29 April 2013


Youngster Patrick Beverley ist Houstons harter Hund und der X-Faktor im Backcourt. (Photo: Mark Barron)

Daniel Schlechtriem 29. Apr, 2013                               


McHales Rottweiler

Der Name Patrick Beverley ist gegenwärtig in aller Munde. Nicht wegen Heldentaten auf dem Parkett, wenngleich sein Auftritt im zweiten Spiel der Houston Rockets gegen die Oklahoma City Thunder durchaus aufsehenerregend war: Vielmehr erregt der Zusammenprall mit dem All-Star Point Guard der Thunder, Russell Westbrook, bei dem sich jener eine Meniskusverletzung zuzog, aufgrund derer er für den Rest der Saison ausfällt, die Gemüter. Beverley erhielt nach Verkündung der traurigen Nachricht Morddrohungen via Twitter, unter anderem von einem Balljungen der Thunder. Dabei war die Aktion des 24-jährigen – ein Stealversuch trotz angekündigter Auszeit – weder unsportlich noch schmutzig. Andere Point Guards machen dies ebenso, es ist gängige Praxis in der NBA und darf in einem Spiel von dieser Bedeutung keinesfalls unterlassen werden. Warum, zeigen Andre Miller und Chris Paul exemplarisch. Entsprechend gibt es von Seiten der Thunder keinerlei Vorwürfe in Richtung des Aufbauspielers der Rockets, Westbrooks Verletzung ist für diesen insofern richtig ärgerlich, als sie Beverleys starke Leistung am vergangenen Mittwoch überschattet. 

Nachdem die Rockets im ersten Spiel der Serie von den Thunder überrannt worden waren und  Jeremy Lin als direkter Gegenspieler Westbrooks völlig überfordert wirkte, änderte McHale nicht gänzlich überraschend für das zweite Spiel die Anfangsformation: Er stellte auf Small Ball um, versetzte Lin auf die Shooting Guard Position und ließ auf der Eins seinen Rottweiler von der Kette: Patrick Beverley. Der 24-jährige startete zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere und dankte es seinem Coach nicht nur mit giftiger Defense und gewohnt hohem Einsatz, sondern auch mit 16 Punkten, 12 Rebounds (davon für einen Point Guard unerhörte fünf offensive), 6 Assists und 2 Steals. Bemerkenswerte Zahlen für einen Rookie, insbesondere, da er erst Anfang dieses Jahres verpflichtet wurde und einen Kaltstart in der besten Liga der Welt hinlegen musste. Der Weg dorthin war weit.

Über Dnipropetrovsk nach Houston

Beverley spielte zwei Jahre auf dem College für die Arkansas Razorbacks und wurde 2009 an 42. Stelle von den Lakers gedraftet, daraufhin direkt weiter nach Miami verschifft. Für die Heat absolvierte er die Summer League und die komplette Vorbereitung, schaffte es dann aber nicht ins Team. Der aus Chicago stammende Aufbauspieler kehrte deshalb nach Europa zurück, wo er nach dem College bereits ein Jahr bei Dnipro Dnipropetrovsk in der zweiten ukrainischen Liga verbrachte. Als gedrafteter Spieler erhöhte sich Beverleys Marktwert und europäische Spitzenteams wurden auf ihn aufmerksam, er wechselte zu Olympiakos Piräus, 2011 ging es weiter zu Spartak St. Petersburg. Dort wurde er vergangenes Jahr zum Eurocup MVP und ins All-Eurocup First Team gewählt.




Derartige Leistungen wecken Begehrlichkeiten und bleiben auch den Scouts aus Übersee nicht verborgen. Mit dreieinhalb Jahren Verspätung erfüllte sich Beverleys Traum von einem NBA-Vertrag. In Houston brauchte er nur kurze Anlaufzeit, um Coach McHale von sich zu überzeugen, die Jahre in Europa haben ihn geprägt und abgehärtet. Beverleys Spielstil wird in Anspielung auf seine aggressive, kontaktintensive Verteidigung und seine furchtlosen Drives liebevoll als junkyard dog (dt. Wachhund eines Schrottplatzes) bezeichnet – genau das richtige Puzzleteil für die offensiv hochtalentierte, defensiv aber anfällige Guard-Rotation der Rockets. Beverley überzeugte die Verantwortlichen in kürzester Zeit so sehr, dass sie guten Gewissens Lins bisherigen Backup Toney Douglas im Robinson-Trade nach Sacramento verfrachteten. Auch wenn er zwischendurch Schwankungen in der Wurfsicherheit offenbarte, war bereits seine mitreißende Art, keinen Ball verloren zu geben, gewinnbringend.

Die Minuten des Point Guards stiegen von 11,1 im Januar auf 17,9 im Februar und pendelten sich in den letzten beiden Monaten bei knapp 20 ein. Mit seinen Auftritten in den Playoffs hat er die nächste Stufe erreicht und könnte zukünftig noch wichtiger werden, weil Jeremy Lin immer noch nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Der 24-jährige ist Teil eines jungen, hungrigen Teams, das noch sehr viel Luft nach oben hat und gerade erst dabei ist, zusammenzuwachsen. Genau das richtige Umfeld für einen Spieler, der Umwege über eine Stadt nehmen musste, deren Name nur via Copy + Paste guten Gewissens im vorliegenden Text eingefügt werden konnte.

Auch wenn Beverley Spiel drei wegen Foulproblemen größtenteils von der Bank verfolgen musste, die Serie inzwischen entschieden ist und die Rockets kommende Woche in den Sommerurlaub gehen: Der Aufbauspieler hat sich spätestens seit Spiel zwei seinen Platz in der NBA gesichert. Für die kommenden beiden Saisons hat sich Houston eine Teamoption gesichert, auch das dann folgende Qualifying Offer fällt mit knapp über einer Million Dollar überschaubar aus. Beverleys nicht-garantierter Vertrag ist dementsprechend ungefährdet. Beverley wird gewiss nie die Klasse des Spielers erreichen, mit dem er am Mittwoch zusammenstieß und den er unglücklich aus dem Rennen warf – bestätigt er aber die Leistung aus besagtem Spiel zwei, wird er auf Jahre hinweg eine wichtige Komponente sein, egal ob als Starter oder auf der Bank: Er ist einer der Spieler, der die vielen kleinen Dinge macht, die auf keinem Box Score der Welt auftauchen. Ein mustergültiger X-Faktor.