28 Mai 2013


Niklas Dahl 28. Mai, 2013                                                     



Definition "Verlieren" nach Duden: „einen Kampf, einen Wettstreit o.Ä. nicht gewinnen; bei etwas besiegt werden“

Jeder, der schon einmal einen Sport betrieben oder an einem Wettkampf teilgenommen hat, kennt es; das Gefühl einer Niederlage. Das Wissen, von anderen in seiner (geliebten) Disziplin geschlagen worden zu sein. Es ist ein niederschmetterndes Gefühl, hat man doch wahnsinnig viel Kraft in Wettbewerb und Training investiert, nur um am Ende als Verlierer vom Platz gehen zu müssen. Und doch dominiert in der National Basketball Association, gerade in den oberen Positionen, aber auch innerhalb der Fangemeinde, die Meinung, dass Verlieren doch eigentlich gar nicht so schlimm ist. Zumindest dann, wenn man nicht gerade in Spiel 4 der Finals steht und in der Serie mit 0-3 hinten liegt. Sondern dann, wenn es um zukünftige Superstars und Franchise Spieler geht.

Sehen wir es realistisch: Jede weitere Niederlage erhöht am Ende der Saison die Wahrscheinlichkeit, via Draft Lottery einen hohen Pick zu erhalten, der im besten Fall in einen zukünftigen Franchise Spieler mündet(*Schwenk in Richtung Büroräume der Charlotte Horncats*). Jenen Franchise Spieler, den es braucht, um am Ende irgendwann einmal in Richtung NBA Finals zu marschieren. Ob Kobe und die Lakers, Duncan und die Spurs oder Nowitzki und die Mavericks. Immer gab es da diesen einen besonderen Spieler.

Doch nicht nur die Champions vergangener Tage sind Gründe, warum das Rebuilding-Modell derzeit auf so große Beliebtheit stößt. Es ist eine neue Generation an General Managern, die in vielen Franchises das Ruder übernommen hat. Leute wie Sam Presti (Oklahoma City), Daryl Morey (Houston) oder ehemalige Lehrlinge wie Rob Hennigan (Orlando), Sam Hinkie (Philadelphia) oder Ryan McDonough (Phoenix). Jene Generation, die wie keine zuvor Vorteile aus jeder statistischen Erhebung zieht, nur um am Ende die für sie richtige Entscheidung zu treffen. Zu verlieren, um anschließend den einen wichtigen Spieler zu picken, ist für diese Generation ein beliebtes Mittel zum Zweck.

Doch genau dies ist eine Entwicklung, die von jedem Fan zutiefst hinterfragt werden sollte. In einem kompetitiven Sport, der Basketball nun einmal ist, werden Niederlagen von GMs nicht nur toleriert, nein, sie sind vielmehr erwünscht und werden gefördert. Dank dem Modell Oklahoma City hat jeder General Manager das strahlende Vorbild und spätestens ab Februar vermehrt den Blick auf das W-L Konto. Mit dem Ziel, es in die eine entscheidende Richtung zu lenken. Rückendeckung erhält er dabei nicht nur von seinen Vorgesetzten, den Teambesitzern, sondern auch von uns, den Fans, die auf Facebook, Twitter oder in Foren ihre Begeisterung zeigen und volle Unterstützung für diesen Kurs zusichern.

Ein Lotterie-Pick nach dem anderen... aber seit '04 nicht mehr in den Playoffs (Photo: Joe Bilawa)

Aber fragen wir uns ruhig noch einmal: Ist es richtig, dass wir zu dieser Taktik halten? Oder anders: Garantiert uns diese Taktik, dass wir irgendwann einmal jenseits der ersten Playoff Runde landen? Das sollte es doch eigentlich sein, das sollte unser Ziel sein. Unter die besten vier Mannschaften in unserer Conference zu kommen (dies ist ein Punkt, der gerne vergessen wird; so schön Picks auf den gemeinen Fan auch wirken mögen, irgendwann muss der Abzug gedrückt werden. Siehe Daryl Morey in Houston). 

Die erste Frage, ob wir zu dieser Taktik halten sollten, müssen wir uns selbst beantworten. Ich ertappe mich auch gerne dabei, dass ich, im Hinblick auf Andrew Wiggins, z.B. den Trade von LaMarcus Aldridge fordere, nur um die Chancen der Blazers in jenem Draft zu erhöhen. Die zweite Frage, ob uns das Tanking  automatisch späteren Erfolg garantiert, können wir jedoch sofort beantworten: Nein, Tanking garantiert uns nicht einmal ansatzweise, dass wir durch diese Taktik Erfolg haben. Außer der Nummer 1 Pick hört auf den Namen LeBron James. Glaubt ihr nicht? Nun, lasst mich euch vom Gegenteil überzeugen…


Schauen wir uns erst einmal das geistige Vorbild „Oklahoma City“ an. Hat es den Erfolg der Thunder begünstigt, dass man drei Mal in den Top-5 picken durfte? Selbstverständlich. Aber war das der einzige Grund? Stehen die Thunder heute da, wo sie eben stehen (an zweiter Stelle der Association), nur weil sie drei hohe Picks hatten? Nein, natürlich nicht. Sondern weil Sam Presti ein Visionär ist. Jemand, der seinen Gegenübern gerne zwei Schritte voraus ist. Jemand, der Ray Allen als eine seiner ersten Amtshandlungen im Paket mit Glen Davis für z.B. Jeff Green tradet. Der jenen Jeff Green später für Celtics Center Kendrick Perkins eintauscht (hört bitte auf, jetzt den großen Klugscheißer zu spielen; der Move ist auch in der Retrospektive richtig; OKC brauchte einen Fünfer für die Defense. Oder anders: Wo zum Henker sollte Jeff Green heute spielen, ohne einem anderen Spieler den Platz wegzunehmen? Und kommt nicht mit „Ja, aber wenn Scott Brooks klein spielen würde…“ an). Der einen Serge Ibaka an Nummer 24 pickte und ihn langsam, wie ein Obstbauer seine Früchte im Sommer, im Schatten von eben jenem Jeff Green reifen ließ. Der ein oder andere wird nun sicherlich die Hand heben und sagen: „Äh, aber alle wichtigen Spieler wurden nun einmal hoch gepickt…“ Ja, ist mir bekannt. Auch die Tatsache, einen Kevin Durant im Team zu haben, trägt sicherlich zum Erfolg bei. Nur: Wieso reichen einer Franchise wie der Thunder drei Jahre, um wieder in die Playoffs zu gelangen, während andere Franchises wie die Timberwolves, Pistons, Kings oder Bobcats mittlerweile Vielfliegermeilen für die verschiedenen Draft Locations in New York sammeln? Sam Presti hält nicht mit aller Gewalt an seinen Picks fest, bleibt flexibel, sucht immer weiter nach Möglichkeiten, seinen Kader zu verbessern.

Und schaut man sich einmal die diesjährigen Conference-Finals Teilnehmer an, dann braucht es nicht einmal wirklich hohe Picks (die drei Superfreunde lassen wir mal außen vor). Da haben wir die Spurs. Ja, Tim Duncan war Anno 1997 der Nummer Eins Pick. Aber: Tony Parker wurde von den Spurs an Nummer 28 gepickt. Danny Green? 2010 von den Spurs aufgenommen, nachdem die Cavaliers ihren ehemaligen 46. Pick gewaived hatten. Manu Ginobili? 57. Pick 1999. Kawhi Leonard? 15. Pick 2011. Tiago Splitter? 28. Pick 2007. Können die Spurs tatsächlich solches Glück besitzen, dass jeder Pick ein Treffer wird? Oder könnte es nicht viel eher daran liegen, dass die Spurs über mittlerweile Jahrzehnte ein System aufgebaut haben, das es ihnen erlaubt, auch weiter hinten Spieler zu draften, die sie aufbauen, fördern und in ihr System einbauen können, ohne dass jene Spieler das größte Talent in ihrem jeweiligen Draftjahrgang besitzen?

Gleiches lässt sich über die Pacers sagen. Mit Roy Hibbert spielt ein ehemaliger 17. Pick heute so überragend auf, dass man sich verwundert die Augen reiben muss, wenn man sich dessen Stats in seinem Rookie Jahr anschaut (7.1 PPG, 3.5 RPG, 0.7 APG in 14.4 MPG). George Hill? 26. Pick 2008 (gepickt von, richtig, den San Antonio Spurs). Danny Granger? 17. Pick 2005. Paul George? 10. Pick 2010. Lance Stephenson? 40. Pick 2010. Auch der Erfolg der Pacers lässt sich nicht dadurch erklären, dass man mehrere Jahre in den Top-5 gepickt hat. Auch hier war es das Umfeld, welches sich individuell um ihre Spieler gekümmert und sie gefördert hat.

Auch die Memphis Grizzlies haben sich nicht dadurch ausgezeichnet, ihre besten Spieler vorn im Draft zu akquirieren. Zugegeben, ihre Draft History kann nicht mit der der Pacers oder Spurs mithalten, aber in den vergangenen 10 Jahren hielt man nur drei Mal einen Top-5 Pick (Mike Conley, Kevin Love (oder habt ihr geglaubt, der wäre von David Kahn gezogen worden?), Hasheem Thabeet). Anders als o.g. Franchises basiert der Erfolg weniger auf Draft-Ergebnissen, sondern auf Trades, die zwar immer ein gewisses Risiko mit sich bringen, sich aber letztendlich (fast) immer auszahlen. Mehrere Jahre des Tanking hat es nicht gebraucht.

Auch hohe Picks nützen herzlich wenig, wenn das große Ganze nicht stimmt  (Photo: Kevin Tsui)

Wir könnten die Liste jetzt wahrscheinlich ewig fortsetzen und sie um Teams wie unter anderem auch die Boston Celtics ergänzen. Unterm Strich bleibt jedoch eines festzuhalten: Um in der NBA erfolgreich zu sein, bedarf es mehr, als jedes Jahr als einer der ersten zu picken. Dies lässt sich auch mit Zahlen belegen, wie Devin Dignam bemerkte: Lediglich 22% der Teams haben innerhalb von vier Jahren, nachdem sie in den Top-3 pickten, die zweite Runde der Playoffs erreicht. 17% erreichten die Conference Finals. Und nur 2% der Teams gelang es, vier Jahre nach ihrem Pick den NBA Titel in die Höhe zu recken. Noch einmal: Nur knapp 1/4 der Teams gelang es, ihren Erfolg auch mittels hoher Draftpicks zu realisieren. Der überwiegende Teil pickt heute noch in den Top-10, ohne Aussicht auf Besserung.

Die derzeitige Art der Lottery sorgt also nicht zwingend dafür, dass schlechte Teams sich verbessern, um irgendwann um Titel mitspielen zu können. Sie belohnt vielmehr Missmanagement. Welchen Grund sollte also ein Teambesitzer haben, Personalentscheidungen zu treffen, die in die Entlassung des GMs münden, wenn auch eine schlechte Saison, oder fünf davon, in einen hohen Draftpick mündet? Der Anreiz, sich wirklich zu verbessern, ist schlichtweg nicht gegeben. In einer Zeit, wo wir Missmanagement der Banken verteufeln, bejubeln wir sie, die schlechten Entscheidungen, in unserem geliebten Sport. Warum? Weil so die Chance besteht, dass wir irgendwann einmal unseren eigenen LeBron James für ein paar Jahre an uns binden und bejubeln können.

Ebenso ist das derzeitige System eine Bestrafung für alle Teams, die versuchen, sich durch Deals, Picks etc. in die Playoffs zu befördern. Sie spielen oftmals um Platz 6-10 in der jeweiligen Conference, sind um jeden Sieg bemüht. Und erhalten oftmals nur einen Pick in der Mitte des Drafts.

Doch wie kann die Liga es schaffen, diesem Trend des gewünschten Verlierens entgegenzuwirken? Die Antwort ist so einfach wie naheliegend: Indem man die gewichtete Lottery gegen eine „normale“ Lottery ersetzt. Keine unterschiedlichen prozentualen Chancen auf den Nummer 1 Pick, jedes non-Playoff-Team mit einer 1/14 Chance. Befürwortete Niederlagen? Geschichte. Warum auch sollte ein General Manager freiwillig verlieren wollen, wenn ihm das nur eine 1 zu 14 Chance auf beispielsweise Andrew Wiggins garantiert.

Gegner dieses ungewichteten Lottery-Systems führen oftmals an, dass dadurch das Problem des befürworteten Verlierens nicht gelöst, sondern vielmehr verlagert wird. Teams, die am Rande der Playoff-Plätze stehen, könnten durch freiwilliges Verlieren aus dem Playoff-Picture rutschen und so einen begehrten Lottery-Pick erhalten, der unter Umständen der fehlende Baustein zum Finale ist. Hier sollte man aber folgende Punkte bedenken:

(i) Playoffs bedeuten Geld. Natürlich, gerade das neue CBA lässt gut-verdienende Teams mehr Geld in den gemeinsamen Topf einzahlen. Aber eben nicht alles. Und da NBA-Franchises eben auch immer noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten (müssen), ist der finanzielle Anreiz, die Playoffs zu erreichen, ein immens wichtiger Punkt für Teambesitzer.

(ii) Playoffs bedeuten Prestige. Es heißt zwar immer, durch den Draft baut man sein Team auf, mittels Free Agency ergänzt man es. Doch gehen die Top Free Agents nach wie vor zu den Teams, bei denen sie nicht nur viel Geld verdienen können, sondern gleichzeitig Titelchancen haben. Ständig die Playoffs (bewusst) zu verpassen, dient da nicht gerade der Attraktivität. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Chris Paul oder Dwight Howard diesen Sommer in Charlotte landen? Auch wenn diese Vorstellung so absurd ist, dass ich sie schon wieder befürworte.

Es muss nicht der 1. Pick sein: smartes Management sollte belohnt werden  (Photo: G. Killbucky)

Um es abzukürzen: Das derzeitige Lottery-System ist falsch. Es belohnt nicht nur Missmanagement, es fördert es auch und schadet gleichzeitig den Teams, die versuchen, mittels Trades und Draft in die Playoffs zu ziehen. Die vorgeschlagene Lösung ist eine von vielen, die diesem Trend entgegenwirken können. Und dabei doch so einfach wie wirksam ist. 

Teambesitzer, General Manager und ganze Franchises müssen verstehen, dass es für den Erfolg nicht ausreicht, jedes Jahr hoch zu picken, getreu dem Motto „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“. Es ist ein Prozess, der Geduld erfordert. Der Voraussicht erfordert. Der wahrscheinlich auch schwieriger ist. Aber es ist auch der einzige Weg, nachhaltig erfolgreich zu sein. Und der Weg, seinen Spielern zu zeigen „Schau, wir haben einen Plan, wir haben immer den Erfolg im Blick“. Denn auch der höchste Pick bleibt bei akuter Erfolgslosigkeit nicht auf ewig „seinem“ Verein treu ergeben. Sondern wird immer das Team suchen, das sich durch smarte Entscheidungsträger auszuzeichnen weiß.

Doch es gibt Hoffnung, dass dieser Makel der NBA irgendwann Geschichte ist. Immer mehr Leute der Kategorie „Knalltüte“ werden durch junge, hungrige aber vor allem intelligente Leute ersetzt. Besitzer scheinen langsam den Wert des organischen Rebuilds zu erkennen, der nicht zu 100% auf hohe Picks vertraut. Die NBA könnte ihrerseits diese positive Entwicklung weiter vorantreiben. In dem sie Schluss macht mit Belohnung für Missmanagement. Vielleicht hat Adam Silver die Kraft, diesen Weg zu beschreiten. Was bleibt ist die Hoffnung auf Besserung. Ich habe sie.