06 April 2013


Michigans Trey Burke ist mein Spieler des Jahres und somit ein sicherer Top-5 Pick im Draft. (Photo: MGoBlog)

Sebastian Dumitru, Björn Lehmkühler  06. Apr, 2013        

Mit dem Final Four, das dieses Wochenende in Atlanta startet, geht's im College-Basketball endgültig in die ganz heisse Saisonphase. Aus gegebenem Anlass habe ich mich mit Deutschlands wohl renommiertesten NCAA-Experten, Björn Lehmkühler, zusammen getan, um die Situationen in Michigan, Syracuse, Louisville und Wichita State vor den jeweiligen Halbfinals genauer zu beleuchten. Folgendes kam dabei herum:


1. Ist Trey Burke nicht nur der beste Point Guard, sondern der beste Spieler überhaupt im College Basketball? Traust du ihm eine ähnlich erfolgreiche Karriere zu wie zum Beispiel Chris Paul? 

Björn: In einer NCAA-Saison ohne eine wirklich dominante Persönlichkeit war Trey Burke für mich insgesamt der Spieler des Jahres. Zwar hat er nicht die defensive Präsenz eines Victor Oladipo (Indiana), doch offensiv war er dieses Jahr als Scorer und Passgeber so produktiv, effizient und vor allem konstant wie kein anderer Spieler. Zudem konnte er im Gegensatz zu den meisten anderen All-Americans seine Leistungen in der March Madness noch steigern und war durch seine Leistungen und Heldentaten der Schlüssel für Michigans ersten Final-Four-Einzug seit 20 Jahren. Die Vergleiche zu Chris Paul liegen aufgrund seiner Spielweise und seiner physischen Voraussetzungen nahe. Und auch vor den Statistiken aus Pauls zweitem und letztem Jahr bei Wake Forest, als er "First-Team All-American" war, muss sich Burke nicht verstecken:

Paul: 15,3 PpG, 6,6 ApG, 4,5 RpG, 2,4 SpG, 83,4% FT, 47,4% 3FG, 45,1% FG
Burke: 18,8 PpG, 6,8 ApG, 3,1 RpG, 1,6 SpG, 80,8% FT, 38,1% 3FG, 46,4% FG

Doch Vorsicht! CP3 ist nicht nur ein besserer Verteidiger und Rebounder als Burke, sondern der vielleicht beste "Floor General" der letzten Dekade. Dass Burke jemals dieses MVP-Niveau erreicht, ist zwar nicht unmöglich, aber sehr unwahrscheinlich. Er hat dennoch zumindest das Zeug zu einem langjährigen NBA-Starter.

Seb: Ja, Burke ist für mich der Spieler des Jahres. Ich kann wahrlich nicht behaupten, alle Partien emsig verfolgt oder mich nonstop mit College-Basketball auseinander gesetzt zu haben, aber bei dem, was ich gesehen habe, überzeugte mich Burke über die volle Saison mit seiner Konstanz und seinen lupenreinen NBA-Skills. Er hat im Vergleich zu seinem Freshman-Jahr enorme Fortschritte gemacht - vor allem als Leader und Crunchtime-Killer. Wird er so gut werden wie Paul? Nein. Wird er mindestens so gut wie ein Kemba Walker, Mike Conley oder Jeff Teague? Das halte ich angesichts seiner Fähigkeiten als Scorer, seiner Schnelligkeit, seines Basketball-IQs, aber vor allem seines enormen Kampfgeistes für mehr als realistisch.

2. Jim Boeheims 2-3-Zone ist wie ein gutes Schachmanöver: Man weiß genau, dass und wann es kommt, aber man kann nicht viel dagegen machen. Sind die Wolverines in der Lage, gegen die Verteidigung der Orangemen zu bestehen und ins Finale einzuziehen? 

Björn: Für mich war es verblüffend, welch enorme Probleme Indiana und Marquette gegen die Zone der Orange hatten, schließlich dürfte massenweise Videomaterial dazu existieren. Aber wenn ein Team diese Defense knacken kann, dann Michigan. Die Wolverines haben laut Advanced Stats die beste Offensive der NCAA, werden sicherlich gut vorbereitet sein und haben mit Burke, Tim Hardaway Jr. und Nik Stauskas drei exzellente Schützen, die gegen die Zone für wichtiges "Spacing" sorgen und Freiräume schaffen und bestrafen. Zudem ist Burke einer der wenigen Spieler, der gegen diese Zone penetrieren kann. Für mich ist der Ausgang dieses Spiels vollkommen offen!

Seb: Der Schlüssel für mich ist auch hier Trey Burke. Gegen die Orangemen kann der projizierte Lotterie-Pick seinen Status als Top-5 Talent zementieren, denn seine Fähigkeiten als Dribbler, Scorer und Vorbereiter werden gefragter sein denn je. Syracuse-Coach Boeheim lässt seine Zone seit knapp 40 Jahren so praktizieren, und obwohl die Gegner wissen, wie sie funktioniert, verfangen sie sich dennoch in ihr wie Mücken in einem Spinnennetz. Das beste Mittel gegen eine lange, agile 2-3 Zone? Die Nahtstellen aggressiv attackieren, so wenig riskante Pässe wie möglich spielen und den Weg zum Korb suchen. Mischt man das mit effektivem Distanz-Shooting (Michigan traf gegen Florida im Elite Eight 10 von 19 Dreiern), verliert eine Zone schon irgendwann ihre furchteinflößende Wirkung - auch Boeheims strategisches Meisterwerk.

3. Für wie eindimensional hältst du Russ Smith von den Cardinals? Hat er Chancen auf die erste Draft-Runde und kann er sich langfristig in der NBA durchsetzen? 

Björn: Smith ist wahnsinnig schnell, kann sehr gut Würfe kreieren und spielt mit enorm viel Einsatz - deshalb die Vergleiche mit Allen Iverson. Er ist jedoch auch ein 1,83 Meter kleiner und 75 Kilogramm leichter reiner "Zweier" ohne große Erfahrung als Spielmacher und ohne überragenden Wurf. Aktuell befinden sich unter den 50 NBA-Shooting-Guards mit dem höchsten PER genau zwei Spieler südlich der 1,90-Meter-Marke: Lou Williams und Jason Terry. Das zeigt, wie schlecht die Quoten für Smith stehen und weshalb ich ihn derzeit eher in der zweiten Draft-Runde sehe. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass er sich langfristig als Bank-Scorer in der NBA etablieren kann.

Seb: Smith ist für mich der prototypische College-Star, der es bei den Profis extrem schwer haben wird, sich durchzusetzen. Namen wie Miles Simon, Mateen Cleaves, Ed Cota oder Wayne Turner fallen einem ein, wenn man sich talentierte, aber eben nicht NBA-kompatible Guards ins Gedächtnis ruft. Das sind wie gesagt nur die Guards, denn die Liste ist im Prinzip ellenlang. Ich befürchte - bei aller Explosivität, Einsatzbereitschaft und dem nahezu perfekten Scoring-Gen von Smith - dass der Anstieg für ihn zu steil sein wird, um Fuß zu fassen. 70 Kilo nass, eine recht eigensinnige Spielweise und das Fehlen lupenreiner Point Guard Skills werden die meisten Interessenten abschrecken. Diejenigen, die ihn doch in der späten ersten/frühen zweiten Runde draften oder dann als Free Agent verpflichten, werden spätestens dann zusammen zucken, wenn er hinten an jedem Screen hängen bleibt und vorne seine Distanzwürfe nicht konstant genug trifft. Was dann?

4. Louisville übt gerne schon sehr früh Druck aus, manchmal übers gesamte Feld, und kann seine Defensivschemata ohne Weiteres variieren. Dazu haben die Cards die besseren Individualspieler und einen legendären Coach. Hat Wichita State überhaupt den Hauch einer Chance? 

Björn: Louisville ist mit seiner bärenstarken Verteidigung und der individuellen Klasse von Spielern wie Russ Smith, Peyton Siva und Gorgui Dieng sicherlich der klare Favorit. Doch Wichita State hat mit Ohio State bereits ein recht gutes Defensivteam geschlagen, weshalb ich ihnen durchaus Chancen einräume. Sowohl PG Malcolm Armstead als auch die Bigmen wie Cleanthony Early und Carl Hall müssen jedoch unbedingt Ballverluste vermeiden, damit die Cardinals nicht ins Laufen kommen.

Seb: Nicht wirklich. Die Shockers spielen fantastischen Ball, keine Frage. Es wäre mehr als standesgemäß, wenn sie ihre Aschenputtel-Story auch gegen die Cardinals weiter schreiben könnten, und nicht mal unverdient dazu. Aber Louisville hat für mich zu viele Vorteile auf seiner Seite. Obwohl Wichita State aggressiv spielt und effizient angreift (und mit Hall und Early zwei mögliche Zweitrundenpicks in seinen Reihen hat), glaube ich nicht, dass die Offensive gegen Pitinos Presse auch so gut funktionieren wird, wie bisher. Wenn Louisville Turnover forciert - und das werden sie - und im Halbfeld smart agiert, anstatt schlechte Würfe zu nehmen, wird es ein ganz langer Abend für den Underdog.

5. Wie sieht dein Bracket mittlerweile aus? Wer holt den Titel? 

Björn: Da es von meinen Final-Four-Picks leider nur Louisville geschafft hat, werde ich bei der Tournament Challenge wohl wieder keinen Gewinn einsacken. Mich tröstet aber, dass von 8,15 Millionen Brackets bei ESPN nur 47 alle vier Teams richtig hatten. Von den letzten vier Teams ist für mich Louisville der Top-Favorit auf den Titel, da sie die konstanteste Mannschaft sind und als einziges Team auf beiden Seiten des Feldes erstklassig spielen (vor allem defensiv). Die Emotionen um Kevin Ware werden zudem weitere Motivation verleihen. Aber natürlich würde ich mich - wie Millionen andere Fans - über einen "Cinderella Run" von Wichita State freuen. Das Halbfinale zwischen Michigan und Syracuse ist für mich ein spannendes Duell, da die großartige Wolverines-Offensive von der brandheißen Orange-Defense gefordert wird (siehe oben). Das Ergebnis ist vollkommen offen. Mein Gefühl sagt mir Michigan packt es - vielleicht aber auch nur, weil Michigan gegen Louisville ein großartiges Finale wäre!

Seb: Übel. Ganz, ganz übel. Ein bisschen wie eine Zielscheibe in Police Academy, wo allerhöchstens ein Schuss dort ankommt, wo er eigentlich hin soll, und der Rest in alle Himmelsrichtungen streut. Meine letzte verbliebene Hoffnung auf die sogenannten 'bragging rights' sind die Cardinals, die ich als Champ eingetragen habe. Die Cards sind für mich nicht nur im Halbfinale gegen Wichita State hoch favorisiert, sondern aufgrund ihres balancierten Spiels, ihres exzellenten Coachings und Talenten im Front- und Backcourt auch die Mannschaft, auf die ich immer noch meine Chips setze. Das hatte ich schon zu Beginn des Tournaments, und bisher habe ich fast nichts gesehen, was mich von meinem ursprünglichen Kurs abbringen würde. Wie gesagt: Fast. Michigan und Trey Burke sind zu diesem Zeitpunkt mehr als nur ein Geheimtipp. Wenn ich also ein paar meiner Jetons umsetzen könnte, dann bitte jetzt die Hälfte auf Gelb. Rien ne va plus...