26 Juni 2013

Sebastian Dumitru 25. Juni, 2013                                      




Der 27. Juni klopft an die Tür, und mit ihm der NBA-Draft in diesem Monat. Perfekter Zeitpunkt also, um in den nächsten Tagen und Wochen die besten und/oder interessantesten Rookies des 2013er Jahrgangs vorzustellen. NBACHEF hat alle wichtigen für euch gecheckt und lässt sie hier sukzessive aus der Reihe tanzen. Wichtige Frage: Wer greift sich den lange Zeit in der kollektiven Draft-Gunst führenden Eliteverteidiger Nerlens Noel? Und wie sehr spielt sein noch lange nicht auskurierter Kreuzbandriss in die Entscheidungen der Top-3 Cleveland, Orlando und Washington hinein?

In irgend einem der unendlich vielen Paralleluniversen da draußen bekommt Vinny del Negro lebenslanges Coaching-Verbot, Dwight Howard und CP3 werden vom neuen Knicks-GM Robert Jerzy unter geschicktem Ausmanövrieren der CBA-Statuten nach New York gelotst und Nerlens Noel kracht am 12. Februar nicht in die Korbanlage in Florida. Die Cleveland Cavaliers selektieren den haushohen Favoriten daraufhin mit dem Nummer eins Pick 2013 und nehmen es schon 2015 mit Rob's Knickerbockers und den übermächtigen Miami Heat im Osten auf.  In diesem, unserem Universum erhält VDN vermutlich schon bald seine nächste Traineranstellung, die Knicks bezahlen JR Smith Anfang Juli  250% seines eigentlichen Marktwertes, und Noels unglücklicher Kreuzbandriss verändert die Dynamik eines ohnehin schon kaum vorhersehbaren Drafts. Die Cleveland Cavaliers, die eines ganz ausgezeichnet machen - nämlich im Vorfeld des 27. Juni die Klappe halten und sich nicht in die Karten blicken lassen - wägen seit Wochen ab, ob sie Noel draften, ihm einen anderen Spieler (Len) vorziehen oder den Pick ganz aus der Hand legen sollten. Das Szenario stellte sich vor fünf Monaten noch gänzlich anders dar.

Noel war die unumstrittene Nummer eins. Ein blutjunger Hampelmann, der defensiv mit zum Allerbesten zählte, was das NCAA-Aufzuchtlabor seit Langem hervor gebracht hat. Ein Shotblocker par excellence, was nicht nur seine absurden 4.4 Blocks pro Partie verdeutlichen, sondern unzählige andere Würfe, die nur aufgrund seiner Präsenz entweder gar nicht oder nur sehr zögerlich genommen wurden - und folgerichtig daneben gingen. Übersetzung: Gegner überlegen zwei Mal, ob sie überhaupt hochgehen, wenn Noel in der Nähe ist. Dank Spielern wie Larry Sanders, Roy Hibbert, Tyson Chandler oder früher Marcus Camby und Dikembe Mutombo wissen wir, wie immens wichtig solche Ringprotektoren in der NBA sind.

Noels Fähigkeiten hören nicht beim Shotblocking auf. Der one-and-done Freshman pflückte vor seiner Verletzung starke 9.5 Rebounds und klaute obendrein noch 2.1 Bälle pro Abend. Nur drei Spieler haben in der NCAA-Historie jemals mindestens 2 Steals und 5 Blocks pro 40 absolvierten Minuten erreicht: Akeem Olajuwon, David Robinson und eben Noel. Dessen Pogo-Stick Sprungkraft, verblüffende Schnelligkeit/Athletik (trotz 211 Zentimetern) und ungefähre Spannweite eines ausgewachsenen Pterodactylus machen ihn zu einem potentiellen Defensivstopper par excellence - und genau dadurch wird sich Noel in seinen ersten zwei, drei Profijahren auch hauptsächlich seine Sporen verdienen.



Wieviel Entwicklungsraum er nach oben hin dann ausfüllen kann, hängt grösstenteils von Noel selber ab sowie natürlich von der Rolle, die sein neues Team für ihn vorgesehen hat. Offensiv ist er in Isolations-Situationen zu diesem Zeitpunkt nahezu unbrauchbar. Der Kevin Garnett Fan wird also lange (vermutlich vergeblich) an seinem Angriffsspiel feilen müssen, um eines Tages auch nur ansatzweise an die Durchschlagskraft seines Vorbildes heran zu kommen. Noel verwandelt zwar nahezu alles, was man ihm direkt am Korb auflegt (Dunks, baby!), aber im Low Post und aus der Mitteldistanz ist er sehr limitiert. Die wenigen Punkte, die er erzielte, kamen meist exklusiv nach Verwendung seiner überragenden athletischen Fähigkeiten zustande. Ein schneller erster Schritt aus dem Face-Up. Ein hoch gesprungener Babyhook. Ein krachender Dunk nach einem schnellen Cut in die Zone. Ein spektakulärer Oop. Danach wird's schon dünn in der Abteilung Attacke. Der Wurf des 19-Jährigen ist nonexistent (53% Freiwürfe), weil mechanisch fehlerhaft.

Das Team, das Nerlens Noel am 27. Juni also draftet, muss sich über mehrere Dinge im Klaren sein: selbst im fitten Zustand wäre der Youngster nur ein One-Way Spieler, der offensiv wohl Jahre zum Entwickeln brauchen wird und selbst dann im Angriff vielleicht nie produktiver sein kann als ein Camby (Karriere 9.5 PPG), Sanders (9.8 PPG in der abgelaufenen Saison) oder Tyson Chandler (Karriere 8.7 PPG). Ich mache mir keine Sorgen, was sein Körpergewicht anbelangt - da wird er mit der richtigen Diät und dem straffen NBA-Trainingsplan schon schnell ein paar extra Pfunde drauf packen. Auch sein Knie wird verheilen. Aber angesichts der Tatsache, dass er für 2013 nahezu vollständig ausser Gefecht ist, frühestens ab 2014 wieder richtigen Basketball spielen kann und dann schon beinahe eine volle Saison Rückstand haben wird, bis er mal Maximalgeschwindigkeit erreicht hat, und zusätzlich auf der beinharten Fünfer-Position in der NBA antreten muss, wo Athletik allein einen nicht viel weiter bringt (Kameraschwenk zu einem missmutig nickenden DeAndre Jordan in der Gummi-Hüpfburg), scheint die NBA-Karriere von Nerlens Noel erst ab 2014/15 überhaupt richtig in Fahrt kommen zu können. Und selbst dann wird er es immens schwer haben, Fuß zu fassen.

Ihr habt gesehen, wie lange zum Beispiel Anthony Davis nach anfänglichen, kleinen Verletzungsproblemen gebraucht hat, um in die Puschen zu kommen - und der kommt im Angriff, verglichen mit Noel, wie eine Mischung aus 'Wilt the Stilt' und 'Hakeem the Dream' daher. Nicht falsch verstehen: der neueste Zögling von John Calipari hat viele bemerkenswerte Eigenschaften. Die bemerkenswerteste von ihnen, seine elitäre Defensivstärke, reserviert ihm schon jetzt mindestens einen Logen-Platz im fiktiven 'Defensive Player of the Year 2018' Kino vor. Aber ein Nummer eins Pick muss mehr können, als den Ring zu beschützen, effektiv Pick & Rolls zu hedgen und 10 Bretter pro Abend zu pflücken. Ich bin mir also nicht sicher, ob ein Team wie die Cavs, die jetzt mächtig in Richtung Playoffs drängen (Teambesitzer Dan Gilbert hat das für '13/14 mehr oder weniger direkt eingefordert), ein weiteres Jahr ihrer Entwicklung herschenken wollen, um auf Noel zu warten. Wer auch immer ihn draftet (und wenn das Cleveland nicht ist, dann mit ziemlicher Sicherheit Orlando), wird sich nämlich fast zwangsweise damit abfinden müssen. Noel plus Andrew Wiggins ab 2014 wiederum...


Prognose: 1./2. Pick!