nur 60% der gesamten Starting Lineup (Green, Butler, Jordan) und mehrere Erstrundenpicks, sondern auch noch Eric Bledsoe, der für die Clippers bekanntlich Gold wert ist, seitdem sie ihn vor drei Jahren an 18. Stelle drafteten. Zum anderen hat man in L.A. passendere/günstigere Alternativen in Aussicht als Rivers.

Der südkalifornische Klub mag Bledsoe nicht nur wegen seiner explosiven Athletik und dem unangezapften Potential, sondern sieht ihn unweigerlich mit der Personalie Chris Paul verknüpft. Als die NBA/David Stern Hornets vor der Lockout-Saison darauf bestanden, dass Bledsoe ins Trade-Paket um Eric Gordon und Chris Kaman für CP3 involviert wird, blieben die Clips standhaft. Was, so die Denke damals, wenn Paul irgendwann wieder abwandern würde? Selbiges gilt auch heute noch. Was, wenn Paul nicht verlängert? Dann stünden die Clippers mit gänzlich leeren Händen da. So haben sie wenigstens eine Rückversicherung auf Point Guard, nur für den Fall, dass Paul tatsächlich den Abgang macht.

Eine Rückversicherung, die sie natürlich nicht mehr brauchen, wenn CP3 Anfang Juli seine Unterschrift unter den neuen 5-Jahres-Maximal-Deal gesetzt hat. Spätestens dann würde Bledsoe, der im Sommer 2014 Unrestricted Free Agent wird, zum lukrativsten Trade-Chip dieses Klubs werden - eines Klubs, der den Youngster ab 2014 nicht mehr adäquat bezahlen kann. Der Trademarkt für Bledsoe wird ergiebig sein. Bisher fielen schon Namen wie Arron Afflalo (Orlando) oder Danny Granger (Indiana). Oder (Achtung, absurd!): Dwight Howard. Den würden die Clippers liebend gerne vom Rivalen Lakers verpflichten, auch wenn sie dafür Bledsoe und Publikumsliebling Blake Griffin abdrücken müssten. Dass Paul und Howard im Sommer gerne zusammen finden würden, ist allgemein bekannt. Dass die Lakers einen Teufel tun werden, Howard ausgerechnet zum Staples-Nachbarn zu sign&traden, offensichtlich nicht.

Und Rivers? Für den hätten die Clippers noch tiefer in die Tasche greifen müssen. Man darf nicht vergessen, dass der knausrige Teambesitzer Donald Sterling nach wie vor das Team besitzt - und chronische Knausrigkeit nicht von heute auf morgen verebbt. In diesem Fall sind die Clippers vielleicht sogar besser damit beraten, nicht all-in zu gehen, zumindest nicht für Rivers. In den zurück liegenden sieben Tagen interviewten Sacks/Roeser die Free Agent Coaches Lionel Hollins, Brian Shaw und Byron Scott. George Karl ist ebenfalls verfügbar, seit ihn die übernervösen Denver Nuggets nach der besten Saison aller Zeiten vor die Tür setzten. Warum also jährlich 7-Millionen-plus für Rivers abdrücken und obendrein noch alle Draft-Picks bis 2050, wenn eine Reihe erfahrener, sehr guter Head Coaches verfügbar ist? Wäre ein Schleifer wie Hollins nicht genau die Dosis Defense, die der Playoff-Arzt den Clippers verschreiben würde? Wäre der begehrteste Assistent von allen, Shaw, nicht der ideale Mann, um Del Negros "Paul, mach mal was-Offense" durch etwas Kreativeres zu ersetzen? Oder Scott, einem guten Freund Pauls, der mit ihm in New Orleans nur einen Sieg vom Conference Finale entfernt war - bis heute CP3s erfolgreichste Saison in acht Profijahren.

Für Boston war und bleibt Eric Bledsoe das Zünglein an der Waage. Für die Clippers ebenfalls. Erstere sind nur dann bereit, einen endgültigen Schlussstrich unter die Celtics-Big-Three-Renaissance-Ära zu ziehen, wenn sie ein gigantisches Lösegeld erpressen können. Letztere sind zwar bereit, ihre unmittelbare Zukunft zu verpfänden, um Pauls Wunsch nach einer Final-Teilnahme zu entsprechen - aber nicht, wenn sie alle Anlagegüter auf einmal verlieren und mit KG/Pierce/Rivers 'all in' müssen. Nicht vergessen: Garnett (37) und Pierce (36) sind am Ende ihrer Karrieren und haben nicht mehr als eins bis zwei letzte Saisons in ihnen. So spannend es für die NBA-Diaspora sicherlich wäre, ein Paul-Crawford-Pierce-Garnett-Howard Lineup-Experiment unter Rivers' Anleitung um den Titel mitspielen zu sehen, so unrealistisch ist das Ganze im Endeffekt. Nur weil zwei Mannschaften einvernehmliches Interesse an einem Trade haben, heisst das nicht automatisch, dass selbiger auch materialisierbar ist. Es scheitern Jahr für Jahr hunderte Deals genau an solchen Detailfragen - auch wenn das Hauptgerüst vielleicht schon lange steht.

Beide Teams werden nach dem Wochenend-Techtelmechtel schnell wieder zum Alltagsgeschehen übergehen. Garnett/Pierce kehren nach Boston zurück, die Clippers werden schon Anfang nächster Woche ihren neuen Head Coach bekannt geben. Und das wird nicht Doc Rivers sein...