28 April 2013


Nate Robinson gewann Spiel 4 im Alleingang und brachte Brooklyn an den Rand des Aus. (Photo: Shinya Suzuki)

Jeremias Heppeler 28. Mar, 2013                               


Ganz ehrlich: Die bisherigen Playoffs sind in ihrer Gesamtkonstellation ein wenig enttäuschend. Die ungeliebten Heat ziehen einsam ihre Kreise. Die drei Teams, die in Bestbesetzung wohl am meisten Terror gegen Miami veranstalten könnten, haben allesamt ihre Pointguards und damit ihren X-Faktor  verloren. Kobe Bryant, der sich so intensiv in die Regular Season eingeschrieben hatte, muss sich aufs Twittern beschränken. Und für die traditionsreichen Playoff-Franchises aus Boston und LA deuten sich ernüchternde Sweeps an. Wieso überhaupt noch aufstehen? Wach bleiben? Mitfiebern? Durchdrehen? Die brachiale, niederschmetternde Antwort lieferte am Samstagabend Spiel 4 des Erstrunden-Duells zwischen den Chicago Bulls und den Brooklyn Nets. 

Die beiden Kontrahenten spielten bis dahin eine überaus intensive Serie: Brooklyn versohlte den Bulls in Spiel 1 aufs empfindlichste der Allerwertesten, ehe die nimmermüde Kämpfertruppe aus Chicago zunächst den Heimvorteil stibitzte und dann auch ihr erstes Heimspiel einstrich. In besagten Spiel 4 schien sich das Momentum dann einmal mehr zu drehen. Brooklyn spielte gut, Deron Williams spielte überragend und als dann sogar Gerald Wallace einen Buzzer-Beater versenkte und damit den vorentscheidenden Lauf nach der Pause initiierte, schien die Sache so gut wie gelaufen. Im vierten Viertel dümpelte die Partie noch ein wenig vor sich hin. Die Nets organisierten ihren Vorsprung mit ruhiger Hand und alle Beteiligten schienen bereits in Richtung Spiel 5 zu blicken. Alle außer einem. Wir wechseln in die Echtzeit:

Da sind noch drei Minuten auf der Uhr. Der Rückstand der Bulls beträgt 14 Punkte. CJ Watson, letztes Jahr noch Anführer des Bulls-Benchmob, läuft den Fast-Break, will locker dunken...und verstopft. Eigentlich will ich den Tab und damit das Spiel in diesem Moment schließen, in Richtung Memphis schielen, wo eine andere knallharte Erstrunden-Serie ihr viertes Kapitel schreibt. Watsons Missgeschick hält mich aber noch kurz bei der Stange. Eine Position gebe ich dem Spiel noch. Und dann passiert das Unfassbare. Nate Robinson – Kryptonate, Kampfzwerg, Sprungwunder, Bankmikrowelle, Nate The Great – beginnt einen historischen Tanz, einen Tango, dem kein anderer Spieler auf dem Feld gewachsen ist. Jumper. Jumper. Dreier. Der Vorsprung schmilzt und schmilzt. Ein Strohfeuer, nichts weiter. Trotzdem bleibe ich jetzt drauf, man gönnt es dem kleinen Sympathieträger. Doch der Pimpf ist im Beast-Mode. Nate macht den Guerillero, setzt einen Nadelstich nach dem anderen – und die schwerfälligen Nets sind zunehmend genervt. Wie ein Auerochse, der einen Moskito loswerden will. Korbleger. Drei Freiwürfe. 12 PUNKTE IN FOLGE.

Im nächsten Angriff hetzt Nate erneut durchs Feindesland, verschafft sich Platz und legt den Spalding am herausstürmenden Nets-Frontcourt vorbei in Richtung Carlos Boozer ab. Von wegen Beast-Mode, Nate ist längst im MJ-Modus. A propos Michael Jordan, der hält mit 24 Zählern den bis heute einsamen Rekord für die meisten 4th-Quater-Punkte im Bulls-Trikot. Nate Robinson markiert an diesem denkwürdigen Abend derer 23. Und Chicago ist wieder da. Eine Minute ist noch zu spielen, Brooklyn mit zwei Punkten in Front. Wallace will einwerfen. Robinson verbeißt sich in Watson, den er bereits in der ersten Halbzeit auf den Richtertisch geknallt hatte, gibt ihm keinen Zentimeter, keinen Millimeter Luft und provoziert die 5-Second-Violation. UNGLAUBLICH. Und dann steigt der nächste Phönix aus der Asche dieses Dramas: Joakim Noah, der angeschlagen ist und eigentlich nur gut 20 Minuten spielen dürfte, dem die Verse brennt, als würde er barfuß auf Legosteinen wandern. Noah, der Invalide, schnappt sich den entscheidende Offensivrebound. Verlegt. Schnappt sich den nächsten. Und zittert das Ding durch die Reuse.VERLÄNGERUNG! 

Das sind die Heldengeschichten, die Tragödien, die Dramatik, die Playoff-Basketball von jeder anderen Sportart abheben. Das ist die greifbare und doch unfassbare Intensität. Das sind die Momente, von denen man noch in 30 Jahren spricht. Schlussendlich geht das Spiel über drei Verlängerungen und produziert weitere grandiose Momenten am Fließband. Nate Robinson trifft mit einen wahnwitzigen, einbeinigen Floater den vermeintlichen Gamewinner. Der in der Verlängerung grandiose Iso-Joe Johnson kontert diesen zwei Sekunden vor Ende. Brook Lopez blockt Noah bei 0.4 Sekunden auf der Uhr. Noah trifft den hässlichsten Jumper der Weltgeschichte. Und am Ende, als ein Großteil der Hauptakteure bereits ausgefoult sind, ist es ausgerechnet Nazr Mohammed, ja, der Nazr Mohammed, der die Partie entscheidet und den Schlusspunkt unter das Spiel des Jahres setzt. Rien ne va plus! Nichts geht mehr. Keine Wörter übrig.

Die Geschichte indes wird sich an Nate Robinson erinnern. Den kleinsten Spieler der Liga. An Nate The Great, der Unmögliches möglich machte. Der den Geist des Michael Jordan für einige wenige Minuten heraufbeschwor. Und der die halbgaren Playoffs 2013 im Handumdrehen zum explosiven Chilli-Con-Carne würzte. Vielleicht läuft da ja sogar Derrick Rose das Wasser im Munde zusammen.