06 Mai 2013



Parker gegen Curry - zwar kein direktes Duell, aber dennoch das Highlight dieser Halbfinal-Serie (Photo: RMTip21)

Sebastian Dumitru 6. Mai, 2013                                     



Gregg Popovich, Tim Duncan und die Spurs im Conference Halbfinale - in etwa so aufregend und unerwartet wie ein Mercedes Benz auf deutschen Autobahnen. Golden State hingegen, das ist eine 68er Corvette - in gelb. Die Warriors treffen erst zum zweiten Mal überhaupt in den Playoffs auf San Antonio, diesmal im Gegensatz zu 1991 aber als klarer Außenseiter.


Der Weg ins Halbfinale

Die Spurs duellierten sich fünfeinhalb Monate lang mit den Oklahoma City Thunder um Platz eins in der Western Conference, ehe sie sieben ihrer letzten zehn Partien verloren gaben und sich nach 58-24 Siegen mit Platz zwei begnügten. Gregg Popovich schonte aber lieber seine Schlüsselspieler für den bevorstehenden Playoff-Run, anstatt dem First Seed nachzujagen. Es ist, als hätte Pop geahnt, dass er so in der leichteren Hälfte des Brackets landen würde. In Runde eins machten die Spurs mit den überforderten Los Angeles Lakers (minus Kobe) kurzen Prozess und fegten die mit durchschnittlich 19 Punkten Unterschied aus der Postseason. Dort landeten nach sechs Jahren Abstinenz erstmals auch die Golden State Warriors wieder, die unter Sophomore-Head-Coach Mark Jackson 47-35 Siege einfuhren, bevor sie die favorisierten Denver Nuggets nach einer denkwürdigen Shooting-Demo und dank eines perfekt aufgelegten Stephen Curry in sechs Spielen nach Hause schickten.

Die Matchups

San Antonio und Golden State trennten sich nach vier Partien in der regulären Saison mit jeweils zwei Siegen und zwei Niederlagen. Bei einer Partie fehlte Stephen Curry, bei einer anderen schonte Popovich Duncan, Parker und Ginobili. Was uns das alles sagt? Gar nichts. San Antonio ist eine gut geölte Offensivmaschine, die während der Saison 103 Punkte im Schnitt erzielte (Platz 4) und das 7.-beste Rating an den Tag legte. Führt man sich den Spielstil der Texaner mal genauer zu Gemüte, fallen eine Vielzahl von simultanen Bewegungen, Rotationen und Cuts auf, die gegnerische Defensiven zusätzlich beschäftigen, während Tony Parker und Manu Ginobili am Perimeter mittels Pick & Roll operieren. Die Spurs platzierten bei den erzielten Punkten nach Post-Ups, Screens, Cuts und via Pick & Roll unter den besten vier Mannschaften und belegen so auch statistisch, was oberflächlich nach perfektem Teambasketball aussieht. Die angesprochenen Parker und Ginobili gelangen immer wieder mitten hinein ins Herz der Verteidigung - der eine mit Speed, der andere mit seiner Hinterlist - und setzen dort eine Reihe von Ballstafetten in Gang, die meist mit einem freien Wurf für einen Teamkollegen endet. Bei den kürzeren Eckdreiern gehören die Spurs traditionell zu den gefährlichsten Mannschaften - ein weiteres Indiz für Popovichs taktische Beschlagenheit. Auch in der Verteidigung hat sich San Antonio neu erfunden und dank eines verjüngten Tim Duncan, der seine beste Saison seit Jahren spielt, Kawhi Leonard und Danny Green sogar so etwas wie eine defensive Identität etabliert, die sich sehen lassen kann (NBA-Platz 3).

Tony Parkers Scoring wird gegen die offensivstarken Warriors oft gefragt sein (Photo: Mark Runyon)

Von den Warriors und ihrer durchschnittlichen Defensive (Platz 13) zu verlangen, diesen grau-schwarzen Spurs-Express konstant einzudämmen, wäre des Guten zuviel. Zwar hilft die Rückkehr des wieder genesenen und gegen Denver in Bruchstücken überragenden Andrew Bogut (10.3 Rebounds, 2.3 Blocks), die Löcher im Interieur und gegen Duncan im Post zu stopfen, aber die Dubs sind hoffnungslos überfordert, was das Verteidigen von Pick & Rolls und Distanzwürfen anbelangt. Beides beherrscht San Antonio exzellent. Wenn Golden State also etwas reißen will in dieser Serie, dann nur über seine Offensive. Die erzielte mit 101.2 PPG die 7.-meisten Punkte während der Saison und führt bisher alle Playoff-Teams bei der offensiven Effizienz an.

Stephen Curry hat daran sicherlich einen Bärenanteil (24.3 Punkte, 9.3 Assists in Runde eins) und wird auch gegen die Spurs mindestens einer Partie mit seinem butterweichen Jumpshot, der gerne eimerweise fällt, den Stempel aufdrücken. Dazu kommt ihm als Spielgestalter eine wichtigen Aufgabe zu. Gegen Denver löste er beide Hauptaufgaben mit Bravour: das gesamte Team profitierte von der extra Aufmerksamkeit, die Curry zuteil wurde und traf seine viele offenen Würfe hochprozentig (Carl Landry, Jarrett Jack, Bogut und Draymond Green trafen mehr als die Hälfte ihrer Versuche). San Antonio wird im Gegensatz zu den Nuggets aber nicht in Panik geraten: Leonard und Green werden sich defensiv bei Curry abwechseln, die Spurs werden ihn nicht doppeln, und das aus gutem Grund: die entstehenden Löcher nutzt Golden State dank Schützen wie Thompson, Barnes und Jack (siehe unten) exzellent. Kein Team traf hochprozentiger von Downtown als die Dubs (40.4%). San Antonio zählt zu den besten Teams gegen den Dreier - ein kleines Detail, das den Warriors das Leben schwer machen könnte.

X-Faktoren

Auf Seiten der Spurs wird Manu Ginobili eine Schlüsselrolle zukommen. Wenn der Gaucho beweist, dass seine brutal effiziente Erstrundenserie gegen die Lakers (11.3 Punkte und 4.8 Assists in gerade einmal 19 Minuten pro Spiel) kein Strohfeuer gegen einen schwachen Gegner war, sondern ein Indiz für seine überstandenen Verletzungen und ein Vorgeschmack auf das, was er noch bringen wird, dann hat San Antonio zuviel Playmaking und Scoring-Beschlagenheit im Backcourt. Wenn Ginobili dagegen schwächelt, wird es spannender.

Jarrett Jack ist der Mann, auf den es auf Warriors-Seite besonders ankommen wird. Jack war gegen Denver nach Curry der wichtigste Akteur bei den Blau-Gelben und legte den Nuggets durchschnittlich 18.8 Punkte, 5.2 Rebounds und 7 Assists bei 53% aus dem Feld ins Nest. Gegen die Spurs erzielte Jack in dieser Saison 17.5 Punkte und 9.8 Assists im Schnitt. Der Backup-Guard, der eigentlich Starter-Minuten spielt, muss den Spielaufbau lenken und so den Druck von Curry nehmen. Wenn er als Scorer und Vorlagengeber Akzente setzen kann, während Curry und Thompson die Spurs-Defensive auf beiden Seiten beschäftigen, hat Golden State vielleicht eine Chance.

Warum San Antonio gewinnt

Die Spurs sind älter, reifer und erfahrener, und junge Teams gewinnen in den Playoffs bekanntlich nicht. Die Texaner scheinen nach dem Ausscheiden der Nuggets, Clippers und Lakers und Oklahoma Citys Verletzungspech prädestiniert zu sein für einen langen Marsch ins NBA-Finale - das fünfte der Popovich/Duncan-Ära. Duncan dominiert die Warriors (in diesem Jahr 22.7 PPG, 12 RPG, 3.7 BPG und 53% FG) wie kein anderes Team, seitdem er in die Liga kam, und hat zu Hause noch nie gegen sie verloren. Kein Scherz! Der letzte Auswärtssieg der Dubs in San Antonio ist schon mehr als 16 Jahre her. Seitdem setzte es im Alamo 29 Niederlagen in Folge. Die Spurs sind das diszipliniertere, geschlossenere Team (25.1 Assists pro Abend, Platz 1) und haben den ausgebufftesten Strategen der Liga an der Seitenlinie. Macht euch also auf komplexe Offensivsets, teamdienliches Anti-Curry-Konzentrat und das gelegentliche Hack-a-Bogut gefasst, um Mark Jackson und seine Warriors aus dem Konzept zu bringen.

Curry und Bogut sind die wichtigsten Warriors-Spieler gegen favorisierte Spurs (Photo: Rose White)

Warum Golden State gewinnt

Die Dubs haben absolut nichts zu verlieren. Niemand hatte zu Saisonbeginn einen Pfifferling auf die Kalifornier gesetzt und erst recht nicht vor diesen Playoffs. Jetzt sind ausgerechnet sie das letzte Überbleibsel aus dem Bundesstaat, in dem sonst auch die Lakers und Clippers auflaufen. Curry und Klay Thompson sind das wohl wurfgefährlichste Backcourt-Tandem der Liga - und das mit dem kleinsten Gewissen. Gemeinsam können sie an guten Tagen auch die allerbesten Teams aus der Halle ballern. Der Heimvorteil in der Oracle Arena ist nicht zu unterschätzen. Die Fans dort gelten nicht umsonst als mit die lautesten und rabiatesten weit und breit. Golden State hat gezeigt, dass auch der Ausfall von Double-Double Maschine David Lee kein Todesurteil war. Der im Eiltempo besser werdende Mark Jackson hat über Nacht umdisponiert und mehrere Smallball-Lineups um Top-Rookie Barnes auf's Parkett abbeordert, die auch San Antonio, das am liebsten immer zwei Bigs auf der Platte hat, vor Probleme stellen werden. Es weht ein neuer Wind in der NBA, und die Warriors mit ihren irrsinnigen Schützen und Drei-Guard-Lineups nehmen die Western Conference im Sturm.

Prognose

Golden State verfügt durchaus über Waffen in seinem Arsenal, die San Antonio testen werden. Insgesamt ist jenes Arsenal aber nicht ausgereift genug, um die vorne und hinten gleich starken Spurs dauerhaft in Schwierigkeiten zu bringen oder gar die Serie zu gewinnen. Das Team von Gregg Popovich ist tiefer und disziplinierter und lässt sich von Playoff-Rookies nicht den Schneid abkaufen. Auch der Oracle-Faktor zieht nicht gegen die Spurs, die schon unzählige wichtige Spiele auf fremdem Parkett gewonnen haben (allein Duncan hat mehr Playoff-Spiele auf dem Buckel als alle Warriors zusammen genommen). Möglich, dass die überraschenden Warriors ein letztes Mal von ihren tollen Fans zehren, bevor sie sich mit einem Achtungserfolg in den verdienten Sommerurlaub verabschieden. Es war, so oder so, ein sensationelles Jahr in der Bay, auf dem man ausgezeichnet aufbauen kann. Gegen San Antonio ist diese Aschenputtel-Geschichte aber zu Ende.

San Antonio in 5