15 April 2013


Der Butler hat sich unter Thibs zu einem der besten Wing-Verteidiger der Liga gemausert. (Photo: Shinya Suzuki)

Sebastian Dumitru  15. Apr, 2013                            

Die NBA-Playoffs stehen kurz vor der Tür. Bekanntlich ist die Postseason das Terrain der Superstars. Sie kriegen die Pfiffe, die Bälle und die Chancen, ihre Teams durch den April und Mai bis ins Conference Finale und Richtung Titel zu tragen. Allerdings wäre keine Meisterschaft und kein tiefer Run möglich ohne die Rollenspieler, die ihren Stars den Rücken frei halten und die kleinen Dinge erledigen, die zum Sieg führen. NBACHEF wirft in den nächsten Tagen einen Blick auf Akteure, die man nicht zwingend auf der Rechnung hat - die aber dennoch ein Spiel oder sogar eine ganze Serie mit entscheiden können: Playoff X-Faktoren.

Chicagos Jimmy Butler spielte in seiner ersten NBA-Saison so gut wie gar nicht. Der Flügelspieler war 2011 an 30. Stelle von den Chicago Bulls gedraftet worden. Im Draft-Vorfeld machte Butler mehr durch seine einmalige Kindheitsgeschichte - sein Vater starb früh, seine Mutter setzte ihn mit 13 Jahren auf die Straße, er wuchs bei einer Pflegefamilie auf - als durch seine NCAA-Karriere (drei solide Jahre in Marquette nach einem dominanten Jahr Junior-College) auf sich aufmerksam, aber die Bulls mochten schon damals seine Veranlagungen als Defensiv-Stopper. Das Problem war nur, dass der Lockout es ihm und dem Team unmöglich machte, zusammen zu arbeiten. Ohne Trainingscamp und hinter Veteranen wie Luol Deng, Ronnie Brewer, Keith Bogans und Kyle Korver sah Butler in seinem Rookie-Jahr das Parkett fast nur von der Ersatzbank (mickrige 8.5 MPG Einsatzzeit und 2.6 Punkte pro Spiel).

Das hinderte ihn dennoch nicht, vergangenen Sommer hart an seinem Spiel zu arbeiten, mit nur einem Ziel vor Augen: besser zu werden und der Mannschaft zu helfen. In der Vegas Summer League ließ der Bull dann zum ersten Mal sein Können aufblitzen, legte 20.8 Punkte und 6.5 Rebounds auf und spielte den Basketball genauso, wie ihn Head Coach Tom Thibodeau am liebsten sieht: hart, kämpferisch, ohne Rücksicht auf Verluste. Thibs' Problem war weiterhin, für Butler genügend Spielzeit zu finden - bis Verletzungen die Bulls dahin zu raffen begannen. Rip Hamilton verletzte sich früh, Kirk Hinrich, Marco Belinelli und später Deng mussten ebenfalls aussetzen, ehe alle Dämme brachen und alle von Joakim Noah bis zu Taj Gibson und den Balljungen ausfielen. Dengs Blessuren spülten Butler erstmals in die Startformation, und der 23-Jährige ergriff seine Chance beim Schopf. Er überzeugte Thibodeau abermals, diesmal aber auch als vielseitiger Offensivkönner, der in der Verteidigung weiterhin gnadenlos zupackte. Der Coach honorierte die Verbesserung seines Sophomores mit mehr und mehr Spielzeit. Die stieg von Oktober bis April kontinuierlich an, ebenso wie Butlers Produktivität (siehe Grafik).


Wenngleich die Saisonstatistiken des Flügels (8.6 Punkte, 3.9 Rebounds pro Spiel) einen nicht vom Hocker reißen, sind sie im Vergleich zur letzten Saison drastisch gestiegen und verschweigen dennoch einen entscheidenden Faktor: Butler hat dank unermüdlicher Arbeit bewiesen, dass er mehr sein kann als ein defensiver Stopper. Seine Energie, seine Athletik und sein immer besser werdendes Spielverständnis haben ihn auch offensiv zu einem integralen Teil der Mannschaft werden lassen - einem Teil, der schon jetzt als mögliche Langzeitlösung auf dem Flügel gilt. Sein Rebounding, vor allem am offensiven Brett, ist mit das beste aller Shooting Guards und Small Forwards der NBA, und seine elitär gute Defensive gibt Chicago mit Deng zusammen zwei potentielle Lockdown-Verteidiger am Perimeter - was sich zum Beispiel gegen Miamis LeBron James und Dwyane Wade als nützlich erweisen könnte.

Egal, ob der 2,01 Meter Mann auf der Zwei oder auf der Drei aufläuft, seine Arbeit am hinteren Ende des Courts ist fantastisch. Statistiken zufolge drückt er die Produktivität seiner direkten Gegenspieler weit unter den Liga-Durchschnitt. "Darauf bin ich besonders stolz, den besten oder zweitbesten Scorer des Gegners ausschalten zu können. Egal, gegen wen ich gestellt werde - ich will für denjenigen jedes Dribbling, jeden Wurf, jeden Atemzug so unangenehm wie möglich machen", sagt Butler über sich und seine Arbeit in der D. "Ich habe nun das Selbstvertrauen, gegen jeden Spieler bestehen zu können. Egal, was für ein Name auf dem Trikot steht, ich weiche nicht zurück."

Neben Butlers Länge und Athletik haben vor allem sein Herz und sein Einsatzwillen die Fans und seine Teamkollegen in ihren Bann gerissen. Er wird von Tag zu Tag selbstbewusster, versteht das Spiel immer besser, und Thibodeau belohnt die harte Arbeit seines Schützlings auch. Im April steht Butler fast 43 Minuten pro Abend auf dem Parkett, legt dort 15.6 Punkte, 6.3 Rebounds und 1.8 Steals pro Spiel auf und besticht mit solchen Plays wie beim Sieg gegen Miami, der die 27-Spiele-Erfolgsserie der Heat stoppte. Seinem Career High gegen Toronto letzte Woche (28 Zähler) ließ er nur eine Partie später die beste Leistung seiner Karriere folgen (22 Punkte/14 Rebounds beim Sieg gegen die Knicks). Der Butler scheint endgültig angekommen zu sein in der NBA.

Seine neue Produktivität erzeugt einen angenehmen Welleneffekt für die Bulls. Nicht nur, dass er Chicagos mit Abstand produktivster Shooting Guard ist. Deng, der traditionell fast immer durchspielt, kann sich neben Butler auch mehr auf die Offensive konzentrieren, als neben Hamilton oder Belinelli. Das wird für die Derrick Rose-losen Bulls in den Playoffs dringend notwendig sein, denn irgend jemand muss Verantwortung übernehmen und konstant Punkte erzielen. All-Star Deng ist da die wohl gefährlichste Offensivwaffe. Chicago trifft in Runde eins entweder auf die Indiana Pacers oder auf die Brooklyn Nets. Egal, ob Butler dann gegen Paul George oder Joe Johnson gestellt wird: je mehr Minuten der 100-Kilo-Mann mit Deng, Noah und Boozer auf dem Platz steht, desto höher steigen die Chancen der Bulls auf das Erstrunden-Upset. Auch der Angriff steht statistisch effizienter da, wenn Butler spielt.

Interessant wird sein, wie die Bulls dann im Sommer verfahren werden. Eigentlich hatte man sich ja eine Teamoption für Hamilton bewahrt und Belinellis auslaufenden Vertrag verlängern wollen. Butlers unerwarteter Höhenflug, seine Pufferqualitäten für Stars wie Rose und Deng und seine selbstlose Spielweise, die keine extra Plays für ihn vorsieht (Butler ist perfekt als off-the-ball Option, Slasher und Rebounder in einer Smallball-Lineup) haben die beiden Veteranen entbehrlich gemacht. Die kommenden Playoffs werden nur bestätigen, was sich seit dem All-Star Wochenende mehr und mehr heraus kristallisiert hat: Thibodeaus Mann der Zukunft auf der Zwei (oder Drei, wenn Deng aus Kostengründen getradet wird) heisst Jimmy Butler. Einen letzten Beweis gefällig? Das Wort hat Thibs: "Jimmy ist erst in seinem zweiten Profijahr, vergesst das nicht. Und solange er weiter arbeitet - und das wird er mit Sicherheit - wird er besser und besser werden. Solche Jungs machen ihren Weg schon..."