03 Mai 2013


Tim Leiweke ist Torontos neuer Macher und ein persönlicher Freund von Phil Jackson (Photo: Erik Richardson)

Niklas Dahl 2. Mai, 2013                                                 


Es dürfte für eine überschaubare Zahl an NBA-Fans vergangenes Wochenende eine bemerkenswerte Neuigkeit gewesen sein, die berechtigterweise durch die Verletzung von Russell Westbrook und die anstehenden Playoff-Partien überschattet wurde: Der Maple Leaf Sports & Entertainment (MLSE) Gesellschaft gelang es, Tim Leiweke, seines Zeichens ehemaliger CEO der Anschutz Entertainment Group (AEG), in den hohen Norden zu lotsen. Leiweke übernimmt ab dem 30. Juni 2013 die Leitung über die Management Teams der ortsansässigen Teams, darunter die Maple Leafs (NHL) und die Raptors, um die es hier natürlich gehen soll.

Doch bevor es daran geht, zu analysieren, was diese gewichtige Verpflichtung (Leiweke ist für eine Gesellschaft wie der MLSE in etwa das, was LeBron für die NBA ist: der wohl beste Akteur auf dem Parkett) für die Zukunft der Raptors bedeuten könnte, erst einmal etwas zur Person Tim Leiweke.

Wie eingangs bereits erwähnt, war Leiweke vor seinem Engagement in Kanada CEO der AEG. Diese hält Anteile an den Los Angeles Lakers, bzw. ist unter anderem Eigentümer der Los Angeles Kings (NHL) und L.A. Galaxy (MLS). Letzteren Teams gelang es 2012, in ihrer jeweiligen Sportart Champion zu werden. Über die vergangenen Erfolge der Lakers braucht man an dieser Stelle, trotz einer, nennen wir sie mal enttäuschenden, Saison, sicherlich nicht sprechen. Inwieweit Leiweke an den Titeln beteiligt war, darüber lässt sich wahrscheinlich nur spekulieren. Doch ein Zufallsprodukt dürften sie nicht sein. Denn Leiweke gilt nicht nur als selbsternannter größter Optimist der Welt, sondern auch als Visionär. So wird ihm mit der größte Anteil an der Verpflichtung David Beckhams zugesprochen.

Leiweke denkt selten in kleinen Dimensionen. Leiweke ist vielmehr bestrebt, seinen jeweiligen Arbeitgebern zum maximalen Erfolg zu verhelfen. Hier kommen nun die Toronto Raptors ins Spiel. Diese sind, nebem dem Toronto FC, vorläufig Hauptaugenmerkt von Leiweke.

“We won’t be crazy and we won’t do stupid things because occasionally, and I won’t mention names here because we have to play them now, but there are teams in all the leagues that occasionally do stupid things and it comes back to haunt them. The Raptors have to aspire to be the Heat and the Lakers, a team and a city that people want to be a part of and that is what we are going to build, that culture here.” (Tim Leiweke)

Eigentlich hätte es eine erfolgreiche Saison werden sollen für die Raptors, Playoffs inklusive. Das zumindest war der Plan von Bryan Colangelo. Und um diesen umzusetzen, setzte er vergangenen Sommer etliche Hebel in Bewegung. So wurde via Free Agency Landry Fields für knapp $18 Mio./3 Jahre und via Trade Kyle Lowry in den hohen Norden der NBA geholt (Lowrys Gegenwert: Ein geschützter 1st round pick, an dem mittlerweile die Thunder die Rechte halten). Nicht zu vergessen: Die 42 Millionen-Extension, die man DeMar DeRozan unterbreitete.

Doch als all diese Maßnahmen keine Erfolge brachten, drückte Colangelo ein weiteres Mal ab: Kurz vor Ablauf der Trade-Deadline holte er sich Rudy Gay aus Memphis (über den Trade selbst hatte der Chefkoch an dieser Stelle geschrieben). Hat es sich bezahlt gemacht? Nunja, die Bilanz nach dem Gay-Trade war mit 11-17 sicherlich nicht das, was man sich erhofft hatte. Für die Raptors bedeutete das im Klartext: Wieder keine Playoffs. Für Gay, dass er sich einer Prozedur am Auge unterzog, was bedeuteten könnte, dass Gay einigermaßen blind gespielt hat. Was wiederum einiges erklären würde, aber das ist ein anderes Thema.

Nun stellt sich nach dieser verkorksten Saison auf den ersten Blick die Cap-Situation der Raptors als verheerender dar, als sie vielleicht ist. Zugegeben, mit knapp $66 Mio. kratzen die Raptors an der Tax Grenze. Allerdings wissen sie zum Beispiel noch die Amnesty Clause in ihren Reihen, mittels derer benötigter Platz für Rollenspieler geschaffen werden könnte.

Idealerweise, so könnte Colangelos Plan lauten, wird Andrea Bargnani entweder via Trade verschifft oder per Amnesty Clause gecuttet. Mit dem Platz kann der Kader dann soweit verstärkt werden, dass die Durststrecke endlich beendet werden kann (Toronto war seit '07/08 nicht mehr in den Playoffs bzw. in den letzten 18 Saisons nur ganze 5-mal in der Postseason vertreten).

Zurück zu Leiweke. Denn dieser könnte es nun sein, der Toronto-Fans erlöst und sie von Colangelo befreit. So twitterte Marc Stein (ESPN):


Richtig gehört. Der Phil Jackson, der sowohl die Chicago Bulls, als auch die L.A. Lakers, zu mehreren Titeln führte, ist legitimer Kandidat für die Ablöse von Bryan Colangelo. Aber wie wahrscheinlich ist das?

Was wir wissen: Tim Leiweke und Phil Jackson verbindet nicht nur die gemeinsame Zeit in Los Angeles, sondern auch die Freundschaft zwischen Leiweke und Jacksons Verlobten Jeanie Buss. Außerdem: Wie innerhalb der NBA bekannt ist, ist Phil Jackson nicht mehr an einem Coaching Job interessiert, sondern will mehr. Eine Pat Riley-ähnliche Funktion, die ihm sowohl die Macht über das  Basketball Team, als auch über das Coaching Team geben würde. Zitat Phil Jackson: „…where you’d had the influence in (selecting the) coaching staff and the kind of culture that goes along with it.“

Leiweke könnte ihm das alles geben. Denn anders als Colangelo, der, Gesetz dem Fall, die Option für ein weiteres Jahr wird von MLSE gezogen, bereits klar gemacht hat, in diesem Fall an Dwane Casey festhalten zu wollen, hat Leiweke sich nicht über ein weiteres Engagement von Casey geäußert.

Man stelle sich das einmal vor: Der Zen-Meister der NBA mit voller Kontrolle über eine Franchise. Gerade hinsichtlich zukünftiger Free Agent Jahrgänge dürfte das sehr interessant sein. Denn es war auch und vor allem Pat Riley, der LeBron James davon überzeugen konnte, seine Heimat Cleveland hinter sich zu lassen und für den Strand in Miami einzutauschen. Über eine ähnliche Ausstrahlung dürfte auch ein Mr. Phil Jackson verfügen.

Doch, bei aller Liebe für Phil Jacksons Ausstrahlung: irgendwo, genauer gesagt beim CBA, hört sie auf bzw. wird wirkungslos. Natürlich ist es Jackson zuzutrauen, sich in die Materie einzuarbeiten; doch wenn Leiweke und Jackson sowieso schon dabei wären, die Franchise erfolgsbringend umzubauen, wieso nicht einen Schritt weiter gehen und jemanden verpflichten, der sich nicht nur zu 100 % mit dem CBA und all seinen Facetten auskennt, sondern für die spätere Übernahme der Basketballgeschäfte aufgebaut werden könnte? Ein Kandidat, dem all das zuzutrauen wäre, befindet sich gegenwärtig bei den Houston Rockets und hört auf den Namen Sam Hinkie. Der ist nicht nur Stanford MBA Absolvent, sondern auch Moreys rechte Hand, ein Analytiker vor dem Herrn und einer der, wenn nicht sogar der, besten jungen Fast-GMs in Lauerstellung.

Gesetz dem Fall, Leiweke würde sich wirklich um dieses Tandem bemühen, beide würden in Toronto anheuern und zu dem Schluss kommen, einen radikalen Schnitt zu wagen: wer würde es ihnen nicht zutrauen, ähnliche Trades wie Danny Ferry einzufädeln? Auch wenn ich die Kritikpunkte bzgl. Gay verstehen und Bargnani im Ansehen der übrigen 29 Teams wohl nicht tiefer fallen kann (und mit David Kahn die Knalltüte der Liga nicht mehr Handlungsbevollmächtigter ist), so hat die NBA schon oft genug bewiesen, dass kein Vertrag untradebar ist.

Sollte Leiwekes Vorstellung von der Zukunft der Raptors umgesetzt werden, so muss Toronto vorläufig via Draft aufgebaut werden. Und da trifft es sich, dass 2014 ein Jahrgang in den Startlöchern steht, den nicht wenige mit dem von 2003 (James, Anthony, Bosh, Wade etc.) vergleichen.

DeRozan und Johnson (Photo: Gabriel Perez)

Ganz vorneweg natürlich Andrew Wiggins Targaryen, der kanadische Ableger von eben LeBron James. Was wäre das doch für eine Feel-Good-Story, sollten die Raptors tatsächlich 2014 den eigenen Landsmann ziehen, der die seinen in den Kampf um Westeros, pardon, die NBA, führt. Oder was ist mit Jabari Parker? Dessen Spiel wird ja nicht nur gerne mit Grant Hill verglichen, sondern könnte ihm unter Umständen sogar eine erfolgreichere Karriere als Wiggins bescheren. Und nicht zu vergessen, Julius Randle, der schon jetzt ein NBA-fertiges Offensivspiel hat und bereits heute einigen Teams gut zu Gesicht stehen würde. Immer noch nicht überzeugt? Vielleicht ja mit Andrew Harrison (wird mit Russell Westbrook verglichen) oder Aaron Gordon (Vergleich: Blake Griffin). Ganz zu schweigen von den bisher noch unter dem Radar fliegenden Spielern, die, ähnlich wie Victor Oladipo, im Laufe des Jahres in den Mocks immer weiter nach oben klettern werden. 

Diese Masse an wirklich erstklassigen Talenten könnte Toronto nicht nur den ersten ernstzunehmenden Franchisespieler seit Vince Carter bescheren, sie müssten dafür noch nicht einmal das von mir so verhasste Tanking anwenden, sondern einfach nur ihre jungen Talente (Jonas Valanciunas, Terrence Ross, Amir Johnson) spielen lassen, so wie es Orlando dieses Jahr vorgemacht hat. Das hätte nicht nur einen hohen Pick zur Folge, sondern würde auch auf die Entwicklung der beiden belebend wirken.

Fassen wir also noch einmal zusammen: Mit Tim Leiweke steht in Toronto ab dem 30. Juni ein Mann bereit, der nicht nur in großen Dimensionen denkt, sondern diese durch vernünftige Pläne umzusetzen versucht. Mit Phil Jackson steht eine der renommiertesten Persönlichkeiten der NBA bereit, die in der Lage wäre, dem Ansehen von Toronto von jetzt auf gleich zu helfen und eine neue Kultur zu etablieren. Gleichzeitig könnte Toronto sämtliche Vorstellungen von Phil Jackson, was Position und Macht angeht, erfüllen. Mit Sam Hinkie ist ein Mann in den Startlöchern, der Capspace-schaffende Deals in Zusammenarbeit mit Phil Jackson bewerkstelligen könnte. Und zuletzt wird sich 2014 einer der heißesten Draftjahrgänge anschicken, die NBA im Sturm zu erobern.

Natürlich wäre das alles der bestmögliche Fall. Ebenso wahrscheinlich dürfte es sein, dass Toronto weder Gay noch Bargnani abgibt (bzw. abgeben kann) und wieder um Platz 7-10 mitspielt. Phil Jackson könnte genauso gut in Sacramento oder Charlotte anheuern. Sam Hinkie könnte weiter Assistent von Morey bleiben. Und Toronto könnte, selbst wenn sie 2014 einen hohen Pick halten, mit etwas Pech in der Lottery abstürzen und keinen der fünf genannten Spieler an Land ziehen.

Aber Leiweke ist niemand, der an sowas denkt. Leiweke wird alles in seiner Macht stehende versuchen, um die Raptors als eine der heißesten Marken in der NBA zu etablieren. Und sie wieder in die Playoffs zu führen. Knapp 35 Millionen Kanadier stehen bereit, Toronto in diesem Fall zu mehreren Championship-Ringen zu brüllen.

Update: Phil Jackson hat am Donnerstag zugesagt, den Detroit Pistons in informeller Funktion als Berater bei der Trainersuche behilflich zu sein. Auf ein potentielles Engagement in Toronto und das künftige Buhlen der Raptors um den Zen-Meister hat dies keinen Einfluss.