22 April 2013



Sebastian Dumitru 21. Apr, 2013                                   



Die 67. reguläre NBA-Saison ist Geschichte, die Playoffs laufen bereits auf Hochtouren. Zeit also, um sukzessive meine Award-Winner in 2012/13 unter die Lupe zu nehmen. Nach den Most Improved Playern, den Coaches und den Rookies geht's mit den Edelreservisten weiter, wo schon das ganze Jahr ein fantastischer Dreikampf zwischen Kevin Martin, J.R. Smith und Jamal Crawford tobt, der sich im März/April zu einem Zweikampf intensivierte.  Zu den Fakten:

Jamal Crawford (Clippers)
'12/13 Stats: 16.5 PPG, 1.7 RPG, 2.5 APG in 29.3 MPG

Eines vielleicht vorweg: ich bin mir sicher, dass der Award an Smith gehen wird. (Update: soeben macht offizielle Meldung die Runde, dass Smith heute nachmittag den Award überreicht bekommt). Zum einen, weil er einen sengend heissen März/April spielte und den Knicks dadurch zu einer nahezu perfekten Schlussrunde verhalf, zum anderen, weil er in New York spielt, dem hysterischen Medienmekka unserer westlichen Welt. Ich habe mit Smith als Award-Winner nicht die geringsten Probleme. Viele seiner nackten Zahlen sind mindestens genauso gut wie die von Crawford, und New York gewann unter anderem dank ihm den ersten Division-Titel seit 1994. Aber - und das hatte ich bereits vergangene Woche in der zweiten Folge von Instant Replay klar gestellt, wo mir Rob seine absolut validen pro-JR-Argumente an den Kopf knallte - er spielt (immer noch) extrem unkonstant und hat eine enervierende Art, schlechte Würfe zu nehmen und wochenlang völlig unter zu tauchen. Crawford war im Gegensatz dazu der weniger spektakuläre, aber steter produktive und für seine Clippers mindestens genauso wichtige Baustein bei deren ersten Division-Sieg überhaupt.


Für mich geben zwei Faktoren letztendlich den Ausschlag zugunsten von Crawford: Führungsqualitäten und Konstanz. Dass der Clippers-Joker die Stats-Argumentation nicht für sich gewinnen kann - trotz eklatanter Vorteile bei den Quoten, einem höheren Offensivrating und identischer Win Share Werte - wird immer deutlicher, je länger man die Zahlenreihen studiert. Smith erzielte mehr Punkte, holte mehr Rebounds und spielte bessere Defense, wenngleich er auch 6,5 MPG länger auf dem Platz stand als Crawford (33.5 gegenüber 27 MPG) und eine minimal höhere Usage Rate vorwies. Wo Crawford den klaren Mehrwert brachte, war in Punkto Konstanz. Seine Fluktuationen von November bis April waren minimal, der Clipper lieferte Monat für Monat 15.5 bis 17.8 Punkte im Schnitt, metronomartig. Auch die Quoten waren stabiler als bei Smith, und: wenn Crawford es einmal nicht schaffte, den Bench-Mob der Clippers (und häufig auch das gesamte Team) als Scorer anzuführen, setzte er eben als Playmaker seine Mitspieler in Szene. LA gewann acht der zehn Partien, in denen der 33-Jährige nur einstellig punktete, weil er in ihnen knapp 4 Assists im Schnitt kredenzte. Seine Fähigkeiten als Führungsspieler und eins-gegen-eins Maestro, der als Kombo-Guard sich und anderen den Wurf erarbeiten kann, nahm in der Crunchtime viel Druck von Chris Paul und verhalt Los Angeles zur besten Saison der Franchise-Geschichte. Den direkten Vergleich mit Schmidt entschied Crawford übrigens ebenfalls für sich: LA gewann beide Partien gegen New York in dieser Saison. Crawford traf 17 von 37 Würfen für 19.5 PPG, Smith verfehlte 24 seiner 29 Würfe aus dem Feld (nur 11.5 PPG).

J.R. Smith (Knicks)
'12/13 Stats: 18.1 PPG, 5.3 RPG, 2.7 APG in 33.5 MPG

Die einen behaupten, Smith (27) sei endlich erwachsen geworden. Da ist sicherlich etwas dran. Mehrere Faktoren trugen zu seiner bisher besten Profisaison bei: Coach Mike Woodson, der ihn forderte und förderte; Jason Kidd, der Veteranen Know-How verbreitete; die Verletzungsmisere bei den 'Bockers; und Smiths intrinsische Motivation in einem für ihn so immens wichtigen "contract year". Smith avancierte zu New Yorks zweitbestem Scorer (18.1 PPG), war aber nicht nur als Punktesammler und Crunchtime-Schütze wichtig für die Knicks. Ausfälle aller Big Men von 20 bis 65 forderten ihn vermehrt als Rebounder. Im März/April legte Smith einen sprichwörtlichen Schalter um: er ging viel häufiger zum Brett, erzielte 22 Punkte im Schnitt und traf viel sicherer aus dem Feld (46% gegenüber 40% davor), weil er endlich smarten Basketball spielte. Das Wachstum in seinem Spiel war unübersehbar - zumal NY 16 seiner letzten 18 Partien gewann und sich im Osten Platz zwei sicherte. Insgesamt war mir Smith aber zu sprunghaft in seinen Leistungen, um ihn vor Crawford zu setzen: er punktete zehn Mal nur einstellig (sechs Knicks-Niederlagen), traf zwei Monate in Folge 40% oder schlechter aus dem Feld und schoss sein Team mehrmals schnurstracks in Richtung L (auch wenn er für weitaus mehr Siege verantwortlich war, was sieben Spiele mit 30+ eindeutig beweisen). Im Endeffekt ist alles auch subjektive Geschmacksache, wenn ein Rennen so eng ist. Smiths Feuerwerke und gelegentliche Totalausfälle machen ihn als Sixth Man of the Year nicht minder geeignet als das konstantere Spiel von Jamal Crawford.

Kevin Martin (Thunder)
'12/13 Stats: 14 PPG, 2.3 RPG, 1.4 APG in 27.7 MPG

Einen Sixth Man of the Year mit einem neuen SMOY-Kandidaten zu ersetzen, bekommen nur die wenigsten GMs hin, aber dass Sam Presti zu einem erlauchten Kreis gehört, wurde nicht erst mit dem James Harden Trade vor Saisonbeginn deutlich. Kevin Martin hat einen Großteil von Hardens letztjähriger Produktivität (16.8 PPG, 4.1 RPG, 3.7 APG) eins zu eins ersetzt und den Thunder zur besten Saison der Franchise-Geschichte verholfen (60-22 Siege). Martin brilliert in der Rolle des effizienten Shooters von der Bank (45/43/89 aus dem Feld/Dreier/Linie) und hat seine veränderte Rolle ohne einen einzigen Mucks nicht nur akzeptiert, sondern sie in eine von OKCs Stärken gewandelt. Viele vergessen, dass Martin vor zwei Saisons zu den Topscorern der Liga zählte (23.5 PPG in Houston, davor 24.6 PPG bei den Kings). Dieser Mann weiss also nur zu gut, wie man eimerweise Punkte sammelt.

Jarrett Jack (Warriors)
'12/13 Stats: 12.9 PPG, 3.1 RPG, 5.5 APG in 29.7 MPG

Eigentlich als Lebensversicherung für Stephen Curry - den Mann mit den Sprunggelenken aus Pappe - geholt, musste Jack nur vier Mal von Beginn an ran und verlieh den Warriors dank seiner Erfahrung, seiner guten Defensive und seiner Vielseitigkeit besondere Stabilität im Backcourt. Egal, ob als Crunchtime-Playmaker neben Curry und Klay Thompson (man denke an seinen brillanten Gamewinner-Pass beim Auswärtssieg in Miami) oder als Scoring-Mikrowelle von der Bank (50 Partien in Double Figures), Jack zeigte in der Bay seine bisher effizienteste NBA-Saison und war beim Erreichen der Playoffs ein immens wichtiger, wenngleich häufig übersehener Faktor.

Andre Miller (Nuggets)
'12/13 Stats: 9.6 PPG, 2.9 RPG, 5.9 APG in 26.6 MPG

Wenn Jack "underrated" ist, wie man so schön sagt, dann taucht Professor Miller nicht einmal mehr am Rande des NBA-Fan-Radars auf. Dabei gehört der mittlerweile 36-Jährige schon seit dem letzten Millenium zu den smartesten und gewieftesten Spielern der Association. Weshalb er für Denver auch in seiner Backup-Rolle so wichtig ist? Ty Lawson ist ein Derwisch im Open Court, aber im Halbfeldspiel häufig überfordert. Hier kommt Miller ins Spiel, der mit der inneren Ruhe eines Gurus die Nuggets auch dann auf Kurs hält, wenn der direkte Weg zum Korb nicht nach 5 Transition-Sekunden gefunden wird. Dass er die junge Guard-Generation vor allem im Low Post vernaschen und sein Team manchmal sogar noch im Alleingang zum Sieg führen kann, zeigte er am Samstag im ersten Playoff-Spiel, als er den Warriors 28 Punkte und den Gamewinner einschenkte.


Honorable Mention: Vince Carter, Ryan Anderson, Andray Blatche, J.J. Redick