27 April 2013


Ohne Westbrook wird's für OKC schwer, erst recht gegen Point Guards wie Chris Paul. (Photo: Steve Neimand)

Sebastian Dumitru 27. Apr, 2013                                   



Scheisse! Mein erster Gedanke war: Scheisse! Der zweite auch. Ich hatte die Aktion, die zu Russell Westbrooks unglücklicher Knieverletzung geführt hatte, in Spiel zwei live miterlebt. Westbrooks Wut-Reflex ließ mich zunächst glauben, dass er schwer verletzt sein könnte, nachdem er beim Timeout-Call von Houstons Patrick Beverley (dem man aber keinerlei Vorwürfe machen darf) ausgehebelt worden war. Die Tatsache, dass Westbrook danach weiterspielte, weiterhin Vollgas gab und keinerlei Anzeichen aufkommen ließ, dass er in irgend einer Form beeinträchtigt sein würde, ließ sicherlich nicht nur mich aufatmen. Bis gestern, als die Hiobsbotschaft aus OKC die Runde machte: Meniskusriss bei Westbrook, OP, minimum vier Wochen Pause. Wie gesagt: Scheisse!

Nicht nur, weil ein weiterer Topstar dieser Liga zur wichtigsten Zeit des Jahres ausfällt und uns Fans von einer höheren, unsichtbaren, Gelenke/Bänder/Knochen-verschleissenden Macht die Möglichkeit genommen wird, den besten der Besten beim Kampf um die NBA-Krone zuzusehen. Sondern weil den Miami Heat damit die Sache noch einfacher gemacht wird, als sie es ohnehin schon ist. Ohne Westbrook fehlt jetzt nicht nur einer der acht besten Spieler der Welt, sondern gleichzeitig einer von nur drei oder vier, der den Heat konstant zusetzen und so eine Best-of-Serie gegen den Champ zugunsten der Thunder drehen kann.

Das wird in diesem Jahr nur noch in der Theorie möglich sein. Die Art des Meniskusrisses und die daraus resultierende OP, die für dieses Wochenende angesetzt ist, wird darüber Ausschlag geben, wie lange RW ausfällt und wann/ob er wieder auf's Parkett zurück kehrt. Da beim Thunder-Guard der Innen-Meniskus lädiert ist, könnte er weitaus länger zum regenerieren benötigen, als die projizierten 4-6 Wochen. Je nach Invasionsart der OP sind aber auch kürzere Erholungszeiten möglich. Metta World Peace stand nach rekordverdächtigen 12 Tagen bereits wieder in der Lakers-Lineup. Westbrook ist bekannt für seinen stählernen Körper und als immens schneller Heiler, der bisher noch nie ein Spiel verpasst hat - weder auf der High School, noch an der UCLA oder in seinen ersten fünf NBA-Saisons. Zumindest die Serie ist nun geplatzt, und mit ihr wohl auch die Meisterschaftshoffnungen der Thunder.

Das Rennen in der Western Conference ist nun weit offen, und Konkurrenten wie San Antonio, L.A. (nicht die Lakers), Memphis und Denver werden mit Genugtuung registriert haben, dass OKC über Nacht um knapp 50% weniger furchteinflößend geworden ist (obwohl sich selbstredend kein Wettbewerber so etwas für seine Gegner wünscht). Auch wenn die Thunder den Schock zunächst gut wegstecken und die Serie gegen Houston weiterhin dominieren könnten, warten spätestens ab Runde zwei massive Probleme auf die amtierenden Western Conference Champs. Nicht nur, weil es unmöglich sein wird, einen der drei gefährlichsten und produktivsten Point Guards der Liga (23.2 PPG, 5.2 RPG, 7.4 APG) statistisch zu ersetzen, sondern weil damit auch OKCs wichtigster Antreiber und Katalysator fehlt.

Obwohl Westbrook immer noch einige wilde Momente an den Tag legte, hatte er doch gelernt, eine gesunde Mischung aus traditionellem Point Guard Play und der Unwiderstehlichkeit eines NBA-Topscorers zu finden. Seine Turnover-Rate war auf dem niedrigsten Wert aller Zeiten, und seine Aggressivität zu Beginn einer Partie sowie in der Crunchtime war einer der großen Garanten für Oklahoma Citys beste Saison aller Zeiten. Ich hatte hier bereits en detail erklärt, wieso der tasmanische Teufel schon mit 24 so viel besser ist, als es ihm viele zugestehen wollen. Die Thunder gewannen nicht nur 60 Spiele, sondern beendeten 2012/13 auch mit der mit Abstand höchsten Punktedifferenz der NBA (plus-9.2 PPG). Nun wird wohl Kevin Durant die Lücke schließen müssen, die Westbrooks Verletzung hinterlassen hat.

Dass Durant dazu in der Lage ist, steht wohl ausser Frage. Der zweitbeste Spieler der Welt zeigte in den abgelaufenen sechs Monaten die effizienteste Leistung seiner Karriere (28.1 PPG, 7.9 RPG, 4.6 APG bei 51% aus dem Feld, 41% Dreier, 91% Freiwürfe) und obendrein, dass er schon längst 'unstoppable' ist. Durants Bereitschaft, Westbrook einen großen Teil vom Kuchen zu überlassen, hat OKC erst zu dem Schwergewicht gemacht, das es heute ist. Nun wird KD die Anzahl seiner Würfe pro Spiel auf 25-30 erhöhen (Saison: 17.7, Playoffs 20.0) und sein Team offensiv tragen müssen. Das kann er, und das wird er auch. Defensiv kann der junge Reggie Jackson (7.5 PPG, 3.5 APG in 21 Playoff-MPG) das Westbrook-Loch stopfen. Probleme werden die Thunder dagegen im Spielaufbau bekommen. Obwohl Durant den Point-Forward geben kann und obwohl Jackson in limitierter Backup-Action durchaus bewiesen hat, dass er solide und lernwillig ist, befürchte ich, dass diese Situation stupider Scott Brooks/Derek Fisher Lineup-Experimente Tür und Tor öffnet. Und genau das wird die Thunder letzten Endes auch kosten. Fisher hat zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere nirgendwo in der Nähe einer Playoff-Rotation mehr etwas zu suchen, weil er nichts trifft (34% FG in '12/13), langsam ist und defensiv ein ums andere Mal vorgeführt wird.

Sollte OKC die erste Runde gegen Houston überstehen, was angesichts der 2-0 Führung und Durants Dominanz mehr als realistisch ist, warten auf dem Weg ins anvisierte NBA-Finale Spieler wie Chris Paul, Mike Conley, Tony Parker, Ty Lawson oder Stephen Curry auf der Eins auf. Ich würde mir wünschen, dass Thunder-Coach Brooks gerade in dieser Situation mehr Spielzeit für Jackson oder Ronnie Brewer findet; dass er seine Liebesbeziehung zum Serge Ibaka/Kendrick Perkins Frontcourt beendet und noch mehr 'Smallball' mit Durant auf der Vier spielt; dass er die Chance nutzt, um ein wenig Kreativität in eine Offensive zu bringen, die sich ansonsten fast ausschließlich auf Durants und Westbrooks Eins-gegen-Eins-Brillanz verlässt, wenn es um die Wurst geht. Meine Befürchtung ist aber, dass wir Derek Fishers alte Knochen viel häufiger auf der Platte sehen werden, als uns lieb ist. Wie schon gesagt: Scheisse!

Kann Oklahoma City diesen Schockmoment verdauen? Ja, es kann. Solange nicht geklärt ist, wie lange Russell Westbrook tatsächlich ausfallen wird, solange nicht geklärt ist, ob Durant von jetzt auf gleich drei Level hoch schalten (meine Vermutung: er kann) und ohne Weiteres 35 PPG ballern kann, solange haben Thunder-Fans sicherlich noch Hoffnung. Dass OKC mit den Rockets kurzen Prozess macht, dass es sieben hart umkämpfte Spiele gegen die Clippers/Grizzlies in Runde zwei übersteht, und dass Eisenmann Westbrook (394 Spiele in Folge auf dem Parkett) dann im Conference Finale gegen die Spurs oder Nuggets/Warriors eine triumphale Rückkehr feiert. Dann wäre ja gegen die Heat immer noch alles möglich. Realistischer ist aber, dass Westbrooks Verletzung den einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten Miamis in die Knie zwingt und dass den Thunder ein weiterer enttäuschender Sommer bevor steht, denn nur ein Titel würde in diesem Jahr als Erfolg gewertet.

Scott Brooks sagte trotzig: "Es spielt keine Rolle, wen wir aufstellen. Wir sind ein 15-Mann-Team, und das sind wir auch mit einem angeschlagenen Russell. Jeder glaubt an den anderen, und genau das müssen wir auch in dieser Situation. Man gewinnt in dieser Liga nicht mit einem Spieler." Mag ja sein.  Aber die Thunder gewinnen diese Liga nicht ohne diesen einen Spieler...

Update: Eine gute und eine schlechte Nachricht gab es am Samstag zu vermelden. Westbrooks OP verlief ausgezeichnet, und der Meniskus musste nicht entfernt, sondern nur repariert werden. Die Langzeitaussichten sind dadurch viel positiver, als sie es bei einem kompletten Austausch gewesen wären. Die Reparatur bedeutet aber gleichzeitig, dass Westbrook für den kompletten Rest der Playoffs ausfällt - Conference Finals und NBA-Finals inklusive - und den Thunder damit in dieser Saison nicht mehr helfen kann. Kevin Durant erzielte im ersten Spiel ohne Westbrook ein neues Playoff-Career-High 41 Punkte (30 FGA) mit 14 Rebounds.