20 Juni 2013

Sebastian Dumitru 19. Juni, 2013                                      



Dem ein oder anderen von euch dürfte die 'Grandma' noch in bester Erinnerung sein. Johnson war in den frühen Neunzigern nicht nur einer der absoluten Publikumslieblinge in der NBA, sondern obendrein auch noch einer ihrer besten Spieler. Eine nur knapp über zwei Meter große Naturgewalt, die dank ihrer Explosivität und unzähmbaren Kraft alles aus den Angeln hob, was sich ihr damals in den Weg stellte. LJ nahm die Liga im Sturm (19.2 Punkte, 11 Rebounds und 3.6 Assists als Rookie, 22.1 PPG/10.5 RPG/4.3 APG in Jahr zwei), powerte die zuvor irrelevanten Charlotte Hornets in die Playoffs und auf Platz eins der Fanartikel-Verkäufe, bevor ihn chronische Verletzungen seiner Effektivität beraubten und nach nur zehn Profijahren zum Rücktritt zwangen. Dennoch hatte Johnson in seiner begrenzten Zeit auf dem Hartholz Erfolg: High School All-American, ein NCAA-Titel an der University of Nevada, Rookie des Jahres, mehrfacher All-Star, All-NBA-Teamer, NBA-Finalist und Goldmedaillengewinner.

Wer auch immer am 27. Juni 2013 den jungen Forward Anthony Bennett draftet, wird auf eine ähnliche Karrieretrajektorie hoffen wie einst bei Larry Johnson - minus die Verletzungen, versteht sich. Wie LJ ist auch Bennett ein etwas untersetzter, physischer Power Forward, dessen Vielseitigkeit neben seiner Power sein höchstes Gut ist. Wie LJ war auch Bennett ein High School All-American. Wie LJ spielte auch Bennett an der UNLV. Und wie LJ könnte auch Bennett in Charlotte landen und mithelfen, die Geschicke der Franchise umzukehren.

Die Bobcats oder andere geneigte Interessenten würden in Bennett den insgesamt explosivsten Offensivspieler dieses Draft-Jahrgangs selektieren. Seiner unbändigen Kraft down low war im College kein Gegenspieler gewachsen. Unzählige Korbanlagen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die Tatsache, dass Bennett schon als Freshman fantastische 16.1 Punkte in gerade einmal 27 Minuten erzielte (macht auf 40 Minuten umgerechnet knapp 24 im Schnitt) und seine Low Post Präsenz mit einem beeindruckenden Inside-Outside Repertoire garnieren konnte, ließ Scouts und Funktionäre lechzend zurück. Obwohl er über eine exzellente Fußarbeit verfügt, wird er gegen die längeren, kräftigeren NBA-Verteidiger nicht mehr nach Belieben am Brett dominieren (8.1 RPG, 12 RP40MIN, 53% FG). Da ist es nur gut, wenn man als Big Man auch mal nach außen, ins Face-Up- und/oder Distanzspiel gehen kann. Der 110-Kilo-Panzer fühlt sich mit dem Rücken zum Korb ebenso wohl wie jenseits der Dreierlinie (37.5% Trefferquote) oder mit dem Dribbling aus der Midrange-Gegend. Das volle Repertoire eben.



Diese Multikompatibilität wird er brauchen, um seine größten Kritiker zum Verstummen zu bringen. Die sehen in ihm - wie damals bei Larry Johnson - den typischen NBA-Tweener. Also ein Small Forward/Power Forward Hybrid, der zu klein für die Vier und zu langsam für die Drei ist. Wenn Bennett aber weiter an seinen Low Post Moves arbeitet und seinen mechanisch guten Wurf konsequent ausfeilt, wird er sich dank seiner Länge (Spannweite) und Athletik in der heutigen, multipositionalen NBA sehr gut zurecht finden. Egal ob als Stretch Vierer oder Pick&Roll/Pick&Pop Option. In der Verteidigung hingegen wird Bennett hart ackern müssen, um durchschnittliches NBA-Niveau zu erreichen. Die Tools sind da. Bei seinen körperlichen Vorzügen wird aber vieles von seinem Willen abhängen, am defensiven Ende ebenso respektabel zu werden, wie vorne.

Ich mag Bennetts Potential. Er ist einer der wenigen in diesem mehr als soliden Draft-Jahrgang, dem eines Tages mehrere All-Star Games und die Führungsrolle bei einem guten Team zuzutrauen ist. Zwar dominierte er an der UNLV nicht, aber das lag zum einem am seltsamen Teamgefüge der Runnin' Rebels, zum anderen an seinem Freshman-Status. Das Rätsel um seine mentale Beschaffenheit können nicht einmal diejenigen lösen, die auf täglicher Basis mit ihm zu tun haben. Ich werde es gar nicht erst versuchen. Fehlt ihm der absolute Killerinstinkt und der Drang, immer 100% zu geben? Das ist die entscheidende Frage, die es vor dem Draft zu beantworten gilt. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Bennett erst 20 Jahre alt und damit noch ein gutes Jahrzehnt von der Maximierung seiner Talente entfernt ist.

Insgesamt wären mir seinen offensichtlichen Vorzüge - Offense, Vielseitigkeit, Reboundstärke, Explosivität - gut genug, um einen hohen Draft-Pick (nicht den ersten) auf ihn zu verwenden. Die einzigen Warnlampen gehen bei mir an, wenn ich mir Bennetts Körpertypus und Verletzungsgeschichte ansehe: ein wenig zu viel Babyspeck hier und da (Körperfettanteil weit über 10%) und multiple Wehwehchen in den letzten drei Jahren (er konnte aufgrund einer Schulter-OP auch nicht an den pre-Draft-Camps und Testdurchgängen teilnehmen) machen mich nachdenklich. Historisch betrachtet laufen Spieler dieser Machart am häufigsten Gefahr, unter ihren Möglichkeiten zu bleiben. Vielleicht sehe ich deshalb mindestens einen Bennett-Kreuzbandriss oder Bandscheibenvorfall in meiner nicht-TÜV-geprüften Glaskugel - oder ich spinne einfach unweigerlich den Larry Johnson Faden weiter. Die Parallelen sind aber zu offensichtlich, um sie zu ignorieren. Nicht zuletzt deshalb müssen die Bobcats/Bald-Hornets zuschlagen, wenn Bennett an vierter Stelle - und davon gehe ich aus - noch verfügbar sein sollte. Um dann natürlich auch die Throwback-Grandmama-Reklamen-Kampagne wieder anzufeuern.


Prognose: 4. Pick!