06 Mai 2013



Die Vorzeichen bei Chicago-Miami sind heuer ganz andere als beim hoch antizipierten Duell in 2011 (Photo: NBA)

Sebastian Dumitru 6. Mai, 2013                                     



Chicago gegen Miami könnte ein absolutes Basketballfeuerwerk werden - zumindest wenn eine Mannschaft durch Verletzungen nicht nahezu vollständig dezimiert wäre. Während die Bulls nach ihrer hart umkämpften 7-Spiele-Schlacht gegen Brooklyn nicht einmal Zeit hatten, um ihre Wunden zu lecken, langweilten sich die Heat in den vergangenen acht Tagen fast zu Tode und gehen ausgeruht ins Conference Halbfinale. Niemand hat gesagt, dass es im Leben fair zugeht.  


Der Weg ins Halbfinale

Miami fand während der letzten Playoffs ohne Chris Bosh das ultimative Rezept, um das Potential seiner unorthodoxen Lineup und Superstar-Agglomeration auszuschöpfen. Mit einem Titel im Rücken und ohne sprichwörtlichen Affen auf selbigem brausten die Heat zur besten Saison ihrer Franchise-Geschichte (66-16) und historischen 27 Siegen in Folge. Platz eins in einer schwachen Eastern Conference war reine Formsache, genau wie der lockere Auftakt-Sweep gegen eine Mannschaft, die eigentlich gar nichts in den Playoffs zu suchen hatte. Es sah eine ganze Weile danach aus, als würde es der amtierende Champion in Runde zwei mit den Brooklyn Nets zu tun bekommen, aber Chicago tat zum Auftakt genau das, was es unter Tom Thibodeau schon seit dessen Amtsantritt tut: sich die Seele aus dem Leib spielen und bis weit über die eigene Schmerzgrenze malochen. Ohne Derrick Rose und trotz unzähliger Verletzungen der Leistungsträger kämpften sich die Bulls zu 45-37 Siegen und Platz fünf im Osten. Der Sieg gegen Brooklyn trotz schwerem Anstieg auswärts in Spiel sieben war schon eine kleine Sensation und bereitete die Bühne für das Rematch von 2011.

Die Matchups

Miami und Chicago trennten sich nach vier Duellen in der regulären Saison 2-2 Unentschieden. Beide Team verbuchten dabei je einen Heim- und einen Auswärtssieg. Chicago brachte die Heat in ernste Schwierigkeiten dank ihrer Spielweise, die auf großen Lineups, traditionellem Basketball und exzellenter Defensive beruht. Der Sieg Ende März, der gleichzeitig Miamis sensationelle Erfolgsserie bei 27 in Folge stoppte - nur sechs weniger als der All-Time-Rekord - bekam die ganze Publicity, aber die Bulls setzten ihrem Kontrahenten schon Anfang Januar empfindlich zu und hielten die potenteste Offensive der NBA (Offensiv-Rating 110.3) damals bei mickrigen 89 Punkten. Insgesamt schaffte es Chicagos berüchtigte Defensive (Platz 5), den Angriff der Heat von durchschnittlich 102.9 Punkten auf 94.2 zu drücken. Das wird natürlich auch in dieser Playoff-Serie der modus operandi von Thibodeau & co. sein. Ein wichtiger Faktor dabei: wie gut kann Chicago das Transition-Spiel der Heat unterbinden? Die Bulls verteidigen am liebsten im Halbfeld, wo sie dank ihrer Disziplin und ihren minutiös ausgearbeiteten Sets für das meiste Chaos sorgen. Thibodeau war einer der ersten Coaches, der als Assistent in Boston die modernen Strongside-Sets perfektionierte - eine de facto Mischung aus Mann- und Zonenverteidigung - die heute so oder so ähnlich von allen Teams in der NBA implementiert werden, wenngleich nicht mit dem Erfolg, den Thibs für sich beansprucht.

Nur Gott weiß, ob D-Rose seinem dezimierten Team gegen Miami zu Hilfe eilt (Photo: M. Matthijs)

Das Problem mit den Heat: individuelle Extraklasse der Spielmacher LeBron James und Dwyane Wade, die jedes noch so gute Set im Eins-gegen-Eins sprengen können, sowie ein ganzer Haufen hochprozentiger Distanzschützen auf der Weakside, die den Knockout von jenseits der Dreierlinie servieren. Miami traf in dieser Saison 39.6 Prozent seiner langen Bomben. Nur die Warriors (40.3%) waren sicherer. Es mutet vielleicht unfair an, aber Miami hat sechs unterschiedliche Spieler, die mindestens 39 Prozent ihrer Würfe von jenseits der 7,24 Meter Linie klatschen (Lewis 39%, James und Chalmers je 41%, Miller und Allen je 42%, Battier 43%). Das nennt man in der Übersetzung dann wohl: auf die eigene Spielphilosophie perfekt zugeschnittenes Personal. Und Pat Riley lacht sich beim Lesen dieses Abschnitts einen Wolf.

Chicago wird das Spiel verdrecken und das Tempo so gering wie möglich halten wollen. Das nächste Problem ist dabei, dass Miami selbst bei niedrigem Spieltempo floriert (die Heat hatten weniger 'Posessions' pro Spiel als die Bulls bei weit höherer Effizienz). Egal, ob bei Isolationen, im Pick & Roll, nach Post-Ups oder Cuts (jeweils Platz eins): die Floridianer sind offensiv das Maß aller Dinge, was schon mal passieren kann, wenn man seinen Angriff um den besten Spieler der Welt und zwei weitere Top-20 Akteure herum aufbaut. Chicago wird sich also mächtig strecken müssen, denn ohne die verletzten Luol Deng und Kirk Hinrich fehlen zwei der besten und erfahrensten Verteidiger im Team des sechsmaligen Champs. Wenigstens auf zwei Ebenen hat Chicago klare Vorteile: im Frontcourt und beim Rebounding, vor allem offensiv. Bei ihren beiden Siegen verprügelten sie die Heat an den Brettern nach allen Regeln der Kunst (plus-20 und plus-12). Darauf will Chicago natürlich wieder abzielen.

X-Faktoren

Diese Teams kennen sich nur zu gut. Miami ist Chicagos Erzfeind, auch wenn das nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht. Man weiß also, was einen erwartet. Für die Heat heißt das unter anderem, dass sie ihr gewohntes Smallball-Spiel gegen die Bulls nicht exklusiv praktizieren können. Die sind im Frontcourt mit Boozer, Noah, Gibson und Butler zu groß besetzt und werden Erik Spoelstra zu Anpassungen zwingen. Das heißt im Klartext viel Chris Andersen und viel Udonis Haslem und vielleicht sogar ein wenig Joel Anthony, möglicherweise aber extra kleine Konter-Lineups mit Bosh und James als mobilem Frontcourt, der die großen Bulls-Verteidiger ganz weit nach außen zieht und so Platz in der Mitte macht.

Bei den Bulls wird viel von Nate Robinson abhängen, der schon während der regulären Saison das Zünglein an der Waage war (58% Trefferquote bei den zwei Siegen, nur 36% bei den beiden Niederlagen). Hinrichs Ausfall in den beiden Auftaktpartien bedeutet, dass Thibodeau seinen Spielaufbau auch in dieser Serie auf seinen elektrisierenden, aber auch viel zu kurz geratenen und wenig abgeklärten Kombo-Guard Robinson legen muss. Dessen Fähigkeiten, die unerbittlichen Perimeter-Fallen der Heat zu umgehen, den Ball in den Post zu bringen und gleichzeitig smart den eigenen Abschluss zu suchen, ohne zu überdrehen, könnten den Unterschied machen zwischen 1-2 Bulls-Siegen oder einem kurz- und schmerzlosen Sweep.

Warum Miami gewinnt

Weil die Heat das bessere, gesündere und ausgeruhtere Team sind. Im Ernst: diese Serie wäre schon mit den Bulls in gesundem Zustand (minus Derrick Rose) ein klares Mismatch zugunsten der Heat. So aber droht dieses Duell zu einer erschreckend einseitigen Angelegenheit zu verkommen. LeBron James traf während der regulären Saison 64% seiner Würfe aus dem Feld und erzielte 28 Punkte pro Partie - also fast ein Drittel der Heat-Punkte. Gegen den jungen Jimmy Butler, der gegen Brooklyn fast 48 Minuten im Schnitt auf dem Parkett stand, wird James seinen Talent- und Erfahrungsvorsprung ausnutzen können und entweder selbst punkten oder mit einem seinem patentierten Cross-Court-Pässe die angesprochenen Schützen auf der Weakside finden. Die Heat haben - im Gegensatz zu den Nets - zu viele Waffen und optimales Spacing, die der starken Bulls-D den Zahn ziehen wird. Nach den ruppigen Duellen der regulären Saison und der gerissenen Serie in Chicago (denkt nicht für eine Sekunde, dass sich NBA-Spieler so etwas nicht merken) hat dieses Team mit den Bulls noch ein paar Stiere zu rupfen. Miami hat in den vergangenen drei Monaten 41 von 43 Partien für sich entschieden.

LeBron traf gegen Chicago in der regulären Saison 64% seiner Wurfversuche (Photo: Mark Runyon)

Warum Chicago gewinnt

Die Bulls sind nicht tot zu kriegen. Wie eine gruselige Zombie-Armee kommt das Team von Tom Thibodeau Angriff für Angriff zurück und kämpft bis zum Umfallen. Dem einen hängt ein halber Fuß vom Bein, der andere kotzt sich während der Auszeiten die Seele aus dem Leib, andere verbringen Nächte in Krankenhäusern und das Team-Maskottchen ist ebenfalls Day-to-Day. Die Bulls sind ein tapferer Haufen, der sich auch bei klarem Nachteil nicht geschlagen geben wird. Carlos Boozer legte gegen Miami bisher 19 Punkte und 15 Rebounds im Schnitt auf. Der größte und kräftigste Akteur kann den Heat im Low Post, wo sie am anfälligsten sind, durchaus zusetzen. Joakim Noah wird trotz Fußverletzung alles aus sich heraus holen, die Defensive verankern und vorne den Angriff aus dem High Post lenken. Und dann ist da ja noch Derrick Rose, das Enigma. Der immer noch in Straßenklamotten von der Bank aus mitjubelnde ex-MVP fühlt sich mental nach wie vor noch nicht bereit, wieder ins Spielgeschehen einzugreifen. Dennoch hat er eine Rückkehr bisher nicht ausgeschlossen. Sollte Rose wie durch ein göttliches Wunder ausgerechnet in dieser Serie gegen seinen Hassgegner Miami zurück kehren und ähnlich dominant auftreten wie in den letzten zwei Monaten im Training, ändert sich die komplette Seriendynamik.

Prognose

Schade, dass alle in Chicago auf dem Zahnfleisch gehen. Obwohl man auch in gesundem Bulls-Zustand die Heat favorisieren müsste - das ist spätestens seit der 27-Spiele-Siegesserie gegen jeden Gegner in Stein gemeißelt - wäre es eine weitaus spannendere Serie geworden als in dieser Konstellation. Die Bulls sind platt und müssen außer den üblichen Wehwehchen auch noch zwei Schlüsselspieler ersetzen (Deng und Hinrich), denen normalerweise vor allem defensiv eine große Rolle zuteil kommt. Chicago wird sich aufopfern und die Serie hart und vielleicht auch unfair gestalten. Das ist, im Rahmen der Legalität natürlich, ein probates Mittel, wenn man quantitativ und qualitativ unterlegen ist. Ironischerweise wird genau diese Garstigkeit eines bewundernswerten Teams die Heat nach deren Spaziergang in Runde eins fürs Conference Finale auf Hochtouren bringen - ähnlich wie die Serie gegen Indiana vor einem Jahr - erst recht, wenn sie ein Spiel verlieren sollten.

Miami in 5