18 April 2013



Die 67. NBA-Saison ist im Kasten, die Playoffs stehen bevor. Dennoch sollte man, ähnlich eines hart umkämpften Spiels auf dem Hartholz, vor dem letzten und wichtigsten Viertel kurz innehalten, einmal tief Luft holen und den Kopf frei machen für die entscheidenden 12 Minuten. Das tun wir hier bei NBACHEF mit unseren end-of-season Starting Lineups, die ihr als Dreigänge-Menü serviert bekommt. Teil eins gibt's heute, die anderen beiden folgen am Freitag und Samstag. 


Welches Team ist der große Gewinner der 67. regulären NBA-Saison?

Daniel Schlechtriem, With the 14th Pick: Im Osten offensichtlich die Heat, die sich als unbestrittener Primus behauptet haben. Nicht ganz so eindeutig die Situation im Westen: Hier ließen die Thunder trotz des Abgangs von Harden keinerlei Zweifel an ihrer Ausnahmestellung, aber auch die schon seit Jahren als (zu) alt geltende Spurs haben wieder einmal allen gezeigt, dass weiter mit ihnen zu rechnen sein wird. Ebenso beeindruckend die Leistung der Nuggets, die ihrem knochenharten Auftaktprogramm getrotzt und sich in der Mitte der Elite des Westens festgesetzt haben..

Tobi Mannhart, Bär Grizz: Die Denver Nuggets. Es freut mich für George Karl, dass er trotz seiner Krankheit erfolgreich wie eh und je ist und das Team ohne Superstar so weit vorne steht. Fastbreaks, Teamplay und Highlights – die Nuggets machen Spaß.

Robert Jerzy, New York Knickerbocker Journal: Die Miami Heat. Die gezeigte Dominanz inklusive des 27-Game-Winning Streaks hat ein Ausrufezeichen in der Liga gesetzt und den Rest psychologisch angeknackst. Niemand möchte in den Playoffs gegen die Heat spielen.

Onur Alagöz, Showtime Redux: Der Traditionsclub aus New York City. Die Knicks sind brandheiß in die Saison gestartet und beenden diese ebenso. Das Offensivfeuerwerk vom Downtown Manhattan brennt lichterloh und eindrucksvoll, das Hervortreten von Melo als echter Anführer und MVP-Kandidat zeigen, dass keiner in den Playoffs auf die Knicks treffen will. Letztes Jahr noch in der ersten Runde gegen Miami, könnte das dieses Jahr in den Eastern Conference Finals der Fall sein.
Der Fairness halber sei hier noch Charlotte erwähnt, die ihre Siegesquote im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Nur 45 Spiele Rückstand auf Miami – Die Zukunft gehört den Cats.

Felix Gerk, Thunderstruck: Viele Teams zogen ihren Nutzen aus der Regular Season, eines ganz besonders. Die New York Knicks! Sportlich hinter den Heat etabliert, den Angreifer aus Brooklyn abgewehrt und in Sachen Marketing noch eine Schippe drauf gepackt. Sowohl sportlich als auch wirtschaftlich eine bereichernde Saison der Knickerbockers.


Welcher Spieler hat der Saison seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt?

Daniel Schlechtriem: In Erinnerung an diese Saison wird von Kobes Ehrgeiz und seiner Verletzung die Rede sein, von den sehnlichst erwarteten und doch nicht eingetroffenen Comebacks von Derrick Rose und Andrew Bynum. Die größte Wirkung hatte aber LeBron James. Die Heat sind längst „sein“ Team, die zweitbeste Siegesserie der Ligageschichte strahlt in seinem Licht. Der Verdacht einer Sättigung seinerseits oder des ganzen Teams hat sich spätestens seit dieser Serie erledigt. LeBron ist hungrig auf seinen zweiten MVP-Titel in Folge, er hat seine Zahlen in Rebounds, Assists, Dreier- sowie Field Goal Percentage noch mal gesteigert.

Tobi Mannhart: Stephen Curry. Totgesagte leben länger. Nach seinen andauernden Verletzungen hatte ihn der Großteil der Gemeinde schon abgeschrieben. Aber seine spektakulären Dribblings und sein unfassbares Shooting waren mein Highlight der Saison.

Robert Jerzy: Lebron James, der nach seinem ersten Titelgewinn nun in einem ganz anderen Modus ist und mit dem MVP Titel davonrennt.

Onur Alagöz: Wird langsam langweilig, weil man hier zwei aufzählen muss. LeBron James, der bald seinen vierten MVP-Award in Mamas Trophäenschrank stellen kann und Slenderman-Imitator Kevin Durant. King James spielt mindestens ein ¾-Level über jedem Anderen, macht alles, alles herausragend, hat seine Effizienz ins gar Lächerliche gesteigert und rettet nachmittags Katzen aus Bäumen. Letzterer besitzt eine exklusive Mitgliedskarte im begehrten 50-40-90-Club (50% aus’m Feld, 40 von der Dreier- und 90 von der Freiwurflinie). Zudem kann KD als erster Spieler überhaupt mit diesen Quoten Topscorer der Liga werden, zum vierten Mal in Folge. Andere mit dieser Ehrung? MJ und Wilt. (Edit: hat nicht geklappt, ändert aber nichts an der grandiosen Saison von Durantula). 

Felix Gerk: Man kann hier argumentieren, sportlich habe ausschließlich LeBron alle überragt, klar. Aber wirklich den Stempel aufgedrückt hat, wenn auch teils unabsichtlich: Kobe Bean Bryant. Wenn man seinen Enkeln von dieser Regular Season erzählt, wird man von Kobe erzählen, der die schwachen Lakers Abend für Abend auf seinen geschundenen Körper geladen hat, in jedem Zustand dominiert hat und sich letztlich die Achilles Sehne zerschoss!. 


Wer oder was war für dich die größte Überraschung?

Daniel Schlechtriem: Kaum einer hätte den Rockets die Playoffs zugetraut, selbst nach dem Harden-Deal. Auch die Warriors haben zeitweise phantastischen Basketball gespielt, dass sie sie sich frühzeitig eine so gute Ausgangsposition schaffen und nie ein Zweifel an ihrem Platz unter den besten Acht aufkommt, war so nicht vorhersehbar. Aus negativer Sicht haben sich gewiss die Mavericks, Raptors und Sixers mehr ausgerechnet und sind doch recht deutlich gescheitert.

Tobi Mannhart: Die Lakers minus Kobe. 'Nuff said!

Robert Jerzy: Die Implosion der Los Angeles Lakers bereits zu Beginn der Saison. Auf dem Papier wirkte LA wie ein Titelaspirant, auf dem Feld dagegen wie ein Lottery Team.

Onur Alagöz: Viele Dinge. Golden States Aufstieg, Paul George in Indiana, die 16-13 Bilanz der Wizards im Februar/März, die vielen langen Winning Streaks. Wer am meisten überrascht hat, sind jedoch Tim Duncan und Kobe Bryant. Die beiden lebenden Legenden zeigten einmal mehr, dass Erfahrung mehr Wert ist als explosive Kaninchen in den Fußsohlen. Gerade Kobe versuchte mit allen legalen Mitteln, seine strauchelnden Farben in die Playoffs zu hieven, bekam den Spitznamen „Vino“ und gab alles, am Ende auch seine Gesundheit. Zu Duncan braucht man nichts sagen, der alte Fuchs verarscht uns alle nach Strich und Faden und trinkt täglich einen Schluck Jungbrunnenwasser aus seiner Gatorade-Flasche.

Felix Gerk: Die ballernden Warriors haben mich schon sehr überrascht. Das dieses Team nicht einbricht und letztendlich sogar in die Playoffs einzieht, hätte ich vor der Saison nicht geglaubt.. 


Wer oder was hat in den verganenen sechs Monaten am meisten enttäuscht?

Daniel Schlechtriem: Aus Rockets-Sicht Royce White, der drauf und dran ist, sein riesiges Talent in den Ausguss zu kippen. Als Enttäuschung der Saison gelten als Team die Lakers. Obwohl sie es in die Playoffs geschafft haben, waren die Erwartungen von Beginn an unrealistisch, sie deshalb für diese Kategorie prädestiniert. Die individuelle Enttäuschung ist Andrew Bynum, für den die Sixers einen – wie inzwischen zu konstatieren ist – richtig schlechten Deal gemacht haben, noch schlechter als die Magic. Und das will was heißen.

Tobi Mannhart: Die Trading-Deadline. Das neue CBA hat so viele, große Trades verhindert und uns Wannabe-GM‘s jeglichen Nervenkitzel im Februar genommen.

Robert Jerzy: Die Existenz der Sacramento Kings, die mit den größten Talentpool der Liga besitzen und erneut nichts aus ihren Möglichkeiten gemacht haben.

Onur Alagöz: So schmerzlich es ist, aber die L.A. Lakers. Für ein Team mit solchen Ambitionen, einem solchen Kader und dieser Historie ist die Saison schlicht und ergreifend eine Blamage. Sollte man jetzt noch die Playoffs verpassen, ergibt das im Gesamtbild nur Sinn. Kobe verloren, Playoffs verloren, Würde verloren. Mehr Seifenoper als Saison. Honorable mention: Dallas, die verzweifelt bis zum Schluss mit Hokuspokus und Bartwuchsmittel versuchten, James Harden zu imitieren und die Playoffs zu erreichen. 

Felix Gerk: Zugegeben hat Mike D'Antoni nicht die kompletten sechs Monate enttäuscht; das jedoch auch nur, weil er nicht die kompletten sechs Monate auf der Bank der Lakers verbracht hat. Wie sehr man ein Team "ver-coachen" kann, hat mich schon verwundert.  


Welcher einzelne Moment wirkt für dich am stärksten nach?

Daniel Schlechtriem: Kobe Bryants schwere Verletzung. Resultierend aus seinem unstillbaren Ehrgeiz hat er die Lakers alleine am Leben gehalten und in seinem traurigen Abgang ein unwürdiges, aber auch irgendwo absehbares vorläufiges Ende gefunden. Aus emotionaler Sicht Kevin McHales Rückkehr nach dem Tod seiner Tochter und die darauf folgende tränenreiche Umarmung mit seinem ehemaligen Protegé Kevin Garnett nach dem Spiel gegen die Celtics.

Tobi Mannhart: Kobes Verletzung. Man kann zu ihm stehen, wie man will, allerdings hat er eine wirklich tolle Saison gespielt und selbst der größte Hater wünscht niemandem, der sich so reinhängt, ein derartiges Schicksal.

Robert Jerzy: Die Verletzung von Kobe Bryant, die nicht nur seine eigene Karriere stark beeinflusst,  sondern auch den Entscheidungsprozess der Lakers vor kritische Fragen stellt.

Onur Alagöz: Dass ich einen kleinen mancrush für Kobe hab, ist ja hinreichend bekannt. Aber wer nicht amouröse Gefühle bekam, als Kobe am 5. Dezember seinen 30.000 Punkt machte, mit dem stimmt was nicht. Auch weit oben auf der Liste: Gregg Popovichs Mittelfinger in Richtung David Stern als im Prestigeduell Duncan, Parker und Ginobili von ihm zum Ausspannen ins heimische Texas geschickt wurden. Herrlich, wie er auf die 250.000$ Strafe keinen Scheiß gab und weiter munter sein Ding durchzog. Danke, Pop!

Felix Gerk: "Change this face, Alexey, be happy, enjoy". Ein Satz wie in Stein gemeißelt, der uns im Hinterkopf bleiben sollte! (Auch wenn es für das Lieblingsteam in den Playoffs nicht so gut läuft)