26 Mai 2013


Sebastian Dumitru 26. Mai, 2013                                     


Die Erfolge der jungen Pacers wären ohne ihren Führungsspieler nicht möglich gewesen (Photo: Mark Runyon)  


Dies ist ein Snippet aus "Bücher, Boxen und Basketball", komplett verfügbar in FIVE, Deutschlands führendem Basketball-Printmagazin, das monatlich erscheint. Die aktuelle Ausgabe #99 ist seit Freitag (24. Mai) im Handel erhältlich.


Free Agent im Lockout-Chaos

Eigentlich hätten Teams Schlange stehen müssen, um sich die Dienste des damals 30-Jährigen zu sichern. Er hatte sich als unaufhaltsamer Alleskönner einen Namen gemacht. Gebaut wie ein Gorilla und ebenso leichtfüßig... es gibt schon damals kaum einen begabteren Midrange-Spieler in der Liga. Egal, ob im Face-Up Spiel vom High Post oder tief in der Zone mit dem Rücken zum Korb: West kann den Jumpshot ebenso sicher treffen, wie mittels Dribbling zum Ring zu gelangen oder den freien Mitspieler mit einem perfekten Pass in Szene zu setzen. Er wirkt oft langsam und unathletisch, aber der Schein trügt. West ist schnell zu Fuß, hat flinke Hände und eine fantastische Ausdauer. Boxen hilft ihm dabei seit Jahren, in der Offseason feilt er monatelang an seiner körperlichen Fitness. Die wie aus Stein gemeißelte Physis, sie ist kein Zufallsprodukt. 

Im Chaos des NBA-Lockouts blieben die Interessenten an Wests geschmeidigen Spiel trotzdem aus. Vielleicht hatte auch seine Kreuzbandverletzung etwas damit zu tun, dass ihn Larry Bird für läppische zehn Millionen Dollar pro Saison nach Indiana lotsen konnte. Obwohl die Boston Celtics aufrichtiges Interesse zeigten (West selbst sagte den Celtics aber nie zu und musste die Ente von seinem Wechsel nach Boston von der eigenen Couch aus am TV mitverfolgen), entschied sich der Veteran lieber für Bird und die aufstrebenden Indiana Pacers. Ein perfekter Schachzug, für alle Parteien. 

„D-West zu holen war absolut genial“, sagte etwa Danny Granger damals. „Solche Spieler kannst du einfach nicht draften. Darum willst du für genau diesen Typen traden, für Typen, die den absoluten Willen und die Erfahrung haben, um wichtige Spiele zu gewinnen.“ West stabilisierte ein lange Zeit wackliges und unreifes Pacers-Team. Auch wenn er selbst in seiner ersten Saison nach dem Kreuzbandriss nur langsam zu alter Stärke zurück fand (12,8 PPG, 6,6 RPG), seine Führungsqualitäten, seine stille und gleichzeitig doch so resolute Art, sie setzten immer größere Akzente. Die Mannschaft begann mehr und mehr, Wests Persönlichkeit anzunehmen. Ehrliche, harte Arbeit; teamdienliches, smartes Spiel; keine Ausreden auf dem Parkett; und eine zuweilen langweilige Art, bei der es nur um eines geht: Siege. 

Intelligenzbestie trifft Arschtreter

Die jungen Leistungsträger der Pacers, Paul George, Roy Hibbert, Lance Stephenson oder Tyler Hansbrough, sie profitierten am meisten von Wests Erfahrung und seinem Einfluss in der Umkleidekabine. In der abgelaufenen Saison avancierte der Team-Methusalem nach dem Ausfall von Danny Granger endgültig zur Führungsfigur. Erfolgreiche NBA-Klubs brauchen immer eine weise, abgeklärte Stimme, die den Ton vorgibt, den einen Veteranen, der automatisch Respekt einfordert. Jungstar Paul George, der in diesem Jahr als „Most Improved Player“ den Durchbruch schaffte und zum All-Star gewählt wurde, weiss, bei wem er sich dafür zu bedanken hat: „Er kann hier jedem in den Arsch treten, ohne jemanden dabei zu kränken. David ist ein extrem intelligenter Kerl, der mich und uns jüngere Spieler permanent coacht und uns auch Dinge beibringt, die nichts mit Basketball zu tun haben. Auf dem Platz war er es, der mir zu Saisonbeginn immer sagte: Nimm dir Zeit, mach dein Ding. Das hat mir ungemein geholfen, dass er immer da war.“

Das zeichnet West aus. Er ist ruhig, apodiktisch, eindeutig. Er lässt sich Zeit, auch in seinem Spiel... (Cont.)