11 April 2013


Um Roses Knie und seinen Willen, aufs Parkett zurück zu kehren, ranken sich viele Mythen. (Photo: Chris Gallewo)

Roman Schmidt 10. Apr, 2013                                              


„Schon wieder ein D-Rose-Artikel“, ich weiß, ich weiß. Nach wochenlangem Durchleuchten sämtlicher Bulls-Blogs, -Artikel und -Foren auf der Suche nach relevanten Insiderinformationen zum Comeback von Rose hängen sie auch mir zum Hals heraus. Allerdings sind es inzwischen nicht mehr die vielen Artikel, die bei mir Verwunderung hervorrufen- es ist die wachsende Unmut-Bewegung vieler Bullsfans.

Weder Rose noch die Chicagoer Verantwortlichen haben sich häufig über einen möglichen Rückkehrzeitpunkt geäußert und wenn sie es taten, wurden die Worte überinterpretiert und von allen Seiten betrachtet. Inzwischen haben sich unter Bullsanhängern einige Vowürfe und Thesen entwickelt, von denen ich hier die geläufigsten beleuchten möchte. Diese Äußerungen stammen alle aus Foren und wurden, übersetzt natürlich, genau wie hier veröffentlicht geäußert- leider viel öfter als man glaubt.

Derrick Rose hat kein Herz. Hätte er Herz, würde er schon längst wieder spielen. Könnt ihr euch vorstellen, dass Kobe oder MJ zu diesem Zeitpunkt noch zuschauen würden?

Wirklich? Natürlich werden Kobe Bryant und Michael Jordan von Basketballfans auf der ganzen Welt wegen ihrem unabdinglichen Willen idealisiert, doch keiner der beiden hatte es je mit einem Kreuzbandriss zu tun.

Dieser Vorwurf resultiert sehr wahrscheinlich aus der geleakten Information, dass Rose Anfang März von den Ärzten für sämtliche NBA-Aktivitäten freigegeben wurde. Das war zunächst sicherlich kein Musterbeispiel in Sachen Medienarbeit, wo auch immer diese Information herkam. Es ist allerdings auf keinen Fall so zu verstehen, dass er sich ohne weiteres in NBA-Spiele stürzen sollte. Der ACL-Heilprozess ist immer auch ein psychischer. Die Bewegung, bei der sich Rose den Riss zuzog, hatte er vorher schon tausende male durchgeführt und sich nie verletzt. Er hat an eigenem Leib erfahren, dass dies jedem zu jeder Zeit passieren kann. Es ist schwer so etwas aus dem Kopf zu bekommen. Und solange er sich nicht ohne solche Gedanken bewegen kann, hat er auf dem Court nichts zu suchen.

Und ist es wirklich angebracht beim Franchise Player, der sich noch nie für uns geschont hat oder sich zu schade war, im vierten Viertel ein ums andere mal für uns die Kohlen aus dem Feuer holen, von fehlendem Herz zu sprechen? Rose hat letztes Jahr eine Vielzahl  kleinerer Verletzungen verschleppt und ist jedes mal zu früh wieder ins Training eingestiegen. Dass er es dieses mal nicht überstürzen möchte, ist eine schmerzhafte Lektion die er lernen musste und hat nichts mit fehlendem Einsatz oder Herz zu tun.

Shumpert und Rubio spielen schon seit Wochen. Rose müsste auch längst bei 100% sein.

Zunächst muss man hier zwischen Rubio und Shumpert differenzieren. Nicht nur, weil Rubio sich ca. einen Monat früher das Kreuzband riss, sondern auch, weil das athletischste, das Ricky zustande bringt, der Harlem Shake ist. Der New Yorker Sophomore erlitt die Verletzung allerdings am gleichen Tag wie Rose und ist ein bissiger, schneller Perimeter-Defender, dessen körperliche Verfassung eher mit dem Chicagoer Franchiseplayer vergleichbar ist. Daher könnte man hier einen Vergleich wagen.
Derrick sagte vor einigen Wochen in einem Interview, dass er nicht spielen wird, wenn er nicht bei 110% ist. Shumpert hat seine körperliche Verfassung vor kurzem auf 80% seiner Präkreuzbandrissform geschätzt. Er hat also immer noch Luft nach oben und das dürfte Rose ebenso haben.

Überhaupt: Wer berechnet diese ganzen Prozentsätze? Hat die Nba Personal für sowas? Gibt es auf nba.com eine Statistikrubrik, die nur wenigen Auserwählten zugänglich ist? Man sollte aufhören jeden Prozentpunkt einzeln zu interpretieren und den Athleten vertrauen, wenn sie sich nicht einsatzbereit fühlen. Shumpert hätte sich ebenfalls dazu entscheiden können, länger auf Spiele zu verzichten. Dass er es nicht tat, war sehr wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass seine Leistungen bislang eher durchwachsen waren. Man kann den Umstand, dass er spielt, trotzdem nicht wegdiskutieren.

Allerdings: Wenn ein Iman Shumpert ein Off-Game hat, verlieren die Knickerbockers nicht zwangsweise. Wieviel Offense wird beispielsweise von ihm erwartet? Seine Usage-Percentage liegt bei etwas über 15% und er bekommt neben Leuten wie J.R. Smith und Melo knapp 6 Würfe pro Spiel. Auf der anderen Seite kann man davon ausgehen, dass die Bulls einen Großteil ihrer Spiele verlieren, wenn ihr MVP nicht er selbst ist. Es ist daher allein schon von ihrem Standing im Team absurd, die beiden zu vergleichen.

Wenn er nicht einige Spiele vor den Playoffs zurückkehrt, sollte er diese Spielzeit gar nicht mehr spielen.

Es ist einerseits richtig, ihn nicht zum Spielen zu drängen. Andererseits macht es aber auch keinen Sinn, ihm das Spielen zu verbieten, wenn er sich bereit fühlt. Natürlich, Playoff-Basketball ist physischer als jener in der Regular Season. Aber viele suggerieren, dass Teams dort mit Bajonett und Panzerfaust in der Zone warten. Auch, dass Teams nicht anfangen werden, ihm in die Kniekehlen zu treten, erachte ich aus Platzgründen als gegeben. Rose hat sich die Verletzung schließlich auch ohne Fremdeinwirkung zugezogen und Kreuzbandrisse sind im Basketball selten überhartem Kontakt geschuldet. Ebenfalls bedeutet die Freigabe der Ärzte, dass die Gefahr, sich wieder einen Riss zuzuziehen, so hoch ist, wie bei jedem anderen Spieler auch. Im Umkehrschluss könnte man gleich die Postseason absagen, weil dies ja kein Platz für verletzungsgefährdete Spieler sei.

Dass die Playoffs kein formidabler Ort sind, um sich nach einem Jahr Abstinenz wieder ans On-Court-Geschehen heranzutasten, ist eine andere Sache. Doch wir haben ohne Derrick kaum eine Chance, weit in der Postseason zu kommen. Was kann also passieren, wenn er sein Comeback pünktlich zum ersten Playoff-Spiel gibt? Schlimmstenfalls spielen Rose und die Bulls miserabel. Und dann ist es nach 4 Spielen auch schon wieder vorbei.

Für Verschwörungstheoretiker dürfte sicherlich noch am Rande interessant sein, dass Derricks Gehalt versichert ist und die Bulls nichts aus eigener Tasche zahlen müssen, wenn er die Regular Season komplett ausfällt. Die Playoffs sind davon nicht betroffen…

Die Rose-Saga ist ein abgekartetes Spiel. Sein Lager hat längst entschieden, dass er dieses Jahr nicht spielt.

Diese Meinung geht ursprünglich auf eine Aussage von Reggie Rose, Derricks Agent und großer Bruder in Personalunion, zurück, in der er zur Tradedeadline behauptete, die Passivität des Bulls-Frontoffice würde sich auf den Zeitpunkt der Rückkehr ihres Stars auswirken. Schließlich würde er jede Nacht alles geben, die Bulls haben keine guten Spieler und so weiter. Nicht wenige Fans haben diese Aussage als mittelschwere Drohung aufgefasst. Zunächst muss gesagt werden, dass Reggie vom Führen eines NBA-Teams ungefähr so viel Ahnung hat wie die Rose-Familie von Interviews (Nur Gott weiß, was ich damit meine) - man macht keinen Trade, nur um einen Trade zu machen. Reggie Rose ist aber auch einfach nicht unparteiisch und wollte mit seinen Worten wahrscheinlich nicht das erreichen, was viele Fans daraus gemacht haben.

Es gibt hier jedoch einen Betrachtungswinkel, der Bulls-Fans nicht passen könnte; Reggie Rose war ebenfalls kein schlechter Basketballspieler - und hat sich am College das Kreuzband gerissen. Um genau zu sein, ist er sogar in der Chicago Public League Basketball Coaches Hall of Fame und hat die Stadt in der High School in Punkten pro Spiel angeführt. Und was „the General“, wie ihn Derricks Freunde gerne nennen, von Anfang an gepredigt hat, ist Geduld und nochmal Geduld. Wer einen großen Bruder hat, weiß womöglich, welchen Einfluss ein solcher Umstand auf jemanden haben kann und möglicherweise auch, welchen Einfluss die frühere Verletzung seines Bruders auf Derrick hat.

Man darf dies allerdings nicht destruktiv verstehen. Reggie selbst hat mehrmals bestätigt, dass es einzig und allein darum geht, Derrick nur dann spielen zu lassen, wenn er bereit ist. Hier spricht ein Mann, der seinen kleinen Bruder schützen will und nicht ein machtgieriger Taugenichts, der sich am Talent eines Familienangehörigen zu laben versucht. Hier sollten sich die Interessen durchaus mit denen der Fans treffen, denn niemand will, dass eine Verletzung noch einer Rose-Karriere zum Verhängnis wird.
Die vielen frustrierten Fans haben allen Grund frustriert zu sein, es bringt jedoch keinem etwas, dies jetzt an Derrick auszulassen. In diesen Tagen trennt sich daher mehr oder weniger die Spreu vom Weizen: Bull oder no Bull.