04 Mai 2013


Brooklyn vs. Chicago geht als einziges Erstrundenduell in ein entscheidendes Spiel 7  (Photo: Shinya Suzuki)

Sebastian Dumitru, Roman Schmidt 4. Mai, 2013       



Wir wussten alle schon im Vornherein, dass Brooklyn gegen Chicago eine eng umkämpfte Serie werden würde. Genau so kam es auch: die Nets empfangen am heutigen Samstag die Bulls zum einzigen alles entscheidenden Spiel 7 in der ersten Playoff-Runde 2013. Die folgenden sieben Faktoren werden den Ausschlag geben:


• Die Bühne ist bereitet für Deron Williams, Brooklyns Franchise-Player. Der 28-Jährige bewies, dass seine erste Saisonhälfte (nur 16.7 PPG, 41% FG) mehr verletzungsbedingt denn talent- oder altersbedingt schwach war, legte nach dem All-Star-Break fantastische 22.9 Punkte und 8 Assists bei 48% aus dem Feld auf und re-etablierte sich als einer der besten Spielmacher der NBA. So muss er sich auch am Samstag präsentieren, wenn die Nets als neuntes Team der NBA-Geschichte einen 1-3 Rückstand noch drehen wollen. Seit der Verletzung von Kirk Hinrich, der Williams defensiv exzellent im Griff hatte, ist der Weg zum Korb frei geworden. D-Will erzielte in den letzten beiden Partien 20 Punkte und 10.5 Assists im Schnitt und ging insgesamt 18 Mal an die Freiwurflinie (15-18 FT). Wenn er am Perimeter aggressiv seinen Wurf sucht, öffnet das auch im Interieur Räume für Brook Lopez & co., was Brooklyns ohnehin bessere Offensive balanciert genug scoren lässt.

• Brooklyn braucht den Sieg dringender als die Bulls. Chicago ist angeschlagen bis zum Gehtnichtmehr und würde die Saison auch im Falle einer Niederlage nicht als Enttäuschung werten können. Tom Thibodeaus Team geht auch ohne Derrick Rose oder eine brauchbare Ersatzbank weiterhin bis über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. So etwas bildet Charakter, darauf lässt sich im Sommer aufbauen, selbst nach einem Erstrundenaus. Anders die Nets, wo Mikhail Prokhorov einen aggressiven Dreijahresplan verfolgt, der heuer nur durch das Erreichen der zweiten Runde validiert werden könnte. Die Playoffs allein sind zu wenig für ein Veteranen-Team, das von der Meisterschaft träumt. Ein Einzug ins Conference Halbfinale und ein Duell mit den Miami Heat hingegen, das könnte schon als kleiner Erfolg und gute Zukunftsbasis verkauft werden, wenn im Sommer Gespräche mit interessierten Head Coaches und brauchbaren Free Agents auf dem Programm stehen.

PJ Carlesimo hat noch nie in seiner Coaching-Laufbahn eine Playoff-Serie gewonnen. Entsprechend angespannt geht der 63-jährige Interimstrainer an das alles entscheidende Do-or-Die Spiel heran. Nets-Fans hoffen, dass sich Carlesimo nicht wieder selbst im Weg steht und zu lange auf ineffiziente Lineups setzt, wie das in den Spielen zwei und drei der Fall war. Heißt im Klartext: Gerald Wallace und Reggie Evans sollten so wenig wie möglich gemeinsam mit Williams/Johnson/Lopez auf dem Platz stehen, um genug Spacing und Offensive generieren zu können. Und alle Ersatzspieler außer CJ Watson, Kris Humphries und Andray Blatche sollten den Trainingsanzug am besten gleich anlassen. Chicago wird brennen und bis in die Haarspitzen motiviert sein, während sich Tom Thibodeau die Seele und die Stimme aus dem Leib coachen wird. Carlesimo muss dagegen halten, die richtigen taktischen Anpassungen vornehmen und in den Huddles die richtigen Worte finden, um das durchaus vorhandene Potential seiner Truppe zu maximieren.

Luol Deng out, Hinrich wahrscheinlich auch, Nate und Taj kämpfen weiter mit den Restsymptomen der Grippe, letzterer hat "Knie" und Joakim Noah spielt nicht nur metaphorisch einfüßig auf Nägeln. Gott wollte sich nach wie vor nicht zu D-Rose äußern. Was hält dieses Bulls-Team überhaupt noch im Wettbewerb? Kampfgeist. Die Bulls stehen nicht zum ersten Mal in dieser Saison dem „Jetzt war’s das aber endgültig“-Vorwurf gegenüber. Tom Thibodeau hat es geschafft, sein Team Verluste ausblenden und an Siege in ausweglos scheinenden Situationen glauben zu lassen. Das sieht man nach jedem defensiven Stop, wenn Noah mit schmerzverzerrtem Gesicht Richtung gegnerischer Zone rennt, das sieht man in Timeouts, wenn Nate Robinson in seinen Kotzeimer bricht, am ganzen Körper zittert und danach wieder auf Körbejagd geht. Die Verletzungen sind schwer zu kompensieren, aber die übrigen Spieler werden jetzt eher noch einen Gang hoch- als herunterschalten.

• Seit Deron Williams nicht mehr Kirk Hinrich vor sich hat, läuft es nicht mehr rund für die Bulls, darum müssen Adjustments her. Die Nets Offense bricht die Perimeter Defense der Bulls auf, weil Nate Robinson – seine Offensiv-Fähigkeiten in allen Ehren – Probleme hat, Gegenspieler vor sich zu halten. Anschließend müssen die Interior-Guys Williams den Weg zu machen, was oft Lopez Freiräume gewährt, weil Noah der bessere Help-Defender ist. Hieraus resultieren nicht nur Punkte für die Big Men, sondern auch Offensivrebounds. Lopez holt fast 1 Off-Reb mehr pro Spiel (3,5) als in der Regular Season. Chicagos bester Perimeter-Verteidiger ist Jimmy Butler und dieser muss daher D-Wills Kettenhund sein. Nate wird immer Missmatches vor sich haben, deshalb ist es sinnvoller ihn gegen jemanden zu stellen, der offensiv keine so große Rolle spielt und nicht gut für andere kreieren kann – zum Beispiel Gerald Wallace.

Carlos Boozer hat in den letzten beiden Niederlagen im Schnitt 11 mal auf den Korb geworfen. In den Spielen davor waren es durchschnittlich 16. Boozer trifft 56% seiner FG in dieser Serie und der Ball muss zu ihm. Er spielt in dieser Postseason wie der Spieler, den die Bulls verpflichten wollten und dennoch weigern sie sich periodisch, ihm regelmäßig den Ball in die Hände zu schieben. Sein Backup Taj Gibson hat derweil mehr Fouls als Rebounds (23 zu 13). Gerade an Taj liegt es, das Rebound-Duell für sich zu entscheiden. Dieses ist nämlich mit 42,8 zu 43,2 relativ ausgeglichen. Wenn die Bulls gewinnen wollen, müssen sie die Nets an den Brettern schlagen – zusammen mit einer großzügigen Ladung "Kryptonate" in den kritischen Phasen des Spiels.

• Obwohl Noah diesen Sieg mehr als die eigene Gesundheit will und jeder Bull, der für Thibodeau heute aufläuft, die allerletzte Energiereserven aus sich heraus holen wird, spricht fast alles für Brooklyn. Die Nets haben nach dem Überstehen zweier Elimination-Games genug Selbstbewußtsein und dazu das eigene Publikum im Rücken. Genau für solche Momente jagt man über sechs Monate dem Heimvorteil hinterher. Brooklyn hat sechs der letzten sieben und insgesamt 28 von 44 dort gewonnen. Fünf Nets-Akteure haben bereits Spiel-7-Erfahrung. Angesichts des kollektiven Gesundheitsfaktors, Brook Lopez' Vorliebe für's Barclays Center (23.3 PPG und 51% FG zu Hause gegenüber 21.3 PPG und nur 44% im United Center), Gerald Wallaces Renaissance (14.7 PPG in den letzten drei gegenüber 7 PPG in den ersten drei Partien) und der Tatsache, dass Chicago noch niemals in seiner Franchise-Historie ein Spiel 7 auswärts gewinnen konnte, müssen die Nets auf dem Papier favorisiert werden. Wer die Bulls von Tom Thibodeau kennt, weiß auch, dass das überhaupt nichts heißen muss. Die Platte ist angerichtet!