29 März 2013



Felix Gerk 29. Mar, 2013                                           


Eine einsame Kneipe irgendwo in der  Wüste. Am Tresen sitz ein Hüne von Mann und starrt mit finsterem Blick auf sein leeres Glas. Doch plötzlich wird die triste Stimmung jäh von einem Lufthauch unterbrochen, der durch die gerade geöffnete Tür weht. Hinein kommen zwei Personen, eine davon ist klein, muskelbepackt und trägt eine Slimfitjeans sowie Nerdbrille, die andere ist schlaksig und passt gerade so durch die Tür. Beide gehen zielstrebig auf den Mann am Tresen zu. Ihr wisst wahrscheinlich längst, wer die Jungs sind und da nur zählt, was auf dem Platz passiert, schauen wir uns genau das an und lassen die Jungs ihr Feierabendbie… äh... ihre Coke genießen.

Der Durant-Bobblehead wackelt fidel wie eh und je, die Sekretärin wackelt langsam mit einem warmen Kaffee herein und der GM der Thunder kann es sich in seinem Ledersessel bequem machen. Sam Presti ist zufrieden. Nach dem überraschenden James Harden Deal, bei dem nicht klar war, wie die Franchise wegkommen würde, gelang dem Team eine bisher fast makellose Saison. Mit einer Winning Percentage von .736 steht man noch besser da, als in der letzen, verkürzten Saison. Das Team rennt, verteidigt und gewinnt. Bisher 53 Siege kann sich Scott Brooks im Kalender anstreichen. Das Team hat sich in den Augen vieler Fans, die für einen Augenblick die rosarote Fanbrille absetzen, merklich weiterentwickelt. Doch hat das Team eine neue Ebene erreicht? Ist es eine Stufe weiter, als letztes Jahr, als man von den schier übermächtigen Heat in den Finalspielen abgefertigt wurde?

Als Kollektiv kann man sich nun auf die Fahne schreiben, vom Spielstil ein wenig reifer geworden zu sein. Die astronomisch hohe Turnoverrate (15,3) von letztem Jahr wurde verbessert (14,6), das offensive sowie defensive Rating dagegen hochgeschraubt. Sowohl Kevin Durant als auch Russell Westbrook haben ihrem Spiel die ein oder andere Facette hinzugefügt. Westbrook hat einen weiteren Schritt in Richtung Playmaker gemacht, seine Spielübersicht ist besser geworden, er findet leichter den besser postitierten Mitspieler. Seine Entscheidungen sind bis auf zeitweilige Aussetzer in der Offensive besser geworden. Den One-Two-Punch komplettiert ein reiferer Durant, der ein Allround Game (28.2 PPG, 7.9 RPG, 4.5 APG) an den Tag legt, das man dem Knaben gar nicht mehr zugetraut hatte. Der als reiner Scorer verschriene Durant hat bei der Spielübersicht einiges draufgelegt und spielt bereitwillig den Kollegen die Bälle zu. Sowohl das Team, als auch die zwei wichtigsten Spieler sind ein Stück weitergekommen.

Die Spielweise der Thunder ist schnell erklärt. Die offensiven Plays sind weit entfernt von der Bilanz, mit der zum Beispiel San Antonio agiert. Recht simpel mit vielen Isolationen und Pick and Rolls gestaltet Scott Brooks die Angriffe. Zur Waffe geworden ist das Pick and Roll bzw. Pick and Pop, bei dem Westbrook als Ballführer und Durant als Screener eingesetzt wird. Ist der Weg frei, so geht Westbrook mit seiner Explosivität zum Korb. Gestaltet sich dies als schwierig, bekommt Durant den Ball in die Hand gedrückt und wir auf dem Flügel isoliert. OKC hat keinen Lowpost Scorer. Punkte unter dem Korb enstehen nur durch vermehrt in dieser Saison eingesetzte Cuts zur Baseline, oder durch Zug zum Korb von Westbrook oder eben Durant. Der Rest des Teams wartet entweder in der Mitteldistanz (Serge Ibaka) oder an der Dreierlinie (Kevin Martin mit 43 Prozent, Thabo Sefolosha mit 40,6 Prozent Trefferquote) auf Kickouts. 

Die Thunder versuchen ihre Gegner aus dem Dribbling zu schlagen, lange kluge Swingpässe und Stafetten sind meist Fehlanzeige. Im Notfall wird eben Durant isoliert. Ein weiteres wichtiges Element in der Thunder-Offense ist der Fastbreak, in dem man aufgrund der Schnelligkeit und Athletik des Teams effizient punkten kann. Auch in der zweiten Welle nach einem Break werden gerne die alleingelassenen Shooter angespielt. Die Defense der Thunder, die zum Mittelfeld in puncto Effizienz gehört, zeichnet sich durch einen superben Shotblocker aus (Ibaka), der bei so manchem Gegenspieler für weiche Knie sorgt, sowie einen flinken Schweizer, der zwar mittlerweile überbewertet ist, aber gute Scorer des Gegners immer noch aus dem Spiel nehmen kann. Das Team verfügt über eine ordentliche Team-Defense mit schnellen Händen.

Schwachstelle Nummer eins sind die Turnover. Die Thunder haben sich in dieser Kategorie zwar verbessert, gehören aber immer noch zum Bodensatz der Liga. Turnover bedeuten in den meisten Fällen einfache Punkte für den Gegner. Und die kann sich ein Championship-Kandidat natürlich nicht erlauben. Wie vorhin bereits erläutert, besteht die Thunder-Offense aus vielen Isolationen, die auf die offensive Kreativität der beiden Superstars baut. Das Problem daran ist: es herrscht keine Bewegung. Die nicht involvierten Spieler stehen in der Gegend herum und warten auf einen möglichen Kickout. Wenns klappt: prima. Wenn jedoch Westbrook 10 Sekunden den Ball nicht bewegt und hofft, irgendwann durch seine superbe Athletik zum Korb zu kommen, stockt die offensive Maschinerie. Deswegen wollen wir hier einen Blick in Richtung Playoffs werfen: Wer macht den Thunder zu schaffen, wen räumt der Donnerexpress leicht aus dem Weg und wie sieht es bei einem möglichen Matchup mit den Spurs aus?

Gehen wir von dem unwahrscheinlichen Fall aus, dass Dirk Nowitzki seine geschwächten Mavericks noch in Richtung Postseason ballert, dann wäre das für die Thunder ein echter Glücksfall. Die Serie wäre so „klar wie Appolinaris“. Die Mavs sind einfach zu alt, um mit dem jungen, dynamischen Team aus den Great Plains mithalten zu können. Die beiden jüngeren „Halb-Stars“ O.J. Mayo und Darren Collison haben nicht genug Power, um die Thunder zu schlagen. OKC ist schlichtweg um Längen besser als die Mavericks - individuell und als Kollektiv. 

Auch die Houston Rockets dürften kein großes Problem für die Thunder darstellen. Die Serie bekommt durch die ganze Harden-Trade-Story Brisanz, das dürfte jedoch die einzige wirklich brisante Story der Serie sein. Sefolosha kennt James Harden in- und auswendig und kann seine Spielweise effektiv verteidigen. Somit wäre der beste Scorer der Raketen schon mal ausgeschaltet - soweit das eben geht. Sonst könnte nur Omer Asik den Thunder vereinzelt Probleme bereiten, jedoch verfügt der Türke nicht über das Game, um den Ausgang einer kompletten Serie zu beeinflussen. Sowohl offensiv, als auch defensiv, hat Houston Oklahoma nichts weiter entgegenzusetzen.

28 Punkte, 8 Rebounds, fast 5 Assists im Schnitt... Kevin Durant dominiert (Photo: Keith Allison)

Sowohl die Rockets als auch die Mavs wären nichts weiter als Peanuts für die Thunder. Jedoch könnten auch die Nuggets auf die Thunder warten, und mit den Goldklumpen könnten OKC dann so einige Probleme bekommen. Beide Teams haben junge Beine und können besser rennen als Forrest Gump. Die Thunder haben einen entscheidenden Vorteil. Genauer gesagt: zwei. Russell Westbrook und Kevin Durant heißen die beiden Differencemaker, und einen solchen One-Two Punch können die Nuggets bei noch so viel Firepower nicht aufbieten. Da macht das Big-Man Duo der Grizzlies, Marc Gasol und Zach Randolph, OKC schon deutlich mehr Sorgen. Die beiden können, wie man bereits gesehen hat, durchaus ein paar Spiele gewinnen (2-1 Bilanz in dieser Saison). Im Endeffekt dürften aber auch hier der Überathlet und der Schlaks den Unterschied machen - wenngleich Memphis mit Tony Allen und Tayshaun Prince zwei fähige Verteidiger aufbieten kann. 

Und was ist eigentlich mit den Jungs aus dem Staples Center, werdet ihr euch fragen. Zuerst zu den Lakers: die könnten den Thunder in der Tat Kopfschmerzen bereiten. Dwight Howard ist wieder fit und Kobe eben Kobe, dazu einen der besten Point Guards aller Zeiten in Steve Nash und einen erstärkten Pau Gasol - fertig ist der Favoritenschreck. Aber gut, das sagte man auch vor der Saison. Und wer weiß, ob die Laker das überhaupt packen mit den Playoffs. Da sieht's bei den Clippers schon besser aus. Mit denen hatte OKC unter der Saison aber keinerlei große Probleme, und das sollte sich auch in den Playoffs fortsetzen. Chris Paul kann für die Clippers eins, zwei Spiele gewinnen, dann aber ist es aus für Lob City. 

Die Thunder können also zuversichtlich in die Postseason gehen... doch haben wir nicht ein Matchup vergessen? Wie so oft wurden die Spurs übersehen. Mit einem ausgewogenen Team, das unter Gregg Popovich perfekt funktioniert, versucht man den Thunder Paroli zu bieten. Schon letzte Saison entwickelte sich eine höchst interessante Serie zwischen den beiden Top-Teams im Westen, die in sechs Spielen zu Gunsten der Thunder entschieden wurde. Doch wie sieht es dieses Jahr aus? Same old story oder wuden die Karten neu gemischt? Lasst den argumentativen Streit um die Favoritenkrone im Westen beginnen. 

Die Jungs von Popovich können's einfach. Und dieses mal noch mehr als im letzten Jahr. Mit einem Tim Duncan auf MVP-Niveau, einem fitten Manu Ginobili und nach der Rückkehr von Tony Parker ist das das wohl beste Spurs-Team seit langem. Einen deutlichen Vorteil hat San Antonio gegenüber OKC, und das ist der Systembasketball, den die Spurs seit der Steinzeit praktizieren. Hier folgt auf jede Situation, die vom Gegner unterbunden wird, eine Gegenaktion, und so steigen die Siegchancen natürlich erheblich. Bekommen die Thunder dagegen den Ball nicht zu Durant, sieht es oft schlimm aus und es folgt ein wildes Gemisch aus notwendigen Westbrook-Pullups und dummen Würfen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist natürlich Coach Popovich, der Scott Brooks einiges voraus hat und die Spurs seit Jahren zu einer Macht formiert. Von der Bank her schenken sich beide Mannschaften nicht viel. Zwar sind die Spurs tiefer als der Bodensee, aber mit Martin, Reggie Jackson, Nick Collison und den jungen Wilden hat Oklahoma City selbst eine schlagfertige Bank am Start. Zudem haben die Thunder San Antonio schon im letzten Jahr geschlagen und wissen, wie der Hase läuft. 

Eine Sache wird den Thunder gegen die Spurs dann doch zu schaffen machen: der Abgang James Hardens. Da gegen die eingespielte Defensive der Spurs zündende Ideen notwendig sind, die ein Russell Westbrook einfach nicht hat, droht hier der Gau. Ein Loch im Playmaking könnte zum Problem werden. In wie weit können Durant und Westbrook zu zweit die Spurs überrennen? Der X-Faktor wird sicherlich Kevin Martin sein. Über einen langen Zeitraum der Saison hat er überzeugt und mit beindruckenden Quoten von draußen (42,2 Prozent) dem Thunder-Team-Verbund geholfen. Nun steckt er seit einigen Wochen im Formtief. Gegen schwächere Teams lässt sich dieser unglückliche Umstand zwar noch abfedern, gegen die Spurs wäre ein Martin-Totalausfall aber vermutlich verheerend. Jede Waffe, die die Thunder offensiv ausrichten können, ist wichtig in einer Playoff-Schlacht gegen die Spurs! 

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Thunder können sich auch in diesem Jahr die Favoritenkrone im Westen aufsetzen und werden, trotz des allgegenwärtig nur zweiten Platzes, auch mit dieser Krone in die Playoffs gehen. Sie haben definitiv die Anlagen, jedes Team im Westen zu schlagen - auch San Antonio. Sie haben bewiesen, dass sie die Spurs dominieren können und sind unter anderem durch den Gewinn der Western Conference Finals momentan auf dem Thron der Conference. Da muss sie erst jemand herunter stoßen. Bis dahin sind die Thunder der große Favorit im Westen. Wie es danach gegen ein ganz bestimmtes Team aus dem Osten aussieht, ist wiederum ein anderes Lied, das ein anderer Vogel singt...