01 Juni 2013

Sebastian Dumitru 28. Mai, 2013                                      




Der Juni klopft an die Tür, und mit ihm der NBA-Draft in weniger als einem Monat. Perfekter Zeitpunkt also, um in den nächsten Tagen und Wochen die besten und/oder interessantesten Rookies des 2013er Jahrgangs vorzustellen. NBACHEF hat alle wichtigen für euch gecheckt und lässt sie hier sukzessive aus der Reihe tanzen. Nach Ben McLemore zum Auftakt und Otto Porter als da capo scheint die Punktleuchte heute auf Indianas Kometen, Victor Oladipo.

Den kannte vor einem Jahr kaum ein Schwein. Sicher, er hatte sich in seinen ersten beiden Jahren bei den Hoosiers als wichtiger Baustein im Team von Tom Crean entpuppt, einer, der aufgrund seiner starken Defensivarbeit als perfekter 'glue guy' galt. Aber 10.8 Punkte pro Spiel als Sophomore waren wahrlich kein Appetizer für die erste Draft-Runde, geschweige denn für die Lotterie. Wenn überhaupt, so der Tenor 2012, dann würde Oladipo irgendwo in der zweiten Runde als Verteidigungsspezialist gezogen werden, als Lückenfüller für eine NBA-Mannschaft, die hinten Verstärkung am Perimeter brauchte.

Innerhalb von nur wenigen Monaten schoss der heute 21-Jährige aber wie eine Rakete in der Gunst der NBA-Scouts und diverser Mock-Drafts nach oben - vom Second Rounder über einen garantierten Erstrundenpick zum möglichen Lotterie-Material in die Top-10 bis hinauf unter die fünf begehrtesten Talente dieses Jahrgangs. Was zum Teufel war passiert? Oladipo - harter Arbeiter und unermüdliche Hallenratte in einem - entdeckte den Jumpshot als Waffe. Er schraubte sein Scoring-Output von 10.8 PPG auf 13.6 PPG, seine Field Goal Quote von 47 auf 60 Prozent und seine Dreierausbeute von 20.8 auf bombastische 44 Prozent. Es wird sich zeigen, ob die Erfolgsrate der abgelaufenen Saison eine Anomalie war oder langfristig konservierbar ist. Oladipos Trainingsfleiß und Charakterstärke suggerieren Letzteres.

Seine neu gefunden Effizienz am vorderen Ende des Courts hatte keinerlei negativen Auswirkungen auf seine beneidenswert konstante Defensivarbeit: der kräftige Flügelspieler blieb auch in seinem dritten College-Jahr einer der furchteinflößendsten Verteidiger der NCAA - ein Derwisch mit überragender Lateral-Geschwindigkeit, schnellen Händen und dem richtigen Riecher für Charges und Steals. All diese Faktoren, kombiniert mit seiner überragenden Athletik (auch nach NBA-Standards), werden ihn fast zwangsweise zu einem Lockdown-Defender in der Basketball Association machen - ihr wisst, schon, einer dieser Tony-Allen-All-Defensive-Team-Dauerkandidaten, die dem Gegenspieler über volle 40 Minuten den letzten Nerv rauben.



Kein Wunder also, dass Oladipo mancherorts sogar schon als möglicher Kandidat für den Top-Pick gehandelt wurde. Soweit würde ich auf keinen Fall gehen - "zu kleine" Flügelspieler ohne lupenreine Scoring-Instinkte oder erkennbares Superstar-Potential haben an der Spitze eines Drafts nichts zu suchen. So rapide sich der Basketballjunkie aus Marlboro/Maryland, der als High School Senior nicht einmal unter den 40 besten Talenten auf seiner eigenen Position geführt wurde, auch verbessert hat: der Angriff ist seine Paradedisziplin nicht.

Viele seiner Punkte kommen via direktem Line-Drive zum Korb zustande. Das macht ja auch Sinn, wenn man sich seinen Körperbau und seine Athletik zu Gemüte führt. Mit weit mehr als einem Meter reiner Sprungkraft und langen Armen ist er nicht nur in der Lage, spektakulär abzuschliessen, sondern auch mit Körperkontakt zu vollenden. Hohe Trefferquoten am Ring dürften also auch in der NBA gebucht sein. Viel arbeiten müssen wird Oladipo dagegen an seinem Ballhandling (hohe Turnover-Quote) und Isolations-Situationen, in denen er nicht bis zum Brett vordringen kann. Ein guter Shooting Guard muss dann einfach in der Lage sein, sich konstant den eigenen Wurf zu erarbeiten - im Notfall eben an der Linie.

Aber ihr erkennt vielleicht schon: an diesem Youngster gibt es, selbst nach händeringender Suche, nur wenig auszusetzen. Wenn er nicht erst spät auf der Landkarte aufgetaucht und seine Wurfquoten-Stichprobe nicht derart klein wäre, müsste man ihn wohl ernsthaft als Nummer eins Pick in Betracht ziehen. Seine Arbeitsmoral, Charakterstärke (sehr reif und bescheiden, aber immens selbstbewusst) und Führungsqualitäten (stellte in Indiana sogar Zeller in den Schatten) machen ihn zum Liebling vieler Scouts und GMs. Mit anderen Worten: genauso stellen sich die Verantwortlichen in den Chefetagen das Wesen eines künftigen Profis vor.

Seine Fähigkeit, bis zu drei Positionen zu verteidigen, lässt ihn in der heutigen, Perimeter-lastigen NBA doppelt wertvoll erscheinen. Wird aus Oladipo eines Tages ein Superstar? Vermutlich nicht. An der Seite eines weiteren Top-Spielers könnte er sich in vielen Jahren aber zumindest in die Nähe des All-Star Teams gekämpft haben, ähnlich wie Andre Iguodala, der als Rookie viele ähnliche Voraussetzungen mitbrachte. Im Mindestfall spielt sich V.O. irgendwo in einer Startformation fest und hilft mit, die Verliererkultur einer Franchise wie Phoenix oder Charlotte wieder in ein positives Arbeitsumfeld zu verwandeln. Es gibt nur wenige "sichere" Picks in 2013. Victor Oladipo ist vermutlich der "sicherste".


Prognose: 4./5. Pick!