26 Mai 2013

Sebastian Dumitru 22. Mai, 2013                                    




Der Juni klopft an die Tür, und mit ihm der NBA-Draft in weniger als einem Monat. Perfekter Zeitpunkt also, um in den nächsten Tagen und Wochen die besten und/oder interessantesten Rookies des 2013er Jahrgangs vorzustellen. NBACHEF hat alle wichtigen für euch gecheckt und lässt sie hier sukzessive aus der Reihe tanzen. Den Anfang macht ein lupenreiner Shooter, der aus der Halle springen kann.

Ben McLemore hat nur ein Jahr am College verbracht und ein schwaches NCAA-Turnier gespielt. Dennoch gilt der 20-Jährige als eine der sichersten Bänke in einem sehr ausgeglichenen Draft-Jahrgang, in dem heuer ein klarer Nummer eins Pick fehlt. Nicht wenige trauen McLemore aus ebendiesem Grund sogar zu, als Erster im Jahr 2013 die Hand von Commissioner David Stern schütteln zu dürfen. "With the first pick, the Cleveland Cavaliers select... Ben McLemore??!" Wieso nicht.

McLemore ist der beste Shooter in diesem Draft - ein tödlicher Schütze mit einem nahezu perfekten Wurfmechanismus und einem butterweichen Release. Er traf 50% seiner Würfe aus dem Feld, 42% von jenseits der Dreierlinie und 87% seiner Freebies - der aufmerksame Nerd erkennt sicherlich, wie knapp "Air McLemore" an 50-40-90 vorbei schrammte. Was es mit dem "Air" auf sich hat, ist ebenfalls schnell erklärt: der 1,94 Meter Guard verfügt über eine wahnwitzige Sprungkraft und genug Hangtime, um in luftigen Höhen eine Tasse Tee zu trinken. Diese beiden Qualitäten (Shooter/Athlet) nutzten die Jayhawks von Bill Self dann auch auf höchst pragmatische Weise. Der Neue erzielte die meisten seiner Punkte als reiner Spot-Up-Schütze sowie nach Cuts und in Transition. Dabei verbesserte er sich mit zunehmender Saisondauer und avancierte immer mehr zum wichtigsten Akteur und Topscorer in Kansas - trotz Freshman-Status. McLemore ist ein intelligenter Spieler, der das Geschehen gut lesen kann und nötige Anpassungen vornimmt. Seine überragenden athletischen Fähigkeiten lassen viele Dinge natürlich und instinktiv passieren - eine wichtige Eigenschaft auf dem nächsten Level.



Entgegen vieler seiner Altersgenossen machte McLemore erst spät auf sich aufmerksam und ging nicht den vorgestanzten Preps-to-Pros Pfad. Auf der High School galt er lange als viel zu kleiner Power Forward, ehe ihn ein last-Minute-Wechsel auf die berüchtigte Oak Hill Academy - eine Talentschmiede in Virginia, die unter anderem Spieler wie Kevin Durant, Carmelo Anthony, Josh Smith, Rajon Rondo, Ty Lawson, Brandon Jennings, Jerry Stackhouse, Ron Mercer oder Rod Strickland hervor gebracht hat - ins nationale Rampenlicht katapultierte. Bei den Jayhawks musste er wegen zu schlechter Noten sein erstes Jahr aussetzen und geriet sogar mit dem Gesetz in Konflikt. McLemore stammt aus ärmsten Verhältnissen und wirkt freundlich bis unbekümmert-naiv, was ja nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Scouts bemängeln aber das Fehlen eines Killer-Instinkts und jener Alphatier-Mentalität, die man bei Nummer eins Picks eigentlich voraussetzt.

Was McLemore Skills-mäßig fehlt, ist die nötige Sicherheit im Ballhandling und damit einhergehend die Fähigkeit, den Ball auf's Parkett zu setzen und sich den eigenen Wurf zu erarbeiten. Das wird bei heutigen Off-Guards einfach voraus gesetzt, und hier wird der Rookie auch die meisten Überstunden schieben müssen. Ebenfalls auf der to-do-Liste: den Fokus hoch halten und in der Defense die naturgegebenen Talente maximieren. Zu oft ließ es McLemore hinten schleifen, weil er eben schneller und explosiver war als seine Gegner. Diese Denke funktioniert in der NBA bekanntlich nicht mehr.

Der Vergleich zu Ray Allen ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Was viele vergessen, die Allen nur als Scharfschütze und All-Time-Gunner kennen: der heutige Heat-Guard war nicht nur von Beginn seiner NBA-Karriere an ein Shooter par excellence, sondern gleichzeitig auch überragender Athlet und besessene Hallenratte in einem. McLemore tut also gut daran, den Pfad seines Vorbildes weiterhin in seiner Gänze als erstrebenswert zu erachten, um eine ähnlich erfolgreiche Laufbahn hinzulegen.

Bis dahin wird es für den Youngster vor allem darum gehen, seine Defizite abzustellen und sein Offensivspiel zu diversifizieren - ein Grund mehr, warum ich ihn gerne noch mindestens ein Jahr auf dem College gesehen hätte. Das hätte seinen Aktienkurs aber vermutlich nicht verbessert, weshalb man den Schritt, Pro zu gehen, aus seiner Sicht voll und ganz nachvollziehen kann. Elite-Athleten mit einem samtweichen Shooting-Touch sind sogar in der NBA selten, und in einem guten Backcourt mit einem starken Point Guard könnte McLemore sofort einschlagen und seine Schwächen nach und nach ausmerzen, ohne zuviel Druck zu verspüren. Für Cleveland also durchaus eine Überlegung wert, ob sie Alphatier Kyrie Irving nicht mit dem besten Schützen und Shooting Guard dieses Jahrgangs umsäumen wollen (und Waiters von der Bank bringen), der sich in der Cavs-Offensive durch off-the-ball Cuts zwängt, die Verteidigung beschäftigt und die Kickouts am Perimeter eiskalt ausnutzt.


Prognose: Top-3 Pick!