30 April 2013


Nicht das einzige, aber sicherlich das größte Zukunftsproblem der L.A. Lakers (Photo: Bridget Samuels)

Onur Alagöz 30. Apr, 2013                                     


Immer wieder erwähne ich, dass man als Laker-Fan erfolgsverwöhnt ist. Man kennt es nicht anders. Die ruhmreiche Vergangenheit lässt es gar nicht anders zu. Die Trikots, die unter der Decke des Staples Center hängen, sind nicht die Namen von Vereinsgrößen, sondern von Legenden der gesamten NBA.
Jerry West, Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Magic Johnson und seit Neuestem Shaquille O’Neal – das liest sich wie ein Who’s-Who der NBA-Rekordbücher.

Immer glamourös, immer relevant, schaffte es die Organisation von der Westküste, sich stetig zu erneuern, Leistungsträger an Land zu ziehen und die Attraktivität der Stadt, des Marktes und des Vereins in bare Münze zu wandeln. Seit den 60er Jahren ist Purple-Gold ein Synonym für Stetigkeit, Funk, Erfolg und Flair. Die Lakers gewannen nicht nur, sie gewannen immer mit Stil. An der Seitenlinie standen Trainer wie Pat Riley, Phil Jackson und Paul Westhead, die Courtside-Seats wurden von Größen des Showbiz gewärmt, Jack Nicholson und Denzel Washington, um nur zwei zu nennen.

Was diese Einleitung sagen soll? Wir betreten eine Phase in der Teamgeschichte, die unsicher ist, wie sie es selten zuvor für L.A. war. Viel hat sich geändert, im sonnigen Süden Kaliforniens. Dass die Clippers erfolgreicher sein würden als der Lokalrivale, sahen viele als erste Anzeichen der bevorstehenden Apokalypse. Aber sie waren wirklich nicht leicht, die letzten sechs Monate. Verletzungen setzten Steve Nash, Pau Gasol, Dwight Howard, Steve Blake, Metta World Peace, Jordan Hill und, am schlimmsten, den Anführer Kobe Bryant außer Gefecht.
Der unrühmliche Abschied aus der Saison, im Gesamtpaket mit Blowout, Sweep und dem Rausschmiss Dwight Howards, lässt einige Fragen ob der Zukunft des Teams offen. Los geht’s:

Kobe Bryant

Der Achillessehnenriss von 'Mamba' ist mit die größte Komponente. Als Herz und Seele der Mannschaft, unangefochtener Anführer in der goldenen Rüstung und lebende Legende, wird viel von Bryants Genesung abhängen. Im August wird Mr. Bryant 35 Jahre alt, hat bereits 17 Saisons auf dem Buckel plus Playoffs und Verpflichtungen in der Nationalmannschaft. Summa summarum macht das fast 20 Spielzeiten, die sein Körper erdulden musste. Eine Verletzung dieser Schwere braucht im Normalfall mindestens sechs Monate, um wieder halbwegs rehabilitiert werden zu können. Der schwerste Schlag in seiner Karriere also. Und das nach so einer Saison: Dritter in der Scoringliste mit 27,3 Zählern im Schnitt, dazu 6 Assists und 5,6 Abpraller pro Partie. Durch die Bank fast nur Karrierebestleistungen in einem, wie bereits geschrieben, weit fortgeschrittenen Alter. Kobe war verblüffend und hat unseren Respekt – mal wieder – gefordert. Er hielt sein Versprechen, die Playoffs zu erreichen, stützte sich mit aller Kraft gegen die Niederlagen und ließ jeden Fan und Hater staunen. 

Abgesehen vom emotionalen und sportlichen Aspekt, spielt selbstverständlich auch der finanzielle eine Rolle. Kobe verdient 2013/2014 beinahe 30,5 Millionen Dollar. Auch wenn 'Vino' in vielerlei Hinsicht jeden Cent wert ist, steht die Frage nach einer Amnesty im Raum. So könnte Kobes Gehalt gestrichen werden, um Platz unter’m Salary Cap freizuschaufeln. Aber hier ein Geheimnis: Das wird nur passieren, sollte Kobe seine Karriere auch tatsächlich beenden. Und noch ein Geheimnis hinterher: Kobe wird nicht aufhören zu spielen, noch nicht, nicht so. Neben der tollen Stadt, dem Wetter und dem riesigen Markt, ist ein Kobe Bryant auf der Kaderliste einer der attraktivsten Pluspunkte für kommende Spieler. Die Möglichkeit neben einem der perfektionistischsten Spieler aller Zeiten an seinen Fähigkeiten zu feilen, ist Reiz genug. Kobe wird seine Top-10-aller-Zeiten Karriere nicht so beenden, sondern nur nach seinen eigenen Bedingungen. Freut euch also, denn 'Black Mamba' kommt bald wieder.

Dwight Howard

Die mit Sicherheit schwierigste Saison Dwight Howards lässt einiges an Gesprächsmaterial über. War er nie wirklich fit? Ist er nicht gemacht für die große Bühne in L.A.? Kann er diese Franchise führen, wenn Kobe nicht mehr spielt? Bei allem Tadel, den er abbekommen hat, so war Dwight Howard beinahe immer gut. Zum fünften Mal in den letzten sechs Saisons führte er die Liga bei den Rebounds pro Spiel an (12,4 RPG), wurde Zweiter bei der Feldwurfquote (57,8%) und beendete die Spielzeit als 5. bei den Blocks, indem er 2,45 Würfe zum Gegner zurückschickte. Sein Scoring fiel, aber auch seine Minuten. Wie sollte es auch anders gehen mit Gasol, Nash und Bryant in der Mannschaft? Dwight lies durchaus die meiste Zeit seine individuelle Extraklasse aufblitzen. 48 Double-Doubles sind aller Ehren wert, die vier Spiele in denen er mehr als 20 Rebounds pflückte ebenso. Zwar schaffte er es nie, seine Leistungen in Teamerfolg umzumünzen und gerade zu Beginn der Saison war er einfach nicht fit. Defensiv war er nicht die Naturgewalt, die er eigentlich sein müsste. Belegbar auch an den 6 Punkten, die er in der Wahl zum Defensive Player of the Year bekam. 

Die Saison war enttäuschend, keine Frage. Aber was nun viel viel wichtiger ist: Dwight wird Free Agent. Viele gute Gründe, zu bleiben gibt es schon, am Anreiz mangelt es nicht. Die glorreichste Franchise der Liga, einer der größten Märkte des Landes. Legenden gehen ein und aus, die Dollars sind in Bündeln vorhanden. Aus diesem Grund sollte Howard im Normalfall auch verlängern. In Tinseltown gibt es 33 Millionen mehr Gründe, ihn zum Bleiben zu bewegen. Die Zusatzklausel der „Bird-Rights“ ermöglicht es einem Verein, dem eigenen Free Agent am meisten Vertragsjahre & somit auch Kohle anzubieten. Dallas, Houston und so ziemlich alle anderen Vereine sind an Howards Diensten interessiert und werden ihm sicherlich das Maximum von 80 Millionen für 4 Jahre anbieten. Die Lakers können jedoch auf ihren Vertrag 113 Mille über 5 Jahre schreiben. 33 Millionen mehr sind 33 Millionen mehr. Erst vor einigen Tagen twitterte D12 „I hope I get the chance to make it up to you!” Ein Vorzeichen? Möglicherweise.

Keine Amnestie für...  Gasol und Metta 

Auch immer wieder in der Blogsphäre zu lesen: Amnesty clause für Pau Gasol und Metta World Peace.
Die beiden Forwards blieben teils weit hinter ihren Möglichkeiten, fielen verletzungsbedingt ebenfalls einige Zeit aus. Gasol lief gar nur in 49 Spielen auf und verpasste somit beinahe die halbe Saison. Des Öfteren wurde der lange Spanier im vierten Viertel auf die Bank gesetzt, sieben Spiele kam er sogar nur als Backup zum Einsatz. Die nackten Zahlen lesen sich im Vergleich zu früher ebenfalls wenig beeindruckend: 13,7 Punkte bei nur 46,6% aus dem Feld bedeuten Tiefstwerte in seiner Karriere. 33,8 Minuten stand er im Schnitt auf dem Feld, so wenig wie seit 2005 nicht mehr. 

Nichtsdestotrotz ist und bleibt Pau einer der vielseitigsten Big Men der Liga. Vom Highpost aus ist er eine Waffe, vielseitig und brandgefährlich. Gegen die Spurs in den Playoffs legte Gasol in vier Spielen 14 Punkte, 11,5 Rebounds und 6,3 Vorlagen auf, was mehr als ansehnlich ist. Aber ist er den Lakers auch die 19,28 Millionen US-Dollar wert, die er kommende Saison auf seinem Konto wieder finden wird? Immerhin ist er bereits 32, baut rapide ab und steht bereits seit zwei Jahren auf der Abschussliste.

Wieso aber die "Amnesty" benutzen und nicht versuchen, Gasols auslaufenden Vertrag zu traden? In der NBA geht es vornehmlich um Geld, und die beste Möglichkeit für ein Team, zu sparen, liegt bei auslaufenden Verträgen. Sicherlich bekommt man für Gasol mittlerweile höchstens noch 60 Cent für den Dollar, aber ein paar junge Talente, möglicherweise Lottery-Picks und etwas Brauchbares für die Bank, und die Situation sieht schon mal anders aus. Kupchak müsste zumindest darüber nachdenken.

Anders bei World Peace. Seine 7,7 Millionen Dollar Gehalt sind zwar kein Pappenstiel, aber auch nicht genug, um wirkliches Interesse für seinen Vertrag zu generieren. Nach nur 12 Tagen kehrte der 'Tru Warier' zurück auf’s Parkett, und das obwohl er am linken Knie operiert worden war. Bei aller Liebe und bei allem Herz, Artest ist für beinahe nichts mehr gut. Die 12 Punkte, die er im Schnitt erzielte, lesen sich auf den ersten Blick auch besser, als sie sind. Seine Wurfquoten sind miserabel und seine ehemals elitäre Defense ist allenfalls noch gutes Mittelmaß. Hier würde ich die Amnesty ansetzen. Artest ist ersetzbar, die Lakers brauchen keinen alternden, eindimensionalen Spieler mehr. Athletische Defensivstopper wie Nic Batum, Josh Smith oder Andre Igoudala sind hier gefragt. Danke für alles, Ron, aber deine Zeit ist gekommen.

Mike D’Antoni

Von Anfang an war ich nicht unbedingt für die Verpflichtung von D’Antoni. Die Art, wie er verpflichtet wurde, stieß mir sogar sehr bitter auf. Die antizipierten Pick-and-Roll-Orgien und Offensivfeuerwerke blieben dann auch aus. Die Transition Defense war miserabel, das Spielzeitmanagement ebenso. Wie sollte es auch anders sein, wenn das Personell so dermaßen von D’Antonis Wunschvorstellung abwich? Viel lag und liegt an Nashs enttäuschender Form. Mit Howard sollte er ein unaufhaltbares Tandem bilden, was aber nie geschah. Die nötigen Details und Feinjustierungen brachte „Pringles“ auch nie zustande. Und das frühe Erstrundenaus, als man sich von den Spurs jetzt sprichwörtlich aus der heimischen Halle fegen lies, muss auch diskutiert werden. 

D’Antoni klappt einfach nicht. Aber soll man ihn jetzt deswegen feuern? Noch ein Trainerwechsel, der dritte in weniger als einem Jahr, wäre ein wenig zu viel des Guten. Aber wenn man nun den Reset-Knopf drückt und sich für die Zukunft wappnet, muss auch der Übungsleiter in La-La-Land seinen Hut nehmen. Mag vielleicht Wunschdenken sein, aber Phil Jackson ist seit Wochen im Gespäch. Jerry Sloan, Stan und Jeff Van Gundy beziehen im Moment ebenfalls Arbeitslosengeld. Brian Shaw ist Assistenztrainer in Indiana, war und ist aber Wunschkandidat von Kobe Bryant. Man muss sich hier ernsthaft mit der Zukunft auseinandersetzen, wie und was geplant ist, dem Team eine Identität und Hilfe im Kader geben. Alles andere ist keine Option.

Optimismus

Was bleibt am Ende zu sagen? Die Lakers sind eine Seifenoper und Baustelle. Viel hängt davon ab, wie General Manager Mitch Kupchak seine Arbeit im Sommer macht. Kommt Dwight zurück, tradet man Gasol und amnestiert man World Peace? Was passiert auf der Trainerbank? Wie bekommt man Athletik, junge Beine und eine tiefe Ersatzbank?

Wären die Akteure gesund gewesen, würde ich jetzt möglicherweise über die zweite Runde schreiben. Bryant, Gasol, Nash, World Peace, Blake, Hill und Howard waren zeitweise auf der Verletztenliste. Die eigentliche Starting Lineup, bestehend aus Nash, Bryant, World Peace, Gasol und Howard, spielte sage und schreibe 189 Minuten zusammen. Die Verletzungen sind nicht kalkulierbar und gehören leider, leider, leider auch zum Sport. Das soll keine Entschuldigung sein. Es soll nur erläutern, dass wir diesen Sport eben deswegen lieben, weil er unberechenbar und so vielschichtig ist.

Vielleicht schlagen die Lakers 2014 zu auf dem Free Agent Markt, wenn namhafte Spieler wie LeBron, Melo, Bosh und viele andere Superstars verfügbar sind. Über eines können wir uns aber sicher sein: die nächste Saison kann nicht schlimmer werden und die Mannschaft aus der Stadt der Engel wird nicht in der Versenkung verschwinden. Das tat sie nie und wird sie auch nicht. Bis dahin gilt: optimistisch bleiben. Und den langen Sommer genießen...