22 Mai 2013


Sebastian Dumitru 22. Mai, 2013                                       

Groß vs. Klein, Defense vs. Offense, Maisfelder vs. Partykultur: Pacers vs. Heat ist mehr als ein Playoff-Duell. 


Die einen hatten wir schon vor mehr als einem halben Jahr hier antizipiert - Meisterschaft, Free Agency Additionen, LeBron, der Pakt mit dem Teufel - und spätestens nach der 27-Spiele-Siegesserie im Prinzip schon festgerastert in unseren Cortex cerebri. Die anderen duellierten sich monatelang mit den New York Knicks um die Vormachtstellung hinter Miami und einen späteren Tanz mit eben jenem besagten Teufel. Und es kam, wie es kommen musste: Heat vs. Pacers, das Rematch von 2012. "There will be Blood!"


Der Weg ins Conf. Finale

4-0 gegen die Bucks, 4-1 gegen die Bulls... LeBron James und co. wurden bisher nicht wirklich getestet. Einer gefeierten Hauptrunde folgte der Aufbruch zur Fo' Fo' Fo' Fo' Mission - und wenngleich die Bulls ein klein wenig Rot auf die cleane Whiteout-Weste sauten, so muss dennoch ein Team erst beweisen, dass es genug Waffen im Arsenal und taktische Optionen auf dem Schlachtfeld aufbieten kann, um es mit dem Schwergewicht aus South Beach ernsthaft aufnehmen zu können. Seit dem Titelverlust 2011 gegen Dallas konnten nur zwei von sechs Mannschaften ein Duell gegen die Heat ausgeglichen gestalten: die Celtics (3-4). Und eben diese Indiana Pacers (2-4) in den vergangenen Playoffs. Indy brauste auch ohne seinen verletzten Topscorer Danny Granger (der in dieser Serie fehlen wird - dazu später mehr) zu 49 Siegen und dem ersten Central Division Titel seit Heiland Reggie Miller. Besser noch: das Wachstum des mit Abstand jüngsten Eastern Conference Playoff-Teams (26 Jahre) verlief derart rasant, dass sich das Team von Frank Vogel nach dem All-Star-Break als klar beste Ost-Mannschaft neben den Heat entpuppte - erst recht nach zwei letztendlich souveränen Seriensiegen gegen Atlanta und das favorisierte New York (jeweils 4-2).

Die Matchups

Drei Partien absolvierten beide Teams in der abgelaufenen Saison gegeneinander - zwei in Indianapolis, eine in Miami - und jedes Mal ging das Heimteam als Sieger hervor. Man soll nie zuviel interpretieren, wenn es um die Evaluation von regular season Duellen im Hinblick auf Playoff-Schlachten Monate später geht. Sie können aber bekanntlich helfen, ein paar Trends zu erspähen. Paul George (29 PTS, 11 REB) dominierte Spiel eins im Januar (87-77 Pacers), das gleichzeitig Miamis übelste Offensivausbeute der Saison war. David West (30 PTS, 7 REB, 5 AST) war knapp einen Monat später der Matchwinner beim 102-89 seines Klubs. Und Mario Chalmers (26 PTS), Chris Bosh (24) und Dwyane Wade (23) ließen am 10. März die Netze glühen, als sich Birdman-gepimpte Heat für die beiden Packungen im Fieldhouse revanchierten. Die Lehren, die wir ziehen können? George/West und Bosh/Wade werden mit Sicherheit wichtige Faktoren werden. Miamis Offensive wird gegen die beste Defensive der Liga weniger ausgiebig punkten, als gewohnt. Und: Heimvorteil hat was zu melden für zwei Mannschaften, die ihren Spielplatz in der Regel mit aller Macht zu verteidigen wissen. Die Heat bieten den besten Angriff der Basketball Association auf (Off. Rtg 110.3) und konnten den bisher auch in den Playoffs ähnlich verheerend aufziehen (109.1 Off. Rtg). Egal, ob im Pick & Roll (2.), nach Cuts (1.), Isolationen (1.), Spot-Up Würfen (1.) oder in Transition (2.): Miamis Offensive mutiert dank Turbo-betriebenem, smarten Teambasketball, dem besten Trio und dem vielseitigsten Spezialisten-Untersatz der Liga zum Alptraum für jeden Gegner. Fast jeden: Indiana hat nicht nur die beste Defensive weit und breit, sondern eine der besten aller Zeiten (96.6 Def. Rtg) und ist vor allem gegen Cuts (6.), Isolationen (4.), Fastbreaks (2.) und Spot-Ups (1.) nahezu perfekt aufgestellt. Mit Roy Hibbert verankert einer der besten Paint-Verteidiger der Liga die Zone, mit Paul George und Lance Stephenson hat man gleich zwei elitäre Wing-Defender zur Verfügung, die James und Wade gleichzeitig checken können.

Division-Titel, Conference-Finale... Indys Selbstvertrauen ist hibberthoch (Photo: Pacers.com)

Pacers-Coach Vogel wird also genauestens hinsehen, wie und wann Erik Spoelstra seine Stars ein- und auswechselt und George/Stephenson die beiden Finals-MVPs auf Schritt und Tritt beschatten lassen. Miami wird natürlich versuchen, den Defensiv-Verbund mit Dreiern zu lockern - die Heat zählen zu den sichersten Teams aus der Distanz - aber Indy weiß, wie man die 7,24 Meter Linie dich macht und Shooter von dort draußen weg jagt. Ein weiteres, probates Mittel, das bereits letztes Jahr gut funktioniert hat: "Hibbert die Mauer" in Foul-Trouble bringen oder ihn zumindest aus der Zone heraus locken, um die Schneisen durch die Zone frei zu sprengen, die Miami zum Operieren braucht. Wie das geht? Mit Chris Bosh, dem nominellen Fünfer, der weit draußen geparkt werden oder aus der Mitteldistanz seine gefährlichen Jumper und/oder Pump-Fakes mit anschliessendem Drive zur Schau stellen wird.

Indiana wird vorne seine gewohnte Post-Offensive laufen, die von George Hill und Paul George initiiert werden muss. Der Angriff ist um Längen besser geworden als noch vor einem Jahr, als die Heat-Verteidiger ab Spiel vier die Pacers-Bigs einfach fronteten und Indianas Playmaker am Perimeter in absolute Panik gerieten. Wer erinnert sich? Indys Unvermögen, auch nur einen semi-brauchbaren Entry-Pass zu spielen, entschied damals die Serie mit. Wenn die Pacers ihre körperlichen Vorteile in der Zone und an den Brettern ausspielen können, um Offensivrebounds zu greifen (Indiana war das viertbeste Offensivrebounding-Team der Liga) und sich so zusätzliche Wurfchancen erarbeiten oder an die Linie gehen, dann wird die Serie viel spannender, als allgemein angenommen.

X-Faktoren

Eine Sache sorgt bei Miami-Fans zumindest für ein klein wenig Besorgnis: Dwyane Wades Knie. Nach 21.2 PPG bei 52.1% FG während der regulären Saison kommt der angeschlagene Heat-Guard in den Playoffs bisher über 13 PPG bei 45.3% FG nicht hinaus. Er ist erkennbar gehandicapt, ihm fehlt die gewohnte Explosivität und Sprungkraft. Wie stark Wade also von Spiel zu Spiel eingeschränkt sein wird, wie sehr er sein Gegenüber Stephenson dominieren kann, wie sehr er die 1B-Rolle ausfüllen kann, wenn James mal eine Pause braucht oder bei George über Strecken abgemeldet ist, wird entscheidend sein für die Art und Weise, wie sich diese Serie entwickeln wird. Indianas Upset-Chancen  steigen exponentiell zu Wades Knieproblemen.

Und ausgerechnet Lance Stephenson könnte dadurch zum großen Gewinner für seine Pacers werden. Letzte Saison, in der Stephenson nur durch seine deplatzierte "Choke-Geste" in Richtung James für Schlagzeilen sorgte und die komplette Heat-Mannschaft dadurch aufstachelte, ist vergessen. Heuer ist das erst 22-jährige Ex-Wunderkind ein integraler Bestandteil dieser Pacers-Mannschaft, ein Leistungsträger, wenn man so will, und auf Wiedergutmachung aus. Sein immenses Talent blitzt immer häufiger auf, wie in Spiel sechs gegen die Knicks, als er 25 Punkte (9-13 FG) mit 10 Rebounds auflegte und Indiana so nach Hause brachte. Man sollte nicht überrascht sein, wenn einer der talentiertesten Youngster der NBA die Herausforderung annimmt und sich noch weiter ins kollektive Bewusstsein spielt. Wenn Stephenson Wade neutralisieren oder sogar eine, vielleicht zwei Partien prägen kann, ist Miami in Schwierigkeiten.

Warum Miami gewinnt

Die Heat haben 45 ihrer letzten 48 Partien gewonnen. Macht also weniger als eine Niederlage pro Monat, für diejenigen, die gerade keinen Abakus zur Hand haben sollten. Mit James, Wade (gesund) und Bosh hat man die drei individuell stärksten Spieler auf seiner Seite. Der Kader ist gespickt mit Playoff-erfahrenen Veteranen, die schon mehrfach in diesen Situationen waren und genau wissen, in welchem Winkel sie als Wasserträger für LeBron & co. einzuschenken haben. Im Backcourt sind die Vorteile eklatant, und die personelle Überlegenheit wird noch absurder, wenn man auf die Ersatzbank schaut: während Vogel keinen einzigen seiner Starter ruhigen Gewissens abziehen kann, schickt Spoelstra einfach mir nichts, dir nichts Typen wie Shane Battier, Norris Cole, Ray Allen oder Chris Andersen auf die Platte. Die mit Abstand stärkste Crunchtime-Lineup der Heat in dieser Saison (James-Allen-Wade-Battier-Bosh... yep, kein Point Guard!) kam in diesen Playoffs bisher noch überhaupt nicht zum Einsatz. Warum auch? Spoelstra hat sie bisher einfach nicht benötigt. Ein letzter, wichtiger Faktor, den man bei aller Offensivausrichtung gerne mal unter den Teppich kehrt: Miami kann dominant verteidigen, und tut das mit zunehmender Playoff-Dauer immer häufiger.

Unorthodox: Miamis kleine Lineup mit Battier/Allen und den Big 3 reboundet gut (Photo: Marta Sand)

Warum Indiana gewinnt

Die Pacers sind das größere, ruppigere und allgemein bösere Team. Und sie hassen die Heat genug, um eine Serie in genau den garstigen Infight zu verwandeln, der nötig sein wird, um eine Mannschaft wie Miami zu schlagen. Die Vorteile liegen klar im Frontcourt, unter den Brettern, bei den Abprallern und den Second-Chance Punkten, wo Miami traditionell schwach agiert (nur Platz 24 im Rebounding) und am anfälligsten ist. Vergangene Saison ist längst passée. Die Guards haben verstanden, dass man gegen dieses Team den Spalding beschützen, schlaue/gut platzierte Entry Pässe spielen und die Murmel schnell auf die Weakside passen muss, um den immensen Dauerdruck auf den Ball zu lockern. West boxt um einen neuen Vertrag und wird diese Serie gegen Battier in seinen ganz persönlichen Sparringskampf verwandeln (Boxen? Siehe FIVE #99, ab Freitag im Handel erhältlich). George (23) und Stephenson (22) sind nicht nur zwei der athletischsten und fähigsten Wing-Verteidiger der NBA, sondern lernen auch im Angriff täglich hinzu und wittern die Chance, sich auf der hellsten aller Conference-Bühnen als Langzeit-Stars zu etablieren. Die rostigen Heat sind vielleicht in Spiel eins zu knacken - das haben bereits die Bulls in der AAA demonstriert.

Prognose

So ausgeglichen die Serie auf dem Elektro-Papier daher kommt, so gespannt darf man auch auf die jeweiligen Entwicklungen sein. Hält Wades Knie oder bietet ihm Stephenson Paroli? Bleibt George vorne genügend Luft, um James ein wenig zu piesacken, oder bricht er ein unter der Minuten-/Verantwortungslast? Was ist mit den Pacers - Schaffen sie es, ihre Turnover im Griff zu halten, so wie bei den beiden Siegen im Januar/Februar, und so ihre Bigs in günstige Wurfposition zu bringen? Schaffen sie es überhaupt, genügend Punkte zusammen zu kratzen? Letzteres Fragezeichen ist in meinen Augen das große, entscheidende Kriterium zugunsten des Champs. Die Heat punkten galaktisch gut und verteidigen stark. Die Pacers verteidigen galaktisch gut und... punkten nur mittelmäßig. Da Indys Ersatzbank nicht einmal etwas semi-Brauchbares aufbieten kann, um während sicherlich auftauchender Foulprobleme oder Scoring-Dürren für etwas Entlastung zu sorgen, werden die Heat eine harte, eng umkämpfte Serie, in der sie Heimvorteil genießen, letztendlich für sich entscheiden.

Miami in 6