24 Juni 2013

Florian Schaum 24. Juni, 2013                                  



Bleibt alles anders

An vielen Orten und Stellen entdecken wir heutzutage Kombinationen, die einfach nicht miteinander harmonieren: egal ob Angela Merkel und das Internet, Jörg Kachelmann und die Monogamie, Micaela Schäfer und Bekleidung oder Ulli Hoeneß und seine Steuererklärung – es gibt Dinge, die sollen einfach nicht sein. Auch in der National Basketball Association gibt es diese Dinge, die in keinster Weise zusammenpassen. Die Charlotte Bobcats und die Draft Lottery zum Beispiel. Es gibt wohl kaum ein Team in der stärksten Basketball-Liga der Welt, das im letzten Jahrzehnt so viele Lottery Picks verschwendet hat wie die Kätzchen aus der Queen City. 

Was hat die bekannteste Pornoleiste Amerikas, Adam Morrison, mit Fliegengewicht D.J. Augustin, Frührentner Sean May, Rollenspieler Brendan Wright und dem ungenießbaren Froschschenkel Alex Ajinca gemeinsam? Richtig, sie alle waren Lottery Picks, die das Management aus Charlotte in den Sand setzte. Durch die Lappen gingen den Cats im Zuge dieser Ziehungen Spieler wie Brook Lopez, Joakim Noah, Danny Granger, Serge Ibaka oder Rudy Gay. 

Auch in den letzen zwei Jahren erlebten die Cats herbe Enttäuschungen rund um die Lottery. Zunächst verpasste man 2012 trotz der schlechtesten Runde, die jemals ein Team in der Geschichte der NBA abgelieferte, den Nummer-1-Pick Anthony Davis. Im diesjährigen Draft fielen die Bobcats von der Draftleiter auf Rang vier zurück, obwohl man als zweitschlechtestes Team der Vorsaison vor der Auslosung eine theoretische Chance von 60%  besaß, sich in den Top 3 festzusetzen. Doch dies ist nur auf den ersten Blick eine Enttäuschung, denn der Draftjahrgang 2013 ist wohl der undurchschaubarste seit langer Zeit, hinter jedem Tor könnte sich sowohl der undankbare Zonk als auch der fette Jackpot befinden. Vielleicht die Chance für die chronisch erfolglosen Bobcats, das Ruder rumzureißen. Doch welche Optionen könnten sich den Cats bieten?

Hinter Noel ist alles offen - sorgt Orlando für eine Überraschung?

Wenn die Bobcats an vierter Stelle ihren Rookie auswählen, wird Nerlens Noel sicherlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Der Center gilt trotz Kreuzbandriss für viele als klare Nummer eins im diesjährigen Jahrgang. Gut möglich also, dass er direkt von den Cleveland Cavaliers gedraftet wird. Doch direkt hinter Noel beginnt die Spannung. 

Für eine Überraschung könnten hier die Orlando Magic sorgen. Zwar wird erwartet, dass sich die Magic den talentierten Shooting Guard Ben McLemore schnappen, allerdings sucht man im Sonnenstaat Florida händeringend einen Nachfolger für Point Guard Jameer Nelson, der als Starter nicht länger tragbar ist. Der in vielen Mock Drafts an sechster Stelle geführte Trey Burke könnte hier als Nachfolger fungieren. Sollten die Magic tatsächlich für einen Upset sorgen und Burk draften, könnte McLemore schnurstracks in den Schoß der Bobcats fallen, da die an Nummer drei gesetzten Washington Wizards mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Georgetowns Otto Porter verpflichten werden.

Klar müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn McLemore tatsächlich bis zu den Cats durchrutschen sollte. Gemäß dem Fall würden sich dem Frontoffice aber mehrere Möglichkeiten eröffnen. So wird Charlottes etatmäßiger Shooting Guard Gerald Henderson in der Free Agency zum Restricted free agent. Zwar zeigte Charlottes Team-Captain zu Ende der Saison so guten Basketball wie noch nie zuvor, trotzdem beäugt man in North Carolina die Entwicklung Hendersons skeptisch; ein Großer seiner Zunft wird Hendo wohl nie werden. McLemore hingegen besitzt das Potenzial zum zukünftigen Allstar: Er ist athletisch, besitzt einen wunderschönen Jumpshot und kann seinen eigenen Wurf kreieren. Sollten man McLemore verpflichten, stünden den Cats folgende Optionen frei (vorausgesetzt Henderson unterzeichnet keinen monströsen Vertrag bei einer anderen Franchise): 

Variante eins:
Die Bobcats verlängern den Vertrag mit Henderson und lassen ihn hinter McLemore als sechsten Mann von der Bank kommen.

Variante zwei:
Die Bobcats verlängern den Vertrag mit Henderson und traden ihn per Sign and Trade für einen dringend benötigten Big Man.

Variante drei:
Die Bobcats vertrauen Henderson und versuchen wiederum McLemore für ein attraktives Paket abzugeben.

Dass es jemals zu einem dieser Szenerien kommen wird, erscheint jedoch fragwürdiger als der Modegeschmack von Russel Westbrook. Wenn alles normal läuft, draften die Magic McLemore, während Small Forward Otto Porter an dritter Stelle von Washington gezogen wird. Für die Bobcats allerdings kein allzu großer Tatzenbruch, liegt das Hauptaugenmerk der Franchise doch vorzugsweise auf deren größter Baustelle, dem Front Court. Läuft der Draft wie geplant (1. Noel, 2. McLemore, 3. Porter), wird sich Charlotte zwischen zwei Big Men entscheiden, die beide ihre gewissen Vorzüge mit sich bringen.


Kanadische Großmutter oder Ukrainische Wundertüte?

Anthony Bennett besitzt die aussichtsreichsten Chancen auf die zweifelhafte Ehre, zukünftig eines der viel begehrten Bobcats Jerseys tragen zu dürfen. Der kanadische Power Forward von der UNLV wird aufgrund seiner Spielweise, Körpergröße und Collegevergangenheit immer wieder mit der Charlotte Hornets Legende „Grandma“ Larry Johnson verglichen. Bennett misst zwar nur 2,04m, wischt dieses nur augenscheinliche Handicap aber durch seine große Spannweite und unbedingten Einsatz weg. Bennett ist offensiv eine Rakete, der nicht nur in der Zone treffsicher ist sondern auch den Dreier trifft. Für die Bobcats ein Segen, tummelten sich im Bobcats Frontcourt doch bislang offensiv limitierte Spieler wie Brendon Haywood, Tyrus Thomas oder Bismack Biyombo, deren Trefferquote noch schwächer ist als das taktische Spielverständnis von Denvers JaVale McGee. Zudem kehren die Charlotte Bobcats mit Beginn der Saison 2014/15 wieder zu ihren Wurzeln und erhalten ihren ursprünglichen und langersehnten Namen „Hornets“ zurück. Nicht wenige Nostalgiker rund um die Queen City erhoffen sich um Bennett einen ähnlichen Hype wie damals in den Neunzigern um Larry Johnson. Allerdings bestehen auch Zweifel. Zum einen unterschreibt Bennett Spiel für Spiel einen defensiven Offenbarungseid nach dem anderen und dann sind da noch die Zweifel inwiefern Biyombo und Bennett zusammenpassen. Die beiden würden den kleinsten Frontcourt der NBA bilden. Bismack Biyombo ist kein Center und mit seinen 2,06m gerade mal 2 cm größer als Bennett. Beide zusammen als Big Men Duo auf dem Court? Kaum vorstellbar. 

Und hier kommt Alex Len ins Spiel. Wenn man an das Aussehen ukrainischer Riesen denkt, kommen einem direkt die boxenden Klitschko-Zwillinge in dem Sinn: furchteinflößend, stark und unzerstörbar. Als Alex Len in Charlotte auf Krücken (er konnte am Workout nicht teilnehmen, da er aufgrund einer Stress-Fraktur im Fuß noch längere Zeit ausfällt) zum Pre-Draft Interview erschien, zeigte er wenig von dem, was seine Landsmänner verkörpern: schüchtern, fast schon ängstlich kraxelte der 2.16 m große Center aufs Media Podest der Bobcats um den Journalisten Rede und Antwort zu stellen. Doch wer jetzt auf die Idee kommen sollte, Len zu unterschätzen, der befindet sich völlig auf dem Holzweg: Len besitzt ebenso wie Bennett ein gutes Offensiv-Arsenal, scort nicht nur in der Zone sondern auch den Midrange-Jumper. Defensiv hat der Center von der University of Maryland trotz schwacher Reboundarbeit Anthony Bennett aktuell einiges voraus. Zweifel bestehen jedoch ob der schlaksige Len die Eier hat, sich in der NBA durchzubeißen. Der Ukrainer besitzt hervorragende Anlagen, ist jedoch eine absolute Wundertüte. Vom NBA Star bist zum totalen Bust - bei Len ist alles möglich.

Die Causa Bosh

Die andauernden Spekulationen rund um Miamis frischgebackenen 0 Punkte Champion Chris Bosh können derweil getrost ins Reich der Fabeln verwiesen werden. Zuletzt hielten sich hartnäckige Gerüchte, die Cats würden überlegen ihren First-Round- Pick für den Forward-Center der Heat anzubieten. Der „Boshosaurus“, der das Kunststück vollbrachte, als erster seiner Spezies den prestigeträchtigen Kampf gegen ein hartnäckiges Konfetti zu verlieren, würde für Charlotte keinen Sinn machen. Zum einen benötigen die Cats einen Scorer im Low-Post, den Bosh in den Playoffs kaum suchte. Noch bedenklicher wirkt allerdings da die Tatsache, dass Bosh vor Beginn der Saison 2014-2015 aus seinem 62 Mio. Dollar Vertrag aussteigen könnte und somit zum unrestricted free agent werden würde. Ganz abgesehen davon, dass Bosh in den letzten Wochen unterirdische Leistungen ablieferte. Zu viele Fragezeichen für Charlottes GM Rich Cho, der den Spekulationen um Bosh direkt einen Riegel vorschob.

Die heimlichen Gewinner?

Welchen Rookie die Charlotte Bobcats am 27.Juni 2013 wirklich ziehen werden, wissen die Verantwortlichen der Cats vielleicht zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht so ganz genau. Anthony Bennett scheint Charlottes Favorit zu sein, doch in diesem undurchsichtigen Draftgang scheint nichts unmöglich. Niemand kann voraussagen, welcher Rookie wirklich einschlagen wird, die Rookie-Klasse 2013 gleicht einer Ansammlung von Fragezeichen. Und so besitzen die Bobcats die große Chance, den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen und erstmals als einer der Gewinner aus der Draft Lottery hervorzugehen. Eines bleibt hinlänglich gewiss: Nichts bleibt wie es war.