09 Mai 2013


Jeremias Heppeler 9. Mai, 2013                                     



Denver Nuggets (3) vs Golden State Warriors (6) versprach eines der aufregendsten Erstrunden-Duelle zu werden – und hielt Wort. „Lost In Transition“ stellt sich in der rückwirkenden Spurensuche eine Fülle von Fragen: Was waren die Geschichten der Serie? Wie entwickelte sich das Team im Duell mit den Warriors? Wie reagierte George Karl angesichts des drohenden Ausscheidens? Und welche Lehren kann man aus der Serie und dem tragischen Erstrundenaus ziehen?

Spiel 1:  97-95 (W) (Stand: 1-0) 

Nervosität: Die hypernervösen Nuggets schienen mit dem abstrakten Druck des Heimvorteils nicht wirklich klar zu kommen. Denver spielte über weite Teile eine unterdurchschnittliche Partie mit unzähligen Fehlern und miesen Quoten. Insgesamt erschien Golden State ein wenig wacher und hätte die Partie in den ersten beiden Vierteln klar dominieren müssen – doch ausgerechnet Sniper Stephen Curry mutierte zum Backstein-Werfer. 

Faktor Frontcourt: Javale McGee sorgte zwar für die wenigen Highlights der Partie, in Abwesenheit von Kenneth Faried war der Nuggets-Frontcourt aber zu dünn und lethargisch, um gegen die bockstarken „white warriors“ dagegenzuhalten: David Lee schnappte sich 14 Rebounds (ehe er verletzt ausschied), Andrew Bogut wirkt zwar so filigran wie mutiertes Schnabeltier auf Landgang, nervte die Nuggets aber mit unzähligen Hustle-Plays. Das bittere Saisonaus Lees sollte den Nuggets unter den Körben natürlich in die Karten spielen - eigentlich. 

Faktor Miller: Das zerfahrene Spiel schwappte bis ins vierte Viertel hin und her, dann zog Commander Karl seine entscheidende Trumpfkarte: Andre Miller. Der Oldschooler zerstört die Golden State Warriors im Alleingang mit seinem ureigenen Entwurf des NBA-PG-Spiels, inklusive eiskalten Up-and-Under-Gamewinner-Layup! Hallelujah!

Spiel 2:  117-131 (L) (Stand: 1-1)

Kernschmelze: Eigentlich waren sich alle einige, dass der Ausfall von David Lee bei gleichzeitiger Rückkehr von Kenneth Faried das Momentum erheblich in Richtung der Nuggets verschieben würde. Denkste! Die monströse Shooting-Leistung des gesamten Warriors-Backcourts machte die Allstar-Double-Double-Maschine umgehend vergessen. Offensichtlich hatte George Karl Stephen Curry vorweg zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt, denn anders lässt sich kaum erklären, wie blind und kopflos die Nuggets-Verteidiger in Richtung Curry stolperten um den Scharfschützen zu doppeln. Dumm nur, dass dieser sich entweder spielend per Pick&Roll aus der Doppelbewachung löste und  hochprozentig abschloss oder den Spalding ganz einfach seinen Kollegen Klay Thompson, Harrison Barnes oder Jarrett Jack servierte. Die vierköpfige Warriors-Hydra war sowas von heiß, dass einem die Vergleiche fehlen (physikalisch komplett falsche Assoziationen wären: Kernschmelze, Frittenfett² oder Vulkanausbruch). Die Nuggets-Offensive war insgesamt ordentlich, die Defense indes eines Playoff-Spiels nicht würdig.

Die alte Leier: Oh, oh, oh. Die ersten beiden Spiele waren direkt Wasser auf die Mühlen der mahnenden Nuggets-Kritiker. Das so erfolgreiche regular season Spiel funktioniert auf Playoff-Ebene bis dato nicht. Die Nuggets sind bislang nur richtig stark, wenn einer (namentlich Andre Miller) aus dem Kollektiv hervortritt. Besorgniserregend: Die Transition verpufft: In Spiel eins aufgrund der Rebound-Unterlegenheit (mit 45:55 ging das Duell klar an die Warriors), in Spiel zwei, weil die Warriors kaum einen Ball auf den Ring setzten.

Der Warriors-Smallball stellte die Nuggets in den Playoffs vor unlösbare Probleme (Photo: Stan Fair)

Spiel 3: 110:108 (L) (Stand: 1-2)

Das Gefühl: Als parteiischer Sportschauer besitzt man ja immer „ein Gefühl“. Gut. Schlecht. Mittel. Auf Seiten der Nuggets-Anhänger schlägt das Unterbewusstseins-Barometer bisher durchgehend negativ aus, und man kann das Offensiv-Feuerwerk inklusive fantastisch fanatischer Halle kaum genießen. Den Nuggets, so der Eindruck durch die League-Pass-Röhre, geht einfach das letzte Selbstverständnis ab. Das Team wirkt verkrampft und verunsichert. Langsam wird die Sache bedenklich. 

Millimeterentscheidung: Dabei wäre auch in Spiel drei durchaus ein Sieg drin gewesen. Der lange überragende Ty Lawson (der insgesamt 35 Punkte und 10 Assists markierte und entscheidend an der recht souveränen Halbzeitführung beteiligt war) hatte nach einer 5-Second-Violation der Warriors fünf Sekunden vor Schluss die Chance zum Gamewinner, verlor aber den Ball im Duell mit Warriors-Rookie Festus Ezeli – eine Millimeterentscheidung. 

Zwischenfazit: Die Warriors schießen weiterhin unaufgeregt ihre Dreier und verstehen es, die gegnerische Transition-Dampfwalze aufzuhalten – das ist der einfache Schlüssel zur 2-1 Führung. Die Nuggets brauchen dringend eine Explosion. Ein Hallo-Wach-Erlebnis. Und alles blinzelt in Richtung der Herren Wilson C. und Andre I...

Spiel 4: 115-101 (L) (Stand: 1-3)

Smallball-Wahnsinn: Lawson-Fournier-Iguodala-Chandler-Faried gegen Curry-Jack-Thompson-Barnes-Bogut – mehr Smallball geht einfach nicht! Während diese Konstellation den Warriors absolut in die Karten spielt, entwickelt sich für die Nuggets (und absurderweise explizit nach Lees Ausfall) ein echter Match-Up-Albtraum. Die Warriors sind in dieser Besetzung mindestens genauso schnell, schaffen es mit einem fitten Bogut (und einem soliden Carl Landry) trotzdem die Bretter zu dominieren und nutzen darüber hinaus die wohl größte Schwäche der Nuggets eiskalt aus. Denn Denver war bereits in der Regular Season eines der schwächsten Defensiv-Teams am Perimeter, steckte Massen an Dreiern an. Golden State wird nicht müde, Salz in diese Wunde und damit Dreier ins Nuggets-Herz zu ballern (bei weiterhin unfassbaren Quoten). Angesichts der Agilität und Treffsicherheit des Gegners werden die Nuggets ihrer größten Waffen beraubt und in verhältnismäßig träges Spiel gezwungen, das schlichtweg nicht funktioniert – weil der eigene Dreier nicht fällt. Und wer hätte gedacht, dass Gallos Ausfall schlussendlich schwerer wiegt als der von David Lee?

Faktor Superstar: Was wurde nicht alles über den fehlenden Superstar der Nuggets geschrieben, spekuliert, diskutiert? Hauptargument der Kritiker: Playoff-Zeit ist Superstar-Zeit. Die bisherige Serie unterstreicht diese Überlegung: Stephen Curry startete kalt in die Serie – für genau eine Halbzeit. Seither macht der Point Guard mit den Nuggets, was immer er will. Vorläufiger Höhepunkt: 22 Punkte in sechs Minuten in Spiel 4. Curry ist Motor und Herz des so schlichten Warriors-Offensiv-Systems: Isolation Curry oder Jack, einfaches Pick-And-Roll oder konzentrierte Penetration, direkter Abschluss oder geradliniger Pass in Richtung Perimeter. Die Warriors dominieren und führen dank dieser Spielweise mit 3-1. 

Spiel 5: 107-100 (W) (Stand: 2-3)

Playoff-Basketball: Bogut klopft Faried mit beiden Händen auf den Brustkorb. Das Manimal knüpft sich im Gegenzug Curry vor, was Mark Jackson zu einer seltsamen, Verschwörungstheorie geschwängerten Pressekonferenz zwingt. Flagrant-Fouls, Hassreden, Frustfouls – da ist jetzt Musik drin.

Flügel: Denver sind über Nacht Flügel gewachsen: Andre Iguodala ist der beste Mann auf dem Platz und überzeugt mit grandiosem All-Around-Spiel. Wilson Chandler, bis dato die größte Nuggets-Enttäuschung, markiert starke 19 Punkte. Weil die Nuggets darüber hinaus unter dem Korb stärkere Präsenz zeigen, den ein oder anderen Fast-Break-Punkt markieren und Curry wieder als Mensch agiert, dürfen wir uns auf ein 6. Kapitel dieser aufregenden Basketball-Story freuen. 

Faktor Faried: Wie wichtig der Einsatz des Energizers wirklich ist, offenbart diese Playoff-Serie: Das Manimal ist angeschlagen, schafft es bis dato nicht, seinen Körper auf 100% zu pushen und zu seinem Spiel zu finden. Angesichts seines weiterhin rohen Talents braucht Faried aber jede Sehne, jeden Muskel. Heute war das der Fall und Faried sorgt einmal mehr für die kleinen Dinge, die ein Spiel kippen können: Hustle, Blocks, Sprints, Monsterdunks.

Denver verlor zu Hause zwischen November und April nur drei Partien (38-3). Die Heimpleite in Spiel zwei entschied die Erstrundenserie zugunsten der Warriors (Photo: Balazs Koren)

Spiel 6: 92-88 (L) (Stand: 2-4)

Aus der Traum: Schluss Aus Vorbei. Spiel sechs einer rasanten Serie hatte schlussendlich absoluten Spiel-Sieben-Charakter: Für Denver hieß es ja ohnehin „win or go home“, doch auch die Warriors wollten wohl mit aller Macht einen Showdown in der Mile High City vermeiden. Denver dominierte zunächst mit aufschäumenden Herzblut, ehe Curry, angetrieben von Boguts bestialischer Reboundleistung, immer stärker ins Spiel fand und im dritten Viertel das Spiel kippte. Und täglich grüßt das Murmeltier, für Golden State, für Denver. Am Ende das Drama: Alles vorbei. Aufholjagd. Verlegter Korbleger. Es musste wohl so enden.

Fazit

Die außergewöhnliche, spektakuläre, historische Saison der Denver Nuggets hat ein frühes Ende gefunden. Schlussendlich stellten sich die Golden State Warriors als denkbar unglückliches und unangenehmes Los und Match-Up für George Karls Team dar. Von Spiel zu Spiel kristallisierte sich eine Fülle von Eigenheiten und Details heraus, die das Momentum zunächst langsam und dann nachdrücklich in Richtung Golden State verschob. Zunächst war da Stephen Curry, der, unterstützt von drei weiteren, überdurchschnittlichen Schützen, zum Superstar mutierte (Serien-Stats: 24,3 PPG, 9,3 APG und 2,2 SPG). Denver verstand es zu keinem Zeitpunkt der Serie, die Schaltkreise innerhalb der unerbittlichen Perimeter-Maschinerie der Warriors zu stören. Eine weiterer Vorteil, den Jacksons Small-Ball-Lineup (in welcher übrigens auch Rookie Harrison Barnes abartig ablieferte und die Wiederauferstehung Andrew Boguts Lees Ausfall kompensierte) forcierte, war die Tatsache, dass die vier flinken Warriors, die einen Großteil der Minuten fraßen, dem wieselflinken Nuggets-Transition-Game gewachsen waren. Und genau das war schlussendlich der Neckbreaker: Karl schaffte es einfach nicht, das klassische, aufmüpfige und freche Nuggets-Spiel zu installieren und Mark Jacksons einfachem, aber unglaublich effektiven Basketball entsprechende taktische Kniffe entgegenzusetzen. Und weil, bis auf die beiden Point Guards (die zumindest offensiv Curry zeitweise Parole boten), keiner aus dem Kollektiv hervortrat und für einfaches Scoring gegen die organisierte Defense der Warriors sorgte, fehlten schlussendlich einige Prozentpunkte zum Weiterkommen. Die Nuggets spielten zwar ihr System, aber sie spielten es schlecht, defensiv sogar miserabel. Andre Miller brachte es auf den Punkt: „Wir wurden ausgespielt und ausgecoached."

Inwiefern sich diese Serie in Zukunft auf das organisch gewachsene Gesamtgebilde „Denver Nuggets“ auswirken wird, ob es zu elementaren Veränderungen kommen wird und wie diese schlussendlich so seltsame Saison insgesamt eingeschätzt werden kann, werden die nächsten Monate zeigen – eindeutige Baustellen, die sich nachhaltig ins Bild fraßen sind definitiv die Perimeter-Defense, der zu dünne Frontcourt (angesichts eines sichtlich geschwächten Farieds) und der Mangel an zuverlässigen Schützen in Abwesenheit Gallinaris. Die Nuggets jedenfalls haben die Welt 2013 nicht erschüttert.