25 Juni 2013

Sebastian Dumitru 25. Juni, 2013                                      




Der 27. Juni klopft an die Tür, und mit ihm der NBA-Draft in diesem Monat. Perfekter Zeitpunkt also, um in den nächsten Tagen und Wochen die besten und/oder interessantesten Rookies des 2013er Jahrgangs vorzustellen. NBACHEF hat alle wichtigen für euch gecheckt und lässt sie hier sukzessive aus der Reihe tanzen. Trommelwirbel, козачок: der ukrainische Center-Riese Alex Len bittet heute zum Kasatschok.

Len machte schon in der U-18 Nationalmannschaft auf sich aufmerksam und gilt seither als potentieller NBA-Lottery-Pick. So ist das Leben eben als 2,16 Meter großer Basketballer, der sich früh in den Fokus der Verantwortlichen spielt und in zwei Jahren auf dem College erkennbare Fortschritte gemacht hat. Len ist erst seit 2011 in den Vereinigten Staaten, aber seine Entwicklung - sportlich wie kulturell - ist vielversprechend. Bei den Terrapins verbesserte sich der 20-Jährige zwischen seiner Freshman- und Sophomore-Saison enorm. Seine Durchschnittswerte stiegen auf 11.9 Punkte, 7.8 Rebounds und 2.1 Blocks pro Partie (Letztere führten sogar die ACC an). Ein Blick auf die fortgeschrittenen Statistiken offenbart außerdem: Len stutzte seine Turnover-Rate, steigerte seine Freiwurfquote von 59 auf 69 Prozent und seinen True Shooting Wert (angepasste, reine Wurfeffizienz) ebenfalls.

Obwohl er mitnichten - wie einige sich das vielleicht erhofft hatten - dominierte, legte er 18 Kilogramm reine Muskelmasse zu und schien von Monat zu Monat besser zurecht zu kommen in einer für ihn nach wie vor völlig neuen Kultur. Lens größte Stärke ist sicherlich sein gigantischer, breitschultriger Rahmen, auf den er ohne Probleme weitere 10-20 Kilo drauf packen kann - und das auch muss, um langfristig im NBA-Low-Post zu überleben. Trotz seiner Maße ist Len dennoch extrem leichtfüßig und agil geblieben - ein Fakt, den er seinen Kindheitserfahrungen als Turner verdankt und der ihn zu einem einzigartigen Talent auf der Fünf macht. Ein Zonenanker, der beweglich ist, das Pick & Roll spielen und dank guter Hände und einem soliden Wurf sowohl als Roll-Man am Ring als auch aus der Mitteldistanz via Sprungwurf vollenden kann, ist ein faszinierender Baustein für ein junges Team. Erst recht, wenn dieser Zonenanker gleichzeitig reboundet, Würfe blockt und dank guter Fußarbeit auch in der Defensive gegen das P&R absichern und schnell wieder in die Mitte zurück walzen kann - so wie das DPOY Marc Gasol lehrbuchartig vorlebt.



Die entscheidende Frage ist, wie so häufig: ist dieses ukrainische Glas halb voll oder halb leer? Lens Kritiker bemängeln das Fehlen jeglicher offensiver go-to-Moves und eine generelle Passivität, die ein Franchise-Spieler einfach nicht an den Tag legen darf. Sie fragen sich - zurecht - weshalb Lens Fortschritte nur inkrementell waren. Sie wundern sich, dass er so häufig von der Bildfläche verschwindet und dass auf überragende Leistungen wie gegen Nerlens Noel und die Kentucky Wildcats (23 Pts, 12 Reb, 4 Blk im ersten Saisonspiel) lange Dürrephasen folgen, in denen der gebürtige Osteuropäer nicht mehr als fünf Würfe aus dem Feld nehmen will.

So interessant ein echter Big Man als Grundlagenbaustein auch ist - dieser Big wird immer eine Enttäuschung bleiben (die Draft-Historie ist gespickt mit desolaten Seven-Footer Picks), solange er nicht an mindestens einem Ende des Courts überragend wird. Oder Abend für Abend den nötigen Biss mit auf's Parkett bringt und sein Team so stabilisiert. Oder: wenn er wie Len eine Verletzungsgeschichte mitbringt. Lens Fußfraktur verhindert nicht nur, dass er bei Pre-Draft Workouts mit seinen guten individuellen Fähigkeiten überzeugt, sondern gleichzeitig auch, dass er in Camps, Summer League- und Preseason-Einheiten fundamental wichtige erste Eindrücke vom Alltag in der National Basketball Association gewinnt. Center brauchen bekanntlich am längsten, ehe sie reifen. Lens Lernkurve wird dadurch - obwohl er bis zum Saisonstart wieder einsatzbereit sein dürfte - nur noch steiler.

Es stimmt schon: der "echteste" Center in diesem Jahrgang ist, zu diesem Zeitpunkt, weder defensiv noch offensiv eine Macht. Er wird also gewiss nicht reinkommen und die Liga auf den Kopf stellen. Aber er bringt via Antratsyt und College Park ein prickelndes All-Around Big Man Paket mit und hat die Chance, in den nächsten vier oder fünf Jahren zu einem der dominantesten Two-Way Fünfer der Liga zu werden. "Center-Maße" plus "Potential" sind in der NBA nach wie vor das sicherste Lotterie-Ticket überhaupt. Dass es nach hinter losgehen kann, ist bekannt.

Hier ist das "Glas halb voll, bevor es eines Tages überquillt" Szenario: Lens Mitspieler in Maryland waren katastrophal und wussten nicht im Geringsten, wie sie ihn in Szene setzen müssen. Seine Verletzung wurde Gerüchten zufolge als einfaches "Umknicken" diagnostiziert, während Len weiter spielte - vermutlich mit einem gebrochenen Fuß - und in seinen Leistungen stagnierte. Sein Jumpshot ist butterweich, Midrange-tauglich und wie gemacht für's Pick & Pop Game. Er bewegt sich mühelos das Parkett rauf und runter und ist dadurch verheerend als Trailer in Transition. Er wird bei den Profis mehr Platz haben, um im Post seine Athletik zur Schau zu stellen. Und er wird wohl nie weniger sein als ein gigantischer Rebound-/Shotblocking-Spezialist, selbst wenn er nur 20% seines Potentials maximieren sollte. Das scheint die Basis zu sein. Wenn Len aber einmal gelernt hat, wie das Profispiel funktioniert, wenn er seinen Körper ausgefüllt hat, wenn er seine Rolle gefunden und begriffen hat, dass er Abend für Abend mit maximaler Intensität an die Arbeit gehen muss, dann könnte das Team, das ihn am Donnerstag draftet, schon recht bald in einem Conference Finale stehen, so wie die Spurs (Duncan), Grizzlies (Gasol) und Pacers (Hibbert) das in diesem Jahr taten. Ich bin mir nicht sicher, ob sich eine Mannschaft wie Cleveland (wo der gigantische Len-Befürworter Zydrunas Ilgauskas im Front Office sitzt) diese Aussicht entgehen lassen will. Spätestens New Orleans mit Sicherheit nicht.


Prognose: 6. Pick! Oder an 1 nach Cleveland...