29 Mai 2013


Sebastian Dumitru 29. Mai, 2013                                      



Die wenigsten Beobachter hatten es nach Spiel drei und Miamis dominanter Vorstellung beim 114-96 Blowout-Sieg in Indiana für möglich gehalten, dass die Pacers noch einmal in diese Serie zurück klettern könnten. Es war nicht nur die empfindliche 18-Punkte Pleite, sondern vielmehr die Art, wie sie zustande gekommen war, die nichts Gutes verhieß und vielen vielleicht sogar einen vorschnellen 4-1 Geruch in die Nasen trieb - Miamis heimliche Playoff-Spezialität seit der Finalniederlage 2011 gegen die Mavs. Knapp 48 Stunden und zwei überragende taktische Anpassungen später hat Indiana aber nicht nur zum 2-2 ausgeglichen, sondern das Momentum und das kollektive Selbstvertrauen wieder zurück erobert. Wie haben Vogel und das jüngste Eastern Conference Playoff-Team das geschafft?

Spiel 3: Miamis Dominanz dank LBJ

LeBron James wurde vergangenen Sonntag von Erik Spoelstra in den Low Post beordert und tat dort genau das, was er Gegnern seit dem Zufallsfund vor ziemlich genau einem Jahr, als die Heat nach Chris Boshs Bauchmuskelverletzung gegen ebendiese Pacers auf Smallball umstellten, immer mal wieder antut: er dominierte. James übermannte den hilflosen Paul George im Low Post ein ums andere Mal und nutzte dort seine eklatanten Gewichtsvorteile für 14 seiner 22 Zähler und 5 von 9 erfolgreichen Würfen nach Post-Ups (Stats via ESPN). Ein Grund für die sogenannte Demonstration: George, der knapp 20 Kilogramm leichter ist als James, wurde hinten ein ums andere Mal mit dem vierfachen MVP "alleine auf einer Insel" gelassen. LBJ konnte seine "Backdowns" seelenruhig bis zum Brett durchziehen und dort hochprozentig vollenden.

So wie in dieser Szene: James hat alle Zeit der Welt, um erst das Spielfeld vom Ellbogen aus zu scannen, seine Optionen abzuwägen und dann sekundenlang mit dem Rücken zum Korb zu dribbeln, bis er George fast unter den Ring befördert hat. Die restlichen vier Pacers stehen alle regungslos um die Zone herum und schauen zu, lediglich Hibbert geht nach innen - das allerdings viel zu spät und viel zu zaghaft. James nimmt den kurzen Haken mit links... zwei einfache Punkte für sein Team.


Miami nutzte diese Taktik in Spiel drei früh und häufig; James nahm nur einen einzigen Wurf von jenseits der Dreierlinie und manövrierte statt dessen innen nach Belieben. Die Heat profitierten davon enorm und erzielten folgerichtig einen neuen Playoff-Klubrekord mit 70 Punkten in Hälfte eins sowie mit 54.5 Prozent aus dem Feld ihre Bestmarke in dieser Serie. Indiana fand nie ein Mittel, weil es James schalten und walten und George alleine vor die Hunde gehen ließ.

Auch im Angriff wussten die Pacers nicht zu gefallen und verkamen zu der statischen Einheit, die man noch zu Saisonbeginn sah. West und vor allem Hibbert mussten für ihre Punkte viel zu schwer arbeiten. Indiana fand zwar in die Zone, aber nicht aus dem Spiel heraus, sondern zu häufig durch Einzelaktionen, anstatt den smarten, raumgewinnenden Pass zu spielen und Lücken zu schaffen. Viele Anspiele auf Hibbert verkamen zum Problemfall, ähnlich wie vergangenes Jahr, als Miami den Pacers nach 1-2 Rückstand drei Spiele in Folge abnahm, weil kein Pacers-Backcourt-Akteur mehr in der Lage war, den Ball nach innen zu bringen. Es war demzufolge kein Zufall, dass die Pacers in Partie drei am Sonntag nur 36 Punkte in der Zone bewerkstelligten. Miami dagegen kam auf 52. Unentschuldbar für die größeren, kräftigeren Pacers.

Spiel 4: Adjustments, Made in Indy

Umso erstaunlicher war es dann vielleicht, dass Indiana seine Schwächen innerhalb von 48 Minuten derart bereinigen und die nötigen Anpassungen treffen konnte. Nachdem sowohl Vogel als auch die Pacers-Spieler tagelang über die Dringlichkeit der Help-Defense gegen James sprachen, waren sie von der ersten Spielminute an kollektiv auf Wiedergutmachung aus. Entweder das Doppel kam konsequent, wenn George gegen James verteidigte, oder Vogel setzte alternativ Sam Young oder Lance Stephenson gegen LBJ ein. Letzteres, also das Rotieren von Verteidigern, ist eine beliebte defensive Taktik in der NBA gegen überragende Einzelkönner und soll nicht nur dazu dienen, den primären Defender - in dem Fall George - zu schonen und frisch zu halten, sondern den gegnerischen Superstar gleichzeitig zum Nachdenken zwingen.

James war ganz offensichtlich beeindruckt: er vergab vier seiner fünf Würfe gegen Young oder Stephenson nach Post-Ups (Stats via ESPN), weil er a) gegen Young keine Kraftvorteile hatte, wie die Aktion im folgenden Video verdeutlicht (James versucht mehrfach den Backdown, Young hält aber dagegen und gibt keinen Zentimeter preis, so dass LBJ letztendlich den Fadeaway Jumpshot zur Baseline nehmen muss) oder b) Stephenson ihn mit seiner irritierenden, penetrant-herumfuchtelnden Art daran hinderte, überhaupt einen Spielfluss zu finden. Nochmal: diese Taktik ist keine, die man gegen einen vierfachen MVP über 40-plus Minuten anwenden kann und soll. Weder Stephenson noch Young wären in der Lage, James über längere Strecken zu neutralisieren. Punktuell eingesetzt ist dieser Schachzug aber höchst effektiv.


Noch besser, als die One-on-One Verteidigung funktionierte gestern das angesprochene Doppeln gegen LeBron. Indiana ist eines der wenigen Teams, das so perfekt verteidigt, dass selbst das Hinüberrotieren eines Verteidigers zum Ball von den übrigen drei Teamkollegen ausgebügelt werden kann, ohne dass anderswo riesige Löcher aufreissen. Die Pacers sind gigantisch groß und eines der defensiv diszipliniertesten Teams aller Zeiten. Erkennt ihr die Situation hier wieder? LeBron James hat, genau wie in Spiel drei (erstes Video), den linken Flügel komplett für sich alleine und setzt zum Post-Move gegen George an. West hat den Braten aber früh gerochen und bleibt in der Nähe. Immer wieder geht er aus der Zone, um das 'Defensive Three Seconds' zu umgehen, und liest blitzschnell die Situation: sobald Bosh, ein mittlerweile gefährlicher Dreier-Schütze (44.4% in diesen Playoffs), seine Position am Perimeter an Dwyane Wade (ein mieser Distanzschütze) "übergibt" und nach innen schneidet, orientiert sich West automatisch nach außen und geht dort George zur Hand. Wests Double-Team kommt genau in James' Wurfbewegung hinein und beeinflusst den MVP genug, um ihn zu einem Fehler zu drängen.


Es ließen sich eine Handvoll weiterer Beispiele aus Partie vier wählen, in denen Miami die Low Post Option für James suchte, was ja in Spiel drei bekanntlich so verheerend gut funktionierte. Häufig kam das Doppel der Pacers aber schon vor dem Catch, so wie hier, als Hibbert hinter George lauert und Wade innerhalb von Sekundenbruchteilen dazu zwingt, den Ball wieder auf die andere Seite zu schwingen, statt James zu bedienen. Es war also mitnichten so, als hätten die Heat nicht händeringend versucht, ihre personellen Vorteile (lies: LeBron) weiterhin schamlos auszunutzen. Indianas Konter ist einfach nur typisch für eine Mannschaft, die im Vergleich zur Vorjahresversion immens gereift ist und es versteht, die besten Optionen des Gegners weg zu nehmen - erst Recht über eine sieben-Spiele-Serie.

(NBAE/TNT)
Vielseitige Pacers-Offense

Die hervorragenden Anpassungen von Vogel & co. waren übrigens nicht nur auf's defensive Ende des Courts beschränkt, sondern zeigten ihre volle Wirkungskraft auch in der Offensive. Eines der Geheimnisse, um gegen die eigentlich sehr starke Heat-Defensive zu bestehen, ist eigentlich gar keines: man muss den Ball konstant von einer Seite zur anderen schwingen und damit die gesamte Verteidigung beschäftigen. Das kann durchaus mittels sogenannter Scheinspielzüge auf einer Seite passieren, die mehrere Verteidiger binden, nur um dann auf der sogenannten "Weakside", also abseits des Balls, zuzuschlagen. Für die Pacers, die über weite Strecken der Saison eine höchstens mittelmäßige Offensive stellten, ist das Ergebnis solcher Ball- und Spielerbewegungen doppeltes Gold wert.

Hier nutzt Indiana eine George/West Action auf der "Strongside", um Hibbert unbemerkt in Position zu bringen. Warum alle Heat-Verteidiger in Richtung linker Flügel schielen? Weil sie ein sich anbahnendes Play vermuten, vielleicht ein Pick & Roll/Pick & Pop mit West, ein Handoff für George oder ein einfacher Jumpshot für den ruppigen Pacers-Forward - durchaus eines von Indianas sogenannten "Pet Plays", also ein Spielzug, der häufig gesucht wird. Diese kurze Unachtsamkeit und das anschließende Rotationschaos - Ray Allen zögert beim Closeout, um dann doch wieder zur Mitte zu gehen, Shane Battier kommt zu spät bei West an - nutzt Hibbert, um sich vor Chris Andersen zu schummeln und sich tief groß zu machen. Was folgt, ist ein einfaches Anspiel von West in die Zone. Und wenn Hibbert den Ball erst einmal so tief unten gefangen hat, kommt meist jede Hilfe zu spät. Der 2,22 Meter Mann wirft hier einfach über die übrigen Heat hinweg.


Hibbert stellt die Heat im Interieur nicht nur vor "riesige" Probleme, indem er die Bretter kontrolliert und James von einfachen Punkten am Ring abhält, sondern auch, weil er sich offensiv zur effektiven Waffe entwickelt hat. Lasst euch vom etwas flapsigen Laufstil und dem unorthodoxen Haken nicht lumpen: Hibbert verfügt über ausgezeichnete Fußarbeit und genügend Körperkontrolle, um inmitten einer Bewegung anzuhalten, zur Gegenseite zu drehen und krachende Dunkings auszupacken. Und er hat ein paar Moves auf Lager. Wer ihn immer noch als immobile Bahnschranke sieht, muss genauer hinschauen - oder sofort einen Termin beim Optiker seines Vertrauens vereinbaren. Wie dem auch sei: die Heat finden bisher kein Mittel gegen die "Wall of Hibbert". Der Center-Hüne dominierte bei den beiden Pacers-Siegen mit 20 von 28 Treffern in der Zone, erzielte schon drei Mal 20 Punkte oder mehr und legt im Conference Finale bisher bärenstarke 22.8 Punkte (bei 54.5% FG) und 12 Rebounds im Schnitt auf.

Diese Dominanz geht natürlich auch an den Heat nicht spurlos vorüber. Sie ist unter anderem daran "Schuld", dass die Heat in der Bredouille sind und ihr gewohntes Smallball-Spiel gegen Indiana nicht wie gewohnt praktizieren können. Erik Spoelstra versucht es häufig mit zwei Bigs (Haslem und Bosh, Andersen und Bosh, Haslem und Andersen) auf dem Parkett und musste gestern sogar Joel Anthony entstauben, weil ihm im Interieur die Mittel ausgingen, als seine Protagonisten in Foulprobleme gerieten. Das aber ist nicht die Art, wie Miami bevorzugt Basketball spielt. "Je kleiner, desto komfortabler", so das Mantra des Champs. Die ständigen Prügel, die Hibbert, West & co. in der Zone austeilen, wirken sich auch auf die gefürchtete Perimeter-D des amtierenden Meisters aus: weil der Fokus aller fünf Akteure permanent nach innen gerichtet ist und nach vier Spielen fast schon automatisch erfolgt, fehlt der hohe Druck außen, um die Dribble Penetration zu stoppen.

Wie mein geschätzter Kollege Johannes Hübner heute anmerkte, gestattete Miami allein in Halbzeit eins von Spiel vier 18 Mal Dribble Penetration im Halbfeld, davon elf Mal durch die Mitte. Das, meine Freunde, ist ein klares Indiz für eine Defensive, die aufgrund ihrer Größennachteile vom ständigen Ackern und Doppeln in der Zone langsam, aber sicher zermürbt wird. Ich möchte euch zum Schluss anhand einer Sequenz demonstrieren, wie besagte Dribble Penetration, schnelle Lagenwechsel, Miamis Tendenz zur Mitte und die dezente Vielseitigkeit eines David West (18.5 PPG, 8.5 RPG, 1.8 APG in der Serie bisher) dazu beitragen konnten, dass die Serie nun ein Best-of-Three geworden ist.

(NBAE/TNT)
Alles beginnt mit einem West (21) Side Screen & Roll gegen Norris Cole, das DJ Augustin den Weg in die Mitte ebnet. Augustin drückt auf's Tempo und zieht in die Zone. Die Disziplin der einzelnen Heat-Verteidiger ist aus obig genannten Gründen längst nicht mehr optimal. Alle orientieren sich nach innen, und lehnen ein bisschen zu stark.

(NBAE/TNT)
(NBAE/TNT)
Augustin hat die Wahl: entweder ein Dribbling weiter in Richtung Ray Allen (34) gehen und dann zu George (24) hinter die Dreierlinie hinaus passen, oder den günstigen Winkel für einen Dish-Off zu West nutzen, der nach dem Pick zu einer seiner Lieblingsstellen auf dem rechten Ellbogen "gepopt" ist. Augustin wählt "Tor 2."

(NBAE/TNT)
Der 'Birdman' (11) weiss natürlich um Wests Wurfstärke aus der Mitteldistanz und macht hart zu. Darauf hat der Pacers-Brecher aber nur gewartet. Er nutzt Andersens Momentum, um den Spalding auf's Parkett zu setzen und ohne Probleme am Heat-Verteidiger nach innen und in die Zone zu ziehen. Cole (30) verschärft die Bredouille, in der die Heat-Defensive nun kollektiv steckt, weil er einfach in der Mitte stehen bleibt, anstatt beispielsweise nach links durch zu rotieren oder zumindest das Zoneneck und somit Wests direkten Pfad in die Zone schnell dicht zu machen.

(NBAE/TNT)
Miami kann sich von seinem defensiven Zusammenbruch jetzt nicht mehr erholen. West, der komfortabel mit Ball bis tief in die Zone gedrungen ist, hat nun zahlreiche Möglichkeiten: entweder ein Pass zu George (24), der am rechten Bildschirmrand nach wie vor hinter der Dreierlinie lauert. Oder ein Pass zu Augustin (unten), der perfekt nach außen rotiert hat, während der kräftigere Young (4) sich in Richtung Offensivrebound orientiert. Oder aber selbst den Abschluss suchen. West entscheidet sich für letzteres und erzielt zwei einfache Punkte mit dem linken Baby-Hook.

(NBAE/TNT)
Ich kann's euch natürlich nicht verbieten, euch anstatt auf Basketball in dieser Serie lieber auf horrende Schiedsrichterleistungen und Flopping-Künste einzuschießen, die zugegebenermaßen längst surreale Größenordnungen angenommen haben und vom Wesentlichen ablenken. Aber ihr wisst doch mittlerweile, wie der sprichwörtliche Hase läuft: das Refereeing in der besten Liga der Welt wird von Jahr zu Jahr mieser, und solange nicht konsequent gegen Flops dieses Ausmaßes vorgegangen wird - und damit meine ich nachträgliche, empfindliche Geld- und Spielsperren für jeden Delinquenten, Superstars inklusive (die sollten als "internationale Botschafter des Spiels" doppelt hart bestraft werden) - bleiben sie ein Thema, das einem sauer aufstößt... wenn man es denn lässt.

Wieso sich also über Dinge aufregen, die man ohnehin nicht ändern kann, und sich stattdessen nicht lieber auf die technischen und taktischen Feinheiten in einem völlig offenen Duell konzentrieren? Ist es nicht das, was alle verlangt hatten: ein ebenbürtiger Gegner für die lange unbesiegbar anmutenden Heat? Da habt ihr ihn. Miami gegen Indiana, das ist nicht nur eine der besten Offensiven aller Zeiten gegen eine der besten Defensiven, die jemals Basketball gespielt hat, sondern auch ein faszinierendes Schachduell zwischen zwei der smartesten Coaches der Liga. Ein würdiges, spannendes Conference Finale zwischen den zwei mit Abstand dominantesten Mannschaften des Ostens. Und seit gestern offiziell ein Best-of-Three. Indiana hat gezeigt, dass es nur noch rudimentär etwas mit dem Team gemeinsam hat, das sich vor zwölf Monaten beeindrucken und den Schneid abkaufen ließ. Die Pacers sind erwachsen geworden, sind cool geblieben und haben die nötigen Anpassungen vorgenommen, in Angriff und Verteidigung gleichermaßen. Jetzt sind die amtierenden Champs gefordert, das Gleiche zu tun.



(Stats: NBA.com. Video/Screencaps: NBAE/TNT)