10 Juni 2013

Sebastian Dumitru 10. Juni, 2013                                      



Wie schon in der Vergangenheit werden euch auch heuer geneigte Fachmänner und all diejenigen, die es gerne sein möchten, weismachen wollen, dass körperlich unbeeindruckende Guards von kleinen Unis keinerlei Chancen haben, sich in der NBA durchzusetzen. Da fallen dann Plattitüden wie "zu unathletisch", "keine Upside" oder "schlechte Competition in mieser Conference", um das eigene Unvermögen zu kaschieren, Talente adäquat einstufen zu können. Beispiele gefällig? Stephen Curry in 2009. Oder Damian Lillard in 2012.  Ich hatte euch als einer der ganz wenigen schon vor dem Draft '12 auf eine mögliche Rookie of the Year Saison von Lillard vorbereitet (und meinen ROY-Pick danach in diversen Season Previews für die Nachwelt festgehalten) - und so kam es dann auch. Warum ich mir so sicher war? Die richtigen Skills, eine gefestigte Persönlichkeit und die perfekte Situation in Portland deuteten schon darauf hin. Man musste nur genau hingucken.

Enter CJ McCollum, der Stephen Curry/Damian Lillard dieses Draft-Jahrgangs. Ich behaupte nicht nur, dass McCollum (je nachdem bei welchem Team er letztendlich landet) realistische Chancen hat, zum besten Scorer dieser Klasse zu mutieren, sondern gehe sogar noch einen Schritt weiter: McCollum wird eines Tages in der Nähe eines NBA-All-Star Teams landen.

Obwohl - oder gerade weil - der 21-Jährige an der kleinen Lehigh Universität in der unbedeutenden 'Patriot League' spielte und dort die vollen vier Jahre absaß, hat er seinen Aktienkurs stetig verbessert. Der wäre nach zwei 'Player of the Year' und zwei 'Honorable Mention All American' Kampagnen (incl. All-Time Leading Scorer in der Geschichte der Patriot League) vielleicht sogar noch höher geklettert, wenn sich McCollum im Januar 2013 nicht den Mittelfußknochen gebrochen hätte und damit für den Rest seiner Senior-Saison ausgefallen wäre. Zum Zeitpunkt seiner Verletzung führte der Kombo-Guard die gesamte College-Liga beim Scoring an (25.7 PPG) und war drauf und dran, seine Mountain Hawks zum nächsten Patriot League Titel und einem Platz im NCAA-Turnier zu powern. Schon ein Jahr zuvor galt McCollum als sicherer Erstrundenpick, entschied sich aber dennoch, zurück zu kehren, um sein Studium zu beenden und den Abschluss zu machen. Der ist ihm wichtig, um langfristig erfolgreich zu sein - auch nach seiner NBA-Karriere.

Nicht nur dieses Detail verrät etwas über den Menschen CJ McCollum: er ist hochintelligent und bringt die nötige mentale Reife mit, um im Haifischbecken NBA zu überleben. Auf dem Parkett wird er damit ohnehin keine allzu großen Probleme haben. McCollum ist ein purer Scorer und herausragender Shooter mit endloser Range und allen nur erdenklichen Pullup-Moves in seinem Arsenal. Egal, ob nach eigenem Dribbling (sein off-the-Bounce Repertoire ist legendär), off-Ball Curls oder klassischen Spot-Ups: der Jumpshot ist aus allen Lagen brandgefährlich und könnte mit ein paar extra Reps zur Massenvernichtungswaffe werden.



McCollums Skillset hört nicht beim Shooting auf (50% FG, 52% Dreier, 85% Freiwürfe als Senior). Seine Beschlagenheit mit dem Ball, sein Spielgefühl und seine kräftige Statur ermöglichten es ihm in Lehigh, fast nach Belieben zum Korb zu gehen und dort Fouls zu ziehen. Diese Fähigkeit ist auf die NBA übertragbar, denn sie gibt Aufschluss über das Aggressivitätslevel eines Spielers und hilft ungemein, auch dann produktiv zu bleiben, wenn der Wurf einmal nicht fällt. Zwei unterschätzte Aspekte in McCollums Game: seine Reboundstärke (7.8 RPG als Sophomore, 6.1 RPG insgesamt) und seine aktiven Hände in der Defense (2.6 SPG als Junior, 2 SPG insgesamt).

Wie schon bei Curry/Lillard fällt es dem geneigten Kritiker aber auch bei diesem Frischling nicht allzu schwer, Korinthen zu kacken... und das tut er bekanntlich am liebsten. McCollum ist kein purer Point Guard, kein Elite-Passgeber, kein Über-Athlet und fiel während seiner College-Laufbahn vor allem als 'Volume Shooter' auf - also primär als Scorer, der jederzeit und aus allen Lagen drauf halten durfte - ja sogar musste - damit sein Team gewinnt. Wirkte sein Impact auf's Spiel aufgrund der schwächeren Gegner in der kleineren Liga aufgedunsen? Wäre er in der 'Division I' ebenso produktiv gewesen? Werden seine Quoten und sein Scoring nicht zwangsweise in den Keller gehen, wenn seine suboptimale Athletik auf ausgefeilte NBA-Defensiven trifft? Kann er hinten, in der D, überhaupt mithalten? Seine Verteidigung ist allerhöchstens Mittelmaß, obwohl er sich reinhängt. Und, last but not least: wo liegt seine offensive Zukunft bei den Pros? Auf der Eins? Auf der Zwei? Oder vielleicht doch eher auf der Bank, von wo er als Kombo-Guard für Entlastung sorgen kann?

Genau diese Frage bereitet Scouts in Phoenix (5.), Detroit (8.), Minnesota (9.), Portland (10.) und Philly (11.) derzeit schlaflose Nächte. Währenddessen arbeitet McCollum wie ein Besessener an seinen Pick & Roll Skills, seinem Floor Game und seiner Entscheidungsfindung als Point Guard weiter. Hier ist der Deal: selbst, wenn der Rookie niemals den Übergang zum Fulltime-Spielmacher schaffen sollte, ist er schon jetzt zumindest ein exzellenter Scorer, der das Feld breit macht, im Fastbreak und an der Linie punktet und großen Druck auf eine Defensive ausübt. Aber er kann mehr. Seine vorbildliche Arbeitseinstellung, sein hoher Basketball-IQ und die Fähigkeit, seine Iso-Fähigkeiten dem Teamkonzept unterzuordnen, schießen McCollum im meinem ganz persönlichen Draft-Board unter die Top-6. Wir haben in diesen Playoffs, aber auch schon während der regulären Saison gesehen, dass überragende Shooter (Curry) und intelligente Kombo-Guards (Lillard) heutzutage im Pick & Roll nahezu jede Verteidigung aushebeln können. CJ McCollum weiss schon jetzt, dass er beide Elemente mastern muss, um eines Tages sein volles NBA-Potential zu entfalten. Wenn er das in ein paar Jahren geschafft hat, dann wisst ihr zumindest, wo ihr's zuerst gelesen habt.  


Prognose: 8 bis 10. Pick!