05 Mai 2013


Erinnerungen an die 90er werden wach, wenn New York und Indiana aufeinandertreffen  (Photo: NBA)

Sebastian Dumitru 5. Mai, 2013                                     



Indiana und New York erneuern in diesem Jahr eine jahrzehntelange Rivalität, die in den 1990ern mit sechs Duellen in acht Jahren (3-3) ihren absoluten Höhepunkt erreichte. Auch heuer duellierten sich die Pacers und Knicks sechs Monate lang um den inoffiziellen Titel des "besten Ost-Teams hinter den Heat". Eine Best-of-Seven Serie kann nun darüber endgültige Klarheit liefern. 


Der Weg ins Halbfinale

New York beendete die reguläre Saison mit 54-28 Siegen und auf Platz zwei in der Eastern Conference. Eine fantastische Anfangsphase und ein furioser Schlussspurt sandwichten eine katastrophale Saisonmitte, die von Verletzungen und schlechtem Basketball geprägt war. Die Pacers boten den Knicks lange Paroli im Kampf um Position zwei und Heimvorteil in einem potentiellen Conference Halbfinale, mussten sich nach 49-33 Siegen aber mit Platz drei im Osten begnügen. Der völlig verkorkste Start ließ am Ende nicht mehr zu. Die Knicks hatten in Runde eins ihre liebe Mühe mit den tapfer kämpfenden und gut verteidigenden Boston Celtics und entkamen nur knapp einem historischen Einbruch nach zwischenzeitlicher 3-0 Führung. Boston gewann die nächsten beiden Partien und hätte in Spiel 6 beinahe Geschichte geschrieben, als sich NY einen unfassbaren 0-20 Lauf einfing und die Serie fast noch aus der Hand gab. Letztendlich setzte sich aber das bessere und talentiertere Team mit 4-2 Siegen durch. Indiana dominierte dank eines bestens aufgelegten Paul George seine Heimspiele gegen die Atlanta Hawks und gewann am Ende ebenfalls 4-2, offenbarte aber vor allem bei den zwei Auswärtspleiten in Spiel drei und vier eklatante Offensivschwächen, die natürlich auch in dieser Vorschau Berücksichtigung finden müssen.

Die Matchups

"Defensive Dominanz gegen offensive Durchschlagskraft" ist ein oft bemühtes Bild, wenn man unterschiedliche Teamphilosophien gegeneinander stellt und wird der Vielschichtigkeit der meisten Mannschaften nur selten gerecht. Hier trifft "DD gegen OD" aber den Nagel auf den Kopf. Die Knicks legten die drittbeste Offensive der Liga an den Tag (Off. Rtg. 108,6) und stellten bei den Dreier-Versuchen (2371) und den Makes (891) einen neuen NBA-All-Time Rekord auf. Keine Mannschaft hielt jemals so häufig drauf, keine Mannschaft traf jemals häufiger. Die Tatsache, dass New York nur die 11.-meisten Punkte insgesamt erzielte (100 PPG) erklärt sich aus dem langsamen Spieltempo (Platz 25), das dank exzellenter Turnover-Rate (Platz 1) dennoch maximiert werden konnte. In der Verteidigung waren die Knicks nicht mehr als Durchschnitt (Platz 16). Indiana war das absolute Gegenteil: miese Offense (Platz 19), die aber mit zunehmender Saisondauer und Georges Wachstum immer besser wurde, dafür mit 96,6 die mit Abstand dominanteste Defensive der NBA. Der Unterschied zwischen Indiana und New York am hinteren Ende (6.9) war größer als der zwischen der elftbesten Defensive Denver und der mit Abstand schlechtesten, Charlotte. Die Pacers verteidigen sehr diszipliniert und als eine Einheit. Sowohl im Rebounding (45.9 RPG) als auch gegen den gegnerischen Dreier (nur 32,7 Prozent zugelassen) gibt es keine besseren Lösungen als das Team aus Indianapolis. Das Team von Head Coach Frank Vogel platziert gegen Spot-Ups (1.), Fastbreaks (1.), Cuts (2.), Pick & Rolls (3.) und Isolationen (3.) unter den elitärsten Defensiven der Liga. Vor allem letztere zwei Faktoren werden gegen New York mit entscheidend sein.

Indianas George Hill blieb während der Saison blass gegen New York  (Photo: Mark Runyon)

Die Knicks hatten gegen Bostons gute Defensive so ihre liebe Mühe und beschränkten sich - wie immer, wenn der Wind etwas stärker ins Big Apple Gesicht weht - mehr denn je auf Isolationen und Einzelaktionen. ESPN/True Hoop hat errechnet, dass die Knicks unfassbare 27.3 Prozent ihrer Angriffe gegen die Celtics via Isolations liefen. Die Übeltäter waren auch hier, wie so oft, Carmelo Anthony und J.R. Smith, die beide weit hinter ihren Möglichkeiten blieben (Smith noch mehr als Melo, der, Backsteine hin oder her, wenigstens zur Stelle war, als es brenzlig wurde). Gegen Indianas Defensive wird sich New York mehr einfallen lassen müssen. Die Pacers hielten NY in den vier Duellen knapp 17 Punkte unter ihrer offensiven Effizienz und neutralisierten sowohl Anthony (nur 22 PPG bei 38% FG) als auch den Rest der Perimeter-Bande ausgezeichnet.

Die Defensive steht. Probleme dürften Indiana dagegen, wie so häufig, im Angriff bekommen. Die wenigen großen Stärken der Pacers kann New York bestens kontern. Bei Post-Ups, egal ob tief oder am High Post, schneiden die Pacers besonders gut ab (Platz 7). Die Knicks bieten all dem mit der besten Defensive der NBA gegen diese Plays ausgezeichnet Paroli. Chandler kann Roy Hibbert in der tiefen Box alleine verteidigen, Martin und Anthony sind gegen West mobil genug, um auf das vielseitige Spiel des All-Rounders antworten zu können. Für den neuen Superstar der Pacers, Paul George, hat NY ebenfalls eine Lösung parat: Iman Shumpert, der gegen Boston aus seiner Schale gekrochen kam und Paul Pierce das Leben zur Hölle machte. Wenn Shumpert George in seine Schranken weisen kann (20 PPG, 7.3 RPG, 5.5 APG in der regulären Saison gegen die Knicks), bekommen die Pacers vorne noch mehr Probleme, als ohnehin schon.

X-Faktoren

Für die Knicks kommt es auf ihr teamdienliches Spiel an, das immer mehr Erfolg verspricht als endlose Isolationen und Melo/Schmidt Backstein-Abende. Um Zweiteres werden die Knicks nicht herum kommen, es ist schon viel zu tief in ihrer DNA verankert. Wenn man die Anzahl der Einzelaktionen aber reduzieren und mit Chandler/Felton, Chandler/Kidd oder Martin/Prigioni Pick & Rolls ersetzen kann, steigen die Ballberührungen, die Wurfversuche von außen und damit auch die Siegchancen gegen Indiana. Die Pacers sind zu smart, zu ruppig und zu gefestigt, um sich von Iso-Ball den Schneid abkaufen zu lassen. Je schneller Mike Woodson, Melo & co. das schnallen, desto stressfreier wird auch die Serie.

Bei den Pacers wird viel von George Hill abhängen, der gegen Atlanta das Zünglein an der Waage war, gegen die Knicks aber so seine liebe Mühe hatte (nur 7.3 PPG, 32% FG in vier Partien bisher). Nur wenn Hill seinem Teamkollegen George hilft, die Offensive zu lenken, kann diese auch in schweren Zeiten vor sich hin fließen und konstant Punkte generieren. Insgesamt kann Indiana offensive Dürreperioden besser verkraften als New York, braucht aber dennoch konstante Scoring-Optionen aus dem Backcourt, um zu überleben.

Warum New York gewinnt

Die Knicks haben Heimvorteil, eine der besten Offensiven der Liga, einen absoluten Superstar in Anthony (nicht zu vernachlässigen in Punkto Refereeing/Freiwurffrequenz) und einen Playoff-erfahrenen Veteranen-Kader, der weiß, was in brisanten Phasen zu tun ist. Gegen Indianas Stärken (Paul George, Hibberts Länge, Wests Mobilität, die Defensive) stehen multiple Antidoten parat (Shumpert, Chandler, Anthony/Martin, offensive Vielseitigkeit). Die Knicks haben Boston mit guter Defensive bezwungen (wenngleich die Celtics kein Maßstab sind) und gezeigt, dass sie auch hinten zulangen können, wenn es notwendig ist. Das Team ist ausgeglichener besetzt und verfügt über mehrere Optionen (Amar'e Stoudemire soll ab nächstem Wochenende wieder einsatzbereit sein), die es in dieser brenzligen Phase einzusetzen weiß.

Melo darf sich gegen Indianas Defense nicht in Isolationsbasketball verlieren (Photo: Keith Allison)

Warum Indiana gewinnt

Die Intensität der Pacers-Defensive ist ungleich höher als die der Celtics, die New York bei 96.9 Punkte pro 100 Angriffe hielten - Platz 12 unter allen Playoff-Teams und weit unter ihrem Schnitt. Wenn der Angriff der Knicks ebenso stagniert - durchaus realistisch angesichts von Anthonys und Smiths Tendenzen, weiter zu ballern, als gäbe es kein Morgen - hat man schon die halbe Miete eingefahren. West/Hibbert/George/Hill/Stephenson ist eine der erfolgreichsten Lineups der Liga und spielt schon das ganze Jahr so zusammen. George kann Anthony neutralisieren, Stephenson ist am Perimeter ebenso zerstörerisch. Indiana spielt hart und macht vor allem undisziplinierten Teams das Leben schwer. New York ist undiszipliniert.

Prognose

Es wird das Highlight der zweiten Runde, eine Reminiszenz an alte, längst vergangene Zeiten. Wer den Basketball in den 90ern vermisst, der wird hier voll auf seine Kosten kommen. Beide Teams sind erfahren und wollen sich um jeden Preis als Miamis Herausforderer Nummer eins behaupten. Er wird hart, es wird hässlich, es wird geschubst, gehalten und gefoult werden, und beide Mannschaften haben mehr als genug Argumente auf ihrer Seite (siehe oben). Über die Knicks im Conference Finale darf man genauso wenig überrascht sein, wie über Indiana. Am Ende gewinnt das Team, dass seine Identität und sein Spiel konstanter auf's Parkett bringt und weniger Fluktuation von Abend zu Abend zeigt. Für mich waren das in den vergangenen sechs Monaten die Pacers.

Indiana in 7