23 Juni 2013

Sebastian Dumitru 23. Juni, 2013                                      




Der 27. Juni klopft an die Tür, und mit ihm der NBA-Draft in diesem Monat. Perfekter Zeitpunkt also, um in den nächsten Tagen und Wochen die besten und/oder interessantesten Rookies des 2013er Jahrgangs vorzustellen. NBACHEF hat alle wichtigen für euch gecheckt und lässt sie hier sukzessive aus der Reihe tanzen. Heute auf dem Radar: Syracuses ellenlanger Spielmacher Michael Carter-Williams.

Der Youngster führte die Orangemen in der abgelaufenen Saison zu einem Platz im Final Four und damit zu ihrem besten Abschneiden seit 2003. Damals war ein gewisser Carmelo Anthony maßgeblich am Gewinn der NCAA-Meisterschaft beteiligt, bevor er den Sprung in die NBA machte. Carter-Williams will einen ähnlichen Weg einschlagen.

Der 1,98 Meter Mann wuchs in einer Basketballfamilie auf. Sein leiblicher Vater und seine Mutter spielten selbst aktiv Basketball, sein Stiefvater ist heute Coach einer Jugendmannschaft. Vermutlich zieht sich das Basketball-Gen seit Jahrhunderten quer durch den Carter-Williams'schen Stammbaum, bis zurück ins Pleistozän. Kein Wunder also, dass der Filius schon als Zweijähriger mit dem Spalding durch die Gegend stolperte und an seinem Handle feilte. In Syracuse saß MCW als Freshman hinter Dion Waiters, Scoop Jardine und Brandon Triche meistens auf der Ersatzbank fest. In seinem zweiten Jahr explodierte er aber und entwickelte sich nicht nur zum Leistungsträger von Jim Boeheim, sondern schoss auch in der Gunst der NBA-Scouts nach oben.

Die sehen ihn mittlerweile als einen der drei besten Point Guards dieses Jahrgangs, zusammen mit Trey Burke und CJ McCollum. Je nachdem, wem man zuhört, ist Carter-Williams sogar der Beste unter ihnen, zumindest aber derjenige mit der meisten 'Upside'. Mit lupenreinen Spielmacher-Instinkten, die in für Point Guards gigantischen zwei Metern stecken, die sich obendrein auch noch geschmeidig und explosiv über's Parkett bewegen, erinnert der ex-Orangeman an Typen wie Penny Hardaway oder Shaun Livingston vor seiner Hauptrolle im widerlichsten Horrorstreifen aller Zeiten. Die Länge ist ein entscheidender Vorteil, um über Defensiven hinweg zu sehen oder Entry-Pässe aus allen Lagen an den Mann zu bringen. Carter-Williams hat ein gutes Spielverständnis und eine bemerkenswerte Kontrolle über den Flow einer Partie. In Syracuse war er der uneingeschränkte Offensiv-General. Das zeigte nicht zuletzt 'Cuses erfolgreicher Turnier-Lauf.

Seine immense Länge hilft aber auch in der Verteidigung, wo er in Boeheims gefürchteter Zone zwar nur selten individuell glänzen konnte, aber isoliert jederzeit seinen Mann stand und zu den besten Balldieben der NCAA avancierte (2.8 Steals pro Partie). Jenes Team, das ihn am 27. Juni aus dem 'Green Room' auf's Podium bitten wird, ergattert nicht nur einen soliden, vielseitigen Offensiv-Spieler, sondern obendrein Unmengen von defensiver Flexibilität und einen potentiellen Stopper auf der Eins, der hinten den Ball klauen und dann im Alleingang den Break initiieren kann. In Transition ist Carter-Williams am gefährlichsten.



Große Bedenken gibt es dennoch - bezüglich zweier Faktoren in seinem Spiel - und ausgerechnet die werden letztendlich über seinen Erfolg oder Mißerfolg in der Basketball Association richten. Carter-Williams ist einer der schlechtesten Scorer in diesem Draft-Jahrgang und droht in Halfcourt-Situationen im schlimmsten Fall sogar zur Belastung zu verkommen. Mit mickrigen 13.6 Punkten pro 40 Spielminuten wird er von allen projizierten Erstrundenspielern in 2013 deklassiert. Nicht nur das: sein Wurf, egal ob aus dem Feld (39%), aus der Distanz (29%) oder von der Linie (69%), ist weit unter dem akzeptablen Durchschnitt. Mit weniger als 0.75 PPP zählt er zu den ineffizientesten Angriffsspielern im Draft-Pool. Ironischerweise kann er seine Schwächen auf diesem Gebiet nicht einmal durch seine überragende Athletik kaschieren. Auch am Ring hat er große Probleme, hochprozentig zu vollenden. Sein Fliegengewicht hat daran sicherlich einen massiven Anteil.

Es ist verblüffend. Obwohl Carter-Williams sich als High School Spieler vor allem als Scorer einen Namen machte, ist ausgerechnet dieser Aspekt nun die große Schwäche in seinem Spiel geworden. Ein anderes Ärgernis: seine Anfälligkeit für Fehler im Pick & Roll. MCW verlor bei nahezu jedem dritten P&R den Ball und leistete sich vergangene Saison in 40 Partien 25 Mal drei Turnovers oder mehr. In der NBA muss er zeigen, dass Defensiven ihn und seinen Jumpshot respektieren müssen und es sich nicht leisten können, am Perimeter drei Armlängen Abstand zu halten, um die Zone dicht zu machen (das Rondo-Problem). Und er muss dringend ein paar Pfunde zulegen, um seine Schwächen aus der Distanz mit Drives, anschliessenden Kickouts und dem Schinden von Fouls zu camouflieren.

All das sind aber keine Probleme, die sich mit harter Arbeit nicht schon in Bälde beheben ließen. Vor allem sein Jumpshot ist ohne Weiteres ausbaufähig. Die Mechanik ist geschmeidig und muss eigentlich nur noch feinjustiert und dann mit Millionen von Wiederholungen festgerastert werden. Die nötigen Pfunde wird Carter-Williams mit der Zeit ebenfalls auf seinen dürren Rahmen packen. Obwohl er als College-Sophomore schon uralte 21 ist und noch vor Saisonbeginn seinen 22. Geburtstag feiern wird, bietet Michael Carter-Williams dem geneigten Interessenten einzigartige Guard-Aussichten. Er kann das Spiel lenken, bringt eine unverwechselbare Längen-Komponente in den Backcourt und hat die Chance, sich mit etwas Geduld zur gefährlichen 10/10/10-Triple-Double-All-Around-Waffe zu entwickeln. Für Teams wie Sacramento, Detroit, Dallas oder Utah, die ihren Spielmacher der Zukunft noch nicht gefunden haben, ist dieses Best-Case Szenario also durchaus eine Lotterie-Investition wert.


Prognose: 7./8. Pick!