12 April 2013


Morey weiss meist genau, was er tut und scheint seiner Konkurrenz oft meilenweit voraus. (Photo: Jeff Balke)

Daniel Schlechtriem 13. Apr, 2013                               


Frühsommer 2009: Der VfL Wolfsburg wird angeführt von Felix Magath zum ersten Mal deutscher Fußballmeister. Der Start einer nordkoreanischen Langstreckenrakete sorgt für weltweiten Protest. In Berlin wird Horst Köhler als Bundespräsident bestätigt, gleichzeitig bereitet man sich auf den Bundestagswahlkampf und das Duell ums Kanzleramt zwischen Angela Merkel und Franz-Walter Steinmeier vor. Lady Gaga feiert ihre künstlerische Auferstehung und dominiert mit »Poker Face« weltweit die Charts. Eine Online-Petition gegen das berüchtigte Zensursula-Gesetz erreicht innerhalb kürzester Zeit die für eine öffentliche Anhörung notwendigen 50.000 Unterschriften. Und: Die Houston Rockets erreichen mit einer souveränen 53-29 Bilanz Platz fünf in der Western Conference, eliminieren die Portland Trail Blazers in der ersten Runde (4-2) und fordern in den zweiten Runde trotz der schweren Verletzung Yao Mings den späteren Champion aus Los Angeles in ein siebtes Spiel.

Vier Jahre sind vergangen zwischen diesen gleichzeitig so nah und doch so fern wirkenden Ereignissen. Vier Jahre und drei Spielzeiten, die die Rockets nur zu gerne aus ihren Geschichtsbüchern streichen würde, waren sie doch konstituierend für den Running Gag, auf den der Name dieser Kolumne referiert. Nachdem das Team aus Südost-Texas zum dritten Mal in Folge statt den Playoffs nur den undankbaren 14. Pick im NBA Draft erreichte, war es Zeit zu handeln. Und Daryl Morey handelte – in einer Art und Weise, die bei der anstehenden Wahl zum Executive of the Year keine andere Wahl zulässt, als den General Manager der Rockets. Morey hat es innerhalb eines Jahres geschafft, das Team zum jüngsten der Liga rundzuerneuern, der Franchise ein neues Aushängeschild zu verpassen, Platz auf der Gehaltsliste für namhafte Neuzugänge zu schaffen und praktisch ohne Gegenwert ein Top-Talent des letzten Drafts zu ergattern. Nebenbei ist seit Dienstag Nacht sicher, dass die Rockets zum ersten Mal seit besagtem Frühsommer 2009 die Playoffs erreichen werden. Aller Voraussicht nach vor den hochgehandelten Lakers, definitiv vor den routinierten Jazz und dem texanischen Rivalen und vorletzten Meister aus Dallas.   

Der Schlüssel für diesen bemerkenswerten Erfolg liegt erstens in unpopulären Entscheidungen. Welche andere Franchise hätte kein Qualifiying Offer für einen gestandenen Spieler wie Courtney Lee abgegeben? Wer hätte nach dessen fantastischen Leistungen zum Saisonende Goran Dragics Gehaltsforderungen abgelehnt und ihn nach Phoenix ziehen lassen? Wer hätte Luis Scola, einen Olympiasieger und vielseitigen sowie zuverlässigen Scorer mit der Amnestieklausel entlassen? Wer hätte Kyle Lowry, der in Houston auf Borderline-All-Star Niveau spielte, für einen Draft Pick nach Toronto geschickt?

Eben jene Draft Picks sind der zweite Hauptgrund für den jetzigen Erfolg. Morey begann damit schon zur letztjährigen Deadline, als er Jordan Hill zu den Lakers tradete – für Derek Fisher und einen Draft Pick der Mavericks (Lamar Odom Deal). Um Fisher ging es bekanntlich nie, Morey hatte begonnen, umsichtig Draft Picks als Türöffner für einen größeren Trade zu sammeln. Für die ausgelaufenen Verträge von Courtney Lee und Marcus Camby kamen via Sign & Trade weitere Picks hinzu, die dann im Oktober ihren Zweck erfüllten. Ohne all jene wäre der Harden-Trade niemals zustande gekommen, dieser ist also in erster Linie Moreys Weitsicht zu verdanken.

Der dritte Hauptgrund sind die Neuzugänge, die allesamt eingeschlagen haben. Allen voran Omer Asik, der vergangenen Sommer noch als Backup und miserabler Freiwurfschütze belächelt wurde und dessen hochdotierter Vertrag Kritikern überzogen erschien. Diese Kritiker hat er als zweitbester Rebounder der Liga und mit deutlich verbessertem Offensivspiel längst verstummen lassen. Für Morey keine Überraschung, er hatte das Potential des Türken schon lange erkannt. Auch Carlos Delfino (10,7 Punkte im Schnitt von der Bank) hat sich als Glückstreffer erwiesen. Jeremy Lin hingegen mag noch nicht über jeden Zweifel erhaben sein, zeigt sich aber seit dem All-Star Break stark verbessert. Zu den besten Point Guards der Liga wird der Harvard-Absolvent vermutlich nie gehören, sein schnelles Spiel passt jedoch perfekt zu den Rockets. Auch das ist Moreys Fachkenntnis geschuldet: Er findet Spieler, die ins System passen und scoutet gefühlt 366 Tage – in einem Schaltjahr. 

Sinnbildlich für den Riecher des Rockets GM steht die Verpflichtung Patrick Beverleys. Obwohl der 24-jährige seine bisherige Karriere im europäischen Basketball-Exil, in Dnipropetrowsk, Piräus und St. Petersburg verbrachte, spielt er mit der Abgeklärtheit eines NBA-Veteranen: 5,6 Punkte, 2,6 Rebounds und 3,1 Assists sind für einen Backup Point Guard, der im Januar erst – mitten in der Saison – sein Ligadebüt gab, mehr als beachtlich. Viel wichtiger aber ist Beverleys großer Einsatz und seine starke Defense, mit der er seine Mitspieler mitreißt. Der 24-jährige hat sich einen festen Platz in der Rotation erkämpft und verhindert bisher vehement, dass der Rückkehrer und einstige Starter Aaron Brooks überhaupt Spielzeit bekommt. 

Der Rockets GM hat es innerhalb eines Jahres geschafft, nicht nur das Team komplett zu verjüngen und in James Harden einen unbestrittenen All-Star nach Houston zu holen, sondern gleichzeitig auch noch den Erfolg nach Clutch City zurückkehren zu lassen. Morey hat ohne Frage hoch gepokert, doch sein Einsatz zahlt sich aus. In Asik, Chandler Parsons und Harden haben die Rockets bereits ein resolutes Gerüst für eine goldene Zukunft, im Sommer ist sogar noch Platz im Gehaltsgefüge, um einen weiteren All-Star zu verpflichten. Entsprechend kann man über Moreys schweren Fehler beim letzten Draft guten Gewissens hinwegsehen.

In der NBA tummeln sich einige Teams, die für einen Wiederaufbau Jahre brauchen und zum Stammgast in den unteren Regionen der jeweiligen Conference werden. Selbst mehrere Top-Picks im Draft reichen für sie nicht aus, um in die Erfolgsspur zu gelangen. Daryl Morey hat ihnen vorgemacht, dass das innerhalb eines Jahres möglich ist. Tanking, Morey Style.